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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Sie verließ Guys Arbeitszimmer und ging zur Treppe. Sie war steif vom langen Sitzen während der Meditation, und nahm langsam Stufe um Stufe. Der Geruch ihres Abendessens, das Valerie auf dem Herd stehen lassen hatte, wehte ihr entgegen. Sie würde in die Küche gehen, aber nicht, weil sie hungrig war, sondern weil es ihr das Vernünftigste zu sein schien.

Wie Guys Arbeitszimmer lag auch die Küche nach hinten hinaus. Sie konnte das Essen als Vorwand benutzen, um nachzusehen, wer so unerwartet nach Le Reposoir gekommen war.

Sie erfuhr es, als sie durch den Korridor nach hinten ging, wo durch eine halb offene Tür ein Lichtstrahl auf den Teppich fiel. Als sie die Tür aufstieß, sah sie ihren Neffen am Herd stehen und energisch in einem Topf rühren, der auf der hinteren Flamme köchelte.

«Adrian!«, rief sie.»Ich dachte.«

Er drehte sich herum.

Ruth sagte:»Ich dachte. Du bist hier? Als deine Mutter sagte, dass sie abreist — «

«- hast du geglaubt, ich würde auch abreisen. Natürlich. Wo sie hingeht, gehe ich im Allgemeinen auch hin. Aber diesmal nicht, Tante Ruth. «Er hielt ihr einen langen Holzlöffel hin, um sie von der Speise, die er umgerührt hatte — einem Gulasch, wie es aussah — , kosten zu lassen.

«Hast du Appetit darauf? Möchtest du im Speisezimmer essen oder lieber hier?«

«Danke dir, aber ich bin gar nicht hungrig. «Sie war eher ein wenig benommen, vielleicht weil sie die Schmerztabletten auf leeren Magen genommen hatte.

«Das fällt mir schon lange auf«, sagte Adrian.»Du hast wahnsinnig abgenommen. Verliert denn da niemand ein Wort darüber?«Er trat zum Küchenschrank und nahm eine Schüssel heraus.»Aber heute Abend wirst du essen.«

Er begann, das Gulasch in die Schüssel zu löffeln. Als sie voll war, deckte er sie zu und nahm aus dem Kühlschrank einen ebenfalls von Valerie vorbereiteten, grünen Salat. Aus dem Backrohr holte er eine weitere Schüssel — diese war mit Reis gefüllt — , und stellte alles auf den Tisch in der Mitte der Küche. Dazu ein Wasserglas sowie ein Gedeck für eine Person.

Ruth sagte:»Adrian, warum bist du zurückgekommen? Deine Mutter — nun ja, sie hat es nicht direkt gesagt, aber als sie mir mitteilte, dass sie abreisen wolle, nahm ich an. Mein Junge, ich weiß, wie enttäuscht du über das Testament deines Vaters bist, aber es war sein fester Entschluss, und ich bin der Meinung, dass ich ihn respektieren muss, auch wenn — «

«Ich erwarte nicht von dir, dass du irgendetwas unternimmst«, sagte Adrian.»Dad hat getan, was er für richtig hielt. Setz dich, Tante Ruth. Komm, ich hole dir ein Glas Wein.«

Ruth war ein wenig verwundert. Sie wartete, während er in die Speisekammer ging, die Guy vor langer Zeit zum Weinkeller umfunktioniert hatte. Sie hörte das Klirren der Flaschen, als er unter den teuren Weinen seines Vaters seine Wahl traf. Eine schlug laut gegen das alte Marmorbord. Dann hörte sie es glucksen.

Sie fragte sich, was er vorhatte. Als er wenig später zurückkehrte, hielt er eine geöffnete Burgunderflasche in der einen Hand und ein Glas mit Wein in der anderen. Es war eine alte Flasche, ihr Etikett staubig. Guy hätte sie für so eine bedeutungslose Mahlzeit nicht geöffnet.

Sie sagte:»Ich glaube nicht. «Aber Adrian ging an ihr vorbei und zog mit großer Geste einen Stuhl für sie heraus.

«Setzen Sie sich, Madam«, sagte er.»Das Abendessen ist serviert. «

«Isst du nichts?«

«Ich habe auf der Rückfahrt vom Flughafen etwas gegessen. Mama ist übrigens weg. Sie ist wahrscheinlich inzwischen gelandet. Wir haben uns endlich für immer voneinander verabschiedet. William — das ist ihr derzeitiger Ehemann, falls du es vergessen haben solltest — wird das bestimmt sehr zu schätzen wissen. Ist ja auch verständlich. Er hat meine Mutter ja nicht geheiratet, um gleich auch noch einen Dauermieter in Gestalt eines Stiefsohns bei sich aufzunehmen.«

Hätte Ruth ihren Neffen nicht besser gekannt, so hätte sie sein Verhalten und sein Gerede als Anzeichen eines manischen Zustands ausgelegt. Aber sie kannte ihn seit siebenunddreißig Jahren und hatte nie etwas Manisches in seinem Verhalten entdeckt. Was sie in diesem Moment erlebte, war etwas anderes. Sie wusste nur nicht, wie sie es bezeichnen sollte, oder was es zu bedeuten hatte. Und wie sie es aufnehmen sollte.

