Die Vermessung der Welt
- Автор: Кельман Даниэль
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:
Sofort ablegen, keuchte er.
Bonpland griff nach dem Gewehr, die Ruderer erhoben sich.
Nein, sagte Humboldt, ablegen!
Das seien gute Waffen, sagte Bonpland. Man könnte das Vieh erlegen und hätte eine schöne Trophäe.
Humboldt schüttelte den Kopf.
Aber warum nicht?
Der Jaguar habe ihn gehen lassen.
Bonpland murmelte etwas von Aberglauben und machte die Leinen los. Die Ruderer grinsten. In der Mitte des Stromes kam Humboldt die eigene Furcht schon nicht mehr verständlich vor. Er entschied, die Ereignisse im Tagebuch so zu beschreiben, wie sie sich hätten abspielen sollen: Er würde behaupten, sie wären zurück ins Unterholz gegangen, die Gewehre im Anschlag, doch ohne das Tier zu finden.
Noch bevor er fertiggeschrieben hatte, begann ein Wolkenbruch. Das Boot füllte sich mit Wasser, hastig steuerten sie an Land. Dort erwartete sie, nackt, bärtig und vor Schmutz kaum erkennbar, ein Mann. Dies sei seine Pflanzung, gegen Entgelt könnten sie übernachten.
Humboldt bezahlte und fragte, wo das Haus sei.
Er habe keines, sagte der Mann. Er sei Don Ignacio, kastilischer Adeliger, und die ganze Welt sei sein Haus. Dies seien übrigens seine Gattin und Tochter.
Humboldt verbeugte sich vor den zwei nackten Frauen und wußte nicht, wo er hinsehen sollte. Die Ruderer befestigten Stoffplanen an den Bäumen und kauerten sich darunter.
Don Ignacio fragte, ob sie noch etwas brauchten.
Im Moment nicht, sagte Humboldt erschöpft.
Keiner seiner Gäste, sagte Don Ignacio, werde je Mangel leiden. Würdevoll drehte er sich um und ging davon. Der Regen perlte über seinen Kopf und seine Schultern. Es roch nach Blüten, feuchter Erde und Dung.
Manchmal, sagte Bonpland nachdenklich, komme es ihm schier rätselhaft vor, daß er hier sei. Unendlich weit von daheim, von niemandem losgeschickt, bloß eines Preußen wegen, den er im Treppenhaus getroffen habe.
Humboldt fand lange keinen Schlaf. Die Ruderer hörten nicht auf, einander wirre Geschichten zuzuflüstern, die sich in seinem Bewußtsein festsetzten. Und jedesmal, wenn er es doch schaffte, die fliegenden Häuser, bedrohlichen Schlangenfrauen und Kämpfe um Leben und Tod beiseite zu schieben, sah er die Augen des Jaguars. Aufmerksam, klug und ohne Gnade. Dann kam er zu sich und hörte wieder den Regen, die Männer und das ängstliche Knurren des Hundes. Irgendwann kam Bonpland, wickelte sich in seine Decke und schlief sofort ein. Humboldt hatte ihn nicht weggehen hören.
Am nächsten Morgen, die Sonne stand hoch am Himmel, und es schien nie geregnet zu haben, verabschiedete Don Ignacio sie mit der Geste eines Schloßbesitzers. Sie seien hier immer willkommen! Seine Frau machte einen höfischen Knicks, seine Tochter strich Bonpland über den Arm. Der legte ihr die Hand auf die Schulter und zupfte eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
Der Wind war heiß, als käme er aus einem Ofen. Der Uferbewuchs wurde dichter. Unter den Bäumen lagen weiße Schildkröteneier, Eidechsen klammerten sich wie hölzerne Verzierungen an den Bootsrumpf. Immer wieder strichen Spiegelungen von Vögeln übers Wasser, selbst wenn der Himmel leer war.
Ein wundersames optisches Phänomen, sagte Humboldt.
Das habe nichts mit Optik zu tun, sagte Mario. Vögel stürben unablässig, in jedem Moment, eigentlich täten sie wenig anderes. Ihre Geister lebten in den Spiegelungen fort. Irgendwo müßten sie ja hin, im Himmel wolle man sie nicht.
