Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Und weiter?«, fragte Lynley. »Sie wird aus dem Gefängnis entlassen, und wie geht es dann weiter, Havers?«
»Sie erzählt Eugenie Davies, wie es wirklich war, wer das Kind in Wirklichkeit getötet hat. Eugenie heftet sich Pitchley an die Fersen und stöbert ihn auf, so wie ich Pytches aufgestöbert habe. Sie fährt zu ihm, um ihn zu stellen, aber dazu kommt es nicht.«
»Weil?«
»Weil sie auf der Straße getötet wird.«
»Das weiß ich. Aber von wem, Barbara?«
»Ich denke, Leach ist auf der richtigen Spur, Sir.«
»Von Pitchley? Aber warum?«
»Katja Wolff will Gerechtigkeit. Eugenie Davies ebenfalls. Der einzige Weg zur Gerechtigkeit führt über eine Verurteilung Pitchleys. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er damit einverstanden gewesen wäre.«
Lynley schüttelte den Kopf. »Wie erklären Sie dann den Anschlag auf Webberly?«
»Ich denke, die Antwort darauf wissen Sie schon.«
»Die Briefe, meinen Sie?«
»Es ist Zeit, sie auszuhändigen, Sir. Sie müssen doch einsehen, dass sie von großer Bedeutung sind.«
»Barbara, sie sind mehr als zehn Jahre alt! Sie zählen hier nicht.«
»Falsch, falsch, falsch.« Barbara zerrte frustriert an ihren sandblonden Stirnfransen. »Sagen wir, Pitchley und die Davies hatten was miteinander. Sagen wir, das war der Grund, weshalb sie neulich Abend in seiner Straße war. Sagen wir, er hat sich des öfteren heimlich in Henley mit ihr getroffen und ist bei einem dieser Rendezvous auf die Briefe gestoßen. Er rastet aus vor Eifersucht, bringt erst sie um und versucht's dann bei dem Superintendent.«
Lynley schüttelte den Kopf. »Barbara, Sie können nicht dies und das zugleich haben. Sie verbiegen die Fakten, um sie einer Theorie anzupassen. Aber sie passen nicht, und die Theorie passt auch nicht.«
»Wieso nicht?«
»Weil sie zu vieles unerklärt lässt.« Lynley hakte die einzelnen Punkte ab. »Wie hätte Pitchley eine Liebesbeziehung zu Eugenie Davies unterhalten können, ohne dass Ted Wiley das gemerkt hätte? Wiley hat doch, wie wir wissen, genau beobachtet, was in Eugenie Davies' Haus vorging. Was hatte Eugenie Wiley zu beichten, und warum starb sie genau in der Nacht, bevor sie ihre Beichte ablegen wollte? Wer ist Jete? Mit wem hat sich Eugenie Davies in all diesen Pubs und Hotels getroffen? Und was fangen wir mit dem seltsamen Zusammentreffen an, dass genau in der Zeit, als Katja Wolff aus dem Gefängnis entlassen wird, Anschläge auf zwei Personen verübt werden, die in dem Mordfall, der zu ihrer Verurteilung führte, eine wichtige Rolle spielten?«
Barbara seufzte und ließ einen Moment den Kopf hängen.
»Okay«, sagte sie dann. »Wo ist Winston? Was hat er über Katja Wolff zu berichten?«
Lynley brachte sie über Nkatas Unternehmungen am vergangenen Abend aufs Laufende und schloss mit den Worten: »Er ist überzeugt, dass sowohl Yasmin Edwards als auch Katja Wolff etwas verheimlichen. Als er von Webberlys Unfall hörte, sagte er, er wolle noch einmal mit den beiden Frauen sprechen.«
»Er glaubt also auch, dass zwischen den beiden Fahrerfluchtfällen eine Verbindung besteht.«
»Richtig. Und ich bin seiner Meinung. Es gibt da ganz sicher eine Verbindung, Havers. Wir sehen sie nur noch nicht.« Lynley stand auf, gab Barbara ihre Aufzeichnungen zurück und begann, Unterlagen von seinem Schreibtisch zu nehmen. »Fahren wir nach Hampstead«, sagte er. »Leachs Leute müssen inzwischen doch irgendwas haben, womit wir arbeiten können.«
Winston Nkata blieb gut fünf Minuten in seinem Wagen vor der Polizeidienststelle Hampstead sitzen, ehe er ausstieg. Wegen einer Massenkarambolage in dem Kreisverkehr kurz vor der Vauxhall-Brücke hatte er für die Fahrt aus Süd-London hier herüber fast zwei Stunden gebraucht. Der Aufschub war ihm willkommen gewesen. Während er, im Auto sitzend, zugesehen hatte, wie Feuerwehrleute, Sanitäter und Verkehrspolizisten sich bemühten, das Chaos aus verletzten Menschen und schrottreifen Fahrzeugen zu lichten, hatte er Zeit gehabt, sich mit der unerfreulichen Tatsache auseinander zu setzen, dass er das Gespräch mit Katja Wolff und Yasmin Edwards total in den Sand gesetzt hatte.
