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Nie sollst Du vergessen

Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:

In einer regnerischen Nacht wird Eugenie Davies in London von einem Autofahrer getötet. Ein Unfall ist definitiv auszuschließen: Die Frau wurde frontal angefahren und danach mehrmals absichtlich mit dem Wagen überrollt. Doch was hatte Eugenie Davies so spät am Abend überhaupt in der Stadt zu suchen? Und warum trug sie einen Zettel mit dem Namen genau des Mannes bei sich, der später ihre Leiche findet? Für Inspector Thomas Lynley, in dessen Privatleben sich zur selben Zeit dramatische Veränderungen ankündigen, sind diese Fragen nur der Auftakt zu Ermittlungen, in deren Verlauf er auf einem gefährlich schmalen Grat zwischen persönlicher Loyalität und beruflicher Ehre wandert. Denn schon bald stellen Lynley und Sergeant Barbara Havers betroffen fest, dass ihr Chef Superintendent Webberly, der mehr über Eugenie Davies zu wissen scheint, als er preisgibt, versucht, sie bei der Auswertung von Erkenntnissen zu behindern. Für Lynley und Havers steht ihre berufliche Laufbahn auf dem Spiel, doch sie sind schon viel zu tief in den Fall eingedrungen, um sich noch zurückziehen zu können. Denn die Familie Davies nährt einen tödlichen Kreislauf aus Versagen, Wut und Gewalt, der immer weitere Opfer fordert…
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
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4. September

Nein! Damit werden Sie mich nicht einfangen.

Wo sind Sie heute, Gideon?, fragen Sie freundlich und milde.

Aber ich mache dieses Spiel nicht mit! Mein Vater hat keinen Part in dieser Sache, was auch immer diese Sache sein mag. Wenn ich es nicht über mich bringe, die Guarneri auch nur zur Hand zu nehmen, so ist das nicht meines Vaters Schuld. Ich lasse mich von Ihnen nicht zu einem dieser wehleidigen Jammerlappen machen, die an jeder Schwierigkeit in ihrem Leben ihren Eltern die Schuld geben. Mein Vater hat ein schweres Leben gehabt. Er hat sein Bestes getan.

Schwer inwiefern?, wollen Sie wissen.

Na ja, stellen Sie sich nur vor, einen Mann wie meinen Großvater zum Vater zu haben! Mit sechs Jahren ins Internat verfrachtet zu werden. Und dann, wenn man schon mal zu Hause ist, mit den psychotischen Schüben des Vaters leben zu müssen. Dabei immer ganz klar zu wissen, dass überhaupt keine Hoffnung besteht, den Erwartungen gerecht werden zu können, ganz gleich, was man tut, weil man adoptiert ist und der Vater einen das nie vergessen lässt. Nein, mein Vater hat als Vater, weiß Gott, sein Bestes getan. Und als Sohn war er besser als die meisten.

Besser als Sie in Ihrer Rolle als Sohn?, fragen Sie.

Danach müssen Sie meinen Vater fragen.

Aber was halten Sie von sich selbst als Sohn, Gideon? Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

Enttäuschung, antworte ich.

Dass Sie Ihren Vater enttäuscht haben?

Nein. Dass ich ihn nicht enttäuschen darf, aber es vielleicht tue.

Hat er Ihnen denn gesagt, wie wichtig es ist, ihn nicht zu enttäuschen?

Kein einziges Mal. Überhaupt nicht. Aber - Aber?

Er mag Libby nicht. Irgendwie wusste ich von Anfang an, dass er sie nicht mögen oder dass ihre Anwesenheit in meinem Haus ihm nicht passen würde. Ich wusste, er würde fürchten, dass sie mich von meiner Arbeit ablenkt, oder sogar, was natürlich noch schlimmer wäre, von ihr abhält.

Sie fragen: Das ist wohl der Grund, warum er sofort »Es ist diese Frau, diese verwünschte Person« sagte, als Sie den Blackout in der Wigmore Hall hatten? Er ist ja augenblicklich auf Libby gekommen, nicht wahr?

Ja.

Warum?

Also, er will ganz sicher nicht, dass ich wie ein Mönch lebe. Weshalb sollte er auch? Familie ist alles für meinen Vater. Und wenn ich nicht eines Tages heirate und selbst Kinder in die Welt setze, wird es keine Familie mehr geben.

Ja, aber jetzt ist ein zweites Kind unterwegs, nicht wahr?

Die Familie wird also fortbestehen, unabhängig davon, was Sie tun, Gideon.

Das ist richtig.

Und damit kann Ihr Vater jede Frau in Ihrem Leben ablehnen, ohne die Konsequenzen fürchten zu müssen; nämlich, dass Sie sich seine Ablehnung zu Herzen nehmen und niemals heiraten werden. Nicht wahr, Gideon?

Nein! Dieses Spiel mache ich nicht mit. Es geht hier nicht um meinen Vater. Wenn er Libby nicht mag, dann nur, weil er sich Sorgen macht, was für einen Einfluss sie auf meine Musik haben könnte. Und er hat jedes Recht, besorgt zu sein. Libby kann einen Geigenbogen nicht von einem Küchenmesser unterscheiden.

Stört sie Sie bei der Arbeit?

Nein.

Steht sie Ihrer Musik gleichgültig gegenüber?

Nein.

Ist sie aufdringlich? Missachtet sie Ihr Bedürfnis, für sich zu sein? Stellt sie Ansprüche an Sie, mit denen sie Ihnen Übungszeit raubt?

