Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Seht Ihr die Kratzer, die da an dem Baumstamm herunterlaufen?« Er wies mit dem Kinn auf einen hohen Hickorybaum, dessen Rinde in Fetzen herabhing und knapp zwei Meter über dem Boden eine Anzahl langer, parallel verlaufender, weißer Risse aufwies.
»Ja.« Willie zog seinen Hut aus und klatschte sich damit gegen den Oberschenkel, um das Wasser auszuschlagen. Dann beugte er sich vor, um näher hinzusehen. »Ist das ein Tier gewesen?«
»Ein Bär«, sagte Jamie. »Ganz frisch – seht Ihr, das Harz in den Rissen ist noch nicht trocken.«
»Ist er noch in der Nähe?« Willie sah sich um, offenbar eher neugierig als alarmiert.
»Nicht unmittelbar«, sagte Jamie, »oder die Pferde würden nervös werden. Aber auch nicht weit weg, aye. Haltet die Augen offen; bestimmt sehen wir seinen Dung oder seine Spuren.«
Nein, wenn John starb, dann würde seine zarte Verbindung zu Willie abreißen. Er hatte sich seit langem mit der Situation abgefunden und ihre Notwendigkeit klaglos akzeptiert – doch es würde ein herber Verlust für ihn sein, wenn ihm die Masern nicht nur seinen besten Freund, sondern auch jegliche Verbindung mit seinem Sohn raubten.
Der Regen hatte aufgehört. Als sie um die Flanke eines Berges bogen und oberhalb eines Tales herauskamen, machte Willie einen leisen Ausruf überraschter Freude und richtete sich im Sattel auf. Vor dem Hintergrund regenschwarzer Wolken wölbte sich in der Ferne ein Regenbogen vom Abhang eines Berges und fiel in einem perfekten Leuchten auf den Boden des Tales unter ihnen.
»Oh, wie wunderbar!«, sagte Willie. Er wandte sich mit einem breiten Lächeln an Jamie, und ihre Differenzen waren vergessen. »Habt Ihr so etwas schon einmal gesehen, Sir?«
»Noch nie«, sagte Jamie und erwiderte das Lächeln. Mit einem kleinen Schreck wurde ihm klar, dass diese wenigen Tage in der Wildnis möglicherweise das Letzte waren, das er jemals von Willie sah oder hörte. Er hoffte, den Jungen nicht mehr schlagen zu müssen.
Im Wald war sein Schlaf immer leicht, und das Geräusch weckte ihn sofort. Einen Augenblick lang lag er völlig still, nicht ganz sicher, was es war. Dann hörte er das leise, gedämpfte Geräusch und erkannte den Klang erstickten Weinens.
Er unterdrückte sein spontanes Bedürfnis, sich umzudrehen und dem Jungen tröstend die Hand aufzulegen. Willie gab sich größte Mühe, nicht gehört zu werden; er verdiente es, dass man ihm seinen Stolz ließ. Er lag still, hob den Blick zum weiten Nachthimmel über ihm und lauschte.
Es war keine Angst; Willie hatte keine Angst davor gezeigt, im dunklen Wald zu schlafen, und wäre ein großes Tier in der Nähe gewesen, so hätte der Junge etwas gesagt. Ging es ihm nicht gut? Die Geräusche waren kaum mehr als etwas lauteres Atmen, das ihm in der Kehle stecken blieb – vielleicht hatte der Junge Schmerzen und war zu stolz, es zu sagen. Es war Furcht, die ihn zum Sprechen trieb; wenn die Masern sie eingeholt hatten, durfte er keine Zeit verlieren; er musste den Jungen sofort zu Claire zurückbringen.
»Milord?«, sagte er leise.
Das Schluchzen verstummte abrupt. Er hörte ein Schlucken und das Rascheln von Stoff auf Haut, als sich der Junge mit dem Ärmel über das Gesicht wischte.
»Ja?«, sagte der Graf, dessen tapferes Bemühen um Kühle nur durch seine belegte Stimme vereitelt wurde.
»Geht es Euch nicht gut, Milord?« Er konnte bereits erkennen, dass es etwas anderes war, aber es war ein guter Vorwand. »Habt Ihr vielleicht einen Krampf? Getrocknete Äpfel können einen Mann unglücklich erwischen.«
Auf der anderen Seite des Feuers war zu hören, wie jemand tief Luft holte und dann schniefte, während er versuchte, sich unauffällig seine laufende Nase zu putzen. Das Feuer war bis auf die Glut heruntergebrannt; dennoch konnte Jamie die dunkle Gestalt sehen, die sich zum Sitzen hochwand und dann auf der anderen Seite des Feuers hockte.
»Ich – äh – ja, ich glaube, so etwas … könnte es sein.«
Jamie setzte sich ebenfalls hin, und das Plaid glitt ihm von der Schulter.
