Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
»Diesen Vorschlag nehme ich an, aber unter der Bedingung, dass ich Ihnen sogleich vierhundert Francs bezahle, so dass der Wagen uns beiden zu gleichen Teilen gehört und wir einen Verlust gerecht teilen können.«
»Ich suche keine Scherereien mit Ihnen, Monsieur, und nehme Ihren Vorschlag bereitwillig an, obwohl ich finde, dass dies eine Menge Förmlichkeiten zwischen Landsleuten ist.«
Der Offizier wandte sich an den Postmeister. »Ich kaufe diesem Herrn die Hälfte deines Wagens ab«, sagte er, »hier hast du vierhundert Francs.«
Der Postmeister blieb mit verschränkten Armen stehen. »Monsieur hat mich schon bezahlt«, sagte er, »Ihr Geld steht ihm zu und nicht mir.«
»Kannst du das nicht ein wenig höflicher sagen, du Spitzbube?«
»Ich sage es, wie ich es sage, fangen Sie damit an, was Sie wollen.«
Der Offizier machte eine Handbewegung, als wollte er seinen Säbel ziehen, doch er begnügte sich damit, die Hand in den Gürtel zu haken, und drehte sich zu seinem Reisegefährten um.
»Monsieur«, sagte er mit umso bemerkenswerterer Höflichkeit, als sein Ton dem Postmeister gegenüber unfreundlich gewesen war, »darf ich Sie bitten, die vierhundert Francs anzunehmen, die ich Ihnen schulde?«
Der erste Reisende verneigte sich und klappte den eisernen Verschluss eines kleinen ledernen Koffers auf, den er an einem Gurt trug, der sich über seiner Brust mit dem Gurt kreuzte, an dem sein Stutzen befestigt war.
Der Offizier ließ die Geldstücke, die er in der Hand hielt, in den Koffer fallen.
»Monsieur«, sagte er, »wir können aufbrechen, sobald es Ihnen beliebt.«
»Wollen Sie Ihren Koffer nicht hinten am Wagen festmachen lassen?«
»Nein, danke, ich werde ihn als Rückenstütze benutzen; er wird meine Rippen vor dem Geholper dieses alten Gerippes schützen, und außerdem habe ich darin ein Paar Pistolen, die ich nicht ungern in der Nähe behalte. Zu Pferd, Postillion, zu Pferd!«
»Die Herren wollen keine Eskorte mieten?«, fragte der Postmeister.
»Ha! Hältst du uns für Nonnen, die in ihr Kloster zurückfahren?«
»Ganz, wie Sie wünschen; es steht Ihnen frei.«
»Das ist der Unterschied zwischen uns und dir, du alter bigotter Teufel!« Und dem Postillion rief er zu: »Avanti, avanti!«
Der Postillion fuhr im Galopp an.
»Über die Via Appia, nicht durch die Porta San Giovanni di Laterano«, rief der Reisende, der als Erster an der Poststation gewesen war.
99
Die Via Appia
Es war fast elf Uhr vormittags, als die zwei jungen Männer in ihrem offenen Kabriolett die Pyramide des Sextius zur Rechten hinter sich ließen und die großen Pflastersteine der Via Appia befuhren, denen zweitausend Jahre Geschichte nichts hatten anhaben können.
Wie wir wissen, war die Via Appia im Rom Cäsars, was die Champs-Élysées, der Bois de Boulogne oder die Buttes Chaumont im Paris des Monsieur Haussmann sind.
In den Hochzeiten der Antike hieß sie »die große Appia«, die Königin der Straßen, der Weg zum Elysium; sie war im Leben wie im Tod der Ort, an dem die Reichsten, Edelsten und Vornehmsten der Ewigen Stadt sich ein Stelldichein gaben.
Bäume jeder Art spendeten Schatten, insbesondere prachtvolle Zypressen, die prunkvolle Grabmäler beschatteten; auch an den anderen Straßen, an der Via Flaminia und der Via Latina, befanden sich Gräber wie an der Via Appia. Der Ort, wo der Leichnam die Ewigkeit verbringen würde, war von vordringlichem Interesse für die Römer der Antike, deren Todesbesessenheit an die der Engländer heranreichte und bei denen unter der Herrschaft insbesondere Tiberius’, Caligulas und Neros der Selbstmord geradezu epidemische Ausmaße annahm.
Nur in seltenen Fällen überließ man als Lebender die Sorge um sein Grab den Erben, denn es war eine ganz besondere Befriedigung, mit eigenen Augen zuzusehen, wie das Grabmal entstand, und die meisten bis heute erhaltenen Grabmäler tragen entweder die zwei Buchstaben V und F, was bedeutet: Vivus Fecit, oder V S P, was heißt: Vivus Sibi Posuit, oder aber die Buchstaben V F C, und dies heißt Vivus Faciendum Curavit.
