Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der Fatalismus ist in der Geschichte zur Erklärung der unvernünftigen Erscheinungen unentbehrlich, d.h. zur Erklärung derjenigen Erscheinungen, deren Vernünftigkeit wir nicht begreifen. Je mehr wir uns bemühen, diese Erscheinungen in der Geschichte mit der Vernunft zu erklären, um so unvernünftiger, unbegreiflicher werden sie für uns.
Jeder Mensch lebt um seiner selbst willen, bedient sich seiner Willensfreiheit zur Erreichung seiner persönlichen Ziele und fühlt mit seinem ganzen Wesen, daß er diese oder jene Handlung im nächsten Augenblick tun oder lassen kann; aber sobald er sie tut, wird diese in einem bestimmten Zeitpunkt ausgeführte Handlung unabänderlich, wird ein Stück Eigentum der Geschichte, in der sie nicht die Bedeutung eines Resultates des freien Willens, sondern die Bedeutung eines vorherbestimmten Ereignisses hat.
Das Leben eines jeden Menschen hat zwei Seiten: ein persönliches Leben, welches um so freier ist, je abstrakter seine Interessen sind, und ein elementares Leben, ein Herdenleben, bei dem der Mensch unweigerlich die ihm vorgeschriebenen Gesetze erfüllt.
Der Mensch lebt mit Bewußtsein um seiner selbst willen; aber unbewußt dient er als Werkzeug zur Erreichung der historischen Ziele der ganzen Menschheit. Die vollendete Handlung ist unabänderlich, und ihre Wirkung, welche zeitlich mit den Wirkungen von Millionen Taten anderer Menschen zusammenfällt, erhält eine historische Bedeutung. Je höher der Mensch auf der sozialen Stufenleiter steht, mit je höhergestellten Menschen er Beziehungen hat, je mehr Macht er über andere Menschen besitzt, um so deutlicher ist zu erkennen, daß alle seine Handlungen vorausbestimmt und unvermeidbar sind.
»Das Herz des Königs ist in Gottes Hand.«1
Ein König ist ein Sklave der Geschichte.
Die Geschichte, d.h. das unbewußte, allgemeine Herdenleben der Menschheit, benutzt jeden Augenblick im Leben der Herrscher für sich als Werkzeug zur Erreichung ihrer Ziele.
Obgleich Napoleon im Jahre 1812 mehr als je der Ansicht war, daß es von ihm abhänge, ob er das Blut seiner Völker vergießen wolle oder nicht (wie Alexander in seinem letzten Brief an ihn schrieb), so war er doch nie in höherem Maß als damals jenen unübertretbaren Gesetzen unterworfen, die, während er nach freiem Willen zu handeln meinte, ihn zwangen, für die Allgemeinheit, für die Geschichte eben das zu tun, was sich vollziehen sollte.
Die Menschen des Westens bewegten sich nach Osten, um dort andere Menschen zu töten. Und nach dem Gesetz des Zusammenfallens der Ursachen schoben sich nun diesem Ereignis ganz von selbst Tausende kleiner Ursachen für diese Bewegung und für den Krieg als Stützen unter und trafen mit diesem Ereignis zusammen: die Vorwürfe wegen der Verletzung des Kontinentalsystems; und der Herzog von Oldenburg; und der Einmarsch der Truppen in Preußen, der nach Napoleons Meinung nur unternommen war, um einen bewaffneten Frieden zu erreichen; und die Kriegslust des französischen Kaisers und seine Gewöhnung an den Krieg, womit die Neigung seines Volkes zusammentraf; und der Reiz, den die Großartigkeit der Vorbereitungen ausübte; und die Kosten dieser Vorbereitungen und das Bedürfnis, sich Vorteile zu verschaffen, durch die diese Kosten wieder ausgeglichen werden könnten; und die verblendenden Ehrenbezeigungen in Dresden; und die diplomatischen Unterhandlungen, die nach der Anschauung der Zeitgenossen mit dem aufrichtigen Wunsch geführt wurden, den Frieden zu erhalten, und die doch nur das Ehrgefühl der einen und der andern Partei verletzten; und Milliarden anderer Ursachen, die sich dem Ereignis, das sich vollziehen sollte, als Stützen unterschoben und mit ihm zusammentrafen.
