Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Er sah furchtbar aus. Die Augen wie entzündet, die Haut wie Asche, das waren die einzigen Farben in seinem Gesicht.
Er trat zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter. Wir blickten einander an, und ich beobachtete, wie seine Züge sich aufzulösen begannen, als hätte er keine Schädelknochen unter der Haut, die alles zusammenhielten, sondern stattdessen irgendeine Substanz, die immer löslich gewesen war, anfällig für das richtige Element, das sie zum Zerfließen bringen konnte.
Er sagte: »Sie konnte nicht aufhören, sich zu bestrafen!« Seine Hand krampfte sich immer fester um meine Schulter. Ich wollte aufschreien vor Schmerz oder mich losreißen, aber ich konnte mich nicht rühren, ich durfte nicht die kleinste Geste wagen und damit riskieren, dass er verstummte. »Sie konnte sich nicht verzeihen, Gideon, aber sie hat nie aufgehört - nie! Ich schwöre es! -, an dich zu denken.«
»An mich zu denken?«, wiederholte ich dumpf, während ich aufzunehmen versuchte, was er sagte. »Woher weißt du das? Woher weißt du, dass sie nie aufgehört hat, an mich zu denken?«
Sein Gesicht gab mir die Antwort, noch bevor er zu sprechen begann. Er hatte den Kontakt zu meiner Mutter in all den Jahren, seit sie uns verlassen hatte, nie verloren. Er hatte nie aufgehört, mit ihr zu sprechen. Er hatte nie aufgehört, sie zu sehen, in Pubs, Restaurants, Hotelfoyers, Parks und Museen. Sie pflegte zu sagen:
»Erzählen Sie mir, wie es Gideon geht, Raphael«, und er berichtete ihr das, was sie aus den Zeitungen, Konzertbesprechungen, Zeitschriftenartikeln und dem Klatsch innerhalb der klassischen Musikszene nicht erfahren konnte.
»Du hast sie gesehen«, sagte ich. »Du hast sie gesehen! Warum?«
»Weil sie dich geliebt hat.«
»Nein, ich meine, warum hast du das getan?«
»Sie hat mir nicht erlaubt, es dir zu sagen«, erklärte er mit brüchiger Stimme. »Gideon, sie sagte, sie würde jeglichen Kontakt zu mir abbrechen, wenn sie je erführe, dass ich dir von unseren Treffen erzähle.«
»Und das hättest du nicht ausgehalten, nicht wahr?«, sagte ich bitter, weil ich endlich alles verstand. Ich hatte geahnt, was die Blumen bedeuteten, die er ihr in jenen lang vergangenen Tagen gebracht hatte, ich wusste, was diese Reaktion jetzt bedeutete, da sie tot war und er nun nicht mehr seinen Fantasien nachhängen konnte, dass sich eines Tages etwas von Bedeutung zwischen ihnen entwickeln würde. »Denn was wäre denn aus deinem hübschen kleinen Traum geworden, wenn du sie nicht mehr hättest sehen dürfen?«
Er sagte nichts.
»Du hast sie geliebt. So war es doch, Raphael? Du hast sie immer geliebt. Und wenn du sie einmal im Monat, einmal in der Woche, einmal am Tag oder einmal im Jahr gesehen hast, so hatte das mit nichts anderem zu tun als deinen ganz persönlichen Hoffnungen und Wünschen. Darum hast du mir nichts von diesen Treffen gesagt? Du hast mich in dem Glauben gelassen, sie wäre gegangen und hätte nie zurückgeblickt, hätte nie auch nur ein Interesse daran gehabt, zurückzublicken. Und dabei wusstest du die ganze Zeit -« Ich konnte nicht weitersprechen.
