Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Er hatte sie zusammen gesehen. Er hatte beobachtet, wie sie einander begrüßt, wie sie miteinander gesprochen hatten und vertraut wie ein Paar miteinander die Straße hinuntergegangen waren. Er hatte gewusst, dass die Deutsche mit einer Frau zusammenlebte. Und prompt hatte er seiner Phantasie freien Lauf gelassen, als die beiden in der Galveston Road verschwunden waren und er am Fenster den Schatten zweier einander umarmender Frauen gesehen hatte. Eine Lesbe, die sich mit einer Frau traf und mit ihr in eine private Wohnung zurückzog, das konnte nur eines bedeuten, hatte er gemeint. Und er hatte sich bei seinem Gespräch mit Yasmin Edwards und Katja Wolff allein von dieser Meinung leiten lassen.
Hätte er nicht ohnehin gleich danach gemerkt, dass er alles vermasselt hatte, so wäre es ihm spätestens in dem Moment klar geworden, als er die Nummer auf der Geschäftskarte anrief, die Katja Wolff ihm mitgegeben hatte. Harriet Lewis bestätigte die Aussage: Ja, sie sei Katja Wolffs Rechtsanwältin. Ja, sie habe am vergangenen Abend eine Verabredung mit ihr gehabt. Ja, sie seien zusammen in der Galveston Road gewesen.
»Und Sie sind nach einer Viertelstunde wieder gegangen?«, fragte Nkata.
»Was wollen Sie eigentlich, Constable?«, erwiderte Harriet Lewis darauf.
»Was hatten Sie in der Galveston Road zu tun?«, fragte er weiter.
»Das geht Sie nun wirklich nichts an«, versetzte die Anwältin, genau wie Katja Wolff es vorausgesagt hatte.
Er versuchte es weiter. »Wie lange ist sie schon Ihre Mandantin?«
»Das Gespräch ist beendet«, sagte sie. »Ich bin für Miss Wolff tätig, nicht für Sie.«
Am Ende wusste er nur noch, dass er alles falsch gemacht hatte. Und nun würde er sich ausgerechnet vor dem Menschen rechtfertigen müssen, der sein großes Vorbild war: Inspector Thomas Lynley. Als der Verkehr vor der Vauxhall-Brücke zum Stillstand kam, während rundherum Sirenen heulten und Blaulichter blinkten, war er nicht nur für die Ablenkung dankbar, die so ein Verkehrschaos bot, sondern auch für die Frist, die ihm so geschenkt wurde, darüber nachzudenken, wie er die Geschichte seines Versagens präsentieren sollte.
Jetzt blickte er an der Fassade der Polizeidienststelle Hampstead empor und stieg widerwillig aus seinem Wagen. Er ging ins Haus, zeigte seinen Dienstausweis und trat den Bußgang an, den er sich durch sein Handeln selbst auferlegt hatte.
Sie waren im Besprechungsraum, wo man gerade zum Ende der morgendlichen Lage kam. Auf der Porzellantafel waren die Aufgaben für den Tag aufgeführt sowie die Namen der Männer und Frauen, denen sie zugeteilt waren. Das bedrückte Schweigen unter den Beamten, als sie aufbrachen, verriet Nkata, dass sie gehört hatten, was Webberly zugestoßen war.
Lynley und Barbara Havers blieben zurück. Sie waren dabei, irgendwelche Computerausdrucke zu vergleichen, als Nkata zu ihnen trat.
»Tut mir Leid«, sagte er. »Ich hab vor der Vauxhall- Brücke ewig im Stau gestanden.«
Lynley blickte ihn über die Ränder seiner Brillengläser an. »Ah, Winston! Wie ist es denn gelaufen?«
»Nichts zu machen, Sir. Die sind beide bei ihren Aussagen geblieben.«
»Mist!«, knurrte Barbara.
»Haben Sie mit der Edwards allein gesprochen?«, fragte Lynley.
»Das war gar nicht nötig. Die Frau, mit der die Wolff sich gestern Abend getroffen hat, war ihre Anwältin, Inspector. Die Anwältin hat es bestätigt, als ich sie angerufen hab.« Seine Miene verriet wohl etwas von seiner Bekümmerung, denn Lynley musterte ihn einen Moment lang sehr aufmerksam, und er fühlte sich dabei so elend wie ein Kind, das den geliebten Vater enttäuscht hat.
