Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
»Herrin, wir tanzen dir zu Ehren. Möge uns unser Tanz bis in die Höhe fliegen lassen.«
Sie hat ›Herrin‹ gesagt, oder habe ich mich etwa verhört?
Ganz sicher hat sie ›Herrin‹ gesagt.
Die andere junge Frau zündet in vier Leuchtern Kerzen an, das Licht wird ausgemacht. Die vier weißgekleideten Figuren mit ihren weiten Röcken sind von der Bühne heruntergestiegen und haben sich unter das Publikum gemischt.
Der zweite junge Mann stimmt mit einer Stimme, die aus seinem Bauch zu kommen scheint, einen fast halbstündigen Gesang an, der mich mit seiner Monotonie jedoch seltsamerweise den Zahir etwas vergessen läßt, mich entspannt, in eine Art Schläfrigkeit versetzt. Sogar die Kinder, die in dem ersten Teil der Veranstaltung, in dem es um das »Wiedererzählen von Liebe« ging, hin und her gelaufen waren, schauen jetzt still zur Bühne. Einige der Anwesenden halten die Augen geschlossen, andere blicken zu Boden oder auf einen festen, unsichtbaren Punkt, so wie es Mikhail getan hat.
Als der andere junge Mann aufhört zu singen, beginnen die Schlaginstrumente − der Metallteller mit den Ornamenten und die Trommel −, einen Rhythmus zu spielen, der mich an die ursprünglich afrikanischen religiösen Zeremonien meines Heimatlandes erinnert.
Die weißgekleideten Gestalten drehen sich um sich selber
− und das Publikum macht ihnen in diesem vollen Raum Platz, damit die weiten Röcke schwingen können. Der Rhythmus der Instrumente steigert sich, die vier drehen sich immer schneller, stoßen Laute aus, die keiner bekannten Sprache angehören − als redeten sie direkt mit den Engeln oder mit der »Herrin«, wie sie genannt worden war.
Mein Nachbar erhebt sich und beginnt ebenfalls, zu tanzen und unverständliche Sätze zu murmeln. Ein Dutzend Leute aus dem Publikum tun es ihm gleich, während die anderen mit einer Mischung aus Ehrerbietung und Bewunderung zuschauen.
Ich weiß nicht, wie lange dieser Tanz gedauert hat, aber der Klang der Instrumente scheint meinem Herzschlag zu folgen, und ich habe ein fast unbezwingbares Bedürfnis, mich hinzugeben, merkwürdige Dinge zu sagen, meinen Körper zu bewegen − nur meine Selbstbeherrschung und meine Angst, mich lächerlich zu machen, können mich davon abhalten, mich ebenfalls wie ein Verrückter um mich selber zu drehen. Dabei ist mir plötzlich so, als würde Esther, mein Zahir, vor mir stehen, als würde sie mich anlächeln, mich bitten, die ›Herrin‹ zu loben.
Ich kämpfe, um mich nicht auf dieses unbekannte Ritual einzulassen, wünsche mir, es möge schnell vorbeigehen. Ich versuche, mich auf mein Vorhaben zu konzentrieren, heute abend mit Mikhail zu reden und ihn dazu zu bringen, mich zu meinem Zahir zu führen − aber ich kann nicht stillsitzen.
Ich erhebe mich von meinem Stuhl, und als ich vorsichtig und schüchtern die ersten Schritte versuche, verstummt die Musik unvermittelt.
In dem von Kerzenlicht erhellten Saal ist nur das schwere Atmen derjenigen, die getanzt hatten, zu hören. Ganz allmählich beruhigt sich ihr Atem, und das Licht geht wieder an, alles scheint wieder zur Normalität zurückzukehren.
Die Leute schenken sich Bier, Wein, Wasser, Erfrischungsgetränke ein, die Kinder beginnen wieder, herumzulaufen und laut zu reden, und bald unterhalten sich alle wieder − als wäre nichts, absolut gar nichts passiert.
»Es ist Zeit, unser Treffen zu beenden«, sagt die junge Frau, die die Kerzen angezündet hat. »Alma übernimmt die Geschichte zum Abschluß.«
Alma ist die Frau mit dem Gong. Sie spricht mit dem Akzent von jemandem, der lange im Orient gelebt hat.
»Der Meister hatte einen Büffel. Dessen auseinanderstehende Hörner brachten ihn auf einen Gedanken: Wenn es ihm gelänge, sich zwischen diese Hörner zu setzen, würde er wie auf einem Thron sitzen. Eines Tages, als das Tier nicht aufpaßte und sich zum Ausruhen hingelegt hatte, ging er zu ihm hin und tat, wovon er immer geträumt hatte. Sofort erhob sich der Büffel und warf ihn ab.
