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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Entweder du vertraust ihnen oder nicht, Juilin«, knurrte Mat. Der Diebefänger sah zu dem Bündel in der Ecke und Mat schüttelte den Kopf. »Wie haben sie euch in Tanchico geholfen, Thom? Blut and Asche, jetzt seht mich nicht wieder so ausweichend an! Ihr wisst es und sie wissen es, also kann ich es genauso gut auch wissen.«

»Nynaeve hat gesagt, wir sollen es niemandem verraten«, sagte Juilin, als würde das ernsthaft eine Rolle spielen. »Elayne auch. Wir haben es versprochen. Man könnte sagen, wir haben einen Eid geschworen.«

Thom schüttelte den Kopf auf dem Kissen. »Umstände verändern manche Dinge, Juilin. Außerdem war es kein Eid.« Er blies drei perfekte Rauchringe, einen in dem anderen. »Sie halfen uns, eine Art männliches A'dam zu besorgen und loszuwerden. Anscheinend wollte die Schwarze Ajah es bei Rand benutzen. Du kannst verstehen, warum Nynaeve und Elayne nicht wollten, dass das bekannt wird. Falls es sich herumspricht, dass so ein Ding jemals existierte, das Licht allein weiß, welche Geschichten in die Welt gesetzt würden.«

»Wen kümmert es schon, was für Geschichten die Leute erzählen?« Ein A'dam für einen Mann? Licht, wenn die Schwarze Ajah so etwas Rand um den Hals gelegt hätte oder die Seanchaner... Die Farben wirbelten wieder durch seinen Kopf und er zwang sich dazu, nicht weiter an Rand zu denken. »Klatsch wird niemandem... schaden.« Diesmal gab es keine Farben. Er konnte es vermeiden, solange er nicht an... Die Farben wirbelten umher und er biss auf das Mundstück.

»Das stimmt nicht, Mat. Geschichten haben Macht. Die Geschichten der fahrenden Sänger und die Epen der Barden und auch die Gerüchte auf den Straßen. Sie erwecken Leidenschaften und verändern die Weise, wie Menschen die Welt sehen. Ich habe heute gehört, wie ein Mann sagte, Rand hätte Elaida die Treue geschworen, er sei in der Weißen Burg. Der Kerl glaubte es, Mat. Was ist, sagen wir, wenn genug Tairener daran glauben? Tairener mögen Aes Sedai nicht. Stimmt's, Juilin?«

»Einige schon«, meinte Juilin. Dann fügte er hinzu, als hätte Thom es aus ihm herausgepresst: »Die meisten. Aber nur wenige von uns haben Aes Sedai kennen gelernt. Da das Gesetz das Lenken der Macht verbot, kamen nur wenige Aes Sedai nach Tear, und sie haben nur selten ihre Identität enthüllt.«

»Das ist nicht das Thema, mein prächtiger Aes Sedailiebender tairenischer Freund. Und es verleiht meinem Argument auf jeden Fall Gewicht. Tear hält zu Rand, zumindest die Adligen, weil sie Angst haben, dass er zurückkommen wird, wenn sie es nicht tun. Aber wenn sie glauben, dass er in den Händen der Burg ist, dann kann er vielleicht nicht mehr zurückkommen. Wenn sie glauben, er sei ein Werkzeug der Burg, ist das für sie nur ein weiterer Grund, sich gegen ihn zu wenden. Lass genug Tairener diese beiden Dinge glauben, und er hätte Tear genauso gut verlassen können, nachdem er Callandor gezogen hat. Das ist nur ein Gerücht, und nur Tear, aber es könnte genauso viel Schaden in Cairhien oder Illian oder sonst wo anrichten. Ich weiß nicht, was für Geschichten ein für einen Mann bestimmtes A'dam in die Welt setzen würde, in einer Welt mit dem Wiedergeborenen Drachen und Asha'man, aber ich bin zu alt, um es herausfinden zu wollen.«

Mat verstand, zumindest in gewisser Weise. Man versuchte immer, den gegnerischen Befehlshaber glauben zu machen, dass man etwas anderes tat als das, was man tatsächlich tat, dass man dort hinging, wo man gar nicht hinwollte. Und der Feind versuchte das Gleiche, wenn er sein Handwerk einigermaßen verstand. Manchmal gerieten beide Seiten so in Verwirrung, dass seltsame Dinge geschahen. Manchmal sogar Tragödien. Städte brannten, obwohl niemand ein Interesse daran hatte, nur weil die Brandstifter die Lüge glaubten, und Tausende starben. Aus dem gleichen Grund wurden Ernten zerstört, und Zehntausende starben in der Hungersnot, die daraufhin folgte.

»Also werde ich nichts über dieses A'dam für Männer sagen«, sagte er. »Ich gehe davon aus, jemand hat daran gedacht, es ihm zu sagen...?« Farben blitzten auf. Vielleicht konnte er sie einfach ignorieren oder sich daran gewöhnen. Sie waren so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren, und sie bereiteten keine Schmerzen. Er konnte nur Dinge nicht leiden, die er nicht begriff. Vor allem, wenn sie möglicherweise etwas mit der Macht zu tun hatten. Der silberne Fuchskopf unter seinem Hemd mochte ihn gegen die Macht beschützen, aber dieser Schutz hatte so viele Lücken wie seine eigenen Erinnerungen.

