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Электронная книга - «Die Vermessung der Welt». Краткое содержание книги:

Mit hintergründigem Humor schildert Daniel Kehlmann das Leben zweier Genies: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß. Er beschreibt ihre Sehnsüchte und Schwächen, ihre Gratwanderung zwischen Lächerlichkeit und Größe, Scheitern und Erfolg. Ein philosophischer Abenteuerroman von seltener Phantasie, Kraft und Brillanz.
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Die Zahlen begleiteten ihn jetzt immer. Er vergaß sie nicht einmal, wenn er die Huren besuchte. Es gab nicht viele in Göttingen, sie kannten ihn alle, grüßten ihn mit Namen und gaben ihm manchmal Rabatt, weil er jung war, gut aussah und Manieren hatte. Die ihm am besten gefiel, hieß Nina und stammte aus einer fernen sibirischen Stadt. Sie wohnte im alten Accouchierhaus, hatte dunkle Haare, tiefe Grübchen auf den Wangen und breite, nach Erde duftende Schultern; in den Augenblicken, wenn er sie umfaßte, den Blick zur Decke wandte und ihr Schaukeln auf sich spürte, versprach er ihr, sie zu heiraten und ihre Sprache zu lernen. Sie lachte über ihn, und wenn er schwor, daß er es ernst meine, antwortete sie nur, er sei eben noch sehr jung.

Seine Doktoratsprüfung fand unter Aufsicht von Professor Pfaff statt. Auf sein gekritzeltes Ansuchen hin erließ man ihm das mündliche Examen, es wäre auch zu lächerlich gewesen. Als er seine Urkunde abholte, muß- te er auf dem Gang warten. Er aß ein Stück trockenen Kuchen und las in den Göttinger Gelehrten Anzeigen den Bericht eines preußischen Diplomaten über dessen Bruders Aufenthalt in Neuandalusien. Ein weißes Haus am Rand der Stadt, abends kühlte man sich im Fluß, Frauen kamen häufig zu Besuch, damit man ihre Läuse zählte. In unbestimmter Erregung blätterte er um. Nackte Indianer in der Kapuzinermission, in Höhlen lebende Vögel, die mit ihren Stimmen sahen wie andere Wesen mit dem Augenlicht. Die große Sonnenfinsternis, dann der Aufbruch zum Orinoko. Der Brief des Mannes war eineinhalb Jahre unterwegs gewesen, nur Gott mochte wissen, ob er noch lebte. Gauß senkte die Zeitung, Zimmermann und Pfaff standen vor ihm. Sie hatten nicht zu stören gewagt.

Dieser Mann, sagte er, beeindruckend! Aber unsinnig auch, als wäre die Wahrheit irgendwo und nicht hier. Oder als könnte man vor sich selbst davonlaufen.

Pfaff reichte ihm zögernd die Urkunde: Bestanden, summa cum laude. Natürlich. Man höre, sagte Zimmermann, ein großes Werk sei in Arbeit. Er freue sich, daß Gauß nun doch etwas gefunden habe, das sein Interesse fesseln und seine Melancholie vertreiben könne.

Das habe er in der Tat, sagte Gauß, und wenn es vollendet sei, werde er gehen.

Die beiden Professoren wechselten einen Blick. Aus dem Kurfürstentum Hannover? Das wolle man doch nicht hoffen.

Nein, sagte Gauß, keine Sorge. Sehr weit, aber doch nicht aus dem Kurfürstentum Hannover.

Die Arbeit ging schnell voran. Das quadratische Reziprozitätsgesetz war abgeleitet, das Rätsel der Primzahlenfrequenz seiner Auflösung näher. Die ersten drei Sektionen hatte er beendet, er war schon beim Hauptteil. Aber immer wieder legte er die Feder weg, stützte den Kopf in die Hände und fragte sich, ob das, was er tat, überhaupt erlaubt war. Drang er nicht zu tief ein? Auf dem Grund der Physik waren Regeln, auf dem Grund der Regeln Gesetze, auf deren Grund Zahlen; wenn man diese scharf ins Auge faßte, erkannte man Verwandtschaften zwischen ihnen, Abstoßungen oder Anziehung. Einiges an ihrem Gefüge schien unvollständig, seltsam flüchtig entworfen, und nicht nur einmal glaubte er, notdürftig kaschierten Fehlern zu begegnen – als hätte Gott sich Nachlässigkeiten erlaubt und gehofft, keiner würde sie bemerken.

Dann kam der Tag, an dem er kein Geld mehr hatte. Da er nicht mehr studierte, war sein Stipendium abgelaufen. Dem Herzog hatte es nie gefallen, daß er nach Göttingen gegangen war, an eine Verlängerung war nicht zu denken.

Da gebe es Abhilfe, sagte Zimmermann. Ein Gelegenheitsauftrag: Man brauche einen tüchtigen jungen Mann, der bei der Landvermessung helfe.

Gauß schüttelte den Kopf.

Es dauere nicht lange, sagte Zimmermann. Und frische Luft habe noch keinem geschadet.