Und die Insekten, fragte Bonpland.
Die stürben gar nicht. Das eben sei das Problem.
Tatsächlich kamen immer mehr Moskitos. Sie kamen aus den Bäumen, der Luft und dem Wasser. Von allen Seiten kamen sie, füllten sirrend die Luft, stachen, saugten, und für jeden, den man erschlug, gab es Hunderte mehr. Ihre Gesichter bluteten ständig. Selbst dicke Tücher, über den Kopf geworfen, brachten keine Erleichterung, die Tiere stachen einfach durch den Stoff.
Der Fluß, sagte Julio, dulde keine Menschen. Bevor Aguirre sich hierhin aufgemacht habe, sei er bei Verstand gewesen. Erst hier sei es ihm eingefallen, sich zum Imperator zu erklären.
Ein verrückter Mörder, sagte Bonpland, der erste Erforscher des Orinoko! Das ergebe Sinn.
Dieser traurige Mann habe gar nichts erforscht, sagte Humboldt. Ebensowenig erforsche ein Vogel die Luft oder ein Fisch das Wasser.
Oder ein Deutscher den Humor, sagte Bonpland.
Humboldt sah ihn mit gerunzelten Brauen an.
Nur ein Witz, sagte Bonpland.
Aber ein ungerechter. Ein Preuße könne sehr wohl lachen. In Preußen werde viel gelacht. Man solle nur an die Romane von Wieland denken oder die vortrefflichen Komödien von Gryphius. Auch Herder wisse einen guten Scherz wohl zu setzen.
Daran zweifle er nicht, sagte Bonpland müde.
Dann sei es ja gut, sagte Humboldt und kraulte das von den Insektenstichen blutige Fell des Hundes.
Sie fuhren in den Orinoko ein. Der Strom war so breit, daß man glauben konnte, auf dem Meer zu treiben: Weit in der Ferne, wie eine Täuschung, zeichneten sich die Wälder des anderen Ufers ab. Hier gab es kaum noch Wasservögel. Der Himmel schien vor Hitze zu flimmern.
Nach einigen Stunden entdeckte Humboldt, daß sich Flöhe in die Haut seiner Zehen gegraben hatten. Sie mußten die Fahrt unterbrechen; Bonpland ordnete Pflanzen, Humboldt saß im Klappstuhl, die Füße in einer Essigwanne, und zeichnete Karten des Stromverlaufs. Pulex penetrans der gewöhnliche Sandfloh. Er werde ihn beschreiben, aber nicht einmal im Tagebuch werde er andeuten, daß er selbst befallen worden sei.
Daran sei doch nichts Schlimmes, sagte Bonpland.
Er habe, sagte Humboldt, viel über die Regeln des Ruhmes nachgedacht. Einen Mann, von dem bekannt sei, daß unter seinen Zehennägeln Flöhe gelebt hätten, nehme keiner mehr ernst. Ganz gleich, was er sonst geleistet habe.
Am Tag darauf passierte ein Mißgeschick. An einer besonders breiten Stelle, beide Ufer waren nicht zu sehen, drehte der Wind das Segel gegen die Fahrtrichtung, das Boot neigte sich, eine Welle schwappte herein, schon trieben Dutzende Blätter Papier im Fluß. Das Boot neigte sich stärker, so daß das Wasser bis zu ihren Knien stieg, der Hund jaulte, die Männer wollten von Bord. Humboldt sprang auf, löste blitzschnell den Gürtel mit dem Chronometer und rief mit Offiziersstimme, keiner solle sich rühren. Die Strömung ließ das Boot trudeln, das Segel flappte nutzlos hin und her, die grauen Rücken mehrerer Krokodile näherten sich.
Bonpland machte sich erbötig, zum Ufer zu schwimmen und Hilfe zu holen.
Es gebe keine Hilfe, sagte Humboldt, während er den Gürtel über den Kopf hielt. Falls es jemandem nicht aufgefallen sei, dies sei der Urwald. Man könne nur warten.