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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Dann hatte sie keine Zeit mehr zum nachdenken, denn die Frau mit dem goldenen Haar wirbelte herum und begann, die Macht zu lenken. Verin konnte die Gewebe nicht sehen, aber sie wusste, dass sie sich einem Angriff auf ihr Leben stellte, und sie war viel zu weit gekommen, um hier zu sterben.

Eben zog den Urnhang enger um seinen Körper und wünschte sich, er wäre besser darin, die Kälte zu ignorieren. Einfache Kälte konnte er ignorieren, aber nicht den Wind, der aufgekommen war, seit die Sonne ihren Zenit überschritten hatte. Die drei mit ihm verknüpften Schwestern überließen ihre Umhänge einfach den Böen, während sie alle Richtungen gleichzeitig im Auge zu behalten versuchten. Daigian führte den Zirkel — vermutlich seinetwegen —, aber sie schöpfte mit solch leichter Hand, dass er kaum einen Hauch von Saidin durch sich hindurchfließen spürte. Sie wollte sich dem nicht stellen, bevor es unbedingt nötig war. Er schob ihre Kapuze zurecht und sie lächelte ihn aus ihren Tiefen an. Der Bund übertrug ihre Zuneigung für ihn und die seine zu ihr, wie er vermutete. Mit der Zeit würde er für die kleine Aes Sedai vermutlich Liebe empfinden.

Der tosende Saidin-Strom weit hinter ihm überlagerte immer wieder seine Fähigkeit, andere aktive Machtlenker zu fühlen, aber er konnte spüren, wie andere die Macht lenkten. Die Schlacht hatte an anderer Stelle begonnen und bis jetzt waren sie vier nur umhergelaufen. Aber das störte ihn nicht besonders. Er war bei den Quellen von Dumai dabei gewesen und hatte gegen die Seanchaner gekämpft, und er hatte gelernt, dass es viel mehr Spaß machte, über Schlachten zu lesen, als sie zu schlagen. Was ihn jedoch störte, war der Umstand, dass man ihm nicht die Kontrolle über den Zirkel gegeben hatte. Natürlich hatte sie Jahar auch nicht, aber er war fest davon überzeugt, dass sich Merise damit amüsierte, Jahar einen Keks auf der Nase balancieren zu lassen. Damer hatte die Kontrolle über den Zirkel. Nur weil der Mann ein paar Jahre älter als er war — nun, es waren mehr als nur ein paar Jahre; er war älter als sein Vater —, war nun wirklich kein Grund, dass Cadsuane ihn wie einen ...

»Könnt Ihr mir helfen? Ich scheine mich verirrt zu haben und habe mein Pferd verloren.« Die Frau, die vor ihnen hinter einem Baum hervortrat, hatte nicht einmal einen Umhang. Stattdessen trug sie ein Gewand aus dunkelgrüner Seide, das so tief ausgeschnitten war, dass die Hälfte ihres üppigen Busens entblößt war. Locken schwarzen Haars umrahmten ein wunderschönes Gesicht mit grünen Augen, die funkelten, wenn sie lächelte.

»Ein seltsamer Ort für einen Ausritt«, sagte Beldeine misstrauisch. Die hübsche Grüne war nicht begeistert gewesen, als Cadsuane Daigian den Befehl übergeben hatte, und sie hatte jede sich bietende Gelegenheit ergriffen, um ihre Meinung über Daigians Entscheidungen kundzutun.

»Ich hatte nicht so weit reiten wollen«, sagte die Frau und kam näher. »Wie ich sehe, seid ihr alle Aes Sedai. Mit einem... Bräutigam? Wisst ihr, was hier vor sich geht?«

Plötzlich fühlte Eben, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Es war unmöglich, was er da fühlte! Die Frau mit den grünen Augen runzelte überrascht die Stirn und er tat das Einzige, das er tun konnte.

»Sie hält Saidin!«, rief er und stürzte sich auf sie, während er fühlte, wie Daigian tief von der Macht schöpfte.

Beim Anblick der Frau, die etwa hundert Schritte voraus zwischen den Bäumen stand, wurde Cyndane langsamer; es handelte sich um eine hochgewachsene Frau mit hellblonden Haaren, die einfach zusah, wie sie näher kam. Die Schlachten, die an anderen Orten mit der Macht ausgetragen wurden, machten sie misstrauisch, gaben ihr gleichzeitig aber auch neue Zuversicht. Die Frau war in einfache Wolle gekleidet, andererseits war sie mit Juwelen behängt, als wäre sie eine große Lady. Mit dem Saidar in ihr konnte Cyndane die feinen Fältchen an den Augenwinkeln der anderen Frau sehen. Also gehörte sie nicht zu denen, die sich Aes Sedai nannten. Aber wer war sie dann? Und warum stand sie da, als wollte sie Cyndane den Weg versperren? Es spielte keine Rolle. Jetzt die Macht zu benutzen würde sie verraten, aber sie hatte ja Zeit. Der Schlüssel leuchtete noch immer wie ein Leuchtfeuer der Macht. Lews Therin lebte noch. Ganz egal, wie wild die Augen der Frau blickten, falls sie wirklich glaubte, ein Hindernis zu sein, würde für sie ein Messer reichen. Und nur für den Fall, dass sie sich als das erwies, was man Wilde nannte, bereitete Cyndane ein kleines Geschenk für sie vor, ein umgedrehtes Gewebe, das sie nicht einmal sehen würde, bevor es zu spät war.

