Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Was er sagte, war wahr. Ruth konnte es nicht leugnen. Und darum führte sie die Gabel zum Mund.
29
Als Deborah ging, waren Cherokee und China dabei, ihre Sachen durchzusehen, um sich vor ihrer Abreise aus Guernsey zu vergewissern, dass nichts fehlte. Zuerst allerdings verlangte Cherokee die Umhängetasche seiner Schwester und kramte auf der Suche nach ihrer Brieftasche geräuschvoll darin herum. Er wollte wissen, ob sie so viel Bargeld in der Tasche hatte, dass sie am Abend alle zusammen zum Essen ausgehen und feiern konnten.»Vierzig Pfund, Chine?«, rief er, als er sah, wie es um die Barschaft seiner Schwester bestellt war.»Du meine Güte. Da muss ich wohl selber was springen lassen.«
«Na, das wäre mal was ganz Neues«, meinte China.
«Aber warte mal!«Cherokee hielt einen Finger hoch, als hätte er plötzlich eine Eingebung gehabt.»Bestimmt gibt es in der High Street einen internationalen Geldautomat.«
«Und wenn keiner da ist«, fügte China hinzu,»habe ich rein zufällig meine Kreditkarte bei mir.«
«Hey, heute ist mein Glückstag!«
Bruder und Schwester lachten. Sie öffneten ihre Matchsäcke und begannen, ihre Sachen zu sortieren. An dieser Stelle verabschiedete sich Deborah. Cherokee brachte sie zur Tür. Im trüben Licht der Außenbeleuchtung hielt er sie fest.
So in Schatten getaucht sah er dem halbwüchsigen Jungen, der er im Herzen wahrscheinlich immer bleiben würde, sehr ähnlich.»Debs«, sagte er.»Danke. Ohne dich. ohne Simon. Danke euch.«
«So viel haben wir gar nicht getan.«
«Doch. Schon allein, dass du hier warst. Aus reiner Freundschaft. «Er lachte kurz.»Ich wollte, es hätte mehr sein können. Ach, verdammt. Wusstest du das? Ich wette, ja. Eine verheiratete Frau. Mit dir hatte ich nie Glück.«
Deborah zwinkerte verwirrt. Ihr wurde heiß, aber sie sagte nichts.
«Falsche Zeit, falscher Ort«, fuhr Cherokee fort.»Wenn die Umstände anders gewesen wären, entweder damals oder heute. «Er blickte an ihr vorbei zum kleinen Innenhof und zu den Straßenlichtern auf der anderen Seite.»Ich wollte nur, dass du es weißt. Und es ist nicht wegen dem, was du für uns getan hast. Es war immer so.«
«Danke«, sagte Deborah.»Das werde ich nicht vergessen, Cherokee.«
«Wenn einmal eine Zeit kommen sollte.«
Sie legte ihm die Hand auf den Arm.»Die wird nicht kommen«, sagte sie.»Aber ich danke dir.«
Er sagte:»Ja, hm«, und küsste sie auf die Wange. Und bevor sie sich von ihm entfernen konnte, umfasste er ihr Kinn und küsste sie auf den Mund. Seine Zunge berührte ihre Lippen, öffnete sie, verweilte und zog sich zurück.»Das wollte ich schon tun, als ich dich das erste Mal gesehen habe«, sagte er.»Wieso, zum Teufel, haben diese Engländer so ein Glück?«
Deborah trat von ihm weg, aber sie schmeckte den Kuss. Sie merkte, dass ihr Herz ruhig schlug. Aber das würde nicht so bleiben, wenn sie noch einen Augenblick länger mit Cherokee River im Halbdunkel stehen blieb. Sie sagte:»Die Engländer haben immer Glück«, und ging.
Sie wollte auf dem Rückweg zum Hotel über diesen Kuss nachdenken und alles, was ihm vorangegangen war. Sie nahm nicht den direkten Weg, sondern stieg die Constitution Steps hinunter und suchte sich von dort den Weg zur High Street.
Es waren kaum Leute unterwegs. Die Geschäfte hatten geschlossen, und die wenigen Restaurants, die es gab, waren weiter draußen, näher bei Le Pollet. An Cherokees Geldautomaten vor einer Bank warteten drei Leute, und fünf halbwüchsige Jungen brüllten bei einem gemeinsamen Handygespräch so laut, dass ihre Stimmen in der ganzen engen Straße widerhallten. Eine magere Katze kam die Treppe vom Kai herauf und trottete an der Hausmauer entlang vorbei, während irgendwo in der Nähe ein Hund kläffte, dem eine laute Männerstimme immer wieder Schweigen gebot.