Wenn der Apfel reif geworden ist und fällt, warum fällt er? Weil er von der Erde angezogen wird? Weil sein Stengel dürr geworden ist? Weil sein Fleisch von der Sonne getrocknet ist? Weil er zu schwer geworden ist? Weil der Wind ihn schüttelt? Oder weil der unten stehende Knabe ihn essen möchte?
Nichts davon ist die Ursache, sondern alles zusammen, nur das Zusammentreffen der Bedingungen, unter denen sich in der lebenden Welt jedes organische, elementare Ereignis vollzieht. Und der Botaniker, welcher findet, daß der Apfel deshalb falle, weil sein Zellgewebe sich zersetze, und mehr dergleichen, hat ebenso recht wie das unten stehende Kind, welches sagt, der Apfel sei deswegen gefallen, weil es ihn habe essen wollen und um sein Fallen gebetet habe. Wer da sagt, Napoleon sei nach Moskau gezogen, weil er dazu Lust gehabt habe, und sei zugrunde gegangen, weil Alexander ihn habe zugrunde richten wollen, der hat genau ebenso recht und unrecht wie derjenige, welcher behauptet, ein Millionen Zentner schwerer Berg, der unterminiert wurde und zusammenstürzte, sei deswegen gefallen, weil der letzte Arbeiter unter ihm zum letztenmal mit der Hacke zugeschlagen habe. Bei historischen Ereignissen sind die sogenannten großen Männer nur die Etiketten, die dem Ereignis den Namen geben; sie stehen aber, ebenso wie die Etiketten, mit dem Ereignis selbst kaum in irgendeinem inneren Zusammenhang.
Jede ihrer Handlungen, die sie als das Resultat ihres freien Willens betrachten und um ihrer eigenen Personen willen getan zu haben meinen, ist im geschichtlichen Sinn nicht ein Akt des freien Willens, sondern steht mit dem ganzen Gang der Geschichte in Verbindung und ist von Ewigkeit her vorausbestimmt.
Fußnoten
1 Sprüche Sal. 21, 1.
Anmerkung des Übersetzers.
II
Am 29. Mai brach Napoleon von Dresden auf, wo er drei Wochen zugebracht hatte, umgeben von einem Hofstaat, der aus Fürsten, Herzögen, Königen und sogar einem Kaiser bestand. Vor seiner Abreise sagte Napoleon denjenigen Fürsten, Königen und dem Kaiser, die das verdienten, Liebenswürdigkeiten und schalt die Könige und Fürsten, mit denen er unzufrieden war, aus; er beschenkte die Kaiserin von Österreich mit Perlen und Brillanten, die ihm gehörten, d.h. die er anderen Königen weggenommen hatte, und nahm, wie sein Geschichtsschreiber berichtet, mit einer zärtlichen Umarmung Abschied von der Kaiserin Marie Luise (die für seine Gemahlin galt, obwohl eine andere Gemahlin in Paris zurückgeblieben war), welche über die Trennung tief betrübt war und kaum imstande schien, sie zu ertragen. Trotzdem die Diplomaten noch fest an die Möglichkeit glaubten, den Frieden zu erhalten, und eifrig auf dieses Ziel hinarbeiteten, und trotzdem Kaiser Napoleon selbst an Kaiser Alexander einen Brief schrieb, in welchem er ihn »Mein Herr Bruder« nannte und auf das bestimmteste versicherte, daß er den Krieg nicht wünsche und den Kaiser Alexander immer lieben und hochschätzen werde, reiste er doch zur Armee und erließ auf jeder Station neue Befehle, deren Zweck es war, die Bewegung der Armee von Westen nach Osten zu beschleunigen. Er fuhr, von Pagen, Adjutanten und einer Eskorte umgeben, in einem sechsspännigen Reisewagen auf der Route über Posen, Thorn, Danzig und Königsberg. In jeder dieser Städte empfingen ihn Tausende von Menschen in zitternder Furcht und schwärmerischer Begeisterung.
Die Armee bewegte sich von Westen nach Osten, und unter häufigem Pferdewechsel fuhr er ebendorthin. Am 10. Juni holte er die Armee ein und übernachtete im Wald von Wilkowiski, in einem für ihn vorbereiteten Quartier auf dem Gut eines polnischen Grafen.