Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Was ist hier geschehen?«, fragte er. »Wo ist das Opfer?«
»Schon auf dem Weg ins Krankenhaus«, antwortete der Beamte.
»Er ist also am Leben?« Lynley sah Barbara an. Die hob die Faust mit aufgestelltem Daumen. »Wie ist sein Zustand?«
»Hat ein Schweineglück gehabt, der Mann. Als wir das letzte Mal so einen Fall hatten, haben sie eine Woche gebraucht, um die Leiche vom Pflaster zu kratzen, und der Fahrer ist erst mal in der Klapse gelandet.«
»Gibt es Zeugen? Wir müssen mit ihnen sprechen.«
»Ach ja? Wieso denn?«
»Wir hatten ähnliche Unfälle mit Fahrerflucht in West Hampstead«, erklärte Lynley, »in Hammersmith und in Maida Vale. Bei dem heutigen hat es einen Mann erwischt, der mit einem unserer früheren Opfer verwandt ist.«
»Sie sind falsch informiert.«
»Wie bitte?«, fragte Barbara.
»Das hier war keine Fahrerflucht.« Der Polizist wies mit einer Kopfbewegung zum Bus, in dem einer seiner Kollegen gerade mit einer Frau sprach, die direkt hinter dem Fahrersitz saß. Der Fahrer selbst war draußen auf dem Bürgersteig in einem erregten Gespräch mit einem der Polizisten, dem er seinen linken vorderen Scheinwerfer zeigte. »Ein Fußgänger ist vom Bürgersteig aus direkt vor den Bus gestoßen worden«, erläuterte der Polizist.
»Zum Glück ist ihm nicht allzu viel passiert. Mr. Nai« - er deutete auf den Busfahrer - »hat gute Reflexe, und bei dem Bus sind erst letzte Woche die Bremsen überprüft worden. Bei den Fahrgästen hat es ein paar Schrammen und Beulen gegeben, und das Opfer hat ein paar Knochenbrüche abbekommen, aber das ist schon alles.«
»Hat jemand gesehen, wer ihn gestoßen hat?«, fragte Lynley gespannt.
»Das versuchen wir gerade rauszukriegen, Meister.«
Jill stellte den Humber einfach auf einem Platz ab, der unübersehbar für Krankenfahrzeuge reserviert war. Es war ihr egal. Sollten sie dem Wagen doch eine Kralle verpassen oder ihn abschleppen, wenn es ihnen Spaß machte. Sie kämpfte sich hinter dem Lenkrad hervor und lief zum Eingang der Notaufnahme.
Hier gab es keine Anmeldung, nur einen Wachmann hinter einem simplen Holzpult.
Er warf nur einen Blick auf Jill und fragte sofort, »Soll ich Ihren Arzt anrufen, Madam? Oder erwartet er Sie hier?«
Jill sagte: »Wie bitte?«, bevor sie begriff, was der Wachmann angesichts ihres Körperumfangs, ihrer Aufmachung und ihrer panischen Verfassung glaubte. »Nein, nein«, wehrte sie ab, »keinen Arzt«, woraufhin der Mann missbilligend sagte: »Sie haben keinen Arzt?«
Ohne ihn weiter zu beachten, lief sie schwerfällig auf einen Mann zu, der wie ein Arzt aussah. Er blätterte gerade irgendwelche Unterlagen durch, die auf einem Klemmbrett befestigt waren, und hatte ein Stethoskop um den Hals hängen.
Jill rief: »Richard Davies?«, woraufhin der Arzt aufblickte. »Wo ist Richard Davies? Man hat mich angerufen. Ich solle herkommen. Man hat ihn hierher gebracht. Bitte sagen Sie mir jetzt nicht… sagen Sie bitte nicht, dass er… Bitte! Wo ist er?«
»Jill…«
Sie fuhr herum. Er stand hinter dem Empfangspult an den Pfosten einer offenen Tür gelehnt, durch die man in eine Art Behandlungsraum hineinsehen konnte. Fahrbare Tragen standen dort, auf denen Menschen unter dünnen pastellfarbenen Decken lagen, und weiter hinten waren Abteile, durch Vorhänge voneinander abgetrennt, die nicht ganz bis zum Boden reichten, so dass die Füße derer zu sehen waren, die sich um die Verletzten, die Schwerkranken und die Sterbenden bemühten.
Richard gehörte in die Gruppe der Verletzten. Jill wurden die Knie weich, als sie ihn sah. »O Gott«, rief sie. »Ich dachte, du wärst… Sie sagten… Als sie angerufen haben…«, und dann begann sie zu weinen, was überhaupt nicht ihre Art war und deutlich verriet, wie sehr sie sich aufgeregt hatte.