An der Ecke, wo die High Street nach rechts abbog und unter dem Namen Le Pollet adrett gepflastert einen Hang hinunter zum Hafen führte, zweigte links die ansteigende Smith Street ab. Hier bog Deborah ein und nahm den Anstieg in Angriff, während sie darüber nachdachte, wie die Situation sich innerhalb zwölf kurzer Stunden verändert hatte. Was mit Angst und Verzweiflung begonnen hatte, hatte mit Freude und Erleichterung geendet. Und mit einem Geständnis. Aber darauf war nichts zu geben. Sie wusste, dass Cherokees Worte dem übersprudelnden Glück des Moments entsprungen waren, dem Glück darüber, die Freiheit wiedergewonnen zu haben, die er beinahe verloren hätte. Was in einem solchen Zustand gesprochen wurde, konnte man nicht ernst nehmen.
Aber der Kuss. Den konnte sie ernst nehmen. Als das, was er war — ein Kuss. Er war ihr angenehm gewesen. Mehr, er hatte sie erregt. Aber sie war klug genug, um Erregung nicht mit mehr zu verwechseln. Und sie fühlte sich Simon gegenüber weder unloyal noch schuldig. Es war schließlich nichts weiter als ein Kuss gewesen.
Sie lächelte bei der Erinnerung an die Augenblicke, die zu diesem Kuss geführt hatten. Das Talent, sich zu freuen wie ein Kind, war immer schon typisch für Chinas Bruder gewesen. Dieser Zwischenfall in Guernsey war eine Ausnahme in seinen dreiunddreißig Lebensjahren gewesen. Die Regel sah ganz anders aus.
Sie konnten jetzt ihre Reise fortsetzen oder heimkehren. Wie auch immer, sie würden einen Teil von Deborah mitnehmen, jenen Teil, der sich in drei kurzen Jahren in Kalifornien vom Mädchen zur Frau entwickelte hatte. Ohne Zweifel würde Cherokee weiterhin seine Schwester wütend machen; ohne Zweifel würde China ihren Bruder weiterhin frustrieren. Sie würden fortfahren, sich aneinander zu reiben, wie das bei zwei so komplexen Persönlichkeiten nicht anders zu erwarten war. Aber am Ende würden sie immer wieder zusammenfinden. So war das bei Geschwistern.
Über die Beziehung der beiden nachdenkend, ging Deborah an den Geschäften in der Smith Street vorüber, ohne ihre Umgebung richtig wahrzunehmen. Erst als sie auf halber Höhe war, blieb sie stehen, etwa dreißig Meter von dem Zeitungshändler entfernt, bei dem sie zuvor eine Zeitung gekauft hatte. Sie musterte die Gebäude zu beiden Seiten der Straße: Bürgerberatungsbüro, Marks & Spencer, Davies Reisebüro, Bäckerei Fillers, St. James' Galerie, Buchhandlung Buttons. Sie betrachtete sie alle und runzelte die Stirn. Sie ging zum Anfang der Straße zurück und lief noch einmal den Weg entlang — langsam und konzentriert. Am Kriegerdenkmal blieb sie stehen.
Sie hastete zum Hotel.
Simon war nicht im Zimmer. Er war in der Bar und las, einen
Whisky neben sich, den Guardian. Eine Gruppe Geschäftsleute, die bei lautstarken Gesprächen Gin und Tonic kippten und dazu knirschend Kartoffelchips kauten, teilte sich die Bar mit ihm.
In der Luft hingen beißender Zigarettenrauch und der Geruch durchgeschwitzter Hemden nach einem langen Tag heißer Finanzgeschäfte.
Deborah drängte sich zu ihrem Mann durch. Sie sah, dass er sich schon zum Abendessen umgezogen hatte, und sagte hastig:»Ich laufe rauf und ziehe mich um.«
«Das ist doch nicht nötig«, sagte er.»Wollen wir reingehen? Oder möchtest du vorher noch etwas trinken?«
Es wunderte sie, wieso er nicht fragte, wo sie gewesen war. Er faltete die Zeitung zusammen und ergriff sein Whiskyglas, während er auf ihre Antwort wartete.
Sie sagte:»Ich. einen Sherry vielleicht.«
«Ich hole ihn«, sagte er und ging los, um sich einen Weg zum Tresen zu bahnen.
Als er mit dem Drink zurückkam, sagte sie:»Ich war bei China. Sie haben Cherokee freigelassen. Man hat ihnen gesagt, dass sie abreisen können. Sollen, genauer gesagt. Mit der nächsten Maschine. Was ist denn da passiert?«