«Ist das nicht merkwürdig«, murmelte sie.»Ich war überzeugt, du hättest gepackt. Ich habe zwar den Koffer nicht gesehen, aber ich.

Seltsam, nicht wahr, wie uns die Dinge erscheinen, wenn wir uns bereits unsere Meinung über sie gebildet haben?«

«Ja, da hast du Recht. «Er gab Reis auf ihren Teller und Gulasch und stellte ihr den Teller hin.»Damit machen wir uns es uns ständig selbst schwer: Mit unseren vorgefassten Meinungen über das Leben und die Menschen. Du isst ja gar nicht, Tante Ruth.«

«Mein Appetit. Es ist schwierig.«

«Dann werde ich es dir erleichtern.«

«Wie willst du das denn machen?«

«Warte ab«, sagte er.»Ich bin nicht so unnütz, wie ich aussehe.«

«Ich wollte nicht — «

«Ist schon gut. «Er hob ihr Glas.»Trink einen Schluck Wein. Eines habe ich von Dad gelernt — es ist wahrscheinlich das Einzige: Wie man Wein aussucht. Dieser Tropfen hier — «er hob das Glas mit dem Wein ans Licht und betrachtete es — »hat, ich freue mich, es sagen zu können, hervorragendes Gefühl, ausgezeichneter Körper, exzellentes Bouquet und am Ende einen angenehmen Abgang. Fünfzig Pfund pro Flasche, vielleicht? Oder mehr? Na, ist ja auch egal. Er passt jedenfalls perfekt zu deinem Essen. Probier einen Schluck.«

Sie lächelte.»Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich den Verdacht, du wolltest mich betrunken machen.«

«Dann schon eher vergiften«, sagte Adrian.»Um ein Vermögen zu erben, das nicht existiert. Ich nehme doch an, dass auch du mich nicht als Erben eingesetzt hast.«

«Es tut mir wirklich Leid, mein Junge«, sagte Ruth wieder. Und als er ihr den Wein aufdrängen wollte:»Ich kann nicht. Meine Tabletten. Die Mischung täte mir nicht gut.«

«Ach so. «Er stellte das Glas ab.»Keine Lust, mal ein bisschen über die Stränge zu schlagen?«

«Das habe ich immer deinem Vater überlassen.«

«Tja, und wohin hat's ihn gebracht?«, sagte Adrian.

Ruth senkte den Blick und spielte mit ihrem Besteck.»Er fehlt mir.«

«Das kann ich verstehen. Komm, iss ein bisschen Fleisch. Es schmeckt sehr gut.«

Sie sah ihn an.»Hast du es probiert?«

«Niemand kocht wie Valerie. Iss, Tante Ruth. Ich lass dich nicht aus der Küche, bis du nicht mindestens die Hälfte gegessen hast.«

Es entging Ruth nicht, dass er ihre Frage nicht beantwortete. Und das, in Zusammenhang mit seiner unerwarteten Rückkehr nach Le Reposoir, machte sie nachdenklich. Aber sie hatte keinen Grund, ihrem Neffen mit Argwohn zu begegnen. Er wusste vom Testament seines Vaters, und sie hatte ihm gerade eröffnet, wie das ihre aussah. Dennoch sagte sie:»All diese Fürsorge! Ich bin richtig — ich fühle mich geschmeichelt.«

Über den Tisch hinweg, zwischen ihnen die dampfenden Schüsseln mit dem Reis und dem Fleisch, sahen sie einander an.

Die Stille zwischen ihnen hatte eine andere Qualität als jene, die Ruth vorher genossen hatte, und sie war froh, als das Telefon klingelte.

Sie wollte aufstehen, um hinzugehen.

Adrian ließ es nicht zu.»Nein«, sagte er,»ich möchte, dass du isst, Tante Ruth. Du hast die ganze letzte Woche überhaupt nicht auf dich geachtet. Wenn es etwas Wichtiges ist, wird der Anrufer sich bestimmt noch einmal melden. Inzwischen wirst du etwas essen.«

Sie hob die Gabel, die ihr ungeheuer schwer schien.»Ja, gut«, sagte sie.»Wenn du darauf bestehst, mein Junge. «Es war ja egal, ob so oder so. Das Ende würde dasselbe sein.»Aber wenn ich fragen darf. Warum tust du das, Adrian?«

«Keiner hat jemals begriffen, dass ich ihn wirklich geliebt habe«, antwortete Adrian.»Trotz allem. Und er würde wollen, dass ich jetzt hier bin, Tante Ruth. Das weißt du so gut wie ich. Er würde wollen, dass ich bis zum Ende durchhalte, weil er das auch getan hätte.«

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