Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Es geschah nicht in Sekundenschnelle. Es zog sich über eine Zeitspanne von solcher Länge hin, dass es wie eine Ewigkeit schien. Und mit jeder Sekunde, die verging, gewann Gideon, im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte und nicht durch einen Gipsverband behindert, der sein Bein vom Fuß bis zum Knie umschloss, mehr Abstand von seinem Vater. Und nicht nur Abstand, sondern vor allem gewann er Gewissheit. Und das durfte nicht sein!
Richard humpelte die Treppe hinunter, so schnell er es schaffte. Unten lag Jill, reglos, mit schlaffen Gliedern. Als er zu ihr trat, begannen ihre Augenlider, die im schwachen Licht, das durch die Foyerfenster fiel, blau aussahen, zu flattern, und ihre Lippen öffneten sich zu einem Stöhnen.
»Mama«, flüsterte sie.
Ihr Rock war hochgerutscht, ihr gewölbter Bauch auf obszöne Weise entblößt. Ihr Mantel lag wie ein riesiger Fächer über ihrem Kopf ausgebreitet.
»Mama?«, flüsterte sie wieder. Dann ächzte sie. Dann schrie sie auf und drückte ihren Rücken durch.
Richard kniete neben ihrem Kopf nieder. Hektisch durchsuchte er die Taschen ihres Mantels. Er hatte doch gesehen, wie sie die Schlüssel in ihre Manteltasche geschoben hatte. Verdammt noch mal, er hatte es doch gesehen! Er musste die Schlüssel finden. Wenn ihm das nicht gelang, würde Gideon bald über alle Berge sein, und er musste zu ihm, musste mit ihm sprechen, ihm erklären… Die Schlüssel waren nicht da. Richard fluchte. Er richtete sich auf. Er kehrte zur Treppe zurück und begann, sich in panischer Hast die Stufen hinaufzuziehen. Zu seinen Füßen rief Jill laut:
»Catherine«, und Richard zog sich am Treppengeländer hoch und keuchte wie ein Sprinter und dachte nur daran, wie er seinen Sohn aufhalten könnte.
Wieder in der Wohnung, suchte er nach Jills Handtasche. Sie lag neben dem Sofa auf dem Boden. Er hob sie auf, kämpfte mit dem idiotischen Verschluss. Seine Hände zitterten. Seine Finger waren ungeschickt. Er schaffte es nicht - Es klingelte irgendwo. Er hob den Kopf, schaute sich im Zimmer um. Aber da war nichts. Er konzentrierte sich wieder auf die Handtasche. Es gelang ihm, den Verschluss zu öffnen, und er riss die Tasche mit einem Ruck auf und leerte ihren Inhalt auf das Sofa.
Es klingelte irgendwo. Er ignorierte es. Er wühlte in Lippenstiften, Puderdosen, Scheckbuch, Geldbörse, zusammengeknüllten Papiertüchern, Kugelschreibern - und dann hatte er sie. Fünf Schlüssel an dem vertrauten Chromring, zwei messingfarben, drei silbern. Einer für ihre Wohnung, einer für seine, einer für das Haus ihrer Eltern in Wiltshire und zwei für den Humber, Zündung und Kofferraum. Er nahm sie an sich.
Es klingelte irgendwo. Lang, laut, nachdrücklich diesmal. Augenblickliche Kenntnisnahme fordernd.
Er fluchte, stellte endlich fest, woher das Klingeln kam. Die Glocke unten an der Haustür. Gideon? Gott, Gideon? Aber er hatte einen eigenen Schlüssel. Er würde nicht läuten.
Immer noch klingelte es. Richard beachtete es nicht mehr. Er eilte zur Wohnungstür.
Das Läuten hörte endlich auf. In Richards Ohren rauschte nur sein eigener Atem. Er klang wie das Heulen verlorener Seelen, und Schmerz begleitete ihn, Schmerz, der brennend sein rechtes Bein hinaufkroch und gleichzeitig pochend seinen ganzen rechten Arm von der Hand bis zur Schulter durchzog. Er hatte Seitenstechen vor Erschöpfung und konnte nicht mehr richtig durchatmen.
Oben an der Treppe blieb er stehen und blickte nach unten. Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in tiefen Atemzügen. Die Luft, die er einsog, war feucht und schal.
Er begann, die Stufen hinunterzusteigen. Er hielt sich am Geländer fest. Jill hatte sich nicht gerührt. Konnte sie? Würde sie? Es spielte kaum eine Rolle, solange Gideon auf der Flucht war.
»Mama? Hilfst du mir?« Ihre Stimme war schwach. Aber Mama war nicht da. Mama konnte nicht helfen.
