Der Henker von Paris
- Автор: Cueni Claude
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: Lenos Verlag
- ISBN: 9783857875199
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Henker von Paris». Краткое содержание книги:
Der Autor
Claude Cueni, geboren 1956 in Basel. Nach dem frühzeitigen Abbruch der Schule reiste er durch Europa, schlug sich mit zwei Dutzend Gelegenheitsjobs durch und schrieb Geschichten. Mittlerweile hat er über fünfzig Drehbücher für Film und Fernsehen sowie Theaterstücke, Hörspiele und Romane verfasst, u.a. den Bestseller Das Grosse Spiel über den Papiergelderfinder John Law, der bisher in zwölf Sprachen übersetzt wurde.
Coverfoto: Pierre-Antoine Demachy,
Une exécution capitale, place de la Révolution
(um 1793)
Vor dem Schafott teilte sich die Menge. Soldaten bahnten den Weg und bildeten ein Spalier. Nicolas Sanson winkte den Gehilfen zu, die oben auf dem Schafott warteten. Sie waren sichtbar erleichtet, als sie seine Mannschaft sahen. Das Ausharren inmitten dieser unberechenbaren Menge, die nach Blut lechzte, hatte sie in Angst und Schrecken versetzt. Eingeschüchtert stiegen sie die Treppe des Schafotts hinunter und warfen verstohlene Blicke in den Karren. Damiens krümmte sich wie ein verstümmelter Wurm.
»Tragt ihn hinauf«, befahl Onkel Nicolas und nahm seinen Neffen beiseite. Sie hörten erneut Damiens’ Schreie. Verzweifelt rief er seine Frau zu Hilfe und bat um Vergebung. »Du kannst am Fuss der Treppe warten und das Zeichen geben«, sagte Onkel Nicolas. Er hatte sich den Ablauf offenbar anders überlegt. Doch Charles schüttelte den Kopf. Der neue Monsieur de Paris wollte sich vor niemandem verkriechen. Wohl hatte man ihm dieses verhasste Amt aufgezwungen, aber er wollte allen beweisen, dass man ihn damit nicht gebrochen hatte. Erhobenen Hauptes stieg Charles aufs Schafott. Als er die hölzerne Bühne erreicht hatte und die riesige Menschenmenge überblickte, realisierte er endgültig, dass er nun das Erbe der Sansons angetreten hatte und fortan Teil des Schafotts war.
Die Gehilfen, die im zweiten Karren gefolgt waren, verteilten sich um das Schafott herum. Einige stiegen die Treppe hoch. In der Mitte des Schafotts hatten sie in der Nacht ein kleines Podest errichtet, einen hölzernen Altar von ungefähr einem Meter Höhe. Darauf legten sie Damiens und banden ihn fest. Sein Kopf ruhte auf einem Strohsack und war dem heissen Schwefeldampf ausgesetzt, der aus einem Feuerbecken aufstieg. Über den glühenden Kohlen war ein Rost, auf dem eine Schnabelpfanne erhitzt wurde. Der beissende Geruch wehte über den ganzen Platz und versetzte die Menge in eine schier unglaubliche Erregung. Neben dem Feuerbecken stand ein schmaler Serviertisch, der mit schwarzem Samt überzogen war. Darauf lagen fein säuberlich angeordnet: Zangen, lange Metzgermesser, eine Säge und ein Beil. Kaum sichtbar die feine, zusammengerollte Schnur für den Fall, dass doch noch das Retentum gewährt wurde. Pater Gomart versuchte, dem unaufhörlich schreienden Damiens gut zuzureden. Er tupfte ihm den kalten Schweiss von der bleichen Stirn und nahm eine kleine Weihwasserflasche hervor. Er besprenkelte den Todgeweihten und sprach die Absolution, während Damiens wie in einem fiebrigen Wahn einzelne Worte nachsprach. Als Pater Gomart das Totengebet anstimmte, mahnten die Abgesandten des Gerichts zur Eile. Graue Wolken zogen über den Platz, als missfiele dem Himmel, was hier unten geschah.
