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Joe unter den Piraten

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Joe unter den Piraten
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»Erzähl mir von ihnen!« bat Frisco Kid. »Irgendwas!« setzte er rasch hinzu, als der andere ihm einen flüchtigen, unsicheren Blick zuwarf.

»Och, das ist ganz einfach«, begann Joe kühn. Auf seine Art begriff er den Hunger des Gefährten, und es schien ihm ein leichtes, diesen Hunger wenigstens zu einem Teil zu stillen. »Mädchen sind wie - hm - nun ja - sie sind Mädchen - Mädchen, was denn sonst?« Joe brach ab mit dem elenden Gefühl, sich blamiert zu haben.

Frisco Kid saß geduldig da, das Gesicht ganz gespannte Erwartung.

Mit heroischer Anstrengung versuchte Joe sich zu konzentrieren. In seiner Erinnerung tauchten in schneller Folge die Mädchen auf, mit denen er zur Schule gegangen war, dann die Schwestern seiner Freunde und die Freundinnen seiner Schwester: schlanke Mädchen und pummelige, große und kleine, blauäugige und braunäugige; Mädchen mit krausen Haaren, schwarzen Haaren, blonden Haaren - kurz, eine ganze Prozession von Mädchen verschiedenster Art. Aber selbst wenn es sein Leben gegolten hätte, er wäre nicht imstande gewesen, irgend etwas über sie zu erzählen. Schließlich hatte er sich noch nie etwas aus Mädchen gemacht. Warum sollte gerade er von ihnen berichten? »Alle Mädchen sind gleich«, schloß er verzweifelt. »Sie sind genau wie die, die du kennst, Kid. Bestimmt!« »Ich kenne überhaupt keine.«

Joe pfiff erstaunt durch die Zähne. »Und du hast auch noch nie eins gekannt?« »Doch, eins, Carlotta Gispardi. Aber sie konnte mich nicht verstehen, und ich konnte sie nicht verstehen: sie sprach spanisch. Und sie starb. Merkwürdig: Obwohl ich nie Mädchen gekannt habe, weiß ich fast ebensoviel von ihnen wie du.« »Und ich könnte mehr Abenteuer in aller Welt berichten als du!« gab Joe zurück.

Sie mußten beide lachen. Aber einen Augenblick später verlor sich Joe tief in Gedanken. Sehr plötzlich war ihm aufgegangen, daß er sich bisher wenig dankbar gezeigt hatte für all das Gute in seinem Leben. Das Haus und seine Eltern hatten schon eine größere Bedeutung für ihn gewonnen, und jetzt begann er, auch seiner Schwester und seinen Freunden und Kameraden einen ganz persönlichen Wert beizumessen. Es schien ihm, daß er sie bisher nie richtig eingeschätzt hatte. Aber von nun an - von nun an sollte sich das ändern.

Franzosen-Petes lautes Hallo machte der Unterhaltung ein Ende. Beide rannten an Deck.

XVII.

FRISCO KID ERZAHLT SEINE GESCHICHTE

»'och mit das Großsegel, und der Anker auf!« schrie der Franzose. »Und dann 'art am Rentier 'ran'alten! Keine Positionslampen!«

»Komm schnell! Fix die Segelleinen 'runter!« kommandierte Frisco Kid. »Jetzt zum Pickfall 'rüber! Das Tau da, 'runter vom Haken. Nicht vor mir Segel setzen. Da! Festmachen! Straffer können wir es immer noch holen. Jetzt nach achtern und ans Großschot. Hoch das Ruder!«

Unter der plötzlich vorwärts drängenden Kraft des Großsegels zog und zerrte die Blender wie ein ungeduldiges Pferd an seinem Anker. Mit einem Ruck riß sich das schlammige Eisen vom Grund los. Die Schaluppe war frei. »Laß das Schot gehen! Komm nach vorne und hilf mir mit der Ankerkette! Halt dich klar am Klüver!« Frisco Kid, der Junge, der von Mädchen in Illustrierten schwärmte, war verschwunden. An Deck stand Frisco Kid der Seemann - stark und tüchtig und gewohnt, Befehle zu geben. Er rannte nach achtern und warf die Pinne herum, während Joe den knatternden Klüver hochzog. Gerade als Joe ebenfalls in den Ruderstand kam, glitt die Rentier wie eine riesenhafte Fledermaus an ihnen vorbei. »Verdammt! Diese Jungens, sie braucken ganße Nackt!« hörten sie Franzosen-Pete zetern. Aber der rote Nelson rief mit seiner rauhen Stimme herüber: »Sei du mal still, Franzmann. Ich hab' Kid beigebracht, wie man segelt, und bis jetzt hat er mich noch nicht blamiert!« Die Rentier war das schnellere Boot, aber Nelson nutzte nicht allen Wind, damit die beiden Jungen sich in Sichtweite hinter ihm halten konnten. Die Brise stand von Westen und versprach, bald stärker zu werden. Massen schnell ziehender Wolken, die auf eine größere Windgeschwindigkeit in den oberen Luftschichten schließen ließen, löschten die Sterne aus. Frisco Kid betrachtete den Himmel eingehend.

