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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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Er antwortete nicht, aber sein Blick schweifte zum Herrenhaus, und das war Antwort genug.

«Haben Sie deswegen mit Brouard gesprochen?«, fragte St. James.

Wieder keine Antwort.

«Oder mit dem Vater des Mädchens?«

«Ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen«, sagte Duffy.»Sind Sie nur deshalb hergekommen?«

«Nein«, antwortete St. James.»Ich bin auch hergekommen, weil ich Sie nach diesem Bild fragen wollte. «Er entrollte vorsichtig die alte Leinwand.

Kevin Duffy stieß die Heugabel in den Boden und ließ sie so stehen. Sich die Hände am Gesäß seiner Jeans abwischend, näherte er sich St. James. Als er das Bild sah, stieß er pfeifend den Atem aus.

«Mr. Brouard hat allem Anschein nach keine Mühe gescheut, um es zurückzubekommen«, sagte St. James.»Seine Schwester hat mir erzählt, dass es in den Vierzigerjahren aus dem Familienbesitz verschwand und nie wieder auftauchte. Sie weiß nicht, woher es ursprünglich stammt, und auch nicht, wo es seit dem Krieg gewesen ist, und sie hat keine Ahnung, wie ihr Bruder es wiedergefunden hat. Ich wollte wissen, ob Sie vielleicht etwas Licht in dieses Dunkel bringen können.«

«Wieso sollte ich — «

«Sie haben ein ganzes Regal voll Kunstbände und Videos in Ihrem Wohnzimmer, Mr. Duffy, und Sie haben den Urkunden an Ihren Wänden zufolge ein abgeschlossenes Kunstgeschichtsstudium. Das lässt vermuten, dass Sie mehr über dieses Gemälde wissen könnten als ein normaler Gutsverwalter.«

«Ich weiß nicht, wo es gewesen ist«, erwiderte er,»und ich weiß nicht, wie er es wiederbekommen hat.«

«Bleibt der letzte Punkt«, hakte St. James ein.»Sie wissen, woher es ursprünglich stammt?«

Kevin Duffy hatte die ganze Zeit nicht aufgehört, das Bild zu betrachten. Jetzt hob er den Kopf, sagte kurz:»Kommen Sie mit«, und ging ins Haus.

An der Tür zog er seine schmutzigen Stiefel aus und führte St. James ins Wohnzimmer. Er knipste zwei Strahler an, deren Licht direkt auf seine Bücher fiel, und griff nach einer Brille, die auf der Armlehne eines abgewetzten Sessels lag. Er ging an seiner Kollektion von Kunstbüchern entlang, bis er den Band entdeckt hatte, den er suchte, zog ihn heraus, setzte sich und schlug das Inhaltsverzeichnis auf. Nachdem er gefunden hatte, was er suchte, schlug er die entsprechende Seite auf. Er ließ den Blick lange auf ihr ruhen, bevor er das Buch auf seinem Schoß herumdrehte.»Sehen Sie selbst«, sagte er zu St. James.

Was St. James sah, war nicht die Fotografie eines Gemäldes — wie er erwartet hatte — , sondern die einer Zeichnung, einer bloßen Skizze für ein künftiges Gemälde. Sie war teilweise koloriert, als hätte der Künstler die Absicht gehabt, zu prüfen, welche Farbtöne in der Endfassung am besten wirken würden. Aber er hatte nur dem Gewand der Frau Farbe gegeben, und das von ihm gewählte Blau stimmte mit dem überein, das auf dem Gemälde zu sehen war. Vielleicht hatte der Künstler, nachdem er hinsichtlich der Farbgebung des restlichen Werks zu einem raschen Entschluss gelangt war und Proben nicht mehr für nötig hielt, direkt auf die Leinwand gemalt; auf diese Leinwand, die St. James jetzt in den Händen hielt.

Komposition und Figuren der im Buch abgebildeten Zeichnung und des Gemäldes, das Paul Fielder Ruth Brouard gebracht hatte, stimmten überein. Auf beiden saß die Dame mit dem Buch und der Feder ruhig und heiter im Vordergrund, während im Hintergrund ein kleines Heer von Arbeitern die Steine schleppten, die das Gemäuer der massigen gotischen Kathedrale bildeten. Es gab nur einen Unterschied zwischen der Zeichnung und dem vollendeten Werk: Irgendwann hatte jemand der Zeichnung den Titel Die Heilige Barbara gegeben. Das Original war im Museum der schönen Künste in Antwerpen zu besichtigen.

