Der Henker von Paris
- Автор: Cueni Claude
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: Lenos Verlag
- ISBN: 9783857875199
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Henker von Paris». Краткое содержание книги:
Der Autor
Claude Cueni, geboren 1956 in Basel. Nach dem frühzeitigen Abbruch der Schule reiste er durch Europa, schlug sich mit zwei Dutzend Gelegenheitsjobs durch und schrieb Geschichten. Mittlerweile hat er über fünfzig Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Theaterstücke, Hörspiele und Romane verfasst, u.a. den Bestseller Das Grosse Spiel über den Papiergelderfinder John Law, der bisher in zwölf Sprachen übersetzt wurde.
Coverfoto: Pierre-Antoine Demachy,
Une exécution capitale, place de la Révolution
(um 1793)
Damiens verlor erneut das Bewusstsein. Eine seltsame Stille legte sich über den Platz. Man hörte nur das Wiehern der vier Pferde am Fusse des Schafotts. Vier Gehilfen hatten je ein Pferd an den Zügeln genommen und zu je einer Ecke des Schafotts geführt. Nun warfen sie ihren Kollegen auf dem Schafott die langen Dressurzügel zu. Diese fingen sie auf und befestigten sie mit geübten Handgriffen an Armen und Beinen des kläglich verendenden Damiens. Es herrschte immer noch Totenstille. Selbst ein Räuspern auf dem Platz hätte man jetzt vernommen. Es hatte aufgehört zu regnen. Charles gab den Gehilfen, die neben den Pferden standen, das Zeichen anzufangen. Sie nahmen die Pferde am Halfter und führten sie vom Schafott weg. Nach wenigen Schritten blieben sie stehen. Damiens’ Körper widerstand. Sie versuchten es erneut. Vier sechshundert Kilo schwere Kolosse versuchten gleichzeitig, die Arme und Beine aus dem Rumpf eines Sterbenden herauszureissen. Damiens’ linkes Bein wurde dabei ausgerenkt, aber nicht abgerissen. Das Pferd, das das rechte Bein entwurzeln sollte, knickte ein und stürzte. Ein ohrenbetäubender Schrei des Entsetzens erfasste nun plötzlich die Menschenmasse. Wie konnte Damiens’ Bein der Kraft eines Pferdes widerstehen? Erneut wurden die Pferde angetrieben. Damiens’ rechtes Bein und beide Arme wurden nun ausgerenkt. Aber nach wie vor hielt sein Körper stand. Und abermals wurden die Pferde angetrieben. Sie setzten sich in Bewegung, doch die Glieder hingen immer noch am Rumpf. Charles wagte einen Blick auf Damiens. Er sah, wie sich dessen Arme und Beine in grotesker Art und Weise verlängert hatten, aber Muskeln und Sehnen hielten die Extremitäten immer noch am Rumpf. Es war kaum zu fassen. Der Anblick dieses geschundenen, zerrissenen, blutüberströmten, zuckenden Leibes, der wie ein Stück verbrannten Fleisches vor sich hinräucherte, raubte Charles beinahe das Bewusstsein. Ihm schien, als würden die Bretter des Schafotts unter ihm nachgeben. Pater Gomart fiel vor dem Sterbenden auf die Knie und hielt nun mit beiden Händen zitternd sein Kreuz. Immer lauter sprach er seine Gebete, als wollte er mit seiner eigenen Stimme all seine Gedanken vertreiben. Er schloss dabei die Augen, weil er das, was sie sahen, nicht mehr sehen wollte. Sein Gesicht war tränenüberströmt. Er schrie die Gebete verzweifelt zum Himmel hinauf. Charles nahm die feine Schnur vom Serviertisch und fragte den Gerichtsdiener, ob die Vertreter der Justiz das Retentum erlaubten. Das war eine geheime Klausel, die oft in den Strafurteilen enthalten war und dem Henker das Recht gab, den Verurteilten mit einer feinen Schnur heimlich zu erdrosseln, bevor man ihm alle Knochen brach oder ihn aufs Rad flocht. Der Gerichtsdiener schwieg. Er starrte über Charles’ Kopf hinweg. Zu spät bemerkte er, dass der Gerichtsdiener dabei war, das Bewusstsein zu verlieren. Er stürzte steif wie ein Brett zu Boden. Mitten auf das Gesicht. Das Blut floss in grossen Mengen aus seinem Mund. Charles legte ihn seitlich auf die Holzdielen, damit das Blut abfliessen konnte. Doktor Boyer kniete neben ihm nieder, nicht etwa um ihm zu helfen, sondern weil seine eigenen Beine ihn nicht mehr länger trugen. Er stützte sich mit beiden Händen auf dem bewusstlosen Gerichtsdiener ab. Für die Menge machte es wohl den Anschein, als würde er diesen verarzten. Aber Doktor Boyer brauchte selbst einen Arzt.
