In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
Mit einem Fluch drehte er sich auf dem Absatz herum und sah sich Tuon gegenüber; ihr dunkles Gesicht hinter dem langen, durchsichtigen Schleier war ernst. Der schmale Reif, der den Schleier auf ihrem rasierten Kopf hielt, war eine Masse aus Feuersteinen und Perlen, noch ein Vermögen, wenn man von dem breiten, juwelenbesetzten Gürtel um ihre Taille und der langen Kette um ihren Hals absah. Ein guter Zeitpunkt, um sich für Juwelen zu interessieren, ganz egal, wie kostbar sie waren. Wieso, beim Licht, war sie wach? Blut und Asche, wenn sie losrannte und nach den Wachen rief, um ihn aufzuhalten ...
Verzweifelt griff er nach dem schmalen Mädchen, aber sie entwand sich ihm und stieß ihm den Ashandarei aus der Hand; der kurz angesetzte Schlag betäubte fast sein Handgelenk. Er erwartete, dass sie die Flucht ergriff, aber stattdessen deckte sie ihn mit einem Hagel aus Schlägen ein, hieb mit den Knöcheln zu, setzte ihre Hände wie Axtklingen ein. Er hatte flinke Hände, laut Thom die schnellsten, die der alte Gaukler jemals im Leben gesehen hatte, aber er war vollauf mit der Abwehr beschäftigt und konnte vergessen, sie packen zu wollen. Hätte er sich nicht so abmühen müssen, um zu verhindern, dass sie ihm die Nase brach — oder etwas anderes, was das anging; für eine so winzige Person konnte sie sehr hart zuschlagen —, hätte er das Ganze vielleicht sogar witzig gefunden. Obwohl er kaum mehr als über eine durchschnittliche Größe verfügte, ragte er hoch über sie hinaus, dennoch griff sie ihn wütend an, so als wäre sie die Größere und Stärkere, die davon ausging, ihn zu überwältigen. Aus irgendeinem Grund verzogen sich ihre vollen Lippen nach einigen Augenblicken zu einem Lächeln, und hätte er es nicht besser gewusst, wäre er davon überzeugt gewesen, dass in diese großen, feuchten Augen ein vergnügtes Funkeln trat. Sollte man ihn zu Asche verbrennen, zu diesem Zeitpunkt darüber nachzudenken, wie hübsch diese Frau doch war, war genauso schlimm, wie ihre Juwelen zu schätzen!
Plötzlich floss sie förmlich vor ihm zurück und nahm beide Hände, um den Juwelenreif zu richten, der ihren Schleier hielt. Ihr Gesicht zeigte nun keine Spur von Vergnügen. Ihr Ausdruck verriet nur noch Konzentration. Sie suchte sich sorgfältig einen festen Stand, ohne auch nur einen Augenblick lang den Blick von seinem Gesicht zu wenden, und fing langsam an, die weißen Faltenröcke mit den Händen zu raffen und sie Stück für Stück über die Knie zu ziehen.
Mat konnte nicht begreifen, warum sie nicht nach Hilfe rief, aber ihm war klar, dass sie nach ihm treten wollte.
Nun, nicht solange er noch ein Wörtchen mitzureden hatte! Er warf sich auf sie und alles geschah gleichzeitig. Ein stechender Schmerz in der Hüfte ließ ihn auf ein Knie stürzen. Tuon riss ihre Röcke fast bis zu den Hüften hoch, und ihr schlankes, von einem weißen Strumpf verhülltes Bein zuckte ihm entgegen, aber der Tritt ging über seinen Kopf hinweg, weil sie plötzlich in die Luft gehoben wurde.
Er hätte genauso überrascht sein müssen, Noal zu sehen, der die Arme um das Mädchen schlang, wie sie, von hinten gepackt zu werden, aber er reagierte schneller als sie. Als sie den Mund öffnete, um endlich um Hilfe zu rufen, kam Mat auf die Füße und schnippte ihr mit einer Handbewegung den Juwelenreif vom Kopf und stopfte ihr den Schleier zwischen die Zähne. Natürlich kooperierte sie nicht so, wie Tylin es getan hatte. Nur ein fester Griff um ihren Kiefer konnte verhindern, dass sie ihre Zähne in seine Finger versenkte. Zornige Laute kamen aus ihrem Mund, und ihre Augen verrieten eine Wut, wie sie sie nicht einmal in den hitzigsten Augenblicken ihres Angriffs gezeigt hatte. Sie wand sich in Noals Griff und trat mit den Beinen um sich, aber der alte Mann schaffte es, seine Last zu verlagern und jedem Tritt ihrer Fersen auszuweichen. Ob alt oder nicht, sie zu halten schien ihm keine Mühe zu bereiten.
»Habt Ihr oft diese Probleme mit Frauen?«, fragte er mit einem zahnlückigen Lächeln. Er trug seinen Umhang und seine zusammengeschnürten Besitztümer waren darüber auf seinem Rücken festgeschnallt.
»Immer«, erwiderte Mat mürrisch und stöhnte auf, als ein Knie seine schmerzende Hüfte traf. Er schaffte es, mit einer Hand das Halstuch zu lösen und den zusammengeknüllten Schleier in Tuons Mund festzubinden, und es kostete ihn nur einen Biss in den Daumen. Licht, was sollte er nur mit ihr machen?