Nie, nein.

Sie sagten, sie habe keine Ahnung von Musik. Kultiviert sie Ihrem Eindruck nach ihre Ahnungslosigkeit, als wäre dies eine Leistung?

Nein.

Und trotzdem mag Ihr Vater sie nicht!

Aber schauen Sie, er will doch nur mein Bestes. Er hat nie etwas getan, was nicht zu meinem Besten gewesen wäre. Ohne ihn wäre ich nicht hier bei Ihnen, Dr. Rose. Als er nach dem Blackout in der Wigmore Hall sah, was mit mir los war, sagte er nicht: »Reiß dich zusammen, Gideon. Da draußen im Saal sitzt ein Haufen Leute, die teuer dafür bezahlt haben, dich zu hören.« Nein. Er sagte zu Raphaeclass="underline" »Er ist krank. Entschuldige uns beim Publikum«, und brachte mich sofort nach Hause. Er packte mich ins Bett und blieb die ganze Nacht bei mir und sagte: »Das kriegen wir schon wieder hin, Gideon. Jetzt schläf erst einmal.«

Er gab Raphael den Auftrag, sich um Hilfe für mich zu kümmern. Raphael wusste von der Arbeit Ihres Vaters mit Künstlern, die Ähnliches erlebt hatten wie ich. Und ich bin zu Ihnen gekommen, weil mein Vater möchte, dass ich wieder zu meiner Musik finde. Darum bin ich zu Ihnen gekommen.

5. September

Niemand sonst weiß die Wahrheit, nur wir drei: mein Vater, Raphael und ich. Nicht einmal meine PR-Agentin weiß, was wirklich los ist. In ärztlicher Behandlung, hat sie bekannt gegeben und den Leuten erzählt, es handle sich um körperliche Erschöpfung.

Wahrscheinlich werden die meisten hinter meinem Verhalten nichts als Starallüren sehen, aber das soll mir recht sein. Sollen sie ruhig vermuten, ich wäre gegangen, weil mir die Beleuchtung im Saal nicht passte; Hauptsache, die Wahrheit sickert nicht durch.

Welche Wahrheit meinen Sie?, fragen Sie.

Gibt es denn mehr als eine?, frage ich zurück.

Aber gewiss, sagen Sie. Die eine Wahrheit ist das, was Ihnen zugestoßen ist. Man nennt das eine psychogene Amnesie. Die andere Wahrheit ist das Warum dieses plötzlichen teilweisen Gedächtnisverlusts. Und die Frage nach dem Warum ist der Anlass unserer Gespräche.

Wollen Sie damit sagen, solange wir nicht wissen, warum ich diese - diese - wie nannten Sie es -?

Psychogene Amnesie. Es ist ähnlich wie hysterische Lähmung oder Blindheit: Ein Teil von Ihnen, der stets perfekt funktioniert hat - in diesem Fall Ihr musikalisches Gedächtnis, wenn Sie es so nennen wollen -, streikt plötzlich. Und solange wir nicht wissen, woher diese Störung kommt, was dahinter steckt, können wir sie nicht beheben.

Ich frage mich, ob Sie eine Ahnung haben, wie furchtbar mich diese Eröffnung erschreckt, Dr. Rose. Sie sagen mir das mit teilnehmendem Verständnis, aber ich komme mir trotzdem wie ein Krüppel vor. Ja, ja, ich weiß, das ist ein Wort aus meiner Kindheit, Sie brauchen mich nicht darauf hinzuweisen. Ich kann ja jetzt noch hören, wie mein Großvater es meinem Vater ins Gesicht brüllt, während sie ihn aus dem Haus zerren, und heute noch beschimpfe ich mich selbst täglich mit diesem Wort. Du bist ein Krüppel, sage ich zu mir. Ein armseliger Krüppel. Den Garaus sollte man dir machen, du Krüppel.

Sind Sie denn wirklich einer?, fragen Sie.

Aber ja, was sonst? Ich bin nie in meinem Leben Fahrrad gefahren, ich habe nie Rugby oder Cricket gespielt, nie einen Tennisball geschlagen, ich bin nicht einmal zur Schule gegangen. Ich hatte einen Großvater, der regelmäßig psychotische Schübe hatte, eine Mutter, die wahrscheinlich als Nonne im Kloster glücklicher gewesen wäre und dort vermutlich auch endete, einen Vater, der Tag und Nacht schuftete, um mir eine Karriere zu ermöglichen, und einen Geigenlehrer, der mich von Konzertreisen zu Schallplattenterminen schleppte und niemals aus den Augen ließ. Ich wurde verwöhnt, verhätschelt und angebetet, Dr. Rose. Kann ein Mensch unter solchen Bedingungen »normal« bleiben? Da muss man doch zum Krüppel werden!

Ist es ein Wunder, dass ich von Magengeschwüren gequält werde? Dass ich mir vor jedem Auftritt, mit Verlaub, die Seele aus dem Leib kotze? Dass mir das Hirn manchmal wie ein Vorschlaghammer im Schädel dröhnt? Dass ich seit mehr als sechs Jahren unfähig bin, mit einer Frau zu schlafen? Und selbst als ich das noch konnte, war der Akt niemals mit Nähe, Lust oder Leidenschaft verbunden, sondern immer nur mit einem Drang, es zu erledigen, es hinter mich zu bringen, mir meine armselige Befriedigung zu holen und die Frau möglichst schnell wieder loszuwerden.

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