Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
»Mein Großvater erzählte, daß der AralSee wegen der Farbe seines Wassers einst das Blaue Meer genannt wurde.
Heute ist es nicht mehr da, und dennoch wollen die Menschen ihre Häuser nicht aufgeben und woandershin ziehen.
Sie träumen noch immer von den Wellen, den Fischen, haben noch immer ihre Angelruten und reden über Schiffe und Köder.«
»Aber das mit den Atomversuchen, stimmt das wirklich?« läßt mein Verleger nicht locker.
»Da jeder Kasache innig mit seiner Heimaterde verbunden ist, sind diese Versuche ein Angriff auf jeden einzelnen von uns. Vierzig Jahre lang wurden die Ebenen von nuklearen oder thermonuklearen Bomben erschüttert, bis 1989
waren es insgesamt vierhundertsechsundfünfzig. Hundertsechzehn dieser Explosionen wurden an der Erdoberfläche gezündet und hatten zusammen eine Sprengkraft, die zweieinhalbtausendmal so stark war wie die der Bombe, die im Zweiten Weltkrieg auf Hiroshima geworfen wurde. Als Folge davon wurden Tausende von Menschen radioaktiv verseucht, bekamen Lungenkrebs. Zugleich wurden Tausende von Kindern motorisch oder geistig behindert oder ohne Gliedmaßen geboren.«
Mikhail schaut auf die Uhr.
»Wenn Sie erlauben, ich muß jetzt los.«
Die einen finden es schade, daß er geht, denn die Unterhaltung wurde gerade interessant. Die anderen sind froh, sie es unangebracht finden, an einem so fröhlichen Abend über tragische Dinge zu sprechen.
Mikhail verabschiedet sich mit einem Nicken und umarmt mich. Nicht etwa, weil er besonders innige Gefühle für mich hegt, sondern nur, um mir zuzuflüstern:
»Wie ich schon sagte, es geht ihr gut. Machen Sie sich keine Sorgen.«
›Machen Sie sich keine Sorgens hat er zu mir gesagt!
Warum sollte ich mir Sorgen machen: Wegen einer Frau, die mich verlassen hat? Die schuld daran war, daß ich verhaftet wurde, auf der Titelseite von Zeitungen und Skandalblättern erschien, tage und nächtelang litt, fast meine Freunde verlor, und daß ...
»... ›Zerreißen hat seine Zeit, Zunähen hat seine Zeit‹
geschrieben wurde. Ich bitte dich, wir sind erwachsene, reife Menschen, machen wir uns doch nichts vor: Selbstverständlich würdest du gern wissen, wie es ihr geht. Und ich gehe sogar noch weiter: Du würdest sie gern wiedersehen.«
»Wenn du das weißt, wieso hast du dann meine Begegnung mit ihm erleichtert? Jetzt habe ich eine Spur: Er tritt jeden Donnerstag in dem armenischen Restaurant auf.«
»Sehr gut. Weiter.«
»Liebst du mich?«
»Mehr als gestern und weniger als morgen, wie es auf den Grußpostkarten heißt, die man im Papierladen kaufen kann.
Ja, ich liebe dich. Um die Wahrheit zu sagen, ich bin hoffnungslos in dich verliebt, überlege sogar, hierherzuziehen, in diese riesige, einsame Wohnung − und wenn ich das Thema anspreche, bist immer du es, der das Thema wechselt. Dennoch schlucke ich meinen Stolz herunter und lasse durchblicken, wie wichtig es wäre, daß wir beide zusammenleben − und muß mir anhören, daß es dafür noch zu früh ist. Ich denke dann, du meinst, du könntest mich verlieren, so wie du Esther verloren hast, oder daß du noch immer auf ihre Rückkehr wartest, oder daß du deine Freiheit verlieren würdest, oder daß du Angst davor hast, allein zu sein, und zugleich Angst davor, mit jemandem zusammenzusein − kurz, daß unsere ganze Beziehung ein Wahnsinn ist. Aber da du mich gefragt hast, bekommst du eine Antwort: Ich liebe dich sehr.«
»Warum hast du es dann getan?«
»Weil ich nicht ewig mit dem Gespenst einer Frau leben kann, die ohne Erklärung weggegangen ist. Ich habe dein Buch gelesen. Ich glaube, erst wenn du sie triffst, wenn du dieses Problem löst, kann dein Herz wirklich mir gehören.
