Nachts unter der steinernen Bruecke
- Автор: Perutz Leo
- Год: 101
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Nachts unter der steinernen Bruecke». Краткое содержание книги:
Er warf einen Blick auf ein beschriebenes Zettelchen, das mit einem Stein beschwert auf seinem Arbeitstisch lag.
»Mit Namen Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein«, sagte er sodann. »Ist Euch der bekannt?«
»Die Waldsteins«, begann der Hanniwald seine Erklärung, und je länger er sprach, desto mehr geriet er in Eifer, an die »bocksfüßige und gehörnte« Antwort Keplers dachte er nicht mehr, »die Waldsteins sind ein altes böhmisches Geschlecht, leiten sich von zwei Brüdern, Havel und Zavic, her, die im zwölften Saeculo lebten, nennen sich auch Valstein, Wallenstein oder Wartenberg. Ich kenne ihrer drei: den auf Krinic, Heinrich, der ist ein Utraquist. Den auf Slowic im Rakonitzer Kreis, Ernst Johann, der hat von Geburt her nur einen Arm. Und den Ernst Jakob auf Zlotic im Königgrätzer Kreis, den Beichshofrat, sie nennen ihn den Türken, weil er in seiner Jugend Gefangener des Deys in Algier war, — mußte dort Leinwand weben. Dann kannte ich noch einen, den Wilhelm, der saß auf dem Gute Hermanic auch im Königgrätzer Kreis, war mit einer Smirzikka verehelicht, sind beide verstorben. Aber einen Albrecht Wenzel und wie sagtet Ihr? Eusebius? Nein, den kenne ich nicht.«
Der Gedanke, daß es einen Herrn von altem böhmischen Adel gab, über den er nicht Bescheid wußte, ließ ihm keine Ruhe. Er setzte sich, stützte seinen Kopf mit der Hand und dachte nach.
»Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein«, wiederholte er sodann. »Jetzt fällt's mir ein. Ich muß den Namen schon einmal gehört, — nein, nicht gehört, sondern auf einem Aktenstück gelesen haben, und das kann nicht gar lang her sein. Vielleicht, daß er ein Bittgesuch an seine Majestät gerichtet hat, und es ist durch meine Hände gegangen. Offizier? Sagtet Ihr nicht, er sei ein Offizier? Hat er sich nicht kürzlich um ein Kommando bei den in Ungarn stehenden Truppen beworben? Oder um Wartegeld, solang man seiner Dienste nicht bedarf? Oder um sonst ein Recompens für im Kriege bewiesene gute Haltung und Conduite? Mir ist, als hätte ich etwas dergleichen gelesen. Ist sein Gesuch gebührend befürwortet gewesen, hat er sich einen Empfehlungsbrief vom Onkel Reichshofrat oder von sonst wem verschafft? Denn wenn nicht, dann schreibt der Philipp Lang >soll warten!< auf das Bittgesuch und legt's beiseite.«
»Von all dem weiß ich nichts«, erklärte Kepler. »Dieser junge Edelmann hat mir durch einen Boten ein Brieflein geschickt, in dem er mich bat, ad noticiam zu nehmen, daß sein Wunsch und seine Absicht sei, mir am heutigen Tag >In Sachen des Himmels« seine Aufwartung zu machen.«
»In Sachen des Himmels?« verwunderte sich der Hanniwald. »So gehört er also dem geistlichen Stande an?«
»Nein«, sagte Kepler. »In Sachen des Himmels, — das will heißen, daß ich den Stand der Planeten zur Zeit seiner Geburt erforschen und ihm sodann ein Prognostikon schreiben soll. Er steht, so mein' ich, vor wichtigen Entscheidungen, vielleicht vor einer Wende seines Lebens, und begehrt meinen Rat.«
»Wer aber sich vermißt, das künftige Geschick der Menschen, das Gott allein vorausschaut, zu verkünden, der ist ein gemeiner Lügenschmied und nichts anderes. — Ist es nicht so, Domine Kepler?« spottete der Hanniwald.
»So ist es. Ja, so ist es«, bestätigte Johannes Kepler, und er war in einen Gedanken so verstrickt und versponnen, daß er den Spott nicht merkte. »Denn wer die Dinge bloß und allein aus dem Himmel vorhersagt, der geht auf keinem rechten Grund, und wo es ihm gerät, hat er's dem Glück zu danken. Mir aber gilt, mehr als jegliches Gestirn, des Menschen Natur und Neigung, sein Gemüt und seiner Seele Vernunft. Dies alles aber...«
Er nahm den Brief des Herrn von Waldstein vom Tisch und betrachtete ihn schweigend eine Weile hindurch.
»Dies alles spiegelt sich in seiner Schrift«, sagte er sodann.
