Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Tante Claire«, sagte er leise, eine Hand auf meiner Schulter. »Komm lieber mit; dem Mann im Maisspeicher geht’s sehr schlecht.«
Noch ehe mein Verstand bewusst zu arbeiten begonnen hatte, war ich automatisch auf den Beinen, hatte mich in meinen Umhang gehüllt und folgte Ian auf nackten Füßen. Nicht, dass hier große Diagnosekünste vonnöten waren; ich konnte die tiefen, rasselnden Atemzüge aus drei Metern Entfernung hören.
Der Graf kauerte im Eingang, sein schmales Gesicht bleich und voller Angst im grauen Licht.
»Geh weg«, sagte ich scharf zu ihm. »Du darfst nicht in seine Nähe kommen; du auch nicht, Ian – geht zum Haus, ihr zwei, holt mir heißes Wasser aus dem Kessel, meine Kiste und saubere Tücher.«
Willie setzte sich sofort in Bewegung, denn er konnte es nicht abwarten, die furchterregenden Geräusche hinter sich zu lassen, die aus dem Schuppen drangen. Ian blieb jedoch stehen, und sein Gesicht war sorgenvoll.
»Ich glaube nicht, dass du ihm helfen kannst, Tante Claire«, sagte er. Sein Blick traf den meinen direkt, mit der tiefen Einsicht eines Erwachsenen.
»Sehr wahrscheinlich nicht«, sagte ich und antwortete ihm auf gleicher Ebene. »Aber ich kann nicht einfach nichts tun.«
Er holte tief Luft und nickte.
»Aye. Aber ich glaube …« Er zögerte und sprach dann weiter, als ich nickte. »Ich glaube, du solltest ihn nicht mit Arzneien quälen. Er ist fest entschlossen zu sterben, Tante Claire; wir haben in der Nacht eine Eule gehört – er hat sie sicher auch gehört. Das ist für sie ein Vorzeichen des Todes.«
Ich blickte auf das dunkle Rechteck, das die Tür andeutete, und biss mir auf die Lippe. Er atmete flach und keuchend, und zwischen den einzelnen Zügen lagen erschreckend lange Pausen. Ich blickte wieder zu Ian.
»Was tun die Indianer, wenn jemand im Sterben liegt? Weißt du das?«
»Singen«, sagte er prompt. »Ihr Shaman bemalt sich das Gesicht und singt die Seele in Sicherheit, damit die Dämonen sie nicht holen.«
Ich zögerte, denn mein instinktives Bedürfnis, wenigstens etwas zu tun, stand auf Kriegsfuß mit meiner Überzeugung, dass jegliches Handeln zwecklos war. Hatte ich irgendein Recht, diesen Mann um einen friedvollen Tod zu bringen? Schlimmer noch, in ihm die Angst zu wecken, dass meine Einmischung ihn seine Seele kosten würde?
Ian hatte die Ergebnisse meiner unentschlossenen Überlegungen nicht abgewartet. Er bückte sich und kratzte einen kleinen Erdklumpen zusammen, spuckte darauf und verrührte ihn zu Schlamm. Kommentarlos tauchte er den Zeigefinger in die Pfütze und zog von meiner Stirn aus eine Linie an meinem Nasenbein entlang.
»Ian!«
»Psst«, murmelte er und runzelte konzentriert die Stirn. »So, glaube ich.« Er fügte zwei Linien auf jeder Wange hinzu und eine grobe Zickzacklinie auf der rechten Seite meines Unterkiefers. »Das ist alles, woran ich mich erinnern kann. Ich habe es nur einmal gesehen, aus der Entfernung.«
»Ian, das ist nicht –«
»Psst«, sagte er noch einmal und legte mir die Hand auf den Arm, um meinen Protest zu ersticken. »Geh zu ihm, Tante Claire. Er wird keine Angst vor dir haben; er ist ja schließlich an dich gewöhnt.«
Ich rieb mir einen Tropfen von der Nasenspitze und kam mir durch und durch idiotisch vor. Doch ich hatte keine Zeit für Diskussionen. Ian versetzte mir einen leichten Stoß, und ich wandte mich zur Tür. Ich betrat den dunklen Maisspeicher, bückte mich und legte dem Mann die Hand auf. Seine Haut war heiß und trocken, seine Hand so schlaff wie abgewetztes Leder.
»Ian, kannst du mit ihm reden? Seinen Namen rufen, ihm sagen, dass alles gut ist?«
»Du darfst seinen Namen nicht aussprechen, Tante Claire; es lockt die Dämonen an.«
Ian räusperte sich und sprach ein paar Worte in leisen, klickenden Kehllauten. Die Hand, die ich hielt, zuckte schwach. Meine Augen hatten sich jetzt der Dunkelheit angepasst, ich konnte das Gesicht des Mannes sehen, in dem sich ein Ausdruck schwacher Überraschung zeigte, als er meine Schlammfarbe sah.
»Sing, Tante Claire«, drängte mich Ian leise. »Tantum ergo vielleicht; es hat sich ein bisschen ähnlich angehört.«
Es gab schließlich nichts, was ich sonst hätte tun können. Völlig hilflos fing ich an.
»Tantum ergo, sacramentum …«
Innerhalb weniger Sekunden wurde meine Stimme kräftiger, und ich hockte mich leise singend auf meine nackten Fersen und hielt seine Hand. Seine schweren Augenbrauen entspannten sich, und ein Blick, der Ruhe hätte sein können, trat in die eingesunkenen Augen.
Ich hatte schon so manchem Sterben beigewohnt, durch Unfälle, Krieg, Krankheit oder natürliche Ursachen, und ich hatte gesehen, wie die Menschen dem Tod auf verschiedene Weisen entgegentraten, von stoischer Akzeptanz bis hin zu heftigem Protest. Doch ich hatte noch nie jemanden so sterben sehen.
Er wartete einfach, die Augen auf die meinen gerichtet, bis ich zum Ende des Liedes gekommen war. Dann drehte er sein Gesicht zur Tür, und als die aufgehende Sonne auf ihn fiel, verließ er seinen Körper, ohne dass er mit einem Muskel gezuckt oder einen letzten Atemzug getan hätte.
Ich saß völlig still und hielt seine schlaffe Hand, bis ich erkannte, dass auch ich meinen Atem anhielt.
Die Luft um mich herum erschien mir merkwürdig still, als wäre die Zeit für einen Augenblick stehengeblieben. Doch, natürlich war sie das, dachte ich und zwang mich zum Einatmen. Sie war für ihn stehengeblieben, für immer.
»Was sollen wir mit ihm machen?«
Es gab nichts mehr, was wir für unseren Gast tun konnten; im Augenblick stellte sich nur die Frage, wie wir am besten mit seinen sterblichen Überresten umgingen.
Ich hatte mich unauffällig mit Lord John unterhalten, und er hatte Willie mitgenommen, um die letzten Erdbeeren auf dem Hang zu sammeln. Obwohl der Tod des Indianers nichts auch nur ansatzhaft Unheimliches an sich gehabt hatte, wünschte ich mir dennoch, Willie hätte nichts davon mitbekommen; es war kein Anblick für ein Kind, das erst vor ein paar Monaten seine Mutter hatte sterben sehen. Auch Lord John war mir aufgewühlt vorgekommen – vielleicht würden ein bisschen Sonne und frische Luft den beiden guttun.
Jamie runzelte die Stirn und rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Er hatte sich noch nicht rasiert, und seine Stoppeln machten ein kratzendes Geräusch.
»Wir müssen ihn doch sicher anständig beerdigen?«
»Tja, ich schätze nicht, dass wir ihn im Maisspeicher liegen lassen können, aber würde es seine Leute nicht stören, wenn wir ihn hier begraben? Hast du irgendeine Ahnung, wie sie mit ihren Toten umgehen, Ian?«
Ian war immer noch ein wenig blass, aber überraschend ruhig. Er schüttelte den Kopf und trank von seiner Milch.
»Ich weiß nicht viel darüber, Tante Claire. Aber ich habe dir ja gesagt, dass ich einmal dabei war, als ein Mann gestorben ist. Sie haben ihn in Hirschleder gehüllt und eine Prozession durch das Dorf veranstaltet und dabei gesungen, dann haben sie die Leiche ein Stück weit in den Wald getragen und ihn auf ein Podest gelegt, ein Stück über dem Boden, und ihn zum Trocknen dort gelassen.«
Jamie schien alles andere als angetan von der Vorstellung, mumifizierte Körper auf den Bäumen in der Umgebung der Farm aufzubewahren. »Ich glaube, dann ist es wohl am besten, wenn wir ihn ordentlich einhüllen und ihn zum Dorf tragen, damit sich seine eigenen Leute richtig um ihn kümmern können.«
»Nein, das kannst du nicht.« Ich zog das Blech mit den frisch gebackenen Muffins aus dem Steinofen, pflückte einen Ginsterzweig ab und stach in eins der runden, braunen Küchlein. Er kam sauber wieder heraus, also stellte ich das Blech auf den Tisch und setzte mich dann ebenfalls. Ich blickte mit einem abwesenden Stirnrunzeln auf das Honigglas, das golden in der späten Morgensonne leuchtete.
»Das Problem ist, dass die Leiche mit allergrößter Sicherheit immer noch ansteckend ist. Du hast ihn doch nicht angefasst, oder, Ian?« Ich sah Ian an, der den Kopf schüttelte und ein ernüchtertes Gesicht machte.