Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Hören Sie schlecht?«
»Ich -«
»Es ist wieder jemand angefahren worden«, schnauzte Leach.
»Was?! Wer denn?«, rief Barbara.
»Richard Davies. Aber diesmal gibt's Zeugen. Und ich möchte, dass Sie und Lynley da drüben antanzen und die Leute durch die Mangel drehen, bevor sie verschwinden.«
Gideon
November
Es bleibt nur noch die Konfrontation. Er hat mich belogen. Fast mein Leben lang hat mein Vater mich belogen. Nicht mit Worten, sondern mit dem, was er mich glauben ließ, indem er zwanzig Jahre lang schwieg: dass wir - er und ich - die Opfer gewesen wären, als meine Mutter uns verließ. Aber in Wahrheit hat sie uns verlassen, weil sie erkannte, warum Katja meine Schwester ermordet hatte und warum sie über ihre Tat Stillschweigen bewahrte.
November
Und so hat es sich abgespielt, Dr. Rose. Keine Erinnerungen mehr, wenn Sie mir das verzeihen wollen, keine Reisen in die Vergangenheit. Nur dies:
Ich habe ihn angerufen. Ich sagte: »Ich weiß, warum Sonia gestorben ist. Ich weiß, warum Katja geschwiegen hat. Du bist ein Schwein, Dad.«
Er sagte nichts.
Ich sagte: »Ich weiß, warum meine Mutter uns verlassen hat. Ich weiß, was geschehen ist. Hörst du mich? Sag etwas, Dad. Es ist Zeit für die Wahrheit. Ich weiß, was geschehen ist.«
Im Hintergrund hörte ich Jills Stimme. Ich hörte ihre Frage, und sowohl der Ton als auch die Art, wie sie fragte - »Richard? Schatz, wer, um Gottes willen, ist das?« -, verrieten mir etwas über die Reaktion meines Vaters auf meine Worte. Ich war darum nicht überrascht, als er schroff sagte: »Ich komme jetzt rüber. Geh nicht aus dem Haus.«
Wie er es anstellte, so schnell hier zu sein, weiß ich nicht. Aber als er ins Haus trat und entschlossenen Schritts die Treppe hinaufeiite, kam es mir vor, als wären nur Minuten vergangen, seit ich nach unserem Gespräch den Hörer aufgelegt hatte.
Aber in diesen Minuten hatte ich sie beide vor mir gesehen: Katja Wolff, die das Leben zu meistern suchte, die sich einer Drohung bediente, um aus Ostdeutschland herauszukommen; und meinen Vater, der sie geschwängert hatte, vielleicht in der Hoffnung, zum Aufbau eines Geschlechts, das mit ihm begann, ein vollkommenes Kind zu produzieren. Es war schließlich seine Gewohnheit, Frauen, die keine gesunden Nachkommen hervorbrachten, fallen zu lassen. So hatte er es mit seiner ersten Frau gemacht, und so hatte er es wahrscheinlich mit meiner Mutter vorgehabt. Aber Katja ging es nicht schnell genug, Katja, Katja, Katja, die das Leben anpacken wollte und nicht abwarten, was es ihr geben würde.
Es gab Streit zwischen ihnen.
»Wann sagst du es ihr, Richard?«
»Wenn die Zeit reif ist.«
»Aber wir haben keine Zeit! Du weißt, dass wir keine Zeit haben.«
»Katja, benimm dich nicht wie eine hysterische Gans.«
Und als dann der Augenblick kam, wo er hätte Stellung beziehen können, sagte er kein Wort zu ihrer Verteidigung oder Entschuldigung und hielt sich heraus, als meine Mutter Katja ihre Schwangerschaft vorhielt und die Tatsache, dass sie auf Grund dieser Schwangerschaft ihre Pflichten gegenüber meiner Schwester vernachlässigte. Schließlich hatte Katja die Dinge selbst in die Hand genommen. Erschöpft von den ewigen Streitereien und ihren Versuchen, sich zu verteidigen, elend und geschwächt durch die Schwangerschaft und mit dem Gefühl, von allen Seiten verraten worden zu sein, hatte sie den Kopf verloren und Sonia ertränkt.
Was hoffte sie, damit zu erreichen?
Vielleicht hoffte sie, meinen Vater von einer Last zu befreien, die ihn ihrer Meinung nach daran hinderte, zu ihr zu kommen. Vielleicht sah sie in der Tötung Sonias eine Möglichkeit zu einem Statement. Vielleicht wollte sie meine Mutter dafür bestrafen, dass sie eine Macht über meinen Vater besaß, die offenbar nicht zu brechen war. Wie dem auch sei, Katja tötete Sonia und weigerte sich danach durch unerbittliches Schweigen, ihr Verbrechen anzuerkennen oder mögliche Verfehlungen, die sie dazu verleitet hatten, dem Leben meiner Schwester ein Ende zu machen.