»Genau wie ich dir gesagt habe«, meinte er. »Da tut sich noch was, ehe es hell wird!«

Stunden später hielten beiden Boote auf die Küste von San Mateo zu und warfen schließlich eine Kabellänge vom Land entfernt die Anker. Hier ragte eine kleine Landungsbrücke ins Meer hinein. Ihr Ende war noch eben erkennbar, und in der Nähe war eine kleine Jacht an einer Boje festgemacht.

Wie gewöhnlich bereiteten sie alles für einen hastigen Aufbruch vor. Im Nu konnten die Anker gelichtet und die Segel gesetzt werden. Beide Beiboote kamen lautlos von Rentier herüber. Der Rote Nelson hatte einen seiner beiden Leute Franzosen-Pete überlassen. Jedes Boot hatte also zwei Mann Besatzung. Sehr vertrauenerweckend sah die Gruppe nicht gerade aus. Jedenfalls kam sie Joe nicht so vor. Die Gesichter der Männer waren von einer grimmigen Entschlossenheit, die ihn erschauern ließ. Der Kapitän der Blender schnallte seinen Pistolengurt um und verstaute ein Gewehr und einen starken doppelten Flaschenzug in einem der Boote. In der dunklen Kajüte schenkte er dann allen Wein ein, und sie tranken auf das Gelingen ihres Unternehmens. Der Rote Nelson war ebenfalls bewaffnet, und seine Männer trugen das übliche Kapp-messer der Matrosen an der Hüfte. Sehr langsam und sehr vorsichtig, um ja keinen Lärm zu machen, stiegen sie in die Boote, und Franzosen-Pete blieb noch einmal stehen und schärfte den Jungen ein, sich mucksmäuschenstill zu verhalten und ihm ja keinen Streich zu spielen. »Das wäre eine Gelegenheit gewesen, Joe, wenn sie die Boote nicht mitgenommen hätten«, flüsterte Frisco Kid, nachdem die andern zum Land hin im Dunst verschwunden waren.

»Wie wär's mit der Blender?« war die unerwartete Antwort. »Die Segel hoch, und wir sind weg, ehe du piep sagen kannst!« Frisco Kid zögerte. Sein Kameradschaftsgefühl war so stark, daß der Gedanke, einen Gefährten in einer gefährlichen Lage im Stich zu lassen, ihn abstoßen mußte. »Wir können sie nicht an Land in der Patsche sitzenlassen«, sagte er. »Kann man einfach nicht machen. Natürlich weiß ich, daß sie ein krummes Ding drehen. Aber erinnerst du dich noch an deine erste Nacht bei uns - wie du durch das Wasser zum Boot zurückranntest und die Kerle am Ufer hinter dir her ballerten? Da haben wir dich auch nicht im Stich gelassen, oder?«

Joe gab ihm widerstrebend recht. Aber schon schoß ihm ein neuer Einfall durch den Kopf. »Sie sind doch Freibeuter, Diebe, Verbrecher. Sie verstoßen gegen die Gesetze! Du und ich aber, wir wollen nicht gegen die Gesetze verstoßen. Außerdem sitzen sie gar nicht in der Patsche. Die Rentier ist noch da, und nichts kann sie daran hindern, mit ihm zu türmen. Uns erwischen sie im Dunkeln jedenfalls nicht mehr.«

»Gut«, stimmte Frisco Kid endlich zu. Aber die Geschichte gefiel ihm immer noch nicht. Sie schmeckte trotz allem nach Verrat.

Sie krochen nach vorne und begannen das Großsegel zu setzen. Den Anker konnten sie notfalls schießen lassen und damit die Zeit sparen, die sie sonst zum Hieven brauchten. Aber kaum fingen die Falle in den Blöcken zu knarren an, kam ein warnendes »Pssst!« aus dem Dunkel, dem ein laut geflüstertes »Aufhören!« folgte.

Sie spähten in die Richtung, aus der sie die Stimme vernommen hatten, und machten ein bleiches Gesicht aus, das sie von der Reling der anderen Schaluppe anstarrte. »Nur der Schiffsjunge von Rentier«, sagte Frisco Kid. »Komm weiter!«

Aber wieder wurden sie unterbrochen, sobald der erste Block knarrte.

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