Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Könntest du sicher sehr gut. Schlägt ja in dein Fach.«
«Enöff, Barbara, enöff«, Gudrun traf genau den Ton, und Barbara wußte eine Weile nicht, wie sie es verstehen wollte, dann wischte sie, die Augen schließend, durch die Luft.
«Sie sind doch ein schönes Paar, findet ihr nicht? Er himmelt sie nicht an, das wäre ganz verkehrt, er würde enttäuscht werden und sich in Arbeit, Suff oder Affären flüchten. Es ist nicht so, daß ausgesprochen hübsche Frauen, wie Ina ja eine ist, keine Fehler haben. Sie ist schon ein wenig verwöhnte Prinzessin, wir haben sie vielleicht zu locker erzogen, und wenn das Kind da ist, er den ganzen Tag arbeitet, abends womöglich noch an seiner B-Promotion, wird sie sich umsehen und merken, was Familie heißt. Sie wollen ja nach Berlin. Der Umzug bleibt ja dann auch an ihr hängen.«
«Das beste ist, gleich ein paar Termine bei einer guten Kosmetikerin zu machen. Geburt und das danach, wenn so ein kleiner Hosenscheißer von früh bis spät an deinen Nerven zerrt, sind nicht gerade gut für den Teint. Und Ina ist schon hübsch, da hast du recht, aber sie gehört, glaube ich, in die Kategorie derer, die früh verblühen … Ihre Haut wirkt ein wenig spröde. Sie lagert auch ein, soweit ich sehen kann, das deutet auf schwaches Bindegewebe, das bleibt auch nach der Geburt ausgeleiert. Nicht gerade das, was sich Männer wünschen. Gerade für Frauen mit schwachem Bindegewebe ist das erste Kind oft eine Katastrophe, sie gehen auseinander wie die Russinnen, und Ulrich ist ja in Moskau geboren.«
«Schaut mal, der Bräutigam will was sagen«, versuchte Meno. Wernstein hielt eine kurze Rede, dankte den Gästen, nahm Inas Hand und küßte sie. Adeling trug Tabletts mit Krimsekt, Ulrich tupfte sich die Stirn mit seinem Brusttuch und klopfte mit einem Löffel gegen sein Glas.
«Sympathischer Junge, denkt nicht, er ist was Besseres«, Barbara ließ Gudrun, die den Hals reckte, keine Chance, etwas von Ulrichs Rede mitzubekommen.»Und so tragisch! Hat überhaupt keine Verwandten mehr. Seine ganze Familie kommt aus dem Uran. Gottseidank brauchte ich nicht mehr zu fragen, ob es bei ihm … na, enöff. Schnorchel und ich hatten schon einen Nachmittag dafür angesetzt, es wäre ja eher sein Ding gewesen, unter Männern, aber er hat sich nicht getraut, konnte die ganze Nacht nicht schlafen vor lauter Überlegungen, wie er’s anstellen könnte … Gott, was für Formulierungen. Am nächsten Tag kam Ina mit dem positiven Test vom Frauenarzt.«
«Sag mal, was ich noch fragen wollte, Barbara: Wieso ausgerechnet Brotwein? Ich meine, das ist doch Kwaß. Oder wollte es Ulrich so? Träumt er eigentlich manchmal auf russisch? Oder du, Meno?«
«Das kann Meno doch nicht wissen. Es liegt doch niemand neben ihm, der es ihm am nächsten Morgen sagt. Schade eigentlich. Warum heiratest du nicht wieder? Hanna war einfach nicht die Richtige für dich, das hätte ich dir von Anfang an sagen können. Sie wußte ja nicht mal, wie man ein Suppenhuhn zubereitet. Wenn du mich fragst«, Meno fragte nicht, hörte Barbara aber amüsiert zu,»du brauchst eine Frau, die dir sagt, wo’s langgeht. Die was von den praktischen Dingen versteht. Ich meine, du hast doch noch nicht mal ’n Auto. Kannst du überhaupt fahren? Aber woher nehmen und nicht stehlen bei dem bißchen, das du nach Hause bringst. Schnorchel sagt, du könntest sofort bei ihm im Betrieb anfangen, sie suchen einen — wie hat er gesagt —, so eine Art Koordinator im Kombinat. Du könntest mindestens das Doppelte haben. — Der Brotwein war meine Idee, Gudrun. Ich trinke ganz gern mal ein Schälchen davon, und für eine Hochzeit wäre es doch mal was anderes gewesen, nicht wahr. Wir haben einfach zu spät angesetzt, Schnorchel meinte, die Heizsteller würden das richten … und dabei habe ich die Ballons noch mit Kokosfasern abgedichtet. — Na, enöff, jetzt werden Toasts ausgebracht, stoßen wir an.«