Aber Daddy war da. Daddy konnte helfen. Er würde immer da sein. Nicht diese Gestalt der Vergangenheit, erfüllt von einem schlauen Wahnsinn, der kam und ging und den Weg versperrte zu Daddy. Ja, mein Sohn, du bist mein Sohn. Sondern der Daddy der Gegenwart, der nicht scheitern konnte, nicht wollte, nicht würde. Ja, mein Sohn, du bist mein Sohn. Alles, was du tust, alles, was du kannst. Das alles bist du. Mein Sohn.
Richard erreichte die breitere Zwischenstufe.
Er hörte, wie unten die Haustür geöffnet wurde.
Er rief: »Gideon!«
»Oh, Hölle und Verdammnis!«, antwortete die Stimme einer Frau.
Ein vierschrötiges Geschöpf in einer dunkelblauen Marinejacke stürzte sich auf Jill. Ihr folgte ein Mann im Regenmantel, den Richard Davies nur zu gut erkannte. Er hielt eine Kreditkarte in der Hand, das Werkzeug, mit dem er die verzogene alte Haustür von Braemar Mansions geöffnet hatte.
»Guter Gott!« sagte Lynley und kniete ebenfalls neben Jill nieder. »Rufen Sie einen Rettungswagen, Havers.« Dann hob er den Kopf.
Sein Blick traf sofort auf Richard Davies, der mit Jills Autoschlüsseln in der Hand auf der Treppe stand.
Barbara fuhr mit Jill Foster ins Krankenhaus. Lynley brachte Richard Davies zum nächsten Polizeirevier. Zufällig war es das in der Earl's Court Road, von dem aus an einem Abend vor mehr als zwanzig Jahren Malcolm Webberly aufgebrochen war, um den Tod der kleinen Sonia Davies zu untersuchen, die unter verdächtigen Umständen in der Badewanne ertrunken war.
Ob Richard Davies sich der Ironie dieses Zufalls bewusst war, war ihm nicht anzumerken. Er sprach, wie ihm das zustand, kein Wort mehr, nachdem Lynley ihn über seine Rechte aufgeklärt hatte. Der Bereitschaftsanwalt wurde geholt, um ihn zu beraten, aber das Einzige, was Davies wissen wollte, war, wie er seinem Sohn eine Nachricht zukommen lassen könne.
»Ich muss meinen Sohn sprechen«, erklärte er dem Anwalt.
»Gideon Davies. Sie haben sicher von ihm gehört. Der Geiger…«
Sonst hüllte er sich in Schweigen. Er würde an der Geschichte, die er Lynley bei früherer Gelegenheit erzählt hatte, festhalten.
Er kannte seine Rechte, und die Polizei hatte keine Beweise gegen Gideon Davies' Vater in der Hand.
Aber sie hatten den Humber. Lynley fuhr mit dem zuständigen Team noch einmal zu den Cornwall Gardens zurück, um die Beschlagnahmung des Fahrzeugs zu beaufsichtigen. Wie von Winston Nkata vorhergesagt, hatte der Wagen, mit dem zwei, wahrscheinlich sogar drei Menschen niedergefahren worden waren, vor allem an der vorderen Stoßstange Schaden genommen. Das Prachtstück aus Chrom war ziemlich übel zugerichtet. Aber ein geschickter Verteidiger würde so einen Beweis mühelos zerpflücken, darum wollte Lynley gar nicht erst darauf aufbauen. Er baute auf etwas anderes, was derselbe geschickte Verteidiger nicht so leicht würde aus der Welt schaffen können - Spuren unter der Stoßstange und am Fahrgestell des Humber. Es war wohl kaum möglich, dass Richard Davies Kathleen Waddington und Malcolm Webberly angefahren und seine geschiedene Frau dreimal überrollt hatte, ohne dass Blut, Hautpartikel oder ein Haar, wie sie es dringend brauchten - ein Haar mit Kopfhautspuren daran -, am Fahrgestell zu finden waren. Davies hätte an die Möglichkeit solcher Spuren denken müssen, um sie entfernen zu können. Und Lynley war ziemlich sicher, dass er das versäumt hatte. Er wusste aus langer Erfahrung, dass kein Verbrecher an alles denkt.
Er rief Leach an, berichtete seine Neuigkeiten und bat ihn, sie an Assistant Commissioner Hillier weiterzugeben. Er würde in Cornwall Gardens bleiben, sagte er, bis der Humber abgeschleppt war, und danach Eugenie Davies' Computer holen, wie er das ursprünglich vorgehabt hatte. Ob Chief Inspector Leach den Computer überhaupt noch haben wolle?