Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Nicht nach so langer Zeit.«
»Doch, nach so langer Zeit. Weil ich nichts getan habe. Verstehst du? Ich wusste es und habe nichts getan. Ich habe dich damit allein gelassen. Du warst die Frau, die ich liebte, die Frau, die ich haben wollte, und ich ignorierte einfach, was geschah, weil .«
Er merkte, dass sie ihn immer noch nicht ansah und den Kopf so hielt, dass ihre nach vorn fallenden Haare ihr Gesicht verbargen. Aber er hörte nicht auf zu sprechen, denn er verstand endlich, was ihn damals motiviert hatte und was die Ursache für sein schlechtes Gewissen war. »Weil ich selbst überhaupt nicht damit zurecht kam«, sagte er. »Weil ich es so nicht geplant hatte, und wehe all dem, was meinem genau festgelegten Lebensplan in die Quere kam! Solange du nichts sagtest, konnte ich die Dinge einfach laufen lassen, konnte mich treiben lassen, ohne irgendwelche Unbequemlichkeiten auf mich nehmen zu müssen. Und als du nichts sagtest, redete ich mir ein, ich hätte mich geirrt. Dabei wusste ich genau, dass es nicht so war. Ich sagte also nichts. Den ganzen Juli, den ganzen August und September. Und das, was auf dich zukam, als du den Entschluss fasstest, zu handeln, ließ ich dich ganz allein tragen.«
»Es war meine Verantwortung.«
»Unsere! Es war unser Kind. Es war unsere Verantwortung. Aber ich habe dich allein gelassen. Und das tut mir Leid.«
»Dazu besteht kein Anlass.«
»Doch. Denn als du Simon geheiratet hast, als du eine Fehlgeburt nach der anderen erlitten hast, musste ich immer denken, wenn du dieses Kind bekommen hättest, unser Kind, dann wäre vielleicht -«
»Tommy! Nein!« Sie hob ruckartig den Kopf.
»- das alles nicht geschehen.«
»So war es nicht«, entgegnete sie. »Glaube mir. So war es nicht. Du brauchst dich wegen damals nicht selbst zu bestrafen. Du hast mir gegenüber keine Verpflichtung.«
»Heute vielleicht nicht mehr. Damals schon.«
»Nein. Und es hätte sowieso nichts geändert. Du hättest darüber sprechen können, ja. Du hättest anrufen können. Du hättest gleich mit der nächsten Maschine zurückkommen und mir sagen können, was du vermutetest. Aber das alles hätte nichts geändert. Kann sein, dass wir in aller Eile geheiratet hätten oder so was. Vielleicht wärst du sogar bei mir in Santa Barbara geblieben, damit ich die Ausbildung am Institut hätte abschließen können. Aber ein Kind hätte es nicht gegeben und wird es nie geben, wie sich erwiesen hat.«
»Wie meinst du das?«
Sie hockte sich auf die Fersen, legte Schere und Klebeband aus der Hand. »Genau so, wie ich es sage«, antwortete sie. »Ganz gleich, was ich getan hätte, ein Kind hätte es nie gegeben. Ich wartete damals nur nicht lange genug, um das herauszufinden.« Sie zwinkerte hastig gegen die Tränen an und wandte sich ab, um mit starrem Blick das Bücherregal zu fixieren. Nach einem Moment sah sie ihn wieder an. »Ich hätte auch unser Kind verloren, Tommy. Man nennt es symetrische Translokation.«
»Was ist das?«
»Mein - wie soll ich es nennen? Problem? Defekt? Leiden?« Sie lächelte mit bebenden Lippen.
