Der Zahir
- Автор: Коэльо Пауло
- Язык: немецкий
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Zahir». Краткое содержание книги:
Erzählt wird Der Zahir aus der Perspektive eines mittlerweile überaus erfolgreichen Autors, der von den Lesern geliebt und der Kritik gehasst wird. Ersteres, weil er ganz nach dem Erfolgsprinzip Coelhos seine Leserschaft an seiner Erleuchtung teilhaben lässt, letzteres, weil er sich den angeblich üblichen Regeln des Literaturbetriebs verweigert, den er als ein schmieriges System von Gefälligkeiten und Abhängigkeiten beschreibt. Dass er aber überhaupt zu dem Schriftsteller geworden ist, der er immer hat sein wollen, hat er letztlich allein seiner Frau Esther zu verdanken, ohne deren ebenso kluge wie selbstlose Hilfe er seine inneren Schreibwiderstände niemals überwunden hätte. Und nun ist diese Frau plötzlich fort. Wurde sie entführt, hat sie ihn verlassen? Der Mann, dem ihre Bedeutung für sein Leben und Seelenheil immer deutlicher vor Augen tritt, macht sich auf eine zunächst völlig vergeblich erscheinende Suche um am Ende, wir ahnen es, zwar auch die Gesuchte, vor allem aber sich selbst zu finden.
Was soll man sagen? Der Zahir wird ganz sicher wieder ein Weltbestseller. Und, ganz ehrlich: Wir gönnen es ihm! Das Feuilleton freilich wird sich aller Voraussicht nach auch dieses Mal nur mäßig begeistert zeigen. Und die nicht ganz unberechtigte Kritik, der Autor habe sein immer gleiches Thema nun vielleicht doch einmal erschöpft, wird an Coelho abperlen, wie die Male zuvor. Schade eigentlich, es sollte ihm Ansporn sein. Doch, so wird er sich sagen, Millionen Leser können nicht irren. Er sollte es besser wissen.
Die Menschheit hat einen hohen Preis dafür bezahlt, um dahin zu gelangen, wo sie heute steht. Wir haben unser Leben. Wir richten uns ein, so gut es geht. Ideal ist es nicht, aber wir können miteinander leben. Allerdings fehlt etwas
− immer fehlt etwas, und aus diesem Grunde sind wir heute abend hier zusammengekommen: Damit jeder einzelne dem anderen hilft, ein wenig über den Sinn seines Lebens nachzudenken. Indem er Geschichten erzählt, die keinen Sinn ergeben, Fakten sucht, die in der Wahrnehmung der Allgemeinheit keinen Platz haben, bis wir irgendwann einmal, vielleicht in einer oder zwei Generationen, einen anderen Weg entdecken können.
Als der italienische Dichter Dante die ›Göttliche Komödie‹ schrieb, sagte er: An dem Tag, an dem der Mensch der wahren Liebe erlaubt, sich zu zeigen, werden die wohlgeordneten Dinge heillos durcheinandergeraten und alles aus dem Gleichgewicht bringen, was wir für sicher, für wahr gehalten haben.
Die Welt wird wahr sein, wenn der Mensch zu lieben vermag − bis dahin werden wir in dem Glauben leben, wir würden die Liebe kennen. Wir bringen jedoch nicht den Mut auf, uns der Liebe als dem zu stellen, was sie ist.
Die Liebe ist etwas Wildes. Wenn wir versuchen, sie unter Kontrolle zu halten, zerstört sie uns. Wenn wir versuchen, sie einzusperren, macht sie uns zu Sklaven. Wenn wir versuchen, sie zu begreifen, stehen wir verloren und verwirrt da.
Diese Kraft ist auf Erden, um uns Freude zu geben und uns Gott und den anderen Menschen näherzubringen. Und dennoch, so wie wir heute lieben, kommt auf eine Minute Frieden eine Stunde Angst.«
Mikhail macht eine Pause. Der merkwürdige Gong ertönt wieder.
»Wie auch an den anderen Donnerstagen werden wir keine Liebesgeschichten erzählen. Wir werden Geschichten von NichtLiebe erzählen. Werden sehen, was an der Oberfläche ist, und begreifen, was darunter liegt: die Schicht, in der sich unsere Gewohnheiten, unsere Werte befinden.
Wenn es uns gelingt, diese Schicht zu durchdringen, entdecken wir uns selber. Wer fängt an?«
Mehrere Leute heben die Hand. Mikhail zeigt auf ein arabisch aussehendes Mädchen. Sie wendet sich zu einem Mann, der allein am anderen Ende des Saales sitzt.
»Ist es Ihnen schon einmal passiert, daß Sie im Bett mit einer Frau impotent waren?«
Alle lachen. Der Mann gibt keine direkte Antwort.
»Fragen Sie mich das, weil Ihr Freund impotent ist?«
Alle lachen erneut. Während Mikhail spricht, beschleicht mich das Gefühl, daß sich hier vielleicht doch eine neue Sekte bildet, aber ich sage mir, daß bei Versammlungen von Sekten niemand raucht, trinkt oder peinliche Fragen über die sexuellen Aktivitäten des anderen stellt.
»Nein«, sagt das Mädchen mit fester Stimme. »Aber ihm ist es schon mal passiert. Und ich weiß, daß Sie mir, wenn Sie meine Frage ernst genommen hätten, sagen würden:
›Das ist mir schon mal passiert.‹ Alle Männer in allen Kulturkreisen auf der Welt haben schon einmal erlebt, daß sie impotent waren, unabhängig von Liebe oder sexueller Anziehung. Häufig sogar bei dem Menschen, den sie am meisten begehren. Das ist normal.«
Ja, das ist normal, und ich hatte die Frage einmal einem Psychiater gestellt, als ich fand, ich hätte ein Problem.