Er ging ihr humpelnd entgegen, und sie hielten einander fest. Er sagte: »Ich habe sie gebeten, dich nicht anzurufen. Ich sagte ihnen, ich würde dich selbst anrufen und dir Bescheid geben, aber sie ließen nicht mit sich reden… Das sind eben die Vorschriften… Wenn ich gewusst hätte, dass du dich so sehr aufregst… Komm, Jill, hör auf zu weinen .«
Er versuchte, ein Taschentuch für sie herauszukramen, und erst bei dieser Gelegenheit bemerkte sie, dass sein rechter Arm in Gips war. Gleich darauf nahm sie alles andere wahr: den Gehgips am rechten Fuß, den sie unter dem aufgerissenen marineblauen Hosenbein sehen konnte, die hässlich verfärbte Quetschung auf der einen Seite seines Gesichts, die blutige Naht unter seinem rechten Auge.
»Was ist denn nur passiert?«, rief sie.
Er sagte: »Bring mich nach Hause, Schatz. Sie wollen mich über Nacht hier behalten, aber ich - das brauche ich nicht… Ich verstehe nicht…« Er sah sie ernst an. »Jill, bringst du mich nach Hause?«
Natürlich, sagte sie. Habe er denn je daran gezweifelt, dass sie da sein würde, alles für ihn tun, ihn versorgen und pflegen würde?
Er nahm es mit einer Dankbarkeit entgegen, die sie rührte. Und als sie seine Sachen packten, rührte es sie noch tiefer, zu sehen, dass er es tatsächlich geschafft hatte, all die Einkäufe zu erledigen, die er sich vorgenommen hatte, als er weggegangen war. Er kam mit fünf ziemlich zerdrückten und verschmutzten Einkaufstüten aus dem Behandlungszimmer zurück. »Wenigstens habe ich das Babyfon gefunden«, sagte er mit ein wenig bitterer Ironie.
Ohne auf die Proteste des jungen Arztes und der noch jüngeren Schwester zu achten, die sie aufzuhalten suchten, verließen sie das Krankenhaus. Es ging langsam, da Richard etwa alle vier Schritte eine Verschnaufpause einlegen musste. Unterwegs erzählte er ihr kurz, was geschehen war.
Er sei auf der Suche nach dem, was ihm vorschwebte, in mehr als ein Geschäft gegangen, sagte er. Am Ende hatte er mehr eingekauft, als er eigentlich vorgehabt hatte, und in den Menschenmassen draußen auf den Bürgersteigen erwiesen sich die Einkaufstüten als sperrig und hinderlich.
»Ich habe einfach nicht aufgepasst«, sagte er. »Es waren so viele Menschen.«
Er war auf dem Weg zur Tiefgarage am Portman Square, wo er seinen Granada geparkt hatte. Auf den Bürgersteigen wimmelte es von Menschen: Leute, die noch einen schnellen letzten Einkauf in der Oxford Street machen wollten, ehe die Geschäfte schlossen, Geschäftsleute auf dem Heimweg, Gruppen von ausgelassenen Schülern, die Obdachlosen auf der Suche nach einer Türnische für die Nacht und ein paar Münzen, um sich etwas zu essen kaufen zu können.
»Du weißt ja, wie es in der Stadt um diese Zeit zugeht«, sagte er.
»Es war Wahnsinn, sich in dieses Getümmel zu stürzen, aber ich wollte es einfach nicht länger aufschieben.«
Der Stoß, erklärte er, traf ihn aus dem Nichts, als eben ein Bus der Linie 74 von seiner Haltestelle ausscherte. Ehe er wusste, wie ihm geschah, fiel er direkt vor das Fahrzeug. Ein Rad fuhr über - »Über deinen Arm«, sagte Jill. »Ach, dein Arm. Oh, Richard…«
»Die Polizisten sagten, ich hätte großes Glück gehabt«, schloss Richard. »Es hätte - du weißt, was hätte geschehen können.« Wieder legte er auf dem Weg zu Jills Wagen eine kurze Rast ein.
Jill sagte zornig: »Die Leute sind heutzutage dermaßen rücksichtslos. Ständig sind sie in Eile. Sie laufen mit ihren Handys am Ohr durch die Straßen und achten nicht auf die anderen.« Sie berührte seine verletzte Wange. »Komm, ich bring dich nach Hause, mein Schatz. Ich verwöhne dich ein bisschen.« Liebevoll lächelnd sah sie ihn an »Ich mache dir eine schöne Bouillon und pack dich ins Bett.«
»Heute Abend muss ich zu mir nach Hause«, sagte er. »Verzeih mir, Jill, aber die Nacht auf deinem Sofa zu verbringen .«
»Aber natürlich, nein, unmöglich. Ich fahr dich zu dir.« Sie nahm die fünf Tüten in die andere Hand.
Sie waren wirklich schwer und unhandlich. Kein Wunder, dass er abgelenkt gewesen war.
»Was hat die Polizei denn mit der Person gemacht, die dich gestoßen hat?«, fragte sie.