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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Sie wird tun, was sie tun wird, Nynaeve. Mit deiner Hilfe werde ich das tun, was ich tun muss.«

Sie zögerte noch immer, drückte die Tasche an die Brust und warf besorgte Blicke zu den Frauen, die sich um Cadsuane versammelt hatten. Alivia verließ die Gruppe und eilte über den abschüssigen Boden auf sie zu; sie hielt den Umhang mit beiden Händen geschlossen.

»Cadsuane sagt, ich muss die Ter'angreale haben, Nynaeve«, sagte sie mit ihrem breiten seanchanischen Akzent. »Jetzt streitet nicht, dazu ist keine Zeit. Außerdem werdet Ihr nichts damit anfangen können, wenn Ihr mit ihm verknüpft seid.«

Diesmal konnte man den Blick, den Nynaeve den Frauen um Cadsuane zuwarf, beinahe mörderisch nennen, sie murmelte etwas, nahm aber Ringe und Armreife ab und gab Alivia auch den mit Juwelen verzierten Gürtel und die Halskette. Einen Augenblick später seufzte sie und löste das seltsame Armband, das mit flachen Kettchen mit den Fingerringen verbunden war. »Die könnt Ihr dann genauso gut auch nehmen. Ich schätze, ich brauche kein Angreal, wenn ich das mächtigste Sa'angreal benutze, das je erschaffen wurde. Aber ich will alle zurückhaben, verstanden?«, sagte sie wild.

»Ich bin keine Diebin«, erwiderte die Frau mit den Falkenaugen affektiert und schob die vier Ringe auf die Finger ihrer linken Hand. Seltsamerweise passte das Angreal, das den Eindruck erweckte, eigens für Nynaeve hergestellt worden sein, auch genauso mühelos an ihre viel größere Hand. Die beiden Frauen starrten das Ding an.

Ihm wurde bewusst, dass keiner von ihnen die Möglichkeit in Betracht zog, dass er versagen könnte. Er wünschte sich, er könnte so sicher wie sie sein. Aber was getan werden musste, musste getan werden.

»Willst du den ganzen Tag warten, Rand?«, fragte Nynaeve, als Alivia wieder zu Cadsuane ging, und zwar noch schneller, als sie gekommen war. Nynaeve zog den Umhang zurecht, setzte sich auf einen grauen Felsbrocken von der Größe einer kleinen Bank, zog die Tasche auf den Schoß und schlug die Lederklappe zurück.

Rand setzte sich ihr mit untergeschlagenen Beinen gegenüber auf den Boden, während sie die beiden Zugangsschlüssel hervorholte, zwei glatte weiße Statuen von jeweils einem Fuß Höhe, von denen jede eine durchsichtige Kugel in einer erhobenen Hand hielt. Sie gab ihm die Figur eines bärtigen Mannes in einem langen Gewand. Die Frau mit dem langen Gewand stellte sie neben ihren Füßen auf den Boden. Die Gesichter der Figuren waren heiter, stark und von der Weisheit des Alters geprägt.

»Du musst dich an den Punkt begeben, an dem du kurz davor stehst, die Quelle zu umarmen«, erklärte sie ihm und glättete Röcke, die nicht geglättet werden mussten. »Dann kann ich mit dir eine Verknüpfung eingehen.«

Mit einem Seufzen stellte Rand den Bärtigen ab und ließ Saidin los. Das wütende Feuer und das Eis verschwanden und mit ihnen die Widerlichkeit der Verunreinigung, die so glatt wie schmieriges Fett war. Aber mit ihnen schien auch das Leben zu schwinden und ließ die Welt blass und trostlos werden. Er stützte die Hände auf den Boden, um sich gegen die Übelkeit zu wappnen, die in dem Moment, in dem er die Quelle erneut ergriff, zuschlagen würde, aber plötzlich ließ ein anderes Schwindelgefühl die Welt sich drehen. Einen Herzschlag lang füllte ein undeutliches Gesicht seine Gedanken und verdrängte Nynaeve, das Gesicht eines Mannes, das beinahe erkennbar war. Licht, falls das je geschah, wenn er gerade Saidin ergriff ... Nynaeve beugte sich besorgt zu ihm herunter.

»Jetzt«, sagte er und griff durch den Bärtigen hindurch nach der Quelle, ohne sie festzuhalten. Er wollte vor Schmerzen brüllen, als lodernde Flammen ihn zu verbrennen schienen, während zugleich rasende Sturmwinde gefrorene Sandkörner über seine Haut peitschten. Nynaeve holte schnell tief Luft, wie er sehen konnte, darum wusste er, dass es nur einen winzigen Augenblick lang andauerte, doch es erschien ihm wie Stunden, bevor ...