Nun erfasste ein tiefes Grollen die Menschenmasse. Zuerst klang es wie ein entferntes Murmeln, doch dann wurde es lauter und heftiger. Wie im Sturm eroberte es das Schafott. »Trennen Sie die Muskeln, zerschneiden Sie die Sehnen«, keuchte Doktor Boyer und trieb Charles heftig nickend zur Eile an. André Legris stand bereits mit der Axt hinter Charles. Dieser nickte ihm zu. Rasch näherte sich der Henker von Orléans dem sterbenden Damiens und trennte mit fürchterlichen Axthieben Arme und Beine vom Rumpf. Die Pferde wurden erneut angetrieben und rissen Damiens in Stücke. Sein linkes Bein flog durch die Luft und klatschte dem sich aufrappelnden Gerichtsdiener ins Gesicht.
Damiens’ Rumpf atmete noch schwach. Er hatte die Augen weit offen, den Blick in den Wolkenhimmel gerichtet. Blutiger Schaum hatte sich auf seinen Lippen gebildet. Sein pechschwarzes Haar war plötzlich weiss wie Schnee. Ganz Paris sprach später davon, und alle grossen Tageszeitungen Europas erwähnten das Phänomen auf ihren Titelseiten. Aber es war nichts weiter als Asche.
Zaghaft begann die Menge zu applaudieren. Es war spät geworden. Onkel Nicolas gab seinem Neffen ein Zeichen, das Schafott abzuschreiten. Charles schritt langsam das hölzerne Viereck ab, während die Menge »Sanson, Sanson« skandierte. Dann blieb er auf der Westseite stehen und umfasste die Brüstung wie ein römischer Triumphator den Bügel seines Streitwagens beim Einmarsch in Rom. Tosender Applaus brandete über den Platz. Charles verzog keine Miene. Er senkte leicht den Kopf, als wollte er sich bei der Menge demütig bedanken. »Sanson, Sanson«, skandierten sie ohne Unterlass. Jetzt wirkte er eher wie ein gehorsamer Gladiator im alten Rom, der allein durch seine Körpergrösse und athletische Konstitution die Menge begeisterte. Charles liess seinen Blick immer wieder über die Menge auf der Place de Grève schweifen und realisierte nach und nach, dass Paris ihn feierte. Er spürte, wie eine ungeheure Kraft ihn durchflutete, und er fühlte sich plötzlich stark, unbesiegbar und mächtig. Er schritt zur Nordseite und nahm dort erneut Ovationen entgegen, dann schritt er nach Osten und schliesslich nach Süden. Auch hier verbeugte er sich kurz und wandte sich dann den Beamten der Justiz zu. Diese nickten ihm anerkennend zu. Sie waren zufrieden. Auch sein Onkel nickte ihm zu. Er schien überrascht, wie begeistert die Menge den neuen Monsieur de Paris verabschiedete.
Die Gehilfen übergaben Damiens’ Körperteile dem Feuer. Die Abenddämmerung legte sich wie Asche über ihre Häupter. Langsam begann sich die bluthungrige Meute aufzulösen und in den anliegenden Gassen und Strassen zu verschwinden. Die Menschen kehrten in ihre Villen oder ihre erbärmlichen Behausungen zurück. Als der Regen wieder einsetzte, standen immer noch Hunderte von Gaffern herum. Jetzt, da die Hinrichtung zu Ende war, nutzten einige die Gelegenheit, das Schafott aus der Nähe zu betrachten. Die Gehilfen begannen mit der Demontage. Charles stand immer noch oben an der Treppe, während der Leichnam des Gemarterten verbrannte und die Henker in beissenden Rauch hüllte.
Charles war in eine fremde Welt eingedrungen, in eine Welt, die schrecklich war. Er spürte, dass fortan das Blut, das seine Vorfahren vergossen hatten, auch in seinen Adern fliessen und sein Geschlecht auf immer besudeln würde. Er fühlte sich einsam und schämte sich, dass er den Applaus klammheimlich genossen hatte. Sein Verhalten widerte ihn an. Und so schwor er in jenem Moment, die Menschen fortan zu meiden. Er wollte nicht unter ihnen leben. Er wollte allein sein und sich von dieser fürchterlichen Rasse fernhalten. Er wollte nicht einer von ihnen werden. Es entsetzte ihn, dass er imstande gewesen war, das zu tun, und dass er sich alles insgeheim noch viel schlimmer vorgestellt hatte. War das schon alles? Ist mein Herz aus Stein, oder bin ich noch zu jung, um richtige Anteilnahme und Trauer zu empfinden?, fragte er sich. Wer den Schmerz nicht kennt, kann auch keine Anteilnahme für den Schmerz anderer empfinden. Das wusste er. Vielleicht war es so, vielleicht war es aber auch ganz anders. Er war hin- und hergerissen zwischen Ekel und Stolz.