Die Vermessung der Welt
- Автор: Кельман Даниэль
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:
Und wirklich: Im letzten Moment griff der Wind ins Segel, und das Boot richtete sich langsam wieder auf.
Leerschöpfen, brüllte Humboldt.
Aufeinander schimpfend arbeiteten die Ruderer mit Töpfen, Mützen und Trinkbechern. Nach kurzem lag das Boot wieder gerade. Papierblätter, getrocknete Pflanzen, Schreibfedern und Bücher schwammen im Fluß. In der Ferne, als hätte er es eilig wegzukommen, trieb ein Zylinder davon.
Manchmal bezweifle er, sagte Bonpland, ob er je heimkommen werde.
Das sei nur realistisch, antwortete Humboldt und überprüfte, ob die Uhren beschädigt waren.
Sie kamen zu den berüchtigten Katarakten. Der Fluß war voller Felsen, das Wasser schäumte so stark, daß es zu kochen schien. Es war unmöglich, mit dem beladenen Boot weiterzufahren. Die Jesuiten der örtlichen Mission, schwer bewaffnet, vierschrötig und Soldaten ähnlicher als Priestern, empfingen sie mißtrauisch. Humboldt suchte den Missionsleiter auf, einen dürren Mann mit fiebergelbem Gesicht, und zeigte seinen Paß.
Gut, sagte Pater Zea. Er rief einen Befehl aus dem Fenster, kurz darauf brachten sechs Geistliche zwei Eingeborene herein. Diese verdienstvollen Männer, sagte Pater Zea, welche die Katarakte kennen würden wie keine anderen, hätten sich freiwillig gemeldet, ein geeignetes Boot durch die Stromschnellen zu bringen. Die Gäste sollten warten, bis das Boot weiter unten bereitstehe, dann könnten sie weiterfahren. Er machte eine Handbewegung, seine Leute führten die beiden Eingeborenen hinaus und legten ihnen Fußfesseln an.
Er sei sehr dankbar, sagte Humboldt vorsichtig. Aber billigen könne er das nicht.
Ach woher, rief Pater Zea, das habe nichts zu bedeuten und liege nur an der Unberechenbarkeit dieser Menschen. Sie meldeten sich freiwillig, und dann könne man sie plötzlich nicht mehr finden. Auch sähen sie sich alle so ähnlich!
Das Boot für ihre Weiterfahrt wurde herbeigetragen. Es war so schmal, daß sie hintereinander und auf den Kisten mit ihren Instrumenten würden sitzen müssen.
Lieber einen Monat in der Hölle, sagte Bonpland, als das!
Er werde beides bekommen, versprach Pater Zea. Die Hölle und das Boot.
Am Abend servierte man ihnen das erste gute Essen seit Wochen und sogar spanischen Wein. Durch das Fenster hörten sie die durcheinanderredenden Stimmen der Ruderer, die sich über den Verlauf einer Geschichte nicht einigen konnten.
Er habe den Eindruck, sagte Humboldt, hier werde ununterbrochen erzählt. Wozu dieses ständige Herleiern erfundener Lebensläufe, in denen noch nicht einmal eine Lehre stecke?
Man habe alles versucht, sagte Pater Zea. Erfundene Geschichten aufzuschreiben sei in allen Kolonien verboten. Aber die Leute seien hartnäckig, und auch die heilige Macht der Kirche kenne Grenzen. Es liege am Land. Er frage sich, ob der Baron noch dem berühmten La Condamine begegnet sei.
Humboldt schüttelte den Kopf.
Er schon, sagte Bonpland. Ein alter Mann, der sich im Palais Royal mit den Kellnern gestritten habe.
Genau der, sagte der Pater. Hier gebe es noch den ei-nen oder anderen Greis, der sich an ihn erinnere. Auch eine Frau, die vom Pulver eines schlechten Medizinmannes altere, ohne sterben zu können, ein furchtbarer Anblick übrigens. Ihre Geschichten seien hörenswert. Ob er es erzählen dürfe?
Humboldt seufzte.
Damals, sagte Pater Zea, habe die Akademie ihre drei besten Vermesser geschickt, La Condamine, Bouguer und Godin, um die Meridianlänge des Äquators festzustellen. Man habe, aus ästhetischen Gründen vor allem, Newtons unschöne These widerlegen wollen, daß die Erde sich durch Rotation abplatte, Pater Zea sah ein paar Sekunden konzentriert auf den Tisch. Ein riesiges Insekt landete auf seiner Stirn. Instinktiv streckte Bonpland die Hand aus, stockte und zog sie wieder zurück.