»Es ist nichts Schlimmes«, sagte er tröstend. »Ich habe einen Trank, der alle möglichen Arten von Magenbeschwerden heilt. Keine Sorge, Milord; ich hole Wasser.«
Er stand auf und entfernte sich, wobei er darauf bedacht war, den Jungen nicht anzusehen. Als er mit dem gefüllten Kessel vom Bach zurückkam, hatte sich Willie die Nase geputzt und sich das Gesicht abgewischt. Er hatte im Sitzen die Knie angewinkelt und den Kopf daraufgelegt.
Er konnte nicht anders, als im Vorübergehen den Kopf des Jungen zu berühren. Zum Teufel mit der Zurückhaltung. Das dunkle Haar fühlte sich weich an, warm und etwas verschwitzt.
»Ein Grimmen im Bauch, ja?«, sagte er freundlich, während er sich hinkniete und den Wasserkessel aufsetzte.
»Mm-hm.« Willies Stimme wurde von der Decke gedämpft, die über seinen Knien lag.
»Das geht bald vorbei«, sagte er. Er griff nach seinem Sporran und suchte zwischen der Vielzahl der kleinen Gegenstände herum, die dieser enthielt. Schließlich brachte er den kleinen Stoffbeutel mit der Mischung getrockneter Blätter und Blüten zum Vorschein, die Claire ihm mitgegeben hatte. Ihm war nicht klar, woher sie gewusst hatte, dass er den Tee brauchen würde, doch er stellte schon lange nichts mehr in Frage, was sie als Heilerin tat – ob für den Körper oder für die Seele.
Einen Augenblick lang war er ihr zutiefst dankbar. Es war ihm nicht entgangen, wie sie den Jungen ansah, und er ahnte, was sie fühlen musste. Sie hatte natürlich von dem Jungen gewusst, aber keine Frau sollte es ertragen müssen, den Fleisch und Blut gewordenen Beweis dafür zu sehen, dass ihr Mann das Bett einer anderen geteilt hatte. Kein Wunder, dass sie John am liebsten mit heißen Nadeln gestochen hätte, hatte er ihr den Jungen doch einfach so vor die Nase gesetzt.
»Es dauert nur einen Moment, bis er durchgezogen ist«, versicherte er dem Jungen, während er die duftende Mischung zwischen seinen Fingern in einen Holzbecher zerrieb, wie er es bei Claire gesehen hatte.
Sie hatte ihm keine Vorwürfe gemacht. Zumindest nicht in diesem Fall, dachte er und erinnerte sich plötzlich, wie sie sich aufgeführt hatte, als sie von Laoghaire erfahren hatte. Da hatte sie sich wie eine Besessene auf ihn gestürzt, und doch, als sie später von Geneva Dunsany gehört hatte … vielleicht lag es nur daran, dass die Mutter des Jungen tot war?
Die Erkenntnis durchfuhr ihn wie ein Schwerthieb. Die Mutter des Jungen war tot. Nicht nur seine wirkliche Mutter, die am Tag seiner Geburt gestorben war – sondern auch die Frau, die er sein Leben lang Mutter gerufen hatte. Und jetzt lag sein Vater – oder zumindest der Mann, den er Vater nannte, dachte Jamie mit einem unbewussten Zucken seines Mundes – mit einer Krankheit darnieder, die nur wenige Tage zuvor einen anderen Mann vor den Augen des Jungen das Leben gekostet hatte.
Nein, es war nicht Angst, die den Jungen in der Dunkelheit vor sich hinweinen ließ. Es war Schmerz, und Jamie Fraser, der selbst als Kind seine Mutter verloren hatte, hätte das von Anfang an wissen sollen.
Nicht aus Sturheit, nicht einmal aus Loyalität hatte Willie darauf bestanden, in Fraser’s Ridge zu bleiben. Er hatte es aus Liebe zu John Grey getan und aus Angst davor, ihn zu verlieren. Und genau diese Liebe war es, die den Jungen in der Nacht zum Weinen brachte, verzweifelt vor Sorge um seinen Vater.
Ungewohnte Eifersucht sprang wie Unkraut in Jamies Herzen auf, beißend wie Brennnesseln. Er zertrat sie entschlossen; was für ein Glück, dass er sicher sein konnte, dass sein Sohn eine liebevolle Beziehung zu seinem Stiefvater hatte. So, das Unkraut war zertreten. Doch die Fußtritte schienen eine kleine, wunde Stelle in seinem Herzen hinterlassen zu haben; er konnte sie beim Atmen spüren.
Das Wasser begann, im Kessel zu rumoren. Er goss es vorsichtig über die Kräutermischung, und mit dem Dampf stieg ein süßer Duft auf. Baldrian, hatte sie gesagt, und Katzenminze. Die Wurzel einer Passionsblume, in Honig getränkt und fein gemahlen. Und schließlich der süße, etwas erdige Geruch des Lavendels.