Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
«Es ist die einzige plausible Erklärung«, antwortete St. James.
«Hoffen wir's.«
Beinahe zehn Minuten vergingen, bevor die anderen Beamten, keuchend vom raschen Aufstieg, zu ihnen stießen.
«Zeigen Sie uns den Weg«, sagte Le Gallez zu St. James und ließ diesen vorausgehen.
Das Besondere an seiner Frau, der Fotografin, war ihr Blick fürs Detail — was Deborah wahrnahm und was sie sich merkte. Es war daher für St. James kein großes Problem, den Dolmen zu finden. Die Hauptsorge der Männer war es, nicht gesehen zu werden: weder vom Verwalterhaus aus, wo die Duffys wohnten, noch vom Herrenhaus aus, wo Ruth Brouard sich auf einen Anruf hin nicht gemeldet hatte. Sie schlichen sich an der Ostseite der Auffahrt entlang und schlugen in einem Abstand von vielleicht dreißig Metern einen Bogen um das Haus, wobei sie sich im Schutz der Bäume hielten und sich vorantasteten, ohne Taschenlampen zu benutzen.
Die Nacht war ungewöhnlich finster, eine dicke Wolkendecke verbarg Mond und Sterne. Mit St. James an der Spitze bewegten sich die Männer einzeln hintereinander unter den Bäumen voran und gelangten so zum Gebüsch hinter den Stallungen. Sie fanden die Lücke in der Hecke, durch die sie weiter zum Wald und zum Trampelpfad zu der Koppel gelangten, wo der Dolmen war.
Die aus losen Steinen aufgeschichtete Mauer war für jeden mit gesunden Gliedern leicht zu überwinden, doch für St. James, durch die Beinschiene behindert, war die Sache nicht so einfach, und die schwarze Dunkelheit war eine zusätzliche Schwierigkeit.
Le Gallez war das offenbar klar. Er knipste eine kleine Taschenlampe an und ging suchend an der Mauer entlang, bis er eine Stelle fand, wo die oberen Steine abgebröckelt waren. Durch die so entstandene, schmale Lücke konnte man leichter zur anderen Seite hinüberklettern.»Das müsste eigentlich gehen«, murmelte er und stieg als Erster zur Koppel hinüber.
Auf der anderen Seite fanden sie sich von einer Wildnis aus dornigem Gebüsch, Farn und Brombeergestrüpp umgeben. Le Gallez blieb mit dem Anorak sofort an irgendeinem Stachel hängen, und die bei- den Constables, die ihm folgten, fluchten bald leise vor sich hin, weil sie sich immer wieder dem Zugriff dorniger Ranken erwehren mussten.
«Du meine Güte«, schimpfte Le Gallez mit gesenkter Stimme, während er seine Jacke von dem Ast löste, an dem sie festhing.»Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?«
«Es muss einen bequemeren Zugang geben«, sagte St. James.
«Da haben Sie verdammt Recht. «Le Gallez wandte sich an einen seiner Leute.»Machen Sie mal Licht, Saumarez.«
St. James sagte:»Aber wir wollen doch nicht — «
«Wir werden überhaupt nichts erreichen«, unterbrach ihn Le Gallez,»wenn wir hier rumstrampeln wie die Fliegen im Netz. Los, Saumarez, Licht. Halten Sie's nach unten.«
Der angesprochene Constable hatte eine starke Lampe bei sich, die das Gelände mit Licht überflutete. St. James stöhnte — vom Haus aus konnte man den Lichtschein bestimmt sehen. Aber wenigstens hatten sie den Übergang über die Mauer glücklich gewählt: keine zehn Meter zu ihrer Rechten konnten sie einen Pfad erkennen, der über die Koppel führte.
«Ausmachen!«, befahl Le Gallez, als er das gesehen hatte. Das Licht erlosch. Le Gallez ging voraus und bahnte den Männern, die ihm folgten, den Weg. Die Dunkelheit war ein Segen und ein Fluch zugleich. Sie war schuld daran, dass sie den Trampelpfad zur Mitte der Koppel nicht auf Anhieb gefunden hatten, sondern zuerst einmal in unwegsamer Wildnis gelandet waren. Aber sie verbarg sie jetzt auf dem Marsch zum Hauptweg, der bei Mondschein nur allzu deutlich sichtbar gewesen wäre.
Der Dolmen war so, wie Deborah ihn St. James beschrieben hatte. Er erhob sich in der Mitte der Koppel, als wären vor Generationen mehrere Morgen Land eigens zu dem Zweck abgegrenzt worden, ihn zu schützen. Für das unerfahrene Auge sah er aus wie ein schlichter Erdhügel, der aus unerklärlichem Grund mitten auf diesem verwilderten Feld emporragte. Aber jemand, der einen Blick für Spuren früher Geschichte besaß, hätte ihn näherer Erforschung für wert befunden.