»Aber Sie schienen ganz sicher zu sein, als wir miteinander sprachen«, bemerkte Lynley, »und im Allgemeinen trügt Ihr Gefühl Sie doch nicht. Wissen Sie genau, dass Sie mit der Anwältin gesprochen haben, Winston? Die Wolff kann Ihnen ja auch die Nummer einer Freundin angedreht haben, die Ihnen dann etwas vorgespielt hat.«
»Sie hat mir die Visitenkarte der Anwältin gegeben«, erklärte Nkata. »Und kennen Sie einen Anwalt, der für seinen Mandanten lügen würde, wenn die Polizei auf ihre Frage nur ein Ja oder Nein hören will? Aber ich bin trotzdem überzeugt, dass die beiden Frauen etwas verheimlichen. Ich hab nur nicht die richtige Taktik angewendet, um es rauszukriegen.« Und weil seine Bewunderung für Lynley immer stärker sein würde als sein Wunsch, in den Augen seines Vorbilds gut dazustehen, fügte er hinzu: »Ich hab's völlig falsch angepackt und total vermasselt. Das nächste Mal sollte besser jemand anders mit ihnen reden.«
Barbara sagte mitfühlend: »Mensch, Winnie, so was hab ich mehr als einmal geschafft«, und Nkata warf ihr einen dankbaren Blick zu. Sie hatte tatsächlich vor noch gar nicht langer Zeit so gründlich gepatzt, dass sie vorübergehend vom Dienst suspendiert und danach zurückgestuft worden war und nun wahrscheinlich jede Chance zum Aufstieg bei der Metropolitan Police verloren hatte. Aber sie hatte in dem ganzen Schlamassel wenigstens einen Killer gestellt, während er selbst nur zusätzlich Sand ins Getriebe gestreut hatte.
»Gott, ja«, sagte Lynley. »Das kennen wir doch alle. Lassen Sie sich deswegen keine grauen Haare wachsen, Winston. Das bekommen wir schon hin.« Aber Nkata hörte doch, dass er enttäuscht war, wenn auch vielleicht nicht halb so enttäuscht wie seine Mutter es sein würde, wenn er ihr berichtete, was geschehen war.
»Aber mein Junge«, würde sie sagen, »was hattest du denn da im Kopf?«
Und genau diese Frage wollte er lieber nicht beantworten.
Er versuchte, sich auf die Zusammenfassung der morgendlichen Lagebesprechung, die er versäumt hatte, zu konzentrieren. Man wusste mittlerweile die Namen sämtlicher Personen, mit denen Eugenie Davies den Unterlagen der Telefongesellschaft zufolge telefoniert hatte. Ebenso waren die Anrufer identifiziert, die Nachrichten auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen hatten. Die Frau, die sich Lynn genannt hatte, hatte sich als eine gewisse Lynn Davies entpuppt.
»Eine Verwandte?«, fragte Nkata.
»Das müssen wir noch feststellen.«
Sie wohnte in der Nähe von Dulwich.
»Havers wird sich mit der Dame unterhalten«, sagte Lynley und berichtete weiter, dass der unbekannte Mann, der über den Anrufbeantworter so zornig gefordert hatte, Eugenie Davies möge endlich den Hörer abheben, ein gewisser Raphael Robson war, der, in Gospel Oak wohnhaft, näher an dem Schauplatz des Mordes lebte als jeder andere, ausgenommen natürlich J. W. Pitchley.
»Ich werde mir Robson vorknöpfen«, schloss Lynley und fügte hinzu, »und ich möchte Sie dabei haben, Winston«, als wusste er schon, dass Nkata mit seinem angeschlagenen Selbstwertgefühl jetzt Ermutigung brauchte.
»In Ordnung«, sagte Nkata, während Lynley bereits mit seinem zusammenfassenden Bericht fortfuhr. Die Unterlagen der British Telephone Company hatten Richard Davies' Aussage über mehr oder weniger regelmäßige Telefongespräche mit seiner geschiedenen Frau in den letzten Monaten bestätigt. Das erste Gespräch hatte Anfang August stattgefunden, etwa zu der Zeit, als der gemeinsame Sohn das Konzert in der Wigmore Hall hatte platzen lassen, und das letzte am Morgen vor Eugenie Davies' Tod, als Richard Davies sie kurz angerufen hatte. Ebenso bestätigten die Unterlagen häufige Anrufe von Ian Staines, sagte Lynley gerade abschließend, als die drei in ihrer kleinen Privatkonferenz gestört wurden.
»Kann ich Sie drei mal kurz sprechen?«, erklang es von der Tür, und als sie sich herumdrehten, sahen sie, dass Leach noch einmal in den Besprechungsraum zurückgekehrt war. Er hielt einen Zettel in der Hand, den er in Richtung Korridor schwenkte, als er sagte: »In meinem Büro, wenn es Ihnen recht ist.« Danach verschwand er einfach, überzeugt, dass sie ihm folgen würden.
»Wie kommen Sie mit den Nachforschungen über das Kind voran, das die Wolff im Gefängnis zur Welt gebracht hat?«, fragte er Barbara Havers, als sie bei ihm im Büro angekommen waren.