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Die zwölf Gebote

Электронная книга - «Die zwölf Gebote». Краткое содержание книги:

12 Geschichten vom Sinn und Unsinn der 12 Gebote: von Menschen, die erst durch die Nichtbeachtung der Gebote ihr Glück fanden, zum Beispiel von Tony, dem jungen sizilianischen Bildhauer, der entgegen dem heiligen Gebot ein Ebenbild Gottes fertigt, das ihm zu Reichtum und der Hochzeit mit seiner Geliebten verhilft.
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Mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Die Wände waren so hellhörig, daß Donald jedes Wort verstand, das in der Nachbarwohnung gesprochen wurde. Der Mann kam ständig betrunken und zornig nach Hause, und die Frau versuchte ihn zu beruhigen.

Dann waren die Geräusche von Ohrfeigen zu hören und wie sie sagte: „Bitte, schlag mich nicht."

Und daraufhin wieder Geräusche von Schlägen. Wenn ich nur etwas tun könnte, dachte Donald.

Eines Samstag morgens, als er seine Wohnung verließ, traf er wieder einmal mit seiner Nachbarin zusammen.

„Guten Morgen", sagte er. „Arbeiten Sie auch samstags?"

„Nein, ich gehe nur irgendwohin frühstücken. Mein Mann schläft noch."

„Darf ich Sie begleiten?"

Sie zögerte.

Er wußte, was sie dachte. „Keine Angst", sagte er. „Ihr Mann erfährt es nicht. Und außerdem, was ist schon dabei, wenn man zusammen frühstückt?" Sie lächelte. „Na gut."

Sie gingen zu einem kleinen Cafe in der Nähe.

„Ich freue mich, daß Sie meine Nachbarin geworden sind", sagte Donald.

Sie lächelte. „Es ist eine hübsche Wohnung." Aber sie wußte natürlich, was Donald meinte. Er freute sich, daß sie in die Wohnung neben der seinen eingezogen war, weil sie sich dadurch kennengelernt hatten.

„Was machen Sie beruflich?" fragte Donald. „Ich bin Krankenschwester. Ich arbeite in einer Klinik." „Wie sind Sie ausgerechnet Krankenschwester geworden?" Sie lächelte wieder. „Schon als kleines Mädchen wollte ich mich um andere Leute kümmern. Mein Vater war die meiste Zeit sehr krank, und als meine Mutter starb, pflegte ich ihn. Ich hatte auch eine Schwester, der es nicht gut ging, und auch für die sorgte ich." Sie fügte verlegen hinzu: „Dies zu tun, gefällt mir."

Donald dachte: Wie gern hätte ich es, wenn jemand wie du für mich sorgte.

„Wie lange sind Sie schon verheiratet?"

„Zwei Jahre", sagte sie und zog die Stirn in Falten.

„Wie haben Sie Ihren Mann eigentlich kennengelernt ?"

„Als Patient in meinem Krankenhaus", erzählte sie. „Er hatte nach einer Schlägerei einige gebrochene Rippen. Ich pflegte ihn, und als er wieder gesund war, machte er mir einen Heiratsantrag." Sie sagte: „Ich weiß schon, was Sie jetzt denken. Aber als ich ihn heiratete, war er nicht so wie jetzt. Da war er noch freundlich und sanft und gutmütig. Ich gebe mir selbst die Schuld an seiner Veränderung."

„Aber ich bitte Sie", sagte Donald. „Sie können doch nicht verantwortlich für das sein, was er tut. Man ist nur für sich selbst verantwortlich."

„Das würde ich ja gerne glauben", antwortete sie. „Aber er gibt mir solche Schuldgefühle."

„Das dürfen Sie einfach nicht zulassen", sagte Donald. Die Bedienung kam, und sie bestellten ihr Frühstück. Donald sah, daß die Frau Mühe hatte, zu essen, weil ihr ganzes Gesicht verschwollen war. In seinem ganzen Leben hatte ihm noch niemand so leid getan wie sie.