Das Mädchen fährt fort:
»Allerdings wird uns immer erzählt, die Männer könnten jederzeit eine Erektion haben. Wenn es nicht klappt, glauben sie, sie seien Versager, und die Frauen glauben von sich, sie seien nicht attraktiv genug. Da Impotenz ein Tabu ist, spricht der Mann darüber nicht mit seinen Freunden.
Zur Frau sagt er den berühmten Satz: ›Das passiert mir zum ersten Mal.‹ Er schämt sich und entfernt sich von jemandem, mit dem er eine großartige Beziehung haben könnte, würde er einen zweiten, dritten oder vierten Versuch zulassen. Würde er der Zuneigung seiner Freunde mehr vertrauen und die Wahrheit sagen, fände er heraus, daß er mit dem Problem nicht allein dasteht. Würde er der Liebe der Frau vertrauen, hätte er nicht das Gefühl der Demütigung.«
Beifall. Viele, Männer wie Frauen, stecken sich wie erleichtert eine Zigarette an.
Mikhail zeigt auf einen Herrn, der wie der Manager eines multinationalen Unternehmens aussieht.
»Ich bin Rechtsanwalt, auf strittige Scheidungen spezialisiert.«
»Was bedeutet ›strittig‹?« fragt jemand aus dem Publikum.
»Wenn eine der Personen nicht einverstanden ist«, antwortet der Rechtsanwalt ärgerlich, weil er unterbrochen wurde, und nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, kann er es nicht fassen, daß jemand ein so einfaches Wort nicht kannte.
»Fahren Sie fort«, sagt Mikhail mit einer Autorität, die ich dem jungen Mann, den ich bei meiner Signierstunde getroffen habe, nicht zugetraut hätte.
Der Anwalt gehorcht.
»Ich habe gestern einen Bericht der Firma Human and Legal Resources erhalten, die ihren Sitz in London hat.
Darin steht folgendes:
›Zwei Drittel der Angestellten einer Firma haben eine wie auch immer geartete gefühlsmäßige Beziehung.‹ Stellen Sie sich das vor! In einem Büro mit drei Personen, werden zwei am Ende irgendeinen engeren Kontakt haben.
›Zehn Prozent geben ihre Anstellung am Ende aus diesem Grunde auf, vierzig haben Beziehungen, die länger als drei Monate dauern, und bei Berufen, die eine längere Abwesenheit von zu Hause verlangen, haben mindestens acht von zehn Menschen etwas miteinander.‹ Ist das nicht unglaublich?«
»Wenn das die Statistik sagt, müssen wir das respektieren«, meint einer der jungen Leute, die angezogen sind, als gehörten sie zu einer gefährlichen Räuberbande. »Wir glauben doch alle an Statistiken! Das heißt, im Prinzip müßte meine Mutter in diesem Augenblick meinen Vater betrügen, und schuld daran ist die Statistik!«
Ich denke an mich, an die vielen Male, die ich meine Frau betrogen habe. Letztlich ist das eine Frage der Statistik, wir können nichts dafür.
Andere Geschichten werden erzählt − von Eifersucht, Verlassenwerden, Depressionen. Ich habe das Gefühl, in einer Gruppentherapie zu sitzen, höre aber nicht mehr richtig zu.
Mein Zahir ist mit ganzer Intensität zurückgekehrt − ich befinde mich im selben Raum wie der Mann, der mir die Frau weggenommen hat. Der Mann neben mir, der mich erkannt hat, fragt mich, wie ich es finde, und ich bin froh, antworten zu können.
»Ich weiß nicht, worauf das Ganze hinauslaufen soll. Ich komme mir vor wie in einer Selbsthilfegruppe, bei den Anonymen Alkoholikern oder in einer Eheberatung.«
»Aber was Sie da hören, ist das nicht Wirklichkeit?«
»Kann sein. Aber ich frage nochmals: Worauf soll das hinauslaufen?«
»Das ist heute abend nicht das Wichtigste − es ist nur eine Möglichkeit, damit wir uns nicht allein fühlen. Indem wir uns gegenseitig unser Leben erzählen, finden wir heraus, daß die meisten Menschen das gleiche erlebt haben.«
»Mit welchem Ergebnis?«
»Wenn wir nicht allein sind, haben wir mehr Kraft: Wir merken, wo wir auf dem falschen Weg sind und eine andere Richtung einschlagen müssen. Aber wie gesagt, dies geschieht nur, um von dem, was der junge Mann eingangs gesagt hat, zu dem Augenblick, in dem die Energie angerufen wird, eine Brücke zu schlagen.«
»Wer ist der junge Mann?«
Das Gespräch wird vom Lärm des Gongs unterbrochen.
Diesmal spricht der Alte, der an der Trommel sitzt.
»Der Teil, der mit dem Verstand zu tun hat, ist nun abgeschlossen. Laßt uns nun zum Ritual übergehen, zum Gefühl, das alles krönt und alles verwandelt. Für diejenigen, die heute das erste Mal hier sind, sei gesagt, daß der nun folgende Tanz unsere Fähigkeit entwickelt, die Liebe zuzulassen. Allein die Liebe kann Intelligenz und Kreativität beflügeln, sie reinigt und befreit.«
Zigaretten werden ausgedrückt, das Gläserklirren verstummt. Eine eigenartige Stille legt sich wieder über den Saal, eine der jungen Frauen betet.