Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
»Ich bin derselben Meinung«, bekräftigte François. »Ich bin dafür, daß kein anderer eingeweiht wird. Dafür aber gehen wir gleich an die Arbeit. Ich schlage vor, wir verwenden diesen Nachmittag dazu, um alle Möglichkeiten des Eingriffs zusammenzustellen. Jeder notiert, was ihm einfällt, und heute Abend treffen wir uns und überlegen, was davon brauchbar ist und was wir als erstes unternehmen.«
»Einverstanden«, sagte Ben. »Und jetzt gehen wir am besten mittagessen – sonst fallen wir hier noch auf.«
Sie hatten sich für acht Uhr abends in der Kantine neben der Bowling-Bahn verabredet – ein beliebter Treffpunkt für alle Angehörigen der Datenbank –, doch heute befanden sich nur wenige Personen hier; die politischen Ereignisse waren allen in die Knochen gefahren, und so hatten Ben und seine Freunde den Raum für sich.
Bald lag auf dem Tisch ein Haufen von Notizzetteln; hier hatten alle ihre Vorschläge zur Sabotierung des Automatensystems niedergelegt. Wieder waren sie darüber erstaunt, wie vielfältig die Möglichkeiten des störenden Eingriffs waren. Sie redeten sich in merklichen Eifer hinein, aber sie blieben sachlich. Die Diskussion hörte sich eher wie ein kompliziertes Fachgespräch an als eine Besprechung zur Vorbereitung von revolutionären Maßnahmen.
Am Schluß hatten sie eine beachtliche Liste aufzuweisen; sie war weitaus mehr als eine Aufzählung. Jeder hatte sein Wissen zur Verfügung gestellt, und dabei war eine ganze Menge von Daten, die als streng geheim galten, beispielsweise Codes zum Entschlüsseln von Sperrmaterial, interne Adressen zum Aufruf von Daten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, und so weiter. Dazu kamen viele praktische Hinweise zum Problem, wie man Automaten an der Peripherie, also beispielsweise Zahl- und Wechselautomaten, Sicherungen für Eingänge und Lifts, Fernschreiber und Datensichtstationen für die allgemeine Kommunikation, außer Funktion setzen können. Natürlich besaßen sie noch nicht alle Kenntnisse zur Realisierung ihrer Ideen, aber das, was hier noch fehlte, würde sich beschaffen lassen …
Ben faltete die Blätter mit den Aufzeichnungen sorgsam zusammen und steckte sie in die Innentasche seiner Jacke. »Wir werden noch eine Weile damit zu tun haben«, sagte er, »bis wir alles das geprüft und ausprobiert haben. Am besten, wir beginnen mit kleineren Störaktionen – um zunächst einmal zu sehen, ob die Sache so läuft, wie wir uns das vorstellen.«
»Und inzwischen bereiten wir uns auf den großen Schlag vor«, ergänzte François. »Das wird das Zeichen für den Aufstand sein.