»Wir haben nicht gerade ständigen Kontakt«, sagte Thom trocken und zwinkerte. »Ich schätze, Elayne und Nynaeve haben eine Möglichkeit gefunden, es ihn wissen zu lassen, falls sie es für wichtig hielten.«

»Warum sollten sie?«, sagte Juilin und bückte sich, um einen Stiefel auszuziehen. »Das Ding liegt auf dem Meeresgrund.« Mit einem Stirnrunzeln warf er den Stiefel auf die zusammengeknüllten Kleider in der Ecke. »Gönnst du uns heute Nacht etwas Schlaf, Mat? Ich glaube kaum, dass wir morgen dazu kommen werden, und ich möchte wenigstens jede zweite Nacht schlafen.«

In dieser Nacht entschied sich Mat, in Tylins Bett zu schlafen. Nicht um der alten Zeiten willen. Der Gedanke ließ ihn lachen, obwohl das Gelächter zu sehr nach einem Wimmern klang, um witzig zu sein. Es war einfach so, dass eine gute Federmatratze und mit Gänsefedern gefüllte Kopfkissen einer Scheune vorzuziehen waren, wenn man nicht wusste, wann man das nächste Mal ungestörten Schlaf finden würde.

Das Problem lag nur darin, dass er nicht schlafen konnte. Er lag dort im Dunkeln mit einem Arm hinter den Kopf gelegt und die Lederschnur des Medaillons ums Handgelenk geschlungen, damit es bereit war für den Fall, dass der Gholam unter dem Türspalt hindurchschlüpfte, aber es war nicht das Ungeheuer, das ihn wach hielt. Er konnte nicht aufhören, den Plan zu durchdenken. Es war ein guter Plan, ein einfacher Plan; so einfach, wie es unter diesen Umständen möglich war. Doch keine Schlacht war jemals nach Plan gegangen, nicht einmal die besten. Große Hauptmänner hatten ihren Ruf nicht nur für ihre brillanten Pläne erworben, sondern weil sie den Sieg auch dann errungen hatten, nachdem diese Pläne durchkreuzt worden waren. Als das erste Licht die Fenster berührte, lag er noch immer da, rollte das Medaillon über die Fingerrücken und versuchte darauf zu kommen, was wohl schief gehen würde.

30

Kalte, dicke Regentropfen

Der Tag begann kalt, graue Wolken verdeckten die aufgehende Sonne, während der Wind vom Meer der Stürme an losen Glasscheiben in den Fensterrahmen rüttelte. In den Geschichten war das nicht die richtige Art von Tag für großartige Rettungsmissionen oder eine Flucht. Es war ein Tag für Mord. Kein angenehmer Gedanke, wenn man hoffen musste, auch noch den nächsten Sonnenaufgang zu erleben. Aber der Plan war einfach. Jetzt, da Mat eine Angehörige des seanchanischen Blutes zur Verfügung stand, konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Er versuchte eindringlich, sich selbst davon zu überzeugen.

Während er sich anzog, brachte Lopin ihm das Frühstück, Brot und Schinken und etwas harten gelben Käse. Nerim faltete ein paar letzte Kleidungsstücke zusammen, die noch ins Gasthaus gebracht werden mussten, darunter ein paar der Hemden, die Tylin hatte anfertigen lassen. Schließlich waren das gute Hemden, und Nerim behauptete, etwas wegen der Spitze tun zu können, obwohl er es gewöhnlich so klingen ließ, als böte er an, ein Leichentuch zu nähen. Der grauhaarige kleine Bursche konnte geschickt mit der Nadel umgehen, wie Mat genau wusste. Er hatte schließlich genug von Mats Wunden genäht.

»Nerim und ich werden Olver durch das Mülltor auf der Hinterseite des Palasts herausbringen«, wiederholte Lopin mit übertriebener Geduld, die Hände in Hüfthöhe verschränkt. Die Diener im Palast ließen nur selten eine Mahlzeit aus und sein dunkler tairenischer Mantel spannte sich enger als je zuvor über seinen runden Bauch. Was das anging, war die Rückseite des Mantels auch nicht mehr so weit, wie sie einmal gewesen war. »Außer den Wachen ist dort nie jemand, bis am Nachmittag der Abfallkarren herausgebracht wird, und sie sind daran gewöhnt, dass wir die Sachen meines Lords dort herausbringen, also werden sie uns keine Aufmerksamkeit schenken. In der Wanderin werden wir das Gold und die restlichen Kleidungsstücke meines Lords abholen, und Merwyn, Fergin und Gorderan werden mit den Pferden zu uns stoßen. Dann bringen die Rotwaffen und wir den jungen Olver am späten Nachmittag durch das Dal Eira-Tor. Ich habe die Lotteriemarken für die Pferde einschließlich der beiden Packtiere in meiner Tasche, mein Lord. An der Großen Nordstraße liegt ein verlassener Stall, etwa eine Meile nördlich vom Ring des Himmels, wo wir warten werden, bis mein Lord kommt. Ich gehe davon aus, die Anweisungen meines Lords korrekt wiedergegeben zu haben?«

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