Plötzlich flammte das Licht Saidars um die Frau auf, aber der bereitgehaltene Feuerball schoss aus Cyndanes Hand, klein genug, um jeder Entdeckung zu entgehen, wie sie hoffte, aber groß genug, um ein Loch in die Frau zu brennen ...

In dem Augenblick, in dem das Gewebe aus Feuer die Frau erreichte, als es fast nahe genug war, um ihr Kleid anzusengen, löste es sich in seine Bestandteile auf. Die Frau tat nichts; das Netz löste sich einfach auf! Cyndane hatte noch nie von einem Ter'angreal gehört, das ein Gewebe zerstören konnte, aber es konnte sich nur darum handeln.

Dann schlug die Frau zurück und sie erlebte ihren zweiten Schock. Sie war stärker als Cyndane, bevor die Aelfinn und die Eelfinn sie in ihrer Gewalt gehabt hatten! Das war unmöglich; keine Frau konnte stärker sein. Sie musste auch ein Angreal haben. Der Schock dauerte nur die Zeit an, die es kostete, die Ströme der Frau zu durchtrennen. Offensichtlich wusste sie nicht, wie sie sie zurücknehmen musste. Vielleicht würde dieser Vorteil ausreichen. Sie würde Lews Therin sterben sehen! Die hoch gewachsene Frau zuckte zusammen, als die durchtrennten Ströme in sie hineinschnellten, aber noch während sie den Schlag hinnahm und mit den Füßen einen besseren Stand suchte, schlug sie erneut zu. Mit einem Knurren wehrte sich Cyndane und der Boden unter ihren Füßen bäumte sich auf. Sie würde ihn sterben sehen! Sie würde ihn sterben sehen!

Der hohe Hügel lag nicht in unmittelbarer Nähe des Zugangsschlüssels, trotzdem leuchtete der Schlüssel so hell in Moghediens Kopf, dass sie nach einem kleinen Schluck dieses gewaltigen Saidar-Stioms dürstete. So viel zu halten, nur der tausendste Teil einer solchen Menge, würde die schiere Ekstase sein. Sie dürstete danach, aber diese bewaldete Stellung war so nahe daran, wie sie vorhatte heranzugehen. Allein die Bedrohung von Moridins Händen, die ihr Cour'souvra liebkosten, hatte sie dazu getrieben, an diesen Ort zu reisen, und sie hatte es hinausgezögert und darum gebetet, dass alles vorbei sein würde, bevor man sie dazu gezwungen hatte. Sie hatte immer im Verborgenen gearbeitet, aber sie war noch nicht richtig da gewesen, als sie sich auch schon vor einem Angriff in Sicherheit bringen musste. In dem sich unter ihr im Licht der frühen Nachmittagssonne ausbreitenden Wald zuckten an weit voneinander entfernten Stellen mit Saidar gewobene Blitze und Flammensäulen auf; dazu kamen auch noch einige, die aus Saidin bestehen mussten. Schwarze Rauchwolken quollen von brennenden Baumstümpfen empor, ohrenbetäubende Explosionen hallten durch die Luft.

Es kümmerte sie nicht, wer da kämpfte, wer lebte und wer starb. Natürlich wäre es erfreulich gewesen, wenn Cyndane oder Graendal umgekommen wären. Oder gar beide. Moghedien würde das nicht passieren, sie würde sich nicht mitten über ein Schlachtfeld schleppen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug gewesen, erhob sich noch etwas jenseits des leuchtenden Schlüssels, eine gewaltige abgeflachte Kuppel aus Finsternis mitten im Wald, so als hätte sich die Nacht in Stein verwandelt. Sie zuckte zusammen, als Bewegung in die schwarze Oberfläche kam, so als würde eine kleine Welle durch sie hindurchfahren. Die Kuppel wuchs deutlich sichtbar ein Stück in die Höhe. Reiner Wahnsinn, sich näher heranzuwagen, was auch immer es war. Moridin würde nicht wissen, was sie hier tat oder auch nicht.

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