Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Dass die beiden Fahrerfluchtfälle in einem Zusammenhang stehen. Aber ich muss genau wissen, welcher Art der Zusammenhang ist, bevor ich etwas unternehme, das womöglich das Leben eines Menschen zerstören könnte. Genauer: das, was davon geblieben ist. Es ist meine Entscheidung, Winston. Und in Ihrem eigenen Interesse sollten Sie jetzt keine weiteren Fragen stellen.«
Nkata starrte seinen Helden immer noch fassungslos an. Dass ausgerechnet Lynley sich auf so zweifelhaftes Terrain begab! Er wusste, dass er nur beharrlich genug bohren müsste, um ebenfalls dort zu landen, aber er war zu ehrgeizig, um den klugen Rat des Inspectors einfach in den Wind zu schlagen. Trotzdem sagte er:
»So sollten Sie das nicht angehen.«
»Einspruch zur Kenntnis genommen«, entgegnete Lynley.
17
Libby Neal beschloss, sich wegen Grippe krank zu melden. Ihr war klar, dass Rock Peters einen Tobsuchtsanfall bekommen und ihr drohen würde, ihren Wochenlohn einzubehalten, aber das war ihr egal; es bedeutete ohnehin nichts, da er mit ihren Lohnzahlungen bereits drei Wochen im Verzug war. Nach der Trennung von Gideon am vergangenen Abend hatte sie gehofft, er würde zu ihr hinunterkommen, sobald der Polizist abgehauen war; aber er hatte sich nicht blicken lassen, und sie hatte daraufhin so schlecht geschlafen, dass sie nun tatsächlich fast krank war. Von einer Grippe zu sprechen war also nicht ganz die Unwahrheit.
Nachdem sie aufgestanden war, lief sie die ersten drei Stunden im Trainingsanzug in ihrer Wohnung herum und horchte angestrengt nach oben, um zu hören, ob sich dort etwas rührte. Schließlich gab sie ihre Lauschversuche auf - obwohl von »Lauschen« ja eigentlich keine Rede sein konnte, wenn es ihr einzig darum ging, von Gideon gewissermaßen ein Lebenszeichen zu vernehmen - und beschloss, sich persönlich zu vergewissern, dass es Gideon gut ging. Er war ja gestern, noch bevor der Bulle aufgekreuzt war, total fertig gewesen. Wer konnte wissen, wie es ihm ging, nachdem der Bulle sich verzogen hatte.
Du hättest gleich nach ihm schauen sollen, sagte sie sich, und gerade ihr Bemühen, nicht darüber nachzudenken, warum sie nicht nach ihm gesehen hatte, zwang sie unerbittlich, sich dieser Frage zu stellen.
Er hatte ihr Angst gemacht. Er war so unglaublich daneben gewesen. Sie hatte im Schuppen und nachher in der Küche mit ihm zu sprechen versucht, und er hatte ihr auch geantwortet - irgendwie jedenfalls -, aber er war trotzdem so abwesend gewesen, dass sie sich gefragt hatte, ob er nicht in die Psychiatrie gehörte. Vorübergehend wenigstens. Und prompt war sie sich daraufhin so unloyal vorgekommen, dass sie ihm nicht mehr ins Gesicht blicken konnte. Jedenfalls redete sie sich das ein, als sie später den ganzen Abend vor der Glotze saß und sich auf Sky TV alte Filme anschaute und dazu zwei große Tüten Cheddar-Popcorn verdrückte, die sie besser nicht angerührt hätte. Am Schluss war sie allein zu Bett gegangen und hatte sich die ganze Nacht herumgewälzt, wenn sie nicht gerade kinoreife Albträume gehabt hatte.
Nachdem sie also stundenlang in ihrer Wohnung herumgelaufen war, den Bund Stangensellerie aus dem Kühlschrank gekramt hatte, der ihr schlechtes Gewissen wegen des Käsepopcorns beruhigen sollte, und sich angeschaut hatte, wie sich Kilroy mit Frauen unterhielt, deren Ehemänner jung genug waren, um ihre Söhne und in zwei Fällen ihre Enkel sein zu können, ging sie nach oben, um nach Gideon zu sehen.
Sie fand ihn im Musikzimmer, wo er, den Rücken an die Wand gelehnt, auf dem Boden unter der Fensterbank hockte. Die Beine waren zur Brust hoch gezogen, und das Kinn ruhte auf den Knien. Er sah aus wie ein kleiner Junge, dem eben ein wütender Vater eine Strafpredigt gehalten hatte. Überall um ihn herum lagen Papiere, Fotokopien von Zeitungsberichten, die, wie sich zeigte, alle dasselbe Thema behandelten. Gideon war noch einmal im Pressearchiv gewesen.