»Ich weiß nicht, ob es das war, was Ihr geplant habt«, sagte Noal, der trotz der sich in seinem Griff wild aufbäumenden zierlichen Frau keinesfalls schwerer atmete, »aber wie Ihr sehen könnt, will auch ich in dieser Nacht aufbrechen. Ich dachte mir, dass dies in ein oder zwei Tagen ein ungemütlicher Ort für jemanden sein könnte, dem Ihr ein Bett verschafft habt.«
»Eine weise Entscheidung«, murmelte Mat. Licht, er hätte daran denken sollen, Noal zu warnen.
Er ging in die Knie und wich Tuons Tritten lange genug aus, um sich ihre Beine zu schnappen. Mit einem aus dem Ärmel gezogenen Messer schnitt er in ihren Rocksaum und riss dann ein langes Stück Stoff heraus, um damit ihre Knöchel zu fesseln. Es war hilfreich, dass er zuvor mit Tylin schon mal hatte üben können. Er war es nicht gewohnt, Frauen zu fesseln. Er riss ein zweites Stück Stoff aus dem unteren Rockteil, hob den Juwelenreif vom Boden auf und stand wieder auf. Dabei grunzte er zweimal, das erste Mal wegen der Anstrengung und das zweite Mal wegen eines letzten, mit beiden Beinen ausgeführten Tritts, der seine Hüfte auflodern ließ. Als er Tuon den Reif auf den Kopf setzte, starrte sie ihm direkt in die Augen. Sie hatte die sinnlose Gegenwehr eingestellt, aber sie hatte keine Angst. Licht, an ihrer Stelle hätte er sich in die Hosen gemacht.
Da traf endlich Juilin ein; er trug bereits seinen Umhang, hatte sein kurzes Schwert und den gezackten Schwertbrecher am Gürtel und den dünnen Bambusstab in der Hand. Eine schlanke, dunkelhaarige Frau in einem der dicken weißen Gewänder, die Da'covale draußen trugen, klammerte sich an seinem rechten Arm fest. Sie war auf eine dralle Weise hübsch, mit einem Mund wie eine Rosenknospe, aber fünf oder sechs Jahre älter, als Mat erwartet hatte, und ihre großen dunklen Augen blickten eingeschüchtert. Bei Tuons Anblick stieß sie einen leisen Schrei aus und ließ Juilin los, als wäre er ein heißer Herd, sank neben der Tür zu Boden und legte den Kopf auf die Knie.
»Ich musste Thera noch einmal davon überzeugen, mit mir wegzulaufen«, sagte Juilin seufzend und schenkte ihr einen besorgten Blick. Das war die ganze Erklärung, die er für seine Verspätung abgab, bevor er sich Noals Last zuwandte. Er schob die alberne rote kegelförmige Mütze, die er trug, nach hinten und kratzte sich am Kopf. »Und was machen wir mit ihr?«, fragte er nüchtern.
»Wir lassen sie in den Ställen zurück«, erwiderte Mat. Das würde möglich sein, wenn Vanin die Stallburschen überredet hatte, ihm und Harnan die Versorgung sämtlicher eintreffender Kurierpferde zu überlassen. Bis jetzt war das nur eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme gewesen, eigentlich unnötig. Bis jetzt. »Im Heuschober. Eigentlich dürfte sie keiner vor dem Morgen finden, wenn sie für die Ställe frisches Heu herunterschaufeln.«
»Und ich dachte, Ihr wolltet sie entführen«, meinte Noal. Er seufzte, stellte Tuons gefesselte Füße auf dem Boden ab und fasste sie an den Oberarmen. Die kleine Frau verzichtete mit hoch erhobenem Kopf auf jede Gegenwehr. Selbst mit dem Knebel im Mund war ihr deutlich ihre Verachtung anzusehen. Sie weigerte sich zu kämpfen, nicht, weil es hoffnungslos war, sondern weil sie sich so entschieden hatte.
Schritte ertönten in dem Korridor, der in die Eingangshalle mündete, und wurden lauter. Es konnte nur Egeanin sein. Oder, nach der Art zu urteilen, wie sich die Nacht entwickelte, die Totenwache. Eine aus Ogiern bestehende Abteilung.
Hastig bedeutete Mat den anderen, sich in die Ecken zu drücken, wo sie außer Sichtweise eines jeden waren, der durch diese Tür kam, dann humpelte er los, um seinen schwarzen Speer aufzuheben. Juilin zog Thera auf die Füße und zog sie nach links, wo sie sich in der Ecke zusammenkauerte, während er sich vor sie stellte und den Stab in beide Hände nahm. Er schien eine zerbrechliche Waffe zu sein, aber der Diebefänger konnte damit verbluffende Erfolge erziehen. Noal zerrte Tuon in die andere Ecke und ließ einen ihrer Arme los, um mit der Hand in seinen Mantel zu greifen, wo er seine langen Messer aufbewahrte. Mat baute sich in der Mitte des Raums mit dem Rücken zu der regnerischen Nacht auf, den Ashandarei erhoben. Ganz egal, wer den Raum betrat, da seine Hüfte nach Tuons Tritt völlig verkrampft war, würde er sich nicht schnell bewegen können, aber falls es zum Schlimmsten kam, würde er einige Leute zumindest zeichnen können.