Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Ich versuche ein Bild von Sonia heraufzubeschwören, aber es ist nichts da. Nur eine leere Leinwand. Und wenn ich versuche mich in Verbindung mit irgendwelchen besonderen Ereignissen an sie zu erinnern - mit Weihnachten oder Ostern oder der alljährlichen Taxifahrt mit Großmutter zum Geburtstagslunch bei Fortnum and Mason, irgendetwas, ganz gleich, was - stoße ich auch nur auf Leere. Da ist einfach gar nichts. Nicht einmal den Tag, an dem sie starb, habe ich im Gedächtnis. Auch ihre Beerdigung nicht. Ich weiß nur, dass sie starb, weil sie auf einmal nicht mehr da war.
Genau wie Ihre Mutter, Gideon?, fragen Sie.
Nein. Anders. Es fühlt sich jedenfalls ganz anders an. Sie war meine Schwester, und sie starb sehr früh, das ist das Einzige, was ich mit Gewissheit weiß. Nach ihrem Tod verließ uns meine Mutter. Ob es bald danach war oder erst Monate oder Jahre später, kann ich nicht sagen. Aber wie kommt es, dass ich mich an meine Schwester nicht erinnern kann? Was ist ihr zugestoßen? Woran sterben Kinder? An Krebs, Leukämie, Scharlach, Influenza, Lungenentzündung… Woran noch?
Das ist das zweite Kind, das starb, sagen Sie.
Wie? Was meinen Sie? Das zweite Kind?
Das zweite Kind Ihres Vaters, das starb, Gideon. Sie haben mir doch von Virginia erzählt…
Kinder sterben, Dr. Rose. Das kommt immer wieder vor. Jeden Tag. Kinder werden krank. Und Kinder sterben.
3
»Ich frage mich wirklich, wie die Frau vom Partyservice hier zurecht gekommen ist«, sagte Frances Webberly. »Für uns ist die Küche natürlich gut genug. Wir würden einen Geschirrspüler oder eine Mikrowelle wahrscheinlich gar nicht benutzen, wenn wir so etwas hätten. Aber der Partyservice… Diese Leute sind doch bestimmt allen modernen Komfort gewöhnt. Das wird eine schöne Überraschung für die arme Frau gewesen sein, als sie hier ankam und unsere museumsreife Küche sah.«
Malcolm Webberly, der am Tisch saß, antwortete nicht. Er hatte die betont lebhafte Rede seiner Frau natürlich gehört, aber in Gedanken war er ganz woanders. Um ein Gespräch abzubiegen, nach dem ihm jetzt nicht der Sinn stand, hatte er sich in die Küche zurückgezogen und angefangen, seine Schuhe zu putzen. Er hoffte, Frances, die ihn seit mehr als dreißig Jahren kannte und wusste, wie sehr er es hasste, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, würde ihn, wenn sie ihn bei der Arbeit sah, in Ruhe lassen.
Er wünschte sich sehr, in Ruhe gelassen zu werden; seit dem Augenblick, als Eric Leach gesagt hatte: »Male, tut mir Leid, Sie so spät noch zu stören, aber ich wollte es Ihnen persönlich mitteilen«, und ihm dann von Eugenie Davies' Tod berichtet hatte. Er brauchte Zeit für sich, um sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen. Eine schlaflose Nacht an der Seite seiner sanft schnarchenden Frau hatte ihm zwar Gelegenheit gegeben, darüber nachzudenken, was das Wort Fahrerflucht bei ihm auslöste, aber sich Eugenie Davies' Tod vorzustellen, war ihm unmöglich gewesen. Wenn er an sie dachte, sah er sie stets so, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte: am Fluss, im Wind, mit flatterndem blondem Haar. Sie hatte sich sofort ein Kopftuch umgebunden, als sie aus dem Haus gekommen war, aber beim Spaziergang hatte es sich gelockert, und als sie es abgenommen hatte, um es neu zu falten und zu binden, hatte der Wind ihr Haar erfasst und kräftig durcheinander geblasen.
»Lass es doch so«, hatte er zu ihr gesagt. »Wenn das Licht so auf dein Haar fällt, wirkst du so -« Wie denn?, hatte er überlegt. Schön? Aber eine große Schönheit war sie, solange er sie gekannt hatte, nicht gewesen. Jung? Sie hatten beide ihre besten Jahre hinter sich. Wahrscheinlich, dachte er später, hatte er nach dem Wort friedlich gesucht. Das Licht der Sonne auf ihrem Haar bildete einen Strahlenkranz um ihren Kopf wie bei einem Engel, und Engel bedeuteten Frieden. Ihm war bei diesen Überlegungen bewusst geworden, dass er Eugenie Davies niemals wahrhaft in Frieden erlebt hatte und dass sie auch in diesem Moment - trotz des Lichts, das sie umgab - nicht in Frieden gewesen war.