Aber warum? Weil sie den Mann schützen wollte, den sie liebte? Oder weil sie ihn bestrafen wollte?
All das sah ich, und über all das dachte ich nach, während ich auf meinen Vater wartete.
»Was soll dieser Blödsinn, Gideon?«
Das waren seine ersten Worte, als er ins Musikzimmer kam, wo ich auf der Fensterbank saß und gegen das erste leise Ziehen in meinen Eingeweiden kämpfte, das durch kindische Angst und Feigheit in Erwartung unserer letzten, entscheidenden Auseinandersetzung hervorgerufen wurde. Ich wies auf das Heft, in dem ich all die Wochen hindurch alles aufgeschrieben hatte, und war wütend darüber, wie angespannt meine Stimme klang; wütend darüber, was diese Anspannung verriet: über mich, über ihn, über das, was ich fürchtete.
»Ich weiß, was geschehen ist«, sagte ich. »Mir ist alles wieder eingefallen.«
»Hast du dein Instrument zur Hand genommen?«
»Du hast geglaubt, ich käme niemals dahinter, nicht wahr?«
»Gideon, hast du ein Mal die Guarneri zur Hand genommen?«
»Du hast geglaubt, du könntest mir ein Leben lang etwas vormachen?«
»Verdammt noch mal! Hast du gespielt? Hast du es wenigstens versucht? Hast du deine Geige überhaupt mal angesehen?«
»Du hast geglaubt, ich würde tun, was ich immer getan habe.«
»Jetzt habe ich aber genug.« Er setzte sich in Bewegung. Aber er ging nicht zum Geigenkasten, sondern zur Stereoanlage, und dabei nahm er eine neue CD aus seiner Tasche.
»Du hast geglaubt, ich würde auf alles hereinfallen, was du mir erzählst, weil ich das immer getan habe, nicht wahr? Erzähle ihm nur eine halbwegs plausible Geschichte, dann schluckt er sie schon.«
Mein Vater wandte sich mit einer heftigen Bewegung um. »Du weißt ja nicht, was du redest. Sieh dich bloß mal an. Sieh dir an, was diese Person mit ihrem Psycho- Hokuspokus aus dir gemacht hat. Eine Maus, die sich vor ihrem eigenen Schatten fürchtet.«
»Hast nicht du das getan, Dad? Hast nicht du das damals getan? Du hast gelogen, betrogen, verraten -«
»Es reicht!« Er mühte sich ab, die CD aus ihrer Verpackung zu befreien, riss mit den Zähnen daran herum wie ein Hund und spie die Zellophanfetzen auf den Boden. »Ich sag's dir noch ein Mal - es gibt nur einen Weg, mit dieser Geschichte fertig zu werden, und diesen Weg hättest du von Anfang an einschlagen sollen. Ein echter Mann trotzt seiner Furcht. Er macht nicht auf dem Absatz kehrt und läuft vor ihr davon.«
»Du läufst doch selbst davon. Gerade jetzt.«
»Rede keinen Blödsinn!« Er drückte auf den Knopf, um den CD-Player zu öffnen, knallte die Scheibe hinein, schaltete das Gerät an und stellte die Lautstärke ein. »Hör zu«, zischte er mich an.
»Hör jetzt endlich zu! Und benimm dich wie ein Mann.«
Er hatte den Ton so laut eingestellt, dass ich im ersten Moment, als die Musik einsetzte, nicht erkannte, welches Stück es war. Aber meine Verwirrung hielt nur eine Sekunde an.
Dann hörte ich, was er ausgesucht hatte, Dr. Rose. Beethoven. Das Erzherzog-Trio. Das hatte er ausgesucht.
Das Allegro Moderato begann, und es füllte den Raum. Übertönt von der brüllenden Stimme meines Vaters.
»Hör es dir an! Hör es dir an, verdammt noch mal. Hör dir an, was dich zu Grunde gerichtet hat. Hör dir an, wovor du solche Angst hast, dass du es nicht spielen kannst.«
Ich presste die Hände auf meine Ohren. »Ich kann nicht.«
Aber ich hörte es trotzdem. Es. Ich hörte es. Und lauter noch hörte ich ihn.
»Hör dir an, wovon du dich beherrschen lässt! Hör es dir an, dieses alberne Musikstück, von dem du dir die Karriere zerstören lässt.« »Ich will nicht -«