»Hör' ich recht?« rief der Hanniwald. »Ihr wollt eines Menschen Natur, seine Neigungen und sein Gemüt aus eben dieses Menschen Schrift erkennen? Domine Kepler ...«
»All dies und noch viel mehr«, unterbrach ihn Kepler. »Wenn ich eines Menschen Schrift eine Zeit hindurch recht aufmerksam betrachte, so gewinnt sie Leben und spricht zu mir, sie enthüllt mir seine geheimsten Gedanken und seine verborgenen Pläne. Ich kenne diesen Menschen sodann von Grund aus und so gut, als hätt' ich in jahrelangem Umgang einen Scheffel Salz mit ihm gegessen.«
Seine letzten Worte gingen im schallenden Gelächter des Hanniwald verloren.
»Das hab' ich nicht gewußt«, rief der Geheimsekretär des Kaisers, »bei meiner Seele, das hab' ich nicht gewußt, daß man sich solch ein Zettelchen nur unter die Nase halten muß, und schon beginnt es, confessiones zu machen. Bei meiner Seele, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr ein Träumer und arger Phantast seid, Domine Kepler, so müßt' ich mich wahrhaftig davor hüten, daß Euch jemals etwas, das ich geschrieben habe, in die Hände kommt. Aber sagt mir doch, - was hat Euch die Schrift dieses Herrn von Waldstein über ihn verraten?«
»Große Dinge, Herr Secretarius, große Dinge!« sagte Johannes Kepler. »Viel Böses, vieles, was mich erschreckt hat, aber, in summa, große Dinge. Er ist gar unruhig, dieser Herr von Waldstein, nach Neuerungen begierig, trachtet nach seltsamen Mitteln, um seine Pläne zu fördern, ist argwöhnisch, zu Zeiten melancholisch, verachtet menschliche Gebote, wird dessenthalben auch oftmals mit seiner Obrigkeit in Konflikte kommen, bis er gelernt hat, zu dissimulieren und seine wahre Meinung zu verbergen. Ist ohne Erbarmen und brüderliche Lieb', — und dennoch: Seine ungewöhnliche Natur, die ihn heut nach Macht und Dignitäten trachten heißt, wird dereinst, wenn sie zur Reife und vollen Entfaltung gelangt, zu hohen und erhabenen Taten fähig sein.«
»Der Tausend! Man wird von diesem Herrn von Waldstein also wohl noch hören«, meinte der Hanniwald. »Bis jetzt hat er freilich nicht viel Redens von sich gemacht. Und das alles habt Ihr aus diesem Zettelchen erraten. Nun, Domine Kepler, ich bin keiner von denen, die gelernt haben, zu dissimulieren und ihre wahre Meinung zu verbergen, und darum sag' ich es Euch frei heraus, daß ich das alles für Spielereien eines gelehrten Kopfes nehme. Euer Diener, Domine Kepler, Euer gehorsamer Diener!«
Johannes Kepler begleitete den Geheimsekretär des Kaisers die Treppe hinunter und schloß die Haustür auf. Es hatte zu schneien begonnen. Es war der erste Schnee, der in diesem Herbst gefallen war.
Als Kepler wiederum in seiner Stube war, dachte er nicht mehr an den Hanniwald und an das Gespräch, das er mit ihm geführt hatte. Er sah eine Schneeflocke, die an dem Ärmel seines Mantels hängengeblieben war, und betrachtete sie durch ein Brennglas. Dann griff er zur Feder und schrieb mit dem Lächeln eines, der seine Meinung wiederum bestätigt gefunden hat, auf ein Blatt Papier die Worte:
»De nive sexangula. - Von dem sonderlichen, vielgestaltigen, aber immer sechswinkeligen Wesen der Schneesternlein.«
Wahrhaftig, ein unruhiger Kopf, oder irgend etwas verdrießt ihn und macht ihn ungeduldig, sagte Johannes Kepler zu sich selbst, als er sah, daß der junge Offizier, der »in Sachen des Himmels« zu ihm gekommen war, nicht eine halbe Minute lang stillsitzen wollt', sondern erst hin- und herrückte, dann aber aufsprang und in der Stube auf und nieder ging.
»Ihr seid also«, wandte er sich jetzt wiederum an seinen Besucher, »am heutigen Tag dreiundzwanzig Jahre, zwei Monate und sechs Tage alt.«
»Ja«, sagte der junge Edelmann, und er ging vom Fenster zum Ofen und streckte die Hände aus, um sie zu erwärmen, und dann erst merkte er oder er merkte es auch nicht, daß kein Feuer im Ofen war, »ja, Herr, und wenn Ihr damit sagen wollt, daß andere in diesem Alter schon denkwürdige Taten vollbracht und ihren Namen in das Ehrenbuch der Geschichte eingetragen haben — wenn Ihr das meint, so habt Ihr völlig recht. Ich kann auf nichts anderes verweisen, als daß ich in Padua und in Bologna die Kriegswissenschaft studiert, und daß ich mich hernach unter dem General Basta hab' gegen die Türken brauchen lassen. Hab' einen Bassa oder Beg in seinem Quartier ausgehoben, aber dies ist auch alles, dessen ich mich rühmen kann. Nach der Affaire von Gran hab' ich den Dienst quittiert und bin sodann Es ist nicht zu ertragen!« unterbrach er sich und preßte die Hand an seine Schläfe, als verspüre er dort einen jähen und grausamen Schmerz.