»Sie wollte es so«, sagte er. »Ich musste ihre Entscheidung respektieren.«
»Du musstest gar nichts!«
»Es tut mir Leid. Gideon, wenn ich gewusst hätte… Woher hätte ich wissen sollen…?« »Erzähl mir, was an dem Abend geschah!«
»An dem Abend?«
»Du weißt, welchen ich meine. Spiel jetzt nicht den Idioten. Was ist an dem Abend geschehen, als meine Schwester starb? Und sag mir jetzt nicht, dass Katja Wolff es getan hat. Du warst mit ihr zusammen. Du hast mit ihr gestritten. Ich bin ins Badezimmer geschlüpft. Ich habe Sonia unter Wasser gedrückt. Wie ging es dann weiter?«
»Das weiß ich nicht.«
»Ich glaube dir nicht.«
»Aber es ist die Wahrheit. Wir haben dich im Badezimmer überrascht. Katja fing an zu schreien. Dein Vater kam. Ich brachte Katja nach unten. Das ist alles, was ich weiß. Ich kam erst wieder nach oben, als die Sanitäter eintrafen. Ich habe die Küche nicht verlassen, bis die Polizei kam.«
»Hat Sonia sich in der Wanne noch bewegt?«
»Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Aber das heißt nicht, dass du ihr etwas angetan hast.«
»Herrgott noch mal, Raphael, ich habe sie unter Wasser gedrückt!«
»Daran kannst du dich nicht erinnern. Ausgeschlossen. Du warst viel zu jung, Gideon. Katja hatte sie fünf oder sechs Minuten allein gelassen. Ich war zu ihr gegangen, um mit ihr zu sprechen, und wir gerieten in Streit. Wir sind hinübergegangen ins Kinderzimmer, weil ich wissen wollte, was sie wegen des…« Er stockte. Er konnte es nicht sagen, nicht einmal jetzt.
Ich sagte es für ihn. »Warum, zum Teufel, hast du sie geschwängert, wenn du meine Mutter geliebt hast?«
»Sie war blond«, lautete die erbärmliche Antwort. Erst nach fünfzehn Sekunden, in denen er nichts anderes tat, als in unregelmäßigen Stößen zu atmen, kam sie ihm über die Lippen. »Sie waren beide blond.«
»Mein Gott«, flüsterte ich. »Und hat sie dir erlaubt, sie Eugenie zu nennen?«
»Nein«, sagte er. »Es passierte nur einmal.«
»Und du konntest es dir nicht erlauben, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Ihr habt beide in der Klemme gesessen. Sie konnte sich nicht leisten, irgendjemanden wissen zu lassen, dass sie Sonia so lange allein gelassen hatte, und du konntest dir nicht gestatten, irgendjemanden wissen zu lassen, dass du sie geschwängert und dir dabei vorgestellt hast, du würdest meine Mutter vögeln.«
»Sie hätte abtreiben können. Das wäre ganz einfach gewesen.«
»Nichts ist so einfach, Raphael. Außer zu lügen. Und das war für uns alle das Einfachste, nicht wahr?«
»Nicht für deine Mutter«, entgegnete Raphael. »Darum ist sie gegangen.«
Er näherte sich mir wieder und legte mir die Hand auf die Schulter, so fest wie zuvor. Er sagte: »Sie hätte dir die Wahrheit gesagt, Gideon. Das musst du deinem Vater glauben. Deine Mutter hätte dir die Wahrheit gesagt.«
21. November, 1.30 Uhr nachts.
Das ist alles, was mir geblieben ist, Dr. Rose: eine Beteuerung. Wäre sie am Leben geblieben, hätten wir die Gelegenheit bekommen, miteinander zu sprechen, und sie hätte mir alles gesagt.
Sie hätte mich an der Hand genommen und durch meine eigene Geschichte geführt und dort korrigiert, wo meine Eindrücke falsch und meine Erinnerung unvollständig waren.
Sie hätte mir die Einzelheiten erklärt, derer ich mich entsinne. Sie hätte die Lücken gefüllt. Aber sie ist tot und kann nichts mehr tun. Und was mir bleibt, ist nur das, woran ich mich erinnere.
27
Richard sagte zu seinem Sohn: »Gideon, was tust du hier?«
Gideon erwiderte: »Was ist dir passiert?«
»Jemand wollte ihn töten«, sagte Jill. »Er glaubt, dass es Katja Wolff war. Er hat Angst, dass sie als Nächstes versuchen wird, dir etwas anzutun.«
Gideon sah erst sie an und dann seinen Vater. Er schien aufs Äußerste verwundert. Nicht erschrocken, dachte Jill, nicht entsetzt, dass Richard beinahe ums Leben gekommen wäre, sondern einzig verwundert. Er sagte: »Warum sollte Katja das wollen? Damit würde sie wohl kaum erreichen, worauf sie es abgesehen hat.«
»Gideon…«, sagte Richard bedrückt.
»Richard glaubt, dass sie dir auch ans Leben will«, erläuterte Jill. »Er glaubt, dass sie ihn vor den Bus gestoßen hat. Er hätte tot sein können.«
»Hat er dir das erzählt?«
»Herrgott noch mal! So war es«, sagte Richard heftig. »Was tust du hier? Wie lange bist du schon da?«
Gideon antwortete nicht gleich. Er schien vielmehr im Geist eine Liste der Verletzungen seines Vaters aufzustellen. Sein Blick glitt zu Richards Bein hinunter, wanderte aufwärts zum Arm und kehrte dann zum Gesicht zurück.