„Wo stammen Sie her?" fragte er. „Aus Chicago", sagte sie. „Ich auch!" sagte Donald. „Von der East Side." „Da bin ich ebenfalls geboren und aufgewachsen." „Was hat Ihnen in Chicago besonders gefallen?" „Ich bin gern in die Oper und ins Theater gegangen." „Ich auch!" sagte Donald wieder.

Es war ganz erstaunlich, wieviele Gemeinsamkeiten sie entdeckten. Sie redeten weiter über Chicago und die Schulen, die sie besucht hatten, und die Zeit verflog nur so. Donald war noch nie mit jemandem so gern zusammen gewesen wie mit ihr.

Ich will mein ganzes Leben mit ihr verbringen, dachte er. Aber er wußte, daß das unmöglich war, solange sie diesen brutalen Ehemann hatte.

Wenn er zuvor nur vermutet hatte, daß er diese Frau liebte, so wußte er es nach ihrem gemeinsamen Frühstück ganz genau und sicher. Sie war der netteste und liebste Mensch, dem er jemals begegnet war.

Er deutete auf ihr verschwollenes Gesicht. „So kann das nicht weitergehen", sagte er. „Der Mann bringt Sie ja noch um." In ihren Augen standen Tränen. „Ich weiß nicht mehr aus noch ein."

„Verlassen Sie ihn."

Aber sie schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Ich habe ihn geheiratet und muß bei ihm bleiben." „Lieben Sie ihn denn?" fragte Donald.

Sie sah ihm in die Augen und bekannte: „Jetzt nicht mehr." Sein Herz machte einen Freudensprung. Er legte seine Hand auf die ihre. „Ich freue mich, daß wir uns kennengelernt haben", sagte er.

„Ich mich auch." Und da war ihr wunderschönes Lächeln wieder.

Donald begleitete sie zurück zur Wohnung.

Kaum war die Tür hinter ihr zu, hörte er auch schon ihren Mann brüllen. „Wo bist du gewesen? Mit wem hast du dich her umgetrieben?"

„Mit niemandem", hörte er sie sagen. „Ich bin nur schnell frühstücken gegangen." „Lüg doch nicht!"

Dann hörte Donald das Geräusch eines Schlages und wie jemand auf den Boden fiel. Und wie die Frau schluchzte. „Bitte, laß mich."

Aber dem folgte nur ein weiterer Schlag, auf den hin die Frau laut aufschrie.

Das höre ich mir jetzt nicht mehr länger an, dachte Donald.

Er überlegte, ob er einfach in die Wohnung hineinstürmen sollte, um den Mann zur Vernunft zu bringen.

Aber dann fiel ihm ein, daß der Mann bald doppelt so groß und stark war wie er. Nicht im Traum konnte er es mit ihm aufnehmen.

Die Streitigkeiten in der Wohnung nebenan wurden immer schlimmer. Der Mann kam ständig mitten in der Nacht betrunken heim, und Donald hörte, wie er seine Frau aufweckte und anschrie.

„Ich war mit einer richtigen Frau zusammen heute"! prahlte er dann. „Einer mit Feuer in den Adern." „Warum gehst du dann nicht wieder zu ihr?" sagte die Frau. Daraufhin folgten wieder einmal die Geräusche von Ohrfeigen und Schlägen.

Ab und zu begegnete Donald der Frau im Treppenhaus, und jedesmal hatte sie entweder ein blaues Auge oder eine geschwollene Lippe, und man merkte daran, wie sie ging, daß sie Schmerzen hatte.

„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?" fragte er dann. Und sie antwortete stets nur: „Ja, ja, alles ist in Ordnung." Nie hörte er sie klagen. Er wollte zwar nichts sehnlicher als ihr helfen. Aber wie sollte er das anstellen? Es fiel ihm nichts ein.

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