Um ihn herum führte ein schmaler Weg, der aus dem umgebenden Wildwuchs herausgeschlagen worden war. Knapp sechzig Zentimeter breit, umschrieb er die Rundung des Hügels, und die Männer folgten ihm, bis sie zu der dicken Holztür mit dem Vorhängeschloss gelangten.
Le Gallez hielt an. Wieder schaltete er seine kleine Taschenlame ein und richtete den Strahl zuerst auf das Schloss, dann auf Farn und Gestrüpp.»Keine gute Deckung«, sagte er leise.
Das stimmte. Wenn sie dem Killer hier auflauern wollten, würde das nicht einfach werden. Aber sie brauchten sich andererseits, um sich zu verstecken, nicht weit von dem Dolmen zu entfernen, da die Vegetation so dicht war, dass sie reichlich Deckung bot.
«Hughes, Sebastian, Hazell«, sagte Le Gallez mit einer Kopfbewegung zum Feld hin.»Kümmern Sie sich darum. Sie haben genau fünf Minuten. Ich will Zugang, aber in voller Deckung. Und still, um Himmels willen. Wer sich das Bein bricht, weint leise. Hawthorne, Sie sind drüben an der Mauer. Sobald einer drübersteigt, geben Sie Zeichen. Ich hab meinen Piepser auf Vibration gestellt. Alle anderen: Handy aus, Piepser aus, Funk aus. Keiner redet, niest, rülpst oder furzt. Wenn wir das vermasseln, können wir wieder von vorn anfangen, und ich fände das nicht lustig. Verstanden? Dann los.«
Ihr Vorteil war, das wusste St. James, die Zeit. Es schien zwar finsterste Nacht zu sein, aber es war noch nicht spät am Abend.
Dass der Mörder sich vor Mitternacht zum Dolmen wagen würde, war unwahrscheinlich. Zu groß war vorher das Risiko, auf dem Gelände jemandem zu begegnen und erklären zu müssen, warum man ohne Licht in der Dunkelheit herumstolperte.
St. James war deshalb sehr erstaunt, als er keine Viertelstunde später Le Gallez mit einem unterdrückten Fluch sagen hörte:»Hawthorne hat draußen jemanden gesichtet. Scheiße. So ein gottverdammter Mist. «Zu den Constables, die etwa fünf Meter von der Tür zum Dolmen entfernt immer noch im Gestrüpp herumtrampelten sagte er:»Hey, ich hab gesagt, fünf Minuten. Wir kommen jetzt.«
Er ging voraus, und St. James folgte. Die Männer hatten es geschafft, im Unterholz ein abgeschirmtes Fleckchen von der Größe einer Hundehütte zu lichten. Es bot zwei Beobachtern Platz. Fünf quetschten sich hinein.
Die Person, die der Mann an der Mauer gesichtet hatte, näherte sich rasch und zielstrebig, überstieg ohne einen Moment des Zögerns die Mauer und schlug den Trampelpfad zum Dolmen ein. Sehr bald konnten sie in der Dunkelheit eine noch dunklere Gestalt ausmachen. Ein stetig länger werdender Schatten auf dem Farn, der den Hügel bedeckte, zeigte eine Sicherheit der Bewegung, die verriet, dass die unbekannte Person mit diesem Ort vertraut war.
Plötzlich war eine Stimme zu hören, leise, aber klar und deutlich.»Simon? Wo bist du?«
«Was, zum Teufel.«, knurrte Le Gallez.
«Ich weiß, dass du hier bist, und ich gehe nicht weg«, verkündete Deborah unmissverständlich.
St. James stieß einen Seufzer aus, der halb Fluch war. Er hätte das in Betracht ziehen müssen.»Sie ist dahinter gekommen«, sagte er zu Le Gallez.
«Ach nein?«, erwiderte Le Gallez mit bitterer Ironie.»Los, sehen Sie zu, dass sie auf der Stelle verschwindet.«
«Das«, sagte St. James,»wird nicht leicht werden. «Er schob sich an Le Gallez und den Constables vorbei und suchte sich den Weg zurück zum Dolmen.»Hier, Deborah«, sagte er.
Sie drehte sich nach ihm um.»Du hast mich angelogen«, sagte sie nur.
Er antwortete erst, als er sie erreicht hatte. Gespensterbleich konnte er ihr Gesicht in der Dunkelheit ausmachen. Ihre Augen waren groß und dunkel, und er musste ausgerechnet in diesem Moment an die Augen des Kindes denken, das vor beinahe zwei Jahrzehnten am Grab seiner Mutter gestanden hatte, verwirrt und auf der Suche nach einem Menschen, dem es vertrauen konnte.