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Die Dämonen
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»Welche Beziehung zur gemeinsamen Sache«, fuhr Liputin fort, der vor Wut kochte, »haben die Intrigen dieses Herrn Stawrogin? Mag er auch auf irgendwelche geheime Weise zur Zentrale gehören, falls überhaupt diese phantastische Zentrale wirklich existiert; indes das wollen wir gar nicht wissen. Aber inzwischen ist ein Mord begangen, die Polizei ist in Bewegung gekommen, und man wird dem Faden nachgehen bis zum Knäuel.«

»Sie werden mit Stawrogin zugrunde gehen, und wir ebenfalls,« fügte der Kenner des Volkes hinzu.

»Und ohne allen Nutzen für die gemeinsame Sache,« schloß Wirginski in trübem Tone.

»Was ist das für Unsinn! Der Mord ist ein zufälliges Ereignis; Fedka hat ihn begangen, um zu rauben.«

»Hm! Es ist doch ein sonderbares Zusammentreffen,« sagte Liputin, sich zusammenkrümmend.

»Na, man kann sogar sagen, daß gerade Sie die Schuld an dem Morde tragen.«

»Wieso? Was soll das heißen?«

»Erstens haben Sie, Liputin, sich selbst an dieser Intrige beteiligt, und zweitens, was die Hauptsache ist, war Ihnen befohlen worden, Lebjadkin wegzuschaffen, und es war Ihnen zu diesem Zwecke Geld gegeben worden; aber was taten Sie? Hätten Sie ihn weggeschafft, dann wäre nichts passiert.«

»Aber haben denn nicht Sie selbst den Gedanken ausgesprochen, daß es gut wäre, wenn man ihn das Gedicht vorlesen ließe?«

»Ein Gedanke ist kein Befehl. Der Befehl lautete, Sie sollten ihn wegschaffen.«

»Der Befehl! Ein recht sonderbarer Ausdruck! ... Vielmehr haben Sie mir ausdrücklich befohlen, die Wegschaffung zu verschieben.«

»Sie irren sich und reden töricht und eigenwillig. Der Mord aber ist Fedkas Tat, und er hat sie ganz allein begangen, um zu rauben. Sie haben auf das Gerede der Menschen hingehört und es geglaubt. Sie haben es mit der Angst bekommen. Stawrogin ist nicht so dumm; und der Beweis dafür ist, daß er heute um zwölf Uhr mittags nach einem Gespräche mit dem Vizegouverneur weggefahren ist; wenn irgend etwas gegen ihn vorläge, hätte man ihn nicht am hellen, lichten Tage nach Petersburg fahren lassen.«

»Wir behaupten ja auch gar nicht, daß Herr Stawrogin den Mord selbst begangen hat,« erwiderte Liputin giftig und ohne sich zu genieren. »Möglicherweise hat er nicht einmal etwas davon gewußt, ebensowenig wie ich; und das ist Ihnen selbst sehr wohl bekannt, daß ich nichts davon gewußt habe, obgleich ich wie ein Hammel von selbst in den Kochkessel hineingestiegen bin.«

»Wen beschuldigen Sie denn?« fragte Peter Stepanowitsch, ihn finster anblickend.

»Eben diejenigen, die für nötig gehalten haben die Stadt anzuzünden.«

»Das Schlimmste ist, daß Sie sich so gewundener Ausdrücke bedienen. Wollen Sie übrigens dies hier gefälligst lesen und es den andern zeigen: nur so zur Kenntnisnahme.«

Er zog Lebjadkins anonymen Brief an Lembke aus der Tasche und übergab ihn Liputin. Dieser las ihn durch, wunderte sich offenbar sehr und gab ihn seinem Nachbar; der Brief machte schnell die Runde.

»Ist das wirklich Lebjadkins Handschrift?« bemerkte Schigalew.

»Ja, es ist seine Handschrift,« erklärten Liputin und Tolkatschenko (das heißt der Kenner des Volkes).

»Ich wollte Ihnen den Brief nur zur Kenntnisnahme vorlegen, und weil ich weiß, daß Sie an Lebjadkins Schicksal so herzlichen Anteil nehmen,« sagte Peter Stepanowitsch, als er den Brief wieder in Empfang nahm. »Auf diese Weise, meine Herren, hat ein gewisser Fedka uns ganz zufällig von einem gefährlichen Menschen befreit. Da sieht man, was der Zufall manchmal zu bedeuten hat! Nicht wahr, das ist lehrreich?«

Die Mitglieder wechselten untereinander schnelle Blicke.

»Aber jetzt, meine Herren, ist die Reihe zu fragen an mir,« fuhr Peter Stepanowitsch fort und nahm eine würdevolle Haltung an. »Gestatten Sie die Frage, wie Sie dazu gekommen sind, die Stadt ohne Erlaubnis in Brand zu stecken?«

»Was soll das heißen? Wir, wir sollen die Stadt in Brand gesteckt haben? Sie sind wohl nicht bei Troste!« riefen die Versammelten durcheinander.