Diese Erinnerungen gingen ihm durch den Sinn, während er gewissenhaft Schuhcreme auf seinen Schuh auftrug, und seine Frau immer noch redete.
» …alles ganz wunderbar gemacht. Aber ein Glück, dass es schon dunkel war, als die arme Frau kam, weiß der Himmel, wie sie reagiert hätte, wenn sie unseren Garten hätte sehen können.«
Frances lachte schamhaft. »>Aber meinen Seerosenteich lasse ich mir nicht ausredenc, habe ich gestern Abend zu Lady Hillier gesagt. Wusstest du übrigens, dass sie und David daran denken, einen Whirlpool in ihrem Wintergarten installieren zu lassen? >Wunderbar, wenn man so etwas mag<, habe ich gesagt, >aber mir reicht ein kleiner Teich. Mehr wollte ich nie. Und irgendwann werden wir ihn auch haben. Malcolm hat es versprochen, und auf
Malcolms Versprechen kann ich mich verlassen! < Allerdings müssen wir vorher jemanden finden, der mit der Machete die Wildnis da draußen lichtet und den alten Mäher abtransportiert. Aber davon habe ich Lady Hillier natürlich nichts gesagt -«
Du meinst, deiner Schwester Laura, dachte Webberly.
»- gar nicht begreifen, wovon ich rede. Sie hat ja schon wer weiß wie lang ihren Gärtner. Aber eines Tages, wenn das Geld da ist, bekommen wir unseren kleinen Teich, nicht wahr?«
»Ja, sicher«, sagte Webberly.
Frances zwängte sich in der engen kleinen Küche am Tisch vorbei ans Fenster und sah in den Garten hinaus. Sie hatte in den vergangenen zehn Jahren so oft und so lange an dieser Stelle gestanden, dass ihre Füße eine Mulde ins Linoleum gedrückt und ihre Finger, dort wo sie sie aufzulegen pflegte, Rillen im Fensterbrett hinterlassen hatten. Webberly fragte sich, was ihr durch den Kopf ging, wenn sie stundenlang dort stand. Was für Widerstände versuchte sie zu besiegen, ohne es je zu erreichen?
Schon einen Augenblick später gab sie ihm die Antwort.
»Es scheint ein schöner Tag zu werden«, sagte sie. »Im Radio haben sie zwar für Nachmittag wieder Regen angesagt, aber ich denke, die täuschen sich. Weißt du, was, ich glaube, heute Vormittag gehe ich endlich mal raus und arbeite ein bisschen im Garten.«
Webberly hob den Kopf. Frances, die seinen Blick anscheinend spürte, drehte sich um, eine Hand noch auf dem Fensterbrett, die andere verkrampft am Revers ihres Morgenrocks. »Ich glaube, heute schaffe ich es«, sagte sie. »Malcolm! Ich glaube, ich schaffe es.«
Wie oft hatte sie das schon gesagt! Hundertmal? Tausendmal? Und immer steckte die gleiche Mischung aus Hoffnung und Selbstbetrug in ihren Worten. Ich werde im Garten arbeiten, Malcolm. Ich werde heute Nachmittag einkaufen gehen. Ich werde mich in den Prebend Gardens auf eine Bank setzen; einen langen Marsch mit Alfie machen; die neue Kosmetikerin ausprobieren, die alle so rühmen… So viele aufrichtige und gute Vorsätze, die sich unweigerlich in Luft auflösten, wenn Frances vor der Haustür stand. Sie brachte es einfach nicht über sich, die rechte Hand zum Türknauf zu heben, wie sehr sie sich auch bemühte.
»Frannie -«, begann Webberly, und sie fiel ihm beschwörend ins Wort. »Die Party gestern hat alles geändert. Rundherum von Freunden umgeben zu sein, das tut unglaublich gut. Ich fühle mich so wohl, Malcolm! So wohl wie schon lange nicht mehr.«
Miranda, die in diesem Moment in die Küche kam, ersparte es Webberly, darauf antworten zu müssen. Mit einem »Ah, hier seid ihr«, ließ sie ihren Trompetenkasten und einen sperrigen Rucksack zu Boden fallen und ging zum Herd, wo Alfie, der Schäferhundmischling, sich auf seiner Decke von den Strapazen der Party erholte. Sie kraulte ihn kräftig zwischen den Ohren, woraufhin er sich prompt auf den Rücken rollte und seinen Bauch darbot. Nachdem sie ihn gekrault hatte, drückte sie ihm zum Abschluss einen Kuss auf den Kopf und nahm dafür einen feuchten Hundekuss in Empfang.