»Wo ist Soubise?«, fragte Nicolas Sanson und schaute unruhig in die Runde. Doch die Henkersgehilfen, die den Sansons beistehen sollten, standen stumm in ihren rehbraunen Lederschürzen und schauten ihrerseits ratlos umher. Plötzlich ertönte ein lauter Rülpser. Alle blickten reflexartig zur Treppe. Der alte Mann, der den Namen einer Zwiebelsauce trug, quälte sich hoch. »Soubise, Monsieur«, lallte er und wankte über die Holzdielen. Vor dem unglücklichen Damiens blieb er stehen und griff nach der Zange.
»Wo ist das Öl?«, fragte Nicolas Sanson mit schneidender Stimme. Drohend ging er auf den Trunkenbold zu. Soubise machte eine unwirsche Bewegung mit der Zange und traf aus Versehen die eigene Stirn. Charles entriss ihm entschlossen die Zange und gab den Gehilfen den Befehl, Soubise wegzuschaffen. »Beschafft uns Öl!« Die Gehilfen schwirrten aus. Pater Gomart benutzte die Unterbrechung, um sich erneut Damiens zu nähern und Gebete zu sprechen. Die Beamten des Gerichts standen mit eiserner Miene da und warteten. Es begann zu regnen.
Es dauerte über eine Stunde, bis der erste Gehilfe sich durch die Menschenmassen hindurchgekämpft hatte und mit dem Öl wieder auf dem Schafott erschien. Mittlerweile war die Glut im Feuerbecken erloschen. Ein Gehilfe versuchte vergeblich, das Feuer von neuem zu entfachen.
»Wir brauchen trockenes Holz«, sagte Nicolas Sanson. Er war nun sehr unruhig und bekümmert. Er schaute den Gehilfen lange nach, als sie sich erneut durch die Menschenmenge kämpften, um trockenes Holz zu beschaffen. Nach einer halben Stunde kam der Erste zurück und sagte, dass niemand ihnen trockenes Holz geben wolle.
»Warum?«, fragte Nicolas Sanson.
»Ich weiss es nicht. Es scheint so, als würden die Leute nicht gutheissen, was wir hier tun.«
Nun gab Charles Befehl, mit der Axt Bretter aus der Palisadenwand unter dem Schafott herauszuschlagen, das Feuer erneut anzufachen und das Öl zu erhitzen. Die Warterei setzte auch ihm langsam zu. Damiens war wieder bei Bewusstsein und brüllte wie von Sinnen. Seine Stimme war rau geworden. Flehend schaute er seine Henker an.
»Wollen wir es noch mal mit Soubise versuchen?«, fragte Charles seinen Onkel leise. Dieser war kreidebleich, wusste er doch, dass Soubise vor Mittag des nächsten Tages nicht wieder nüchtern sein würde. Es war nicht die Aufgabe des Henkers, die Tortur des Zangenreissens auszuführen, aber es war niemand sonst da, der es hätte ausführen können. Der Gerichtsdiener und Doktor Boyer drängten die Sansons mit energischem Blick, die grauenhafte Prozedur zu beginnen.
Sechs Gehilfen standen nun um Damiens herum und warteten stumm auf neue Befehle. Charles nickte lediglich. Auf dieses Zeichen hin ergriff ein Gehilfe blitzschnell Damiens’ rechten Arm und streckte ihn, bis die Hand weit über den Rand des Holzaltars hinausragte. Während ein zweiter Gehilfe die räuchernde Schnabelpfanne vom Rost nahm, schob ein weiterer das Feuerbecken unter Damiens’ Hand. Instinktiv versuchte dieser, sie zurückzuziehen. Mit riesengrossen Augen starrte er auf seine Hand, als wisse er nicht genau, was nun mit ihr geschehen würde. Nicolas Sanson übergoss sie mit heissem Öl. Damiens brüllte, wie Charles noch nie ein menschliches Wesen hatte schreien hören. Damiens’ Zähne verkeilten sich ineinander, während seine Lippen platzten und das Blut über sein Kinn strömte. Nach wenigen Minuten war die Hand, die den König verletzt hatte, nur noch ein verkohlter Stummel.
