Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
- Автор: Энде Михаэль Андреас Гельмут
- Год: 1960
- Язык: немецкий
- Жанр: Сказки народов мира
Электронная книга - «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer». Краткое содержание книги:
Ab und zu lagen gebleichte und halb im Sand versunkene Tiergerippe neben ihrem Weg. Die Freunde betrachteten sie nachdenklich im Vorüberfahren.
Es mochte ungefähr um die Mittagszeit sein, als Lukas plötzlich überrascht ausrief:
„Nanu!"
„Was is'?" erkundigte sich Jim und schreckte auf. Er hatte, von der Hitze ermüdet, ein wenig vor sich hingedöst.
„Scheint, wir haben die Richtung verloren", knurrte Lukas.
„Schau doch mal zum rechten Fenster hinaus!" sagte Lukas. „Bisher war das Gebirge immer da drüben. Aber jetzt ist es auf einmal auf der anderen Seite."
Tatsächlich, es war, wie Lukas gesagt hatte: Im rechten Fenster war der leere, ferne Wüstenhorizont zu sehen und im linken das rot und weiß gestreifte Gebirge.
Das war schon seltsam genug, aber noch viel befremdlicher war, daß irgend etwas mit dem Gebirge nicht in Ordnung zu sein schien. Es sah aus, als stünde es nicht richtig auf dem Boden, sondern schwebte ein wenig darüber.
„Was is' denn da los?" fragte Jim beunruhigt.
„Weiß auch nicht", meinte Lukas. „Jedenfalls müssen wir wohl umkehren."
Aber noch ehe er ausgesprochen hatte, war das Gebirge ganz und gar verschwunden und weder links noch rechts zu sehen. Statt dessen entdeckten die Freunde plötzlich in einiger Entfernung einen Meeresstrand mit wiegenden Palmen.
„Nun schau sich einer das an!" murmelte Lukas verblüfft. „Verstehst du das, Jim?"
„Nein", antwortete Jim. „Da scheinen wir ja in eine sonderbare Gegend geraten zu sein."
Er drehte sich um und blickte nach hinten hinaus. Zu seiner größten Verwunderung erhob sich mit einemmal dort das rot und weiß gestreifte Gebirge. Aber jetzt stand es auf dem Kopf! Es hing sozusagen vom Himmel herunter.
„Da stimmt doch was nicht!" brummte Lukas, die Pfeife zwischen den Zähnen.
„Was sollen wir machen?" fragte Jim bang. „Wenn das so weiter geht, finden wir nie mehr unsere Richtung."
„Das Vernünftigste wird sein", meinte Lukas, „wir fahren auf jeden Fall erst mal weiter, bis wir aus diesem verrückten Ich-weiß-nicht-was herauskommen."
Sie fuhren also weiter. Aber sie kamen nicht heraus. Es wurde im Gegenteil immer verwirrender. Zum Beispiel sahen sie auf einmal große Eisberge über dem Himmel schwimmen. Das war ganz besonders befremdlich, weil Eisberge bei dieser Hitze ja eigentlich sofort hätten schmelzen müssen.
Plötzlich tauchte vor ihnen der Eiffelturm auf, der doch in Wirklichkeit in der Stadt Paris steht und keineswegs in der Wüste „Das Ende der Welt". Dann erschienen links viele Indianerzelte um ein Lagerfeuer in der Mitte und Krieger mit Federkopfputz und Kriegsbemalung, die wilde Tänze aufführten. Rechts lag unversehens die Stadt Ping mit ihren goldenen Dächern. Dann verschwand alles ebenso rätselhaft, wie es aufgetaucht war, und rundherum war nur kahle Wüste. Aber schon nach wenigen Augenblicken erschien wieder etwas Neues in der flimmernden Luft.
Lukas hatte gehofft, daß er am Nachmittag durch den Stand der sinkenden Sonne die Richtung nach Norden wiederfinden könnte. Aber daran war leider nicht zu denken. Die Sonne brannte nämlich einmal von rechts, dann wieder von links und oft sogar von beiden Seiten zugleich. Sie hatte sich tatsächlich verdoppelt. Es schien einfach alles toll geworden zu sein.
Schließlich vermischten sich die Erscheinungen sogar untereinander. Da stand zum Beispiel plötzlich ein umgekehrter Kirchturm auf der Spitze seiner Wetterfahne, und oben drüber in der Luft schwebte ein See, auf dessen Wellen Kühe weideten.
„Das ist ja wohl die verrückteste Unordnung, die mir je vorgekommen ist!" brummte Lukas beinahe belustigt.
Jetzt erschien eine große Windmühle, die auf dem Rücken von zwei Elefanten stand.