Ja, er hatte Mist gebaut. Er hatte sich in die Karten schauen lassen. Blind wie ein gereizter Stier war er genau siebenundsechzig Minuten, nachdem er zu Hause in seinem Bett erwacht war, nach Kennington gestürmt und schnaubend und Füße scharrend in dem knarrenden alten Aufzug aufwärts gefahren, die Hörner schon zur Attacke gesenkt, überzeugt, dass er den Fall binnen fünf Minuten gelöst hätte. Mit Gewalt hatte er sich einzureden versucht, dass einzig der Fall ihn nach Kennington geführt hätte. Denn wenn Katja Wolff fremdging und Yasmin Edwards nichts davon wusste und wenn es ihm gelang, die Sache mit dem kleinen Seitensprung so anzubringen, dass ein Riss in der Beziehung der beiden Frauen entstand, was sollte Yasmin Edwards dann daran hindern, endlich den Mund aufzumachen und ihm zu bestätigen, was er instinktiv längst wusste: dass Katja Wolff am Abend der Ermordung von Eugenie Davies nicht zu Hause gewesen war?
Mehr wollte er nicht, so versicherte er sich selbst. Er war nichts weiter als ein schlichter Bulle, der seine Pflicht tat. Ihr Körper bedeutete ihm nichts: glatt und straff, von der Farbe frisch gepresster Pennystücke, gertenschlank mit schmaler Taille, die in einladende Hüften überging. Ihre Augen waren nur Fenster: dunkel wie Schatten, bemüht, zu verbergen, was sie nicht verbergen konnten, nämlich Zorn und Furcht. Und diesen Zorn und diese Furcht musste man sich zunutze machen, musste er sich zunutze machen, dem sie nichts bedeutete, nur eine lesbische Knastschwester, die eines Abends ihren Alten umgebracht und sich mit einer Kindsmörderin zusammengetan hatte.
Er wusste, dass es nicht seine Sache war, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, warum Yasmin Edwards sich ohne Rücksicht auf ihren kleinen Sohn, der mit ihr zusammenlebte, eine Kindsmörlerin ins Haus geholt hatte. Trotzdem sagte er sich, dass es, ganz abgesehen vom Nutzen für ihre Ermittlungen, das Beste wäre, wenn das Misstrauen, das er vielleicht in die Beziehung der beiden Frauen würde hineintragen können, zum Bruch führte, durch den der kleine Daniel dem Einfluss einer verurteilten Mörderin entkommen würde.
Er wehrte den Gedanken ab, dass ja die Mutter des Jungen ebenfalls eine verurteilte Mörderin war. Sie hatte es schließlich mit einem Erwachsenen aufgenommen. Nichts in ihrer Geschichte ließ darauf schließen, dass sie es auf Kinder abgesehen hatte.
Ganz von selbstgerechtem Eifer erfüllt, hatte er also bei Yasmin Edwards geklingelt. Dass sie nicht sofort reagierte, spornte ihn nur an in seinem Tun, und er klingelte immer wieder, bis er endlich eine Reaktion erzwungen hatte.
Er war selbst sein Leben lang immer wieder Vorurteilen und Hass begegnet. Man konnte in England nicht einer ethnischen Minderheit angehören, ohne jeden Tag unzählige Feindseligkeiten mehr oder weniger subtiler Art hinnehmen zu müssen. Selbst bei der Metropolitan Police, wo er geglaubt hatte, dass Leistung mehr zählte als Hautfarbe, hatte er lernen müssen, vorsichtig zu sein. Nie hatte er andere zu nahe an sich herangelassen, nie hatte er sich ganz geöffnet; er wollte nicht hinterher dafür bezahlen müssen, dass er geglaubt hatte, vertrauter Umgang bedeute, als gleichwertig akzeptiert zu sein. So war es nicht, ganz gleich, wie die Verhältnisse sich dem uneingeweihten Beobachter darstellten. Und ein Schwarzer tat gut daran, das nicht zu vergessen.
Aufgrund dieser persönlichen Erfahrungen glaubte Nkata sich seit langem dagegen gefeit, mit anderen ähnlich umzuspringen, wie mit ihm immer wieder umgesprungen wurde. Aber nach dem morgendlichen Gespräch mit Yasmin Edwards und ihrer Freundin hatte er sich eingestehen müssen, dass er nicht besser war als alle anderen, sondern ebenso engstirnig und in seiner Engstirnigkeit ebenso fähig, sich zu vorschnellem Urteil verleiten zu lassen, wie es der ungebildetste, fanatischste Anhänger der Nationalen Front tat.