Saidin strömte durch ihn hindurch, mit seiner ganzen lavaähnlichen Wut, dem atemraubenden Eis, seiner ganzen Fäulnis, und er konnte nicht einmal einen haarfeinen Strom kontrollieren. Er sah, wie der Strom aus ihm in Nynaeve hineinfloss. Das Gefühl, wie es in seinem Inneren brodelte, die tückischen Strömungen und der trügerische Untergrund, die ihn in einem Herzschlag zerstören konnten — es war eine Qual, dies alles fühlen zu müssen, ohne dagegen ankämpfen oder es kontrollieren zu können. Plötzlich wurde ihm klar, dass er sich ihr bewusst war, so wie er sich Min bewusst war, aber er konnte bloß an Saidin denken, das ihn unkontrolliert durchströmte.

Sie holte stockend Atem. »Wie kannst du das ertragen...?«, stieß sie heiser hervor. »Das ganze Chaos und die Wut und den Tod. Licht! Pass auf, du musst jetzt mit aller Kraft versuchen, die Ströme zu kontrollieren, während ich...« Er tat, was sie ihm befohlen hatte, in dem verzweifelten Bemühen, sein Gleichgewicht in dem niemals endenden Krieg mit Saidin zu finden, und sie schrie auf und zuckte zusammen. »Du solltest doch warten, bis ich...«, fing sie wütend an, um dann mit gereizter Stimme fortzufahren. »Nun, wenigstens bin ich es los.

Was schaust du mich mit so großen Augen an? Ich bin hier diejenige, der man die Haut abgezogen hat!«

»Saidar«, murmelte er von Staunen erfüllt. Es war so ... anders.

Verglichen mit dem Aufruhr von Saidin war Saidar ein träger Fluss, der ungehindert dahinströmte. Er griff in diesen Fluss hinein, und plötzlich kämpfte er gegen Strömungen, die ihn tiefer hineinziehen wollten, rasende Strudel, die ihn untertauchen wollten. Je stärker er kämpfte, desto stärker wurden die sich unablässig verändernden Ströme. Es war nur ein Augenblick vergangen, seit er versucht hatte, Saidar zu kontrollieren, und es kam ihm bereits so vor, als müsste er darin ertrinken, als würde es ihn in die Ewigkeit hinfortspülen. Nynaeve hatte ihn gewarnt und ihn angewiesen, was er tun müsste, aber es war so fremd erschienen, dass er es bis zu diesem Augenblick nicht richtig geglaubt hatte. Mit einer großen Anstrengung zwang er sich dazu, nicht länger gegen die Strömungen anzukämpfen, und sofort floss der Fluss wieder friedlich daher.

Das war die erste Schwierigkeit, gegen Saidin zu kämpfen, während man sich Saidar ergab. Die erste Schwierigkeit und der erste Schlüssel zu dem, was er tun müsste. Die männliche und die weibliche Hälfte der Wahren Quelle ähnelten sich und auch wiederum nicht, sie zogen sich an und stießen sich ab, kämpften gegeneinander, während sie zusammenarbeiteten, um das Rad der Zeit anzutreiben. Der Makel der männlichen Hälfte hatte sogar einen Zwilling. Die Wunde, die ihm Ishamael zugefügt hatte, klopfte in Übereinstimmung mit dem Makel, während die andere, die von Farns Klinge stammte, in Übereinstimmung mit dem Bösen pochte, das Aridhol vernichtet hatte.

Er zwang sich zu einem behutsamen Vorgehen, benutzte die gewaltige Kraft des ungewohnten Saidars, um es in die Richtung zu lenken, in die er es haben wollte, und webte unbeholfen eine Verbindung, eine Art Röhre, die an dem einen Ende die männliche Hälfte der Quelle berührte und mit dem anderen die in der Ferne liegende Stadt. Die Röhre musste aus unbeschmutztem Saidar bestehen. Eine aus Saidin gewobene Röhre würde möglicherweise zerspringen, wenn die Fäulnis schließlich tropfenweise hinausgepresst wurde — falls das so funktionierte, wie er hoffte. Er stellte es sich zumindest als Röhre vor, obwohl es das eigentlich gar nicht war. Das Gewebe formte sich nicht im mindesten so, wie er es erwartet hätte. Als hätte Saidar einen eigenen Willen, bildete das Gewebe Windungen und Spiralen, die ihn an eine Blume erinnerten. Es war nichts zu sehen, keine spektakulären Gewebe, die vom Himmel sanken. Die Quelle lag im Herzen der Schöpfung, war überall, selbst in Shadar Logoth. Die Röhre erstreckte sich über Entfernungen jenseits seiner Vorstellungskraft und hatte dennoch keine Länge. Es musste eine Röhre sein, ganz egal, wie ihr Erscheinungsbild auch aussah. Wenn nicht...

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