Die Frau des Meisters, die dabeistand, brach in Tränen aus, als sie das sah.
›Weine nicht‹, sagte der Meister, sobald er sich wieder erholt hatte. ›Ich habe gelitten, aber ich habe mir auch meinen Wunsch erfüllt.‹«
Die Leute beginnen, aus dem Saal zu strömen. Ich frage meinen Nachbarn, was er gefühlt habe.
»Sie wissen es. Sie schreiben ja in Ihren Büchern darüber.«
Ich wußte es nicht, aber mußte so tun als ob.
»Vielleicht weiß ich es ja, aber ich möchte sichergehen.«
Er schaut mich an, als wüßte ich es doch nicht, und scheint plötzlich daran zu zweifeln, ob ich wirklich der Schriftsteller bin, den er zu kennen glaubt.
»Wir standen in Verbindung mit der Energie des Universums«, antwortet er. »Gott ging durch meine Seele.«
Damit verläßt er den Raum − um nicht erklären zu müssen, was er gerade gesagt hat.
Im leeren Saal bleiben nur die vier Akteure, die beiden Musiker und ich zurück. Die Frauen verschwinden in der Damentoilette des Restaurants, wahrscheinlich um sich umzuziehen. Die Männer entledigen sich der weißen Kleider im Saal und ziehen ihre normale Kleidung wieder an.
Anschließend verstauen sie die Leuchter und die Instrumente in zwei großen Koffern.
Der ältere Mann, der während der Zeremonie getrommelt hat, beginnt, das Geld zu zählen, und teilt es in sechs gleiche Haufen auf. Ich glaube, Mikhail bemerkt mich erst in diesem Augenblick.
»Ich hatte schon erwartet, Sie hier zu sehen.«
»Und ich denke, Sie können sich vorstellen, weshalb.«
»Seit ich zugelassen habe, daß die göttliche Energie durch meinen Körper geht, kenne ich den Grund von allem. Ich kenne den Grund für die Liebe und den Krieg. Kenne den Grund, weshalb ein Mann die Frau sucht, die er liebt.«
Ich spüre erneut, daß ich auf Messers Schneide wandele.
Wenn er weiß, daß ich wegen meines Zahirs hier bin, dann weiß er auch, daß dies eine Bedrohung für seine Beziehung ist.
»Können wir wie zwei Ehrenmänner miteinander reden, die um etwas kämpfen, um das zu kämpfen sich lohnt?«
Mikhail scheint einen Augenblick lang zu schwanken. Ich fahre fort.
»Ich weiß, daß ich daraus verletzt hervorgehen werde wie der Meister, der sich zwischen die Hörner des Büffels setzte.
Doch ich finde, ich habe es verdient. Ich habe es wegen der Schmerzen verdient, die ich ihr bereitet habe, auch wenn ich dies nicht absichtlich tat. Ich glaube nicht, daß Esther weggegangen wäre, wenn ich ihre Liebe geachtet hätte.«
»Sie verstehen überhaupt nichts«, sagt Mikhail.
Dieser Satz ärgert mich. Wie kommt ein Fünfundzwanzigjähriger dazu, einem lebenserfahrenen, leidgeprüften Mann zu sagen, er verstehe überhaupt nichts? − Doch ich muß mich in der Gewalt haben, mich so kleinmachen wie irgend möglich. Ich darf nicht weiter mit Gespenstern leben, darf nicht zulassen, daß mein ganzes Universum weiter vom Zahir bestimmt wird.
»Mag sein, daß ich es wirklich nicht verstehe: Aus ebendiesem Grund bin ich hier. Um es zu verstehen. Um mich zu befreien, indem ich verstehe, was geschehen ist.«
»Sie haben es sehr gut verstanden, und plötzlich verstehen Sie es nicht mehr. So zumindest hat es mir Esther erzählt.
Wie alle Ehemänner haben auch Sie irgendwann Ihre Frau als Teil des Mobiliars und Hausrats betrachtet.«
Ich bin versucht zu sagen: ›Es wäre gut gewesen, wenn sie es mir gesagt hätte. Mir die Gelegenheit gegeben hätte, meine Fehler zu korrigieren, wenn sie mich nicht wegen eines jungen Mannes Mitte Zwanzig verlassen hätte, der sich schon bald genauso verhalten würde wie ich. Aber aus meinem Mund kommt ein vorsichtigerer Satz:
»Ich glaube nicht, daß es so war. Sie haben mein Buch gelesen, waren bei der Signierstunde, weil Sie wußten, was ich fühle. Sie wollten mich beruhigen. Mein Herz ist noch immer zerstört. Haben Sie schon einmal vom Zahir gehört?«