«Ah«, sagte St. James langsam.»Ja. Als ich es sah, dachte ich mir gleich, dass es nicht ganz unbedeutend ist.«

«Nicht ganz unbedeutend?«In Kevin Duffys Ton mischten sich Ehrfurcht und Ungläubigkeit.»Was sie da in der Hand halten, ist ein Pieter de Hooch. Siebzehntes Jahrhundert. Einer der drei Delfter Meister. Ich vermute, bis vor kurzem wusste keiner, dass dieses Gemälde überhaupt existiert.«

St. James blickte zu dem Bild in seiner Hand hinunter und sagte:»Guter Gott!«

«Sie können in jedem Kunstbuch nachschlagen, doch dieses Gemälde werden Sie nirgends finden«, sagte Kevin Duffy.»Nur die Zeichnung, die Skizze dafür. Nach bisherigem Wissen aller Experten hat de Hooch das eigentliche Bild nie gemalt. Religiöse Themen waren nicht seine Sache, darum hat man immer angenommen, er hätte sich nur spielerisch an diesem Thema versucht und das Ergebnis ad acta gelegt.«

«Nach bisherigem Wissen. «Kevin Duffys Erklärungen erhärteten Ruth Brouards Behauptung, das Bild sei im Besitz ihrer Familie gewesen, solange man zurückdenken könne. Generation um Generation hatte es der Vater an die Kinder weitergegeben: ein Erbstück der Familie. Vielleicht war es aus diesem Grund nie jemandem eingefallen, mit dem Bild zu einem Sachverständigen zu gehen, um Genaueres darüber zu erfahren. Es war, wie Ruth gesagt hatte, immer nur das Bild von der Dame mit dem Buch und der Feder gewesen. St. James sagte Kevin Duffy, welchen Titel Ruth Brouard dem Gemälde gegeben hatte.

«Nein, das ist keine Feder«, widersprach Duffy.»Sie hält einen Palmwedel in der Hand. Das ist ein Symbol der Märtyrer, dem man auf religiösen Bildern häufig begegnet.«

St. James betrachtete das Bild genauer und erkannte, dass die Frau tatsächlich einen Palmwedel zu halten schien. Aber er konnte sich gut vorstellen, dass ein Kind, das von dieser Symbolik nichts wusste, darin einen langen, eleganten Federkiel gesehen hatte.

«Ruth erzählte mir, dass ihr Bruder nach dem Krieg nach Paris reiste, sobald er alt genug dazu war«, sagte er.»Er wollte die verbliebenen Besitztümer der Familie abholen, aber es war alles weg. Das Gemälde vermutlich auch.«

«Das wäre als Erstes verschwunden«, meinte Duffy.»Die Nazis haben ja alles an sich gerissen, was sie als arische Kunst bezeichneten. Rückführung ins Vaterlands nannten sie das. In Wahrheit haben diese Schweine alles kassiert, was sie kriegen konnten.«

«Ruth Brouard glaubt, dass der Nachbar der Familie — ein Monsieur Didier Bombard — ihre Sachen in Verwahrung hatte. Er war nicht jüdisch. Da könnte doch das Gemälde, wenn es wirklich bei ihm war, leicht bei den Nazis gelandet sein.«

«Es gab viele Wege, auf denen Kunstwerke in die Hände der Nazis gelangten. Nicht nur durch direkten Diebstahl. Es gab französische Mittelsmänner, Kunsthändler, die die Objekte für sie erwarben. Und deutsche Händler, die Annoncen in Pariser Zeitungen setzten und die Leute aufforderten, ihre Kunstwerke zur Besichtigung für Kaufinteressenten in dieses oder jenes Hotel zu bringen. Ihr Monsieur Bombard könnte das Gemälde auf diesem Weg verkauft haben. Wenn er nicht wusste, worum es sich handelte, hat er es vielleicht zu einem dieser Leute gebracht und sich gefreut, zweihundert Francs dafür einstecken zu können.«

«Und wie ging es danach weiter? Wohin wäre das Bild gewandert?«

«Wer kann das sagen?«, erwiderte Duffy.»Bei Kriegsende stellten die Alliierten Untersuchungsgruppen zusammen, um die gestohlenen Kunstwerke wieder ihren Eigentümern zuzuführen. Aber die Sachen waren überall verstreut. Göring allein hatte Zugladungen davon. Und Millionen Menschen waren tot — ganze Familien waren ausgelöscht, es war niemand mehr da, um Ansprüche geltend zu machen. Und wer noch am Leben war, aber nicht beweisen konnte, dass er Eigentümer des fraglichen Stücks war, der hatte Pech. «Er schüttelte den Kopf.»So ähnlich wird das auch mit diesem Bild gewesen sein. Vielleicht hat es auch ein Soldat der Alliierten in seinem Gepäck versteckt und als Souvenir mit nach Hause genommen. Oder jemand in Deutschland — ein privater Sammler — hat es während des Krieges einem französischen Händler abgekauft und beim Einmarsch der Alliierten so gut versteckt, dass es nicht entdeckt wurde. Ich meine, wenn es die Familie nicht mehr gab, krähte doch kein Hahn danach, was aus so einem Bild geworden ist. Und wie alt war Guy Brouard damals? Zwölf? Vierzehn? Bei Kriegsende hat er sicher nicht daran gedacht, sich das Eigentum seiner Familie zurückzuholen. Daran wird er erst Jahre später gedacht habe, und zu der Zeit war das Bild bestimmt

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