Er beachtete sie nicht, als sie ins Zimmer kam. Er war völlig auf die Zeitungsausschnitte konzentriert, und sie fragte sich, ob er sie überhaupt hörte. Sie sprach ihn an, aber seine einzige Reaktion bestand darin, dass er begann, vor und zurück zu schaukeln.
Nervenzusammenbruch, dachte sie erschrocken. Total durchgedreht. So sah es auf jeden Fall aus. Es war das gleiche wie am vergangenen Tag, und auch er hatte offenbar die Nacht nicht geschlafen.
»Hey«, sagte sie leise. »Was ist, Gideon? Warst du noch mal unten in der Victoria Street? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Ich wär mitgekommen.«
Sie musterte die Papiere, die im Halbkreis um ihn verstreut lagen, übergroße Blätter, auf denen kreuz und quer die Artikel abgelichtet waren. Die britischen Zeitungen waren - entsprechend der nationalen Tendenz zum Fremdenhass - gnadenlos über das Kindermädchen hergefallen. Wenn sie nicht verächtlich als »die Deutsche« bezeichnet wurde, dann als »die ehemalige Kommunistin, deren Familie unter dem Regime besonders gut lebte« - um nicht zu sagen, »verdächtig« gut, dachte Libby sarkastisch. Eine Zeitung hatte die sensationelle Neuigkeit ausgegraben, dass ihr Großvater der Nationalsozialistischen Partei angehört hatte, während eine andere eine Fotografie ihres Vaters in der Kleidung des Hitlerjungen aufgestöbert hatte.
Unfassbar war die unermüdliche Bereitschaft der Presse, eine Story bis ins letzte Detail auszuschlachten! Libby hatte den Eindruck, dass jeder, der nur im Entferntesten mit dem Tod der kleinen Sonia Davies, dem nachfolgenden Prozess und der Verurteilung der Mörderin zu tun gehabt hatte, von der Sensationspresse bis aufs kleinste Knöchelchen seziert worden war. Gideons Privatlehrerin hatte man ebenso unters Messer gelegt wie den Untermieter und Rafael Robson sowie Gideons Eltern und Großeltern. Und noch lange, nachdem das Urteil gesprochen war, hatte offenbar jeder Beliebige nur seine eigene Version der Geschichte an die Presse verkaufen müssen, wenn er ein bisschen Kohle machen wollte.
Es hatte Leute genug gegeben, die gemeint hatten, ihre Meinung dazu abgeben zu müssen. Die einen hatten das Leben eines Kindermädchens im Allgemeinen und im Besonderen kommentiert - »Wie ich als Kindermädchen durch die Hölle gegangen bin« -, und die anderen, die nicht über derartige Erfahrung verfügten, präsentierten bemerkenswerte Kenntnisse über die Deutschen, an denen sie die Öffentlichkeit teilhaben lassen wollten - »Eine Rasse für sich, sagt ehemaliger GI«. Vor allem aber fiel Libby die große Zahl jener Artikel auf, die sich darüber ausließen, dass Gideons Familie überhaupt ein Kindermädchen für die kleine Sonia engagiert hatte.
Dabei wurde von mehreren Standpunkten aus argumentiert: Die eine Gruppe ritt darauf herum, was dem deutschen Kindermädchen bezahlt worden war (ein Hungerlohn, kein Wunder also, dass sie die arme Kleine am Ende abgemurkst hatte, wahrscheinlich in einem Anfall von Wut und Frust) und was im Vergleich dazu eine, wie es hieß, »gut ausgebildete schottische Kinderfrau« bekam (ein Vermögen, wie Libby feststellte, die daraufhin sogleich über einen Berufswechsel nachdachte), wobei sie ihre bösartigen Artikel so abfassten, dass der Anschein erweckt wurde, die Familie Davies hätte das junge Mädchen schamlos ausgenützt. Eine andere Gruppe stellte Mutmaßungen darüber an, wem es überhaupt diente, wenn eine Mutter beschloss, »Arbeit außer Haus anzunehmen«. Und wieder andere Leute befassten sich mit der Frage, wie es sich auf die Erwartungen, das Maß der Verantwortung und die Hingabe der Eltern auswirkte, wenn eine Familie mit den Belastungen fertig werden musste, die ein behindertes Kind mit sich brachte. Erbittert wurde darüber gestritten, wie Eltern eines Down-Syndrom-Kindes sich verhalten sollten, und sämtliche Möglichkeiten, mit solchen Kindern umzugehen, wurden eingehend erörtert: man sollte sie zur Adoption frei geben; auf Staatskosten betreuen lassen; ihnen sein Leben weihen; mit der Situation umgehen lernen, indem man sich bei entsprechenden Institutionen Hilfe holte; sich einer Selbsthilfegruppe anschließen; durchhalten und sich nicht unterkriegen lassen; das Kind genauso behandeln wie jedes andere, und so weiter und so fort.