Nicolas Sanson stand starr vor Schreck vor Damiens. Die glühende Pfanne hielt er noch in der Hand. Charles war blass geworden. Sein Atem raste. Er hatte sich geschworen, die Hinrichtung unten an der Treppe zum Schafott durchzustehen. Doch nun stand er oben und wurde von Tausenden von Menschen beobachtet. Die ganze Menschenmasse schien das Schafott wie ein gefährliches dunkles Meer zu umschliessen, und Charles wusste, dass es kein Entrinnen gab, solange die Sache nicht beendet war. Er konnte nicht fliehen. Die Menge hätte ihn dafür gelyncht. Er hatte es durchzustehen. Er griff in seine Tasche und umschloss das Amulett, das ihm Grossmutter Dubut gegeben hatte.
Entschlossen ging er nun auf einen der Gehilfen, André Legris, den Henker von Orléans, zu und bot ihm einhundert Livre, falls er das Zangenreissen übernehmen würde. Obwohl André Legris wesentlich älter war als Charles und in seiner Stadt sehr geachtet, akzeptierte er sofort, dass er hier nur ein Gehilfe war und der minderjährige Charles Sanson die Kontrolle über das Schafott innehatte. »Ja, Monsieur de Paris«, antwortete er und nickte, wobei er den Kopf respektvoll senkte. Beinahe hastig nahm er die lange Zange und hielt sie ins Feuerbecken. Charles nahm seinem Onkel die glühende Pfanne aus der Hand und setzte sie wieder auf den Rost. Pater Gomart ging schweren Schrittes zu Damiens zurück und hielt sich erschöpft am Rande des Holzaltars fest. Erneut tupfte er den kalten Schweiss von Damiens’ schmerzverzerrtem Gesicht. Der Pater sagte etwas, aber kein Mensch konnte es verstehen. Auch ihm hatte es die Kehle zugeschnürt. Auch Doktor Boyer näherte sich Damiens. Er schien von Schwindel befallen und keuchte wie ein altes Pferd. Mit zitternder Hand befühlte er Damiens’ Puls. Er nickte dem Gerichtsdiener zu, der nun wiederum den Sansons zunickte. Charles gab André Legris das Zeichen. Sogleich setzte dieser die glühende Zange auf Damiens’ nackte Brust. Der Unglückliche bäumte sich auf, ohne einen Laut von sich zu geben, während die Zange ihm einen grossen Fetzen Fleisch mitsamt der Brustwarze aus dem Körper riss. Der Henker von Lyon, auch er nur ein Gehilfe hier in Paris, goss kochendes Öl in die blutende Wunde. Zischend verbrannte das Fett und verströmte erneut den Geruch von verschmortem Menschenfleisch über den Platz. Der Henker von Orléans riss nun klaffende Wunden in Arme, Bauch und Oberschenkel. Ein weiterer Gehilfe goss brennendes Harz in die eine Wunde und Schwefel in die anderen. Schliesslich griff der Henker mit der Zange nach Damiens’ Geschlecht und riss es aus. Wie in einem Wahn arbeiteten die Gehilfen das Urteil an dem sterbenden Körper ab, während Damiens wie besoffen vor Schmerz brüllte. Es klang bald wie das Röhren eines brünstigen Hirsches, dann wieder wie das herzzerreissende Wimmern eines Neugeborenen. Doch plötzlich schrie er wie von Sinnen: »Mehr, gebt mir mehr, ich liebe es, ich liebe es! Gebt mir mehr!« Diese Stimme hallte über den Platz wie ein Orkan. Sie hatte nichts Menschliches mehr an sich und liess die Massen erschauern. Die Stimme war das Gebrüll Satans aus dem Reich des Leidens und des Fegefeuers.