»Ich weiß ja, daß Sie schon gar zu übermütig geworden sind,« fuhr Peter Stepanowitsch hartnäckig fort; »aber das ist doch eine andere Sache als die kleinen Skandälchen, die Sie sich mit Julija Michailowna erlaubt haben. Ich habe Sie hier versammelt, meine Herren, um Ihnen die Größe der Gefahr darzulegen, die Sie so törichterweise auf sich heraufbeschwören, und die auch außer Ihnen nur zu vieles bedroht.«

»Erlauben Sie, wir beabsichtigten jetzt eben im Gegenteil bei Ihnen Verwahrung einzulegen gegen den Despotismus und die Überhebung, womit über die Köpfe der Mitglieder hinweg eine so ernste und gleichzeitig so sonderbare Maßregel ergriffen worden ist,« erklärte der bis dahin so schweigsame Wirginski ganz empört.

»Also Sie leugnen es? Aber ich behaupte, daß Sie die Stadt angezündet haben, Sie allein und kein anderer. Meine Herren, lügen Sie nicht; ich habe zuverlässige Beweise. Durch Ihre Eigenmächtigkeit haben Sie sogar die gemeinsame Sache in Gefahr gebracht. Sie sind nur eine einzelne Masche in einem gewaltigen Netze und der Zentrale gegenüber zu blindem Gehorsam verpflichtet. Trotzdem haben drei von Ihnen Schpigulinsche Arbeiter zur Brandstiftung aufgereizt, ohne dazu die geringste Instruktion zu besitzen, und so hat denn die Brandstiftung auch wirklich stattgefunden.«

»Welche drei? Welche drei von uns?«

»Vorgestern zwischen drei und vier Uhr in der Nacht haben Sie, Tolkatschenko, den Fabrikarbeiter Fomka Sawjalow im ›Vergißmeinnicht‹ dazu beredet.«

»Aber ich bitte Sie!« rief dieser, halb aufspringend, »ich habe kaum ein Wort zu ihm gesagt, und auch das ohne besondere Absicht, nur so, weil er am Morgen durchgepeitscht worden war; und ich habe die Sache sofort wieder fallen lassen, da ich sah, daß er zu betrunken war. Wenn Sie mich nicht daran erinnert hätten, würde ich die Sache vollständig vergessen haben. Von einem Worte konnte nichts anbrennen.«

»Sie reden gerade wie jener, der sich darüber wunderte, daß von einem einzigen Fünkchen ein ganze Pulverfabrik in die Luft geflogen war.«

»Ich habe es flüsternd gesagt und in einer Ecke, ihm ins Ohr; wie haben Sie es wiedererfahren können?« fragte auf einmal Tolkatschenko, der sich das vergebens überlegt hatte.

»Ich habe dort unter dem Tische gesessen. Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren, ich kenne alle Ihre Schritte. Sie lächeln boshaft, Herr Liputin? Aber ich weiß zum Beispiel, daß Sie vorvorgestern um Mitternacht in Ihrem Schlafzimmer, als Sie sich zu Bette legten, Ihre Frau arg gekniffen haben.«

Liputin sperrte den Mund auf und wurde blaß.

(Später wurde bekannt, daß er von Liputins Heldentat durch Agafja, dessen Dienstmädchen, erfahren hatte, der er gleich von Anfang an Geld für Spionendienste bezahlt hatte, was sich erst in der Folge herausstellte.)

»Darf auch ich eine Tatsache konstatieren?« fragte Schigalew, indem er sich erhob.

»Tun Sie das!«

Schigalew setzte sich und machte sich fertig:

»Soweit ich es verstanden habe, und es war ja auch nicht mißzuverstehen, haben Sie selbst am Anfang und nachher noch einmal mit sehr beredten Worten, wiewohl nur rein theoretisch, ein Bild von Rußland entworfen, das mit einem gewaltigen, maschenreichen Netze bedeckt sei. Jede der tätigen Gruppen habe ihrerseits die Aufgabe, Proselyten zu machen, sich durch seitliche Verzweigungen auszudehnen und durch eine systematische, sich gegen alle Mißbräuche richtende Propaganda ununterbrochen das Ansehen der örtlichen Behörden zu erschüttern, in den Ortschaften Mißtrauen zu erregen, Zynismus und Skandalgeschichten, völligen Unglauben an alles Mögliche, sowie die Begierde nach etwas Besserem hervorzurufen und schließlich durch das Operieren mit Brandstiftungen als dem volkstümlichsten Mittel das Land im vorgeschriebenen Augenblicke nötigenfalls sogar in Verzweiflung zu stürzen. Sind das Ihre Worte? Ich habe mich bemüht, sie buchstäblich im Gedächtnisse zu behalten. Ist das Ihr Aktionsprogramm, daß Sie uns in Ihrer Eigenschaft als Bevollmächtigter des zentralen, aber uns bisher völlig unbekannten und für uns beinah phantastischen Komitees mitgeteilt haben?«

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