„Wenn die Sache nicht so unübersichtlich wäre", sagte Lukas, „dann fände ich dieses Durcheinander eigentlich ganz spaßig."
In diesem Augenblick zog über den Himmel ein gewaltiges Segelschiff, aus dem ein Wasserfall herniederstürzte.
„Ich weiß nicht recht", murmelte Jim und schüttelte besorgt den Kopf, „mir gefällt das alles ganz und gar nicht… ich wollte, wir fänden bald hier heraus."
Vor ihnen hüpfte jetzt ein halbes Riesenrad von einem Jahrmarkt in großen Sprüngen durch die Wüste, als ob es seine andere Hälfte suchte. Die war aber nirgends zu sehen.
„Mir wäre es auch lieber", gab Lukas zu und kratzte sich hinter dem Ohr. „Na, irgendwann werden wir diese kuriose Traumgegend ja mal wieder verlassen. Nach meiner Schätzung haben wir seit heute Mittag gute hundert Meilen zurückgelegt. - Wirklich zu dumm, daß wir vergessen haben, einen Kompaß mitzunehmen."
Eine Weile fuhren die Freunde schweigend weiter und beobachteten die auftauchenden und wieder verschwindenden Erscheinungen. Eben, als Lukas Jim darauf aufmerksam machen wollte, daß die Sonne jetzt sogar an drei Stellen zugleich zu sehen sei, stieß der Junge plötzlich einen Freudenschrei aus.
„Lukas!" rief er. „Da, schau doch! Wie is' denn das möglich? Da is' - da is' ja Lummerland!"
Tatsächlich! Da lag ganz deutlich Lummerland, umgeben vom blauen Meer. Der große und der kleine Gipfel ragten empor, und dazwischen war das Schloß von König Alfons dem Viertel-vor-Zwölften zu erkennen. Das kurvenreiche Eisenbahngleis glänzte, und die fünf Tunnels waren da und auch das Haus von Herrn Ärmel. Da stand die kleine Bahnstation und da das Haus von Frau Waas mit dem Kaufladen! Und im Meer lag das Postschiff.
„Schnell!" schrie Jim ganz außer sich, „schnell, Lukas! Laß uns hinfahren!"
Aber Emma hatte schon von sich aus Kurs auf Lummerland genommen. Offenbar hatte sie die Heimatinsel auch entdeckt. Sie kamen immer näher. Und nun sahen sie, daß der König zum Fenster herausschaute. Und vor dem Schloß stand Frau Waas mit einem Brief in der Hand, und der Briefträger war dabei und auch Herr Ärmel. Alle vier schienen sehr betrübt zu sein. Frau Waas wischte sich immerfort mit ihrer Schürze die Augen.
„Frau Waas!" schrie Jim, öffnete das Fenster und beugte sich trotz der glühenden Hitze, die ihm entgegenschlug, so weit er konnte hinaus. „Frau Waas, ich bin hier! Siehst du mich, Frau Waas? Ich bin's, Jim Knopf! Bleibt da, wir kommen!"
Er winkte und schrie so aufgeregt, daß er beinahe aus dem Fenster hinausgefallen wäre. Lukas konnte ihn gerade noch an dem großen Knopf an seiner Hose festhalten.
Als Emma kaum noch zehn Meter von Lummerland entfernt war, verschwand plötzlich alles ebenso rätselhaft wie die anderen Erscheinungen. Und wieder dehnte sich ringsumher nur die Unendlichkeit der sonnendurchglühten Wüste.
Jim wollte es zuerst gar nicht glauben. Aber es half alles nichts, Lummerland war nicht mehr da. Zwei dicke Tränen rannen über seine schwarzen Wangen. Er konnte es nicht verhindern.
Auch in Lukas' Augen blinkte es verdächtig, und er stieß dichte Rauchwolken aus.
Schweigend fuhren sie weiter. Doch das Allererstaunlichste stand ihnen noch bevor.
Plötzlich erblickten sie nämlich eine andere Lokomotive, die ganz genauso aussah wie ihre Emma. Und diese Lokomotive fuhr in etwa hundert Meter Abstand neben ihnen her. Sie hatte auch genau die gleiche Geschwindigkeit.
Lukas, der seinen Augen nicht trauen wollte, beugte sich aus dem Fenster hinaus, und auch drüben, auf der anderen Maschine, beugte sich der Lokomotivführer aus dem Fenster. Lukas winkte, und der andere Lokomotivführer winkte zurück.
„Jetzt wird's mir aber wirklich zu toll!" sagte Lukas. „Wir träumen doch nicht etwa?"