Christian stand am Fenster des Wintergartens und lauschte den Geräuschen, die von unten und aus dem Haus herandrangen, Stimmenschleier, Auflachen, Musik aus den Gärten jenseits des Parks, in dem leichter Wind Lichtfasern hin- und herhuschen ließ. Die Farben waren durch den Regen erfrischt, das noch junge Grün der Buchen und Ahorne mischte sich in unruhigen Wellen unter die Blüten von Mandelbäumen und Rhododendren, die am oberen Rand des abschüssigen Parks standen. Leise, laut; dazwischen Keile von Melancholie. Er wollte allein sein. Wenn er die Augen schloß, sah er Bilder aus der Grüner Kaserne vor sich, hörte Stiefelschritte auf den endlosen Fluren, hörte den langsamen, schwermütigen Tanz der Bohnerbartel, die beim Umschwung, knapp bevor sie an die Wände schlugen, ein charakteristisches Geräusch machten: Die Kugeln am Ende der Stiele klickten gegen die Kreuzführungen der Blockerbürsten, rissen sie zurück; diese roh gebändigte Eleganz erstaunte ihn immer wieder, und ebenso die Gleichmäßigkeit, mit der die Gewölbedecke der Flure abends, im Schein nackter Glühbirnen, Streifen um Streifen im Parkett wiederkehrte, nach all den Zertrampelungen des Tages. Unten hatte offenbar jemand einen Witz erzählt, er hörte Adelings meckerndes Lachen, Alois Lange sagte mit klar zu verstehender Stimme, die Dänische Soße sei sehr gut. Kürschnermeister Noacks weißes Haar wurde von einer Wolke aus Pflaumenblüten aufgesogen, als er sich über das Büfett beugte, um seine Gabel in das blitzende Stricken der anderen Gabeln einzuspielen, die Gesichter darüber hatten einen hungrigen Ausdruck, die Augen befahlen den Händen hurtige, mißgönnende Stiche. All diese Dinge gingen ihn auf einmal wenig an; das Haus, die Menschen: alles erschien ihm fremd. Die Zivilkleidung, die er trug, kam ihm wie etwas Unerlaubtes, ihm nicht Zustehendes vor — er wäre nie auf die Idee gekommen, die anderen danach einzuschätzen, ob sie würdig seien, Zivilkleidung zu tragen; doch vorhin, als er neben Herrn Honich gestanden und den Gästen zugesehen hatte, wie sie einen Toast auf das Brautpaar ausbrachten, hatte er sich dabei ertappt, wie er unwillkürlich jeden einzelnen taxierte, ob er oder sie es wert war, hier zu sein, zu lachen, zu essen, mit den anderen fröhlich zu sein und Kleidung zu tragen, deren Auswahl ganz ihnen (sowie dem Angebot der Geschäfte) überlassen war, sie brauchten niemandem darüber Rechenschaft abzulegen. Wenn seine Mutter sich näherte, wich er aus. Ezzo und Robert, Niklas und Ulrich redeten über Fußball, Wembley, das Endspiel im Wankdorfstadion; Ulrich erklärte ein Fritz-Walter-Tor, den berühmten Leipziger Schuß mit der Hacke über Rücken und Kopf; Christian kam es belanglos vor, er konnte nicht verstehen, daß Ulrich es nachzumachen versuchte und einen Gelben Köstlichen vom Vorjahr an Herrn Adeling vorbei in die Remise schoß (Ulrich stützte sich mit den Armen und kippte mit dem Gesicht voran in ein Rhabarberbeet); Christian ging traurig weg. An der Zinkwanne spielten Kinder unter Aufsicht von Babett Honich; am Eisentisch saßen Stahls, winkten ihn zu sich, aber er schüttelte den Kopf. Nun war er hier, im Wintergarten, betastete die Pflanzen, als ob sie verschwinden könnten, suchte Chakamankabudibaba in seinem Versteck in der Sagopalme, bückte sich, legte die Hand auf den Schachbrettboden, der kühl war. Das staubfeine Licht wurde von Blattschatten wie von grauen Fischen durchschwommen, langsame Strömungsbewegungen, die ihn beruhigten, erfreuten. Bevor jemand kam, ging er in den Park.