So fand er sich unversehens durch die verregnete Landschaft stolpern. Der Himmel war niedrig und dunkel, die Erde lehmig. Er kletterte über eine Hecke und stand keuchend, verschwitzt und bestreut mit Kiefernnadeln vor zwei Mädchen. Gefragt, was er hier tue, erklärte er nervös die Technik der Triangulation: Wenn man eine Seite und zwei Winkel eines Dreiecks kenne, könne man die anderen Seiten und den unbekannten Winkel bestimmen. Man wähle also ein Dreieck irgendwo hier draußen auf Gottes Erde, messe die Seite, zu der man am leichtesten Zugang habe, und bestimme mit diesem Gerät die Winkel zum dritten Punkt. Er hob den Theodolit und drehte ihn, so und so, und sehen Sie, so, mit ungeschickten Fingern hin und her, als wäre es das erste Mal. Dann füge man eine Serie solcher Dreiecke aneinander. Ein preußischer Forscher tue genau das in diesem Moment unter den Fabelwesen der Neuen Welt.

Aber eine Landschaft, erwiderte die größere der beiden, sei doch keine Fläche?

Er starrte sie an. Die Pause hatte gefehlt. Als hätte sie nicht nachdenken müssen. Allerdings nicht, sagte er lächelnd.

Ein Dreieck, sagte sie, habe nur auf einer Fläche hundertachtzig Grad Winkelsumme, auf einer Kugel aber nicht. Damit stehe und falle doch alles.

Er musterte sie, als sähe er sie erst jetzt. Mit hochgezogenen Brauen erwiderte sie seinen Blick. Ja, sagte er. So. Um das auszugleichen, müsse man die Dreiecke gewissermaßen nach der Messung zu unendlich kleiner Größe schrumpfen lassen. Grundsätzlich eine einfache Differentialoperation. Allerdings in dieser Form … Er setzte sich auf den Boden und holte seinen Block hervor. In dieser Form, murmelte er, während er zu notieren begann, habe das noch keiner durchgeführt. Als er aufsah, war er allein.

Ein paar Wochen zog er noch mit den geodätischen Gerätschaften durchs Gelände, rammte Pfähle in den Boden, vermaß ihre Entfernung. Einmal kollerte er eine Böschung hinunter und verrenkte sich die Schulter, mehrmals fiel er in Brennesseln, und eines Nachmittags, der Winter näherte sich schon, bewarf ihn eine Horde Kinder mit schmutzigen Schneebällen. Als aus dem Wald ein Schäferhund sprang, ihn zu Boden stieß, fast zärtlich in seine Wade biß und wie ein Spuk wieder verschwand, beschloß er, mit dieser Arbeit aufzuhören. Für solche Gefahren war er nicht geschaffen.

Doch Johanna sah er jetzt öfter. Es schien, als wäre sie schon immer in seiner Nähe und nur durch Tarnung oder eine Schwäche seiner Aufmerksamkeit vor ihm verborgen gewesen. Sie ging vor ihm auf der Straße, und ihm war, als verlangsamte allein sein Wunsch, daß sie zögern möge, um ein weniges ihren Schritt. Oder sie saß in der Kirche, drei Reihen hinter ihm, mit müdem, doch konzentriertem Ausdruck, während der Pastor ihnen allen die ewige Verdammnis in Aussicht stellte für den Fall, daß sie Christi Leiden nicht zu ihrem, seinen Kummer nicht zu dem eigenen, sein Blut nicht zu ihrer aller Blut machten; Gauß hatte längst aufgegeben, sich zu fragen, was das heißen sollte, und wußte schon, mit welch ironischem Ausdruck sie ihn, wenn er sich jetzt umdrehte, ansehen würde.

Einmal gingen sie mit ihrer dummen und ständig kichernden Freundin Minna vor der Stadt spazieren. Sie unterhielten sich über neue Bücher, die er nicht kann-te, die Häufigkeit des Regens, die Zukunft des Direktoriums in Paris. Oft antwortete Johanna, bevor er zu Ende gesprochen hatte. Er dachte daran, sie zu umfassen und zu Boden zu ziehen, und wußte genau, daß sie seine Gedanken kannte. Mußte all diese Verstellung wirklich sein? Aber natürlich war sie nötig, und als er aus Versehen ihre Hand berührte, machte er eine tiefe Verbeugung, wie es die Adligen taten, und sie einen Knicks. Auf dem Rückweg fragte er sich, ob je ein Tag kommen würde, an dem Menschen miteinander umgehen könnten, ohne zu lügen. Aber bevor ihm darauf etwas einfiel, begriff er, wie jede Zahl sich als Summe dreier Dreieckszahlen darstellen ließ. Mit zitternden Händen tastete er nach seinem Block, aber er hatte ihn daheim vergessen und mußte die Formel bis zur nächsten Gastwirtschaft, wo er dem Kellner einen Griffel aus der Hand riß und sie auf ein Stück Tischdecke schmierte, leise vor sich hin murmeln.

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