In der Tat war es für einen Römer, wie wir sehen werden, von größter Wichtigkeit, sich einer seit den Tagen Ciceros eingebürgerten religiösen Tradition gemäß bestatten zu lassen, auch wenn seit ebenjener Zeit die verschiedenen Formen des Glaubens im Schwinden begriffen waren und ein Augur – wenn wir unserem Rechtsgelehrten aus Tusculum glauben wollen – lachen musste, wenn er seinesgleichen begegnete, doch unverbrüchlich glaubte man, dass die Seele des Toten, der nicht bestattet worden war, hundert Jahre lang am Ufer des Styx umherirren musste. Wer unterwegs auf einen Leichnam stieß und diesen nicht bestattete, beging ein Sakrileg, für dessen Sühne er Ceres eine Sau opfern musste.
Doch die Bestattung war noch nicht alles, man wünschte auch, behaglich bestattet zu sein; der heidnische Tod, gefallsüchtiger als der unsere, zeigte sich den Sterbenden der Zeit eines Augustus keineswegs etwa als klapperndes Skelett mit knöchernem Totenkopf, leeren Augenhöhlen und furchterregendem Grinsen – nein, er zeigte sich in Form einer schönen Frau, der bleichen Tochter des Schlafs und der Nacht, mit langen aufgelösten Haaren, weißen und kalten Händen und eisigen Küssen, fast als wäre sie eine unbekannte Freundin, die aus der Finsternis kam, wenn man sie rief, ernst, langsam und schweigend näher trat, sich über das Kopfkissen des Sterbenden beugte und ihm mit demselben unheilvollen Kuss Lippen und Augen zugleich schloss. Dann war der Leichnam taub, stumm und fühllos bis zu dem Augenblick, da der Scheiterhaufen für ihn entzündet wurde, und wenn die Flammen seinen Körper verzehrten und den Geist von der Materie sonderten, wurde die Materie zu Asche und der Geist wurde göttlich. Diese neue Gottheit, die zu den Manen gehörte, den Totengöttern, blieb für die Lebenden so unsichtbar wie unsere Gespenster, nahm aber wieder die Gewohnheiten, Vorlieben und Leidenschaften des Verstorbenen auf; sie ergriff gewissermaßen Besitz von seinen Empfindungen, liebte, was er geliebt hatte, und hasste, was er gehasst hatte.
Deshalb legte man in das Grab eines Kriegers dessen Schild, Speere und Schwert, in das Grab einer Frau ihre Nadeln, ihre Diamanten, ihre goldenen Ketten und Perlenhalsbänder und in das Grab eines Kindes seine Lieblingsspielsachen, Brot, Früchte und in einem Alabastergefäß einige Tropfen Milch aus der Mutterbrust, an der es nur so kurz gesaugt hatte.
Und wenn die Lage des Hauses, das sie während ihres kurzen Lebens bewohnten, den Römern ernsthafter Erwägung würdig erschien, dann kann man sich denken, welch noch größere Aufmerksamkeit sie auf den Entwurf, die Lage und die mehr oder wenige erfreuliche, mehr oder weniger ihrem Geschmack, ihren Gewohnheiten und ihren Wünschen entsprechende Umgebung jener Behausung richten mussten, die sie in alle Ewigkeit bewohnen würden, denn die Manen waren sesshafte Gottheiten und an ihre Grabmäler gebunden, was ihnen allerhöchstens erlaubte, einen Spaziergang um das Grab herum zu machen.
Manche waren den ländlichen Freuden gewogen und von einfachem Geschmack und bukolischer Neigung; diese wenigen ordneten an, ihre Grabmäler in ihren Gärten oder auf ihren Ländereien zu errichten, damit sie ihre Ewigkeit in Gesellschaft der Nymphen, der Faune und Dryaden verbringen konnten, in Schlaf gewiegt vom sanften Geräusch der im Wind raschelnden Blätter, unterhalten vom Rauschen der Bäche über den Kieseln, entzückt vom Gesang der Vögel in den Zweigen.
Diese waren die Philosophen und die Weisen; andere jedoch – und sie waren die Mehrzahl, die große Mehrheit, der überwiegende Teil – bedurften ebenso sehr der Bewegung, der Unruhe und des Tumults wie Erstere der Ruhe und Sammlung, und diese anderen erwarben zu Höchstpreisen Grundstücke am Straßenrand, dort, wo Reisende aus allen Ländern vorbeikamen, die Neuigkeiten aus Asien und Afrika nach Europa brachten, Grundstücke an der Via Latina, an der Via Flaminia und vor allem an der Via Appia, welche so mondän geworden war, dass sie allmählich weniger als Landstraße betrachtet wurde denn als Vorort der Stadt Rom; sie führte zwar noch nach Neapel, doch links und rechts säumten sie Häuser, die Paläste waren, und Grabmäler, die Monumente waren; und so kam es, dass die begüterten Manen, die vom Schicksal so begünstigt waren, an der Via Appia bestattet zu sein, nicht nur bekannte und unbekannte Passanten vorbeiwandern sahen und nicht nur hörten, was die Reisenden an Neuigkeiten über Asien und Afrika austauschten, sondern darüber hinaus sogar aus dem Mund ihrer Grabmäler und mit ihren Grabinschriften zu diesen Passanten sprachen.