»Deborah, was sagst du mir da?«
»Dass ich keine Kinder bekommen kann. Niemals. Unvorstellbar, dass ein einzelnes kleines Chromosom solche Macht besitzen kann, aber so ist es.« Sie drückte sich einen Finger auf die Brust und sagte: »Phänotyp: normal in jeder Hinsicht. Genotyp… na ja, es besteht eine >exzessive Abortus-Neigung< - so wurde mir das gesagt -, klingt das nicht obszön? So was muss natürlich einen medizinischen Grund haben. Bei mir ist es ein genetischer Fehler: Das einundzwanzigste Chromosom ist verkehrt gebaut.«
»Mein Gott«, sagte er. »Deb, ich -«
»Simon weiß es noch nicht«, unterbrach sie ihn hastig. »Und im Moment ist es mir auch lieber so. Ich hatte ihm eigentlich versprochen, dass ich jetzt erst einmal ein Jahr warte, ehe ich mich neuen Untersuchungen unterziehe, und ich möchte ihn gern in dem Glauben lassen, dass ich mich an das Versprechen gehalten habe. Aber im letzten Juni… dieser Fall, in dem du ermittelt hast, als das kleine Mädchen ums Leben kam… Danach musste ich einfach Gewissheit haben, Tommy. Ich weiß nicht, warum - ich war einfach so erschüttert von ihrem Tod. Von der Sinnlosigkeit. Dieses Elend, diese Vergeudung von Leben… dass dieses unschuldige kleine Leben einfach so ausgelöscht worden war… Da bin ich noch einmal zum Arzt gegangen. Aber Simon weiß nichts davon.«
»Deborah«, sagte Lynley leise. »Es tut mir unendlich Leid.«
Ihre Augen wurden feucht. Energisch drängte sie die Tränen zurück und schüttelte ebenso energisch den Kopf, als er sie berühren wollte. »Nein. Es ist in Ordnung. Es geht mir gut. Ich meine, mir fehlt nichts. Die meiste Zeit denke ich nicht daran. Und wir versuchen ja, ein Kind zu adoptieren. Wir haben Unmengen von Formularen ausgefüllt… dieser ganze Papierkrieg… so dass wir auf jeden Fall ein Kind… früher oder später. Und wir versuchen es auch im Ausland. Ich wünschte um Simons willen, es könnte anders sein. Es ist selbstsüchtig, und ich weiß, es ist narzisstisch, aber ich habe mir so gewünscht, wir könnten zusammen ein Kind erschaffen. Ich glaube, er hat sich das auch gewünscht, aber er ist zu rücksichtsvoll, um das direkt zu sagen.« Und dann lächelte sie trotz einer Träne, die sie nicht zurückhalten konnte.
»Du darfst nicht glauben, es ginge mir nicht gut, Tommy. Es geht mir gut. Ich habe gelernt, dass alles stets so kommt, wie es kommen muss, ohne Rücksicht darauf, was wir uns wünschen. Darum ist es das Beste, wenn wir im Wünschen bescheiden sind und unserem guten Stern, dem Glück oder den Göttern danken, dass wir haben, was wir haben.«
»Aber das spricht mich nicht frei von meinem Anteil an dem, was geschah«, sagte er. »Damals. In Santa Barbara. Ich meine, dass ich ohne ein Wort abgereist bin. Von dieser Schuld spricht mich das nicht frei, Deb.«
»Nein, das nicht«, stimmte sie zu. »Aber ich, Tommy, glaub mir.«
Helen hatte auf ihn gewartet. Sie war schon im Bett, mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem Schoß. Aber sie war beim Lesen eingeschlafen, und ihr Kopf ruhte auf den Kissen, die sie hinter sich aufgestapelt hatte, dunkles Haar auf weißem Grund.
Leise trat Lynley ans Bett und blickte auf sie hinunter. Sie war Licht und Schatten, unglaublich stark und rührend verletzlich. Er setzte sich auf die Bettkante.
Sie schreckte nicht hoch, wie manche das vielleicht getan hätten, wenn sie plötzlich durch die Nähe einer anderen Person aus dem Schlaf gerissen werden. Sie öffnete die Augen und war sofort wach, den Blick mit einer Art intuitiven Verstehens auf ihn gerichtet. »Frances ist endlich zu ihm gefahren«, sagte sie, als hätten sie sich die ganze Zeit unterhalten. »Laura Hillier hat mich angerufen, um es mir zu sagen.«
»Wie gut, da bin ich froh«, erwiderte er. »Das war notwendig für sie. Wie geht es ihm?«
»Unverändert. Aber sein Zustand ist stabil.«
Lynley seufzte und nickte. »Nun, es ist jedenfalls vorbei. Wir haben den Mann festgenommen.«
»Ich weiß. Barbara hat mich angerufen. Ich soll dir ausrichten, dass an ihrem Ende der Welt alles in Ordnung ist. Sie hätte dich auf dem Handy angerufen, aber sie wollte sich erkundigen, wie es mir geht.«
»Das war nett von ihr.«
»Sie ist überhaupt eine nette Person. Sie hat mir übrigens auch erzählt, dass Hillier vorhat, Winston zu befördern. Wusstest du davon, Tommy?«
»Ist das wahr?«
»Sie sagt, offensichtlich wollte Hillier es ihr unter die Nase reiben. Aber immerhin hat er sie vorher gelobt wegen ihrer Arbeit in diesem Fall. Er hat euch beide gelobt.«
»Tja, das ist typisch Hillier. Er schafft's nicht, einem etwas Nettes zu sagen, ohne einem gleichzeitig den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, damit man nur ja nicht übermütig wird.«
»Sie hätte gern ihren früheren Rang wieder. Das weißt du ja.«
»Ja, und ich besäße gern die Macht, ihn ihr zurückzugeben.«
Er ergriff das Buch, in dem sie gelesen hatte, drehte es herum und sah sich den Titel an. Eine Lektion vor dem Tod, wie passend.