One of those Ulrich-things, dachte Meno, als sein Bruder das Gesicht mit dem Kölnischwassertuch abwischte und freudestrahlend die Arme ausbreitete: Gelungener Schuß, würde er später sagen, das Foto von Malivor Marroquin in der Hand; der Chilene hatte seelenruhig mit dem Finger am Abzug einer» Praktika «gewartet und sowohl den fliegenden Gelben Köstlichen als auch Ulrichs Landung fixiert; die Plattenkamera hielt Umschau auf Menos Balkon. Ein anderes war, daß sich Ulrich überlegte, am Silvesterabend eine Karte an seinen Zahnarzt zu schreiben.»Niemand wünscht seinem Zahnarzt ein gutes neues Jahr. Und dabei — wer weiß, was für ein leidgeprüfter Mensch das ist. Ich sage immer, schenke einer Blumenverkäuferin Blumen und einem Zahnarzt ein Lächeln zum neuen Jahr. Warum nicht. Auch wenn es von ihm ist. Und auch, wenn er Frau Doktor Knabe heißt. «Wenn er wie jetzt an der Stirnseite eines reichlich gedeckten Tischs Platz nahm, an dem sich genügend Zuhörer fanden, brachte er gern Wissen im Brustton der Überzeugung vor, das lückenhaft war und einer Überprüfung nicht standgehalten hätte; doch obwohl auf manchen Gesichtern Zweifel keimte, schien Ulrichs selbstbewußte Körpersprache, der Gesichtsausdruck mehr verschweigender als aussprechender Gewißheit überzeugend genug, um die Skepsis nicht lautwerden zu lassen. Man kroch in sich zurück, wußte es plötzlich nicht mehr genau, fürchtete, sich zu blamieren — wie man es wagen konnte, an einer Kapazität wie dem ältesten der Rohde-Geschwister, dem Technischen Direktor eines bedeutenden Dresdner Betriebs (man stellte Schreibmaschinen, Kleinmotoren und Federn her, letztere von der Matratzen- bis zur Blattfeder für Reichsbahnwaggons), einem» Held der Arbeit«(einen Teil der damit verbundenen zehntausend Mark hatte Ulrich für die Kuba-Reise gespendet) und intimen Kenner der Auf und Abs (und vor allem der Hin und Hers) der Planwirtschaft zu kratzen; man wagte es nicht und schwieg, zu Hause aber sah man nach, schmunzelte oder schlug sich aufs Knie in rechtschaffenem Ärger und im festen Vorsatz, Ulrich beim nächsten Mal zu entlarven. Gudrun allerdings schwieg nicht:»Das finde ich interessant, Uli. Du bist sehr überzeugend, du könntest ohne weiteres einen Direktor in einem Stück über, sagen wir, einen sozialistischen Schnellmaurer spielen. Fast findet man es schade, daß deine felsenfesten Gewißheiten falsch sind. Zum Beispiel heißt die Dresdner Garnisonkirche eben Garnisonkirche und nicht Garnisonskirche, obwohl sie korrekterweise so heißen müßte. Sonst wäre es ja eine Kirche in Form einer Garnison, nicht wahr? Aber alle Achtung, du bist ein Naturtalent, Uli, das muß ich dir lassen, und du wirst es noch weit bringen, vielleicht bis zum Schnellmaurer.«