Genau dies ist mit meinem Mailänder passiert: Ich war ihm nahe genug, um zu sehen, wie feige er war, wie er nie für unsere Beziehung geradestand und für seine Wünsche, weil er es zu gefährlich fand. Du hast immer wieder gesagt, die vollkommene Freiheit gebe es nicht: Es gebe die Freiheit, etwas zu wählen, doch wenn man seine Wahl getroffen habe, müsse man zu seiner Entscheidung stehen. Je besser ich meinen Freund kennenlernte, um so mehr habe ich dich bewundert: einen Mann, der beschloß, die Frau, die ihn verlassen hatte, die nichts mehr von ihm wissen wollte, weiter zu lieben. Der dies nicht nur akzeptierte, sondern sogar noch entschied, es öffentlich kundzutun. Eine Passage aus deinem Buch kenne ich auswendig:
»Als ich nichts mehr zu verlieren hatte, habe ich alles empfangen Als ich aufhörte, der zu sein, der ich war, habe ich mich selber gefunden. Als ich Erniedrigung erfuhr und dennoch meinen Weg weiterging, habe ich begriffen, daß ich frei war, mein Schicksal zu wählen. Ich weiß nicht, ob ich krank bin, ob meine Ehe ein Traum war, den ich nicht verstehen konnte, solange er andauerte. Ich weiß, daß ich ohne sie leben kann, aber ich würde sie gern wiedersehen, um ihr zu sagen, was ich ihr nie gesagt habe, als wir zusammen waren: Ich liebe dich mehr als mich selbst. Wenn ich dies sagen kann, dann kann ich in Frieden weiterziehen − denn diese Liebe hat mich befreit und erlöste«
»Mikhail sagte, Esther habe das Buch wahrscheinlich gelesen. Das ist genug.«
»Trotzdem, damit du ganz mir gehörst, mußt du sie treffen und ihr dies von Angesicht zu Angesicht sagen. Vielleicht ist es unmöglich, weil sie dich nicht mehr sehen will
− aber dann hast du es wenigstens versucht. Ich wäre von dieser ›idealen Frau‹ und du wärst von deinem allgegenwärtigen Zahir befreit.«
»Du bist mutig.«
»Nein, ich habe Angst. Aber ich habe keine andere Wahl.«
Am nächsten Morgen schwor ich mir, daß ich nicht versuchen würde, herauszubekommen, wo Esther sich aufhielt.
Es war mir nicht bewußt gewesen, aber ich hatte zwei Jahre lang lieber glauben wollen, sie sei gezwungen worden zu gehen, sie sei von einer Terroristengruppe entführt und erpreßt worden. Aber jetzt, wo ich wußte, daß sie lebte, daß es ihr (wie der junge Mann gesagt hatte) gutging, warum sollte ich nun darauf bestehen, sie wiederzusehen? Meine Exfrau hatte ein Recht darauf, ihr Glück zu suchen. Ihren Entschluß mußte ich respektieren.
Dies dachte ich allerdings nur vier Stunden lang: Am Abend ging ich in eine Kirche, entzündete eine Kerze und tat erneut ein Gelöbnis, dieses Mal in heiliger, ritueller Form: Ich würde versuchen, sie wiederzusehen. Marie hatte recht, ich war erwachsen genug, um mir nicht weiter etwas vorzumachen, um nicht weiter so zu tun, als interessiere es mich nicht. Ich respektierte ihren Entschluß, zu gehen, doch der Mensch, der mir so sehr geholfen hatte, mein Leben aufzubauen, hatte mich fast zerstört. Sie war immer mutig gewesen: Warum aber hatte sie sich nun wie ein Dieb mitten in der Nacht weggestohlen, ohne ihrem Ehemann den Grund dafür ins Gesicht zu sagen? Wir waren erwachsen genug, um die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen: Das Verhalten meiner Frau (ich korrigiere mich: meiner Exfrau) paßte nicht zu ihr, und ich mußte den Grund dafür herausfinden.
Eine Woche noch − eine Ewigkeit − bis zur Veranstaltung im armenischen Restaurant. Bis dahin sagte ich Interviews zu, die ich sonst nie gegeben hätte, schrieb ein paar Zeitungskolumnen, machte Yoga, meditierte, las ein Buch über einen russischen Maler, ein weiteres über Nepal, schrieb zwei Vorworte und vier Buchempfehlungen für Verleger, denen ich bisher immer einen Korb gegeben hatte.
Doch selbst danach war immer noch Zeit übrig, die ich dazu nutzte, etliche Einzahlungen auf der ›Gefälligkeitsbank‹ zu tätigen: Ich nahm Einladungen zu Abendessen an, hielt einige kurze Vorträge an Schulen, auf die Kinder von Freunden gingen, besuchte einen Golfclub, hielt in der Buchhandlung eines Freundes in der Avenue de Suffren eine improvisierte Signierstunde ab (die erst drei Tage vorher mit einem Plakat im Schaufenster angekündigt wurde und zu der höchstens zwanzig Leute kamen). Meine Sekretärin war der Meinung, ich müsse sehr zufrieden sein, da sie mich schon lange nicht mehr so aktiv erlebt habe. Ich gab zurück, die Tatsache, daß mein Buch auf der Bestsellerliste stehe, beflügle mich beim Arbeiten.