Den Äquator messen, fuhr Pater Zea fort. Also eine Linie ziehen, wo nie eine gewesen sei. Ob sie sich dort draußen umgesehen hätten? Linien gebe es woanders. Mit seinem knochigen Arm zeigte er auf das Fenster, das Gestrüpp, die von Insekten umschwärmten Pflanzen. Nicht hier!
Linien gebe es überall, sagte Humboldt. Sie seien eine Abstraktion. Wo Raum an sich sei, seien Linien.
Raum an sich sei anderswo, sagte Pater Zea.
Raum sei überall!
Überall sei eine Erfindung. Und den Raum an sich gebe es dort, wo Landvermesser ihn hintrügen. Patet Zea schloß die Augen, hob sein Weinglas und stellte es wieder ab, ohne daraus getrunken zu haben. Die drei Männer hätten unvorstellbar genau gearbeitet. Trotzdem hätten ihre Daten nie übereingestimmt. Zwei Bogenminuten auf dem Gerät La Condamines seien drei auf dem Gerät Bouguers gewesen, ein halbes Grad im Fernrohr Godins eineinhalb im Fernrohr La Condamines. Um ihre Linie zu ziehen, seien sie auf astronomische Messungen angewiesen gewesen, solch nützliche, tragbare Uhren, der Pater streifte das Chronometer an Humboldts Gürtel mit einem spöttischen Blick, habe es noch nicht gegeben. Die Dinge seien noch nicht gewöhnt gewesen ans Gemessenwerden. Drei Steine und drei Blätter seien noch nicht gleich viele gewesen, fünfzehn Gramm Erbsen und fünfzehn Gramm Erde noch nicht gleich schwer. Dazu die Hitze, die Feuchtigkeit, die Moskitos, der unablässige Kampfeslärm der Tiere. Eine Wut ohne Grund und Ziel sei über die Männer gekommen. Der wohlerzogene La Condamine habe Bouguers Meßgeräte verstellt, der wiederum Godins Bleistifte zerbrochen. Täglich habe es Streit gegeben, bis Godin den Degen gezückt habe und davongestolpert sei in den Urwald. Das gleiche, ein paar Wochen später, zwischen Bouguer und La Condamine. Pater Zea faltete die Hände. Man müsse sich das vorstellen. Derart zivilisierte Herren mit Allongeperücken, Lorgnons und parfümierten Taschentüchern! La Condamine habe es am längsten ausgehalten. Acht Jahre im Wald, beschützt von nur einer Handvoll fieberkranker Soldaten. Er habe Schneisen geschlagen, die zugewachsen seien, sobald er sich abgewandt habe, Bäume gefällt, welche schon in der nächsten Nacht wieder in die Luft geragt hätten; und dennoch, halsstarrig, habe er nach und nach ein Zahlennetz über die widerstrebende Natur gezwungen. Er habe Dreiecke gezogen, deren Winkelsumme sich allmählich den hundertachtzig genähert, und Bögen trianguliert, deren Krümmung schließlich sogar dem Flirren der Luft widerstanden habe. Dann habe er einen Brief der Akademie erhalten. Die Schlacht sei verloren, der Beweis in Newtons Sinn geführt, die Erde abgeplattet, die ganze Arbeit umsonst.
Bonpland nahm einen riefen Schluck aus der Weinflasche. Er schien vergessen zu haben, daß Gläser dastanden und sich das nicht gehörte. Humboldt warf ihm einen strafenden Blick zu.
So sei, sagte Pater Zea, der geschlagene Mann eben heimgefahren. Vier Monate lang, einen noch immer namenlosen Fluß entlang, den er erst später Amazonas getauft habe. Unterwegs habe er Karten gemalt, den Bergen Namen gegeben, die Temperatur verzeichnet, die Arten der Fische, Insekten, Schlangen und Menschen erfaßt. Nicht weil es ihn interessiert habe, sondern um den Verstand zu bewahren. Niemals habe er danach in Paris über die Dinge geredet, an die der eine oder andere seiner Soldaten sich noch erinnert habe: die kehligen Laute und perfekt gezielten Giftpfeile aus dem Unterholz, die nächtlichen Lichterscheinungen, vor allem aber jene winzigen Verschiebungen in der Wirklichkeit, wenn die Welt für Momente einen Schritt ins Irreale gemacht habe. Dann hätten zwar die Bäume noch wie Bäume, die träge strudelnden Wasser wie Wasser ausgesehen, aber man habe es schaudernd als Mimikri von etwas Fremdem erkannt. In dieser Zeit habe La Condamine auch den Kanal gefunden, von dem der verrückte Aguirre berichtet habe. Die Verbindung der zwei größten Flüsse des Kontinents.
Er werde beweisen, daß sie existiere, sagte Humboldt. Alle großen Ströme seien verbunden. Die Natur sei ein Ganzes.