Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Bevor er ging, sagte Langlois:»Wenn ein Vater oder eine Mutter so plötzlich stirbt, ist das ein Schock, auch wenn wir uns noch so gut darauf vorbereitet haben. Aber er war — wie alt? Neunzig?«
«Zweiundneunzig.«
«Zweiundneunzig. Er war sicher bereit. Das sind sie in diesem Alter immer, wissen Sie. Gerade diese Generation. Sie mussten ja damals, vor fünfzig Jahren, jederzeit bereit sein. Er betrachtete wahrscheinlich jeden Tag, den er nach neunzehnhundertvi erzig erlebte, als Gottesgeschenk.«
Frank wünschte verzweifelt, der Mann würde endlich gehen, aber Langlois redete unverdrossen weiter und sagte all die Dinge, die er am wenigsten hören wollte: Dass es Männer von Graham Ouseley s Format heute nicht mehr gebe, dass Frank sich glücklich preisen solle, einen solchen Vater gehabt und so viele Jahre — bis in sein eigenes Alter hinein! — mit ihm erlebt zu haben; dass Graham stolz darauf gewesen sei, einen Sohn zu haben, mit dem er bis an sein Lebensende in Frieden und Harmonie habe zusammenleben können, dass Franks Liebe und Zuneigung ihm ungeheuer viel bedeutet habe.
«Erinnern Sie sich an das alles«, riet Langlois feierlich. Dann war er endlich gegangen, und Frank war nach oben gelaufen in sein Zimmer, wo er sich auf sein Bett gesetzt und dann irgendwann hingelegt hatte, um auf den Beginn der Zukunft zu warten.
Jetzt am South Quay stellte er fest, dass er vorerst in St. Sampson festsaß. Hinter ihm stauten sich die aus dem Einkaufsviertel rund um
The Bridge kommenden Autos, und vor ihm war bis zur Bulwer Avenue alles hoffnungslos verstopft, weil dort an der Kreuzung ein Sattelschlepper die Kurve zum South Quay offenbar etwas zu scharf genommen und sich quer gestellt hatte. Fahrzeuge versuchten, sich irgendwie an ihm vorbeizuquetschen, es gab keine Möglichkeit, zu wenden, und viel zu viele Gaffer, die meinten, gute Ratschläge geben zu müssen. Als Frank das sah, zog er den Peugeot nach links, scherte aus der Schlange aus und fuhr an den Rand der Straße am Kai, wo er mit Blick aufs Wasser anhielt.
Er stieg aus dem Wagen. Um diese Zeit lagen kaum Boote in dem von Granitmauern umschlossenen Hafenbecken, und das eisige Dezemberwasser, das gegen die Steine schlug, war frei von den Öl- schlieren, die im Hochsommer sehr zum Zorn der einheimischen Fischer von den Booten achtloser Wassersportler hinterlassen wurden. Jenseits des Wassers, am Nordende von The Bridge, erschallte von der Schiffswerft der gewohnte Lärm, eine Mischung aus Hämmern, Zischen, Schleifen und Fluchen, während Schiffe für den Winter aus dem Wasser gehievt wurden, um für die nächste Saison überholt zu werden. Für Frank, der alle diese Geräusche kannte und jedes genau zuordnen konnte, bekamen sie an diesem Tag ganz andere Bedeutung: das Hämmern wurde zum knallenden Gleichschritt schwerer Stiefel auf Kopfsteinpflaster, das Schleifen zum Knirschen des Metalls, wenn an einem Gewehr der Hahn gespannt wurde, das Fluchen zum — in jeder Sprache verständlichen — Feuerbefehl.
Er konnte die Geschichten nicht loswerden, nicht einmal jetzt, wo er es unbedingt wollte. Dreiundfünfzig Jahre lang hatte er sie gehört, immer wieder, ohne dass sie sich abgenutzt hatten, ohne dass sie ihm je unwillkommen gewesen waren — bis zu diesem Moment. Aber immer noch drängten sie sich auf, ganz gleich, ob er es wollte oder nicht: 28. Juni 1940, 18 Uhr 55. Das gleichmäßige tiefe Brummen näher kommender Flugzeuge: die wachsende Angst und Verwirrung all derer, die sich im Hafen von St. Peter Port zur Abfahrt des Postdampfers eingefunden hatten, wie es Brauch war, und all derer, die in ihren Lastautos in einer langen Reihe darauf warteten, die geladenen Tomaten an die Frachtschiffe abzugeben. Es waren zu viele Menschen da. Als die sechs Maschinen über sie hinwegflogen, ließen sie Tote und Verwundete zurück. Brandbomben fielen auf die Lastwagen, die explodierten, während die Menschen mit Maschinengewehrfeuer niedergemäht wurden. Ohne Rücksicht. Männer, Frauen und Kinder.
Deportationen, Verhöre, Hinrichtungen und Internierungen folgten. Und die Jagd auf die Juden. Zahllose Verbote und Bestimmungen. Arbeitslager für dies, und Hinrichtung durch Exekutionskommandos für das. Alles wurde kontrolliert: die Presse, das Kino, die Nachrichten, die Gedanken.
Schieber tauchten auf, um aus dem Elend ihrer Mitbürger Profit zu schlagen. Bauern, die Rundfunkempfänger in ihren Scheunen versteckt hatten, wurden zu Helden. Während Nahrungsmittel und Treibstoff immer knapper wurden, versuchten die Menschen, die die Welt vergessen zu haben schien, sich irgendwie durchzuschlagen, ständig beobachtet und belauscht von der Gestapo, die nur darauf lauerte, jeden, der einen falschen Schritt tat, zu ergreifen.
Es sind Menschen umgekommen, Frankie. Hier, auf dieser Insel, mussten Menschen wegen der Deutschen leiden und sterben. Und manche wehrten sich, so gut sie konnten. Vergiss das nie, mein Junge. Du kannst den Kopf hoch tragen. Du kommst aus einer Familie, die das Schlimmste mitgemacht und überlebt hat, um davon Zeugnis abzulegen. Nicht jeder hier auf der Insel kann das von sich sagen, Frank.
Die Stimme und die Erinnerungen. Die Stimme, die unablässig die Erinnerungen einträufelte. Frank konnte sie beide nicht abschütteln, nicht einmal jetzt. Er war überzeugt, dass sie ihn bis an sein Lebensende verfolgen würden. Er könnte sich in die Fluten der Lethe stürzen und würde selbst dort kein Vergessen finden.
Ein Vater durfte seinen Sohn nicht belügen. Wenn er sich entschied, Vater zu werden, dann sollte es geschehen, um die Wahrheiten des Lebens weiterzugeben, die ihn die Erfahrung gelehrt hatte. Wem sonst sollte ein Sohn vertrauen, wenn nicht seinem Vater?
Darauf lief es für Frank hinaus, der, allein hier am Kai stehend, im Wasser eine Spiegelung der geschichtlichen Zeiten sah, die mit grausamer Hand eine Generation von Inselbewohnern geformt hatten. Es lief auf Vertrauen hinaus, das einzige Geschenk, das ein Kind dem fernen, Ehrfurcht gebietenden Vater machen kann. Er hatte es gegeben, und Graham hatte es glücklich entgegengenommen und dann rücksichtslos missbraucht. Geblieben war danach das gebrechliche Gerüst einer Beziehung, die aus Stroh und Leim gefügt war. Der raue Wind der Wahrheit hatte es vernichtet. Es schien so, als wäre das zarte Gebilde nie gewesen.
Mehr als ein halbes Jahrhundert weiterzuleben und so zu tun, als wäre er nicht schuld am Tod tapferer Männer. Frank wusste nicht, wie er aus dem stinkenden Bodensatz, den diese Tat Graham Ouse- leys hinterlassen hatte, je wieder auch nur ein Körnchen liebevolles Gefühl herausfiltern sollte. Jetzt jedenfalls konnte er es nicht. Eines Tages vielleicht. Wenn er das gleiche Alter erreichte. Wenn er irgendwann einmal das Leben mit anderen Augen betrachtete.
Er hörte, wie sich hinter ihm die Autos in Bewegung setzten, und sah, dass der Sattelschlepper an der Kreuzung endlich wieder auf Kurs gekommen war. Er stieg in den Peugeot und fädelte sich in die Reihe von Fahrzeugen ein, die aus St. Sampson hinaus in Richtung St. Peter Port fuhren. Als er das Industriegebiet an der Bulwer Avenue hinter sich gelassen hatte, konnte er endlich Gas geben und brauste zu der Straße hinaus, die dem lang gezogenen Bogen der Bel- le-Greve-Bucht folgte.
Einen Besuch musste er noch erledigen, bevor er ins Talbot Valley zurückfuhr. Er hielt sich in südlicher Richtung, links das Wasser und rechts wie eine terrassenförmig angelegte, graue Bergfestung St. Peter Port. Unter den Bäumen von Le Val des Terres fuhr er den Hügel hinauf und erreichte die Fort Road keine Viertelstunde nach der mit Debiere vereinbarten Zeit.
Er hätte ein weiteres Gespräch mit Debiere gern vermieden. Aber als der Architekt ihn angerufen und nicht locker gelassen hatte, hatten die alten Schuldgefühle schließlich Frank veranlasst, zu sagen:»Ja, gut, ich komme vorbei«, und eine Zeit zu nennen.
Debiere öffnete selbst und führte Frank in die Küche, wo er seinen Söhnen gerade das Essen machte. Die Hitze im Raum war unerträglich, Debieres Gesicht glänzte vor Schweiß. Der beißende Geruch nach verbrannten Fischstäbchen hing in der Luft. Aus dem Wohnzimmer waren die Geräusche eines Computerspiels zu hören, durchsetzt mit regelmäßigen Explosionen, wenn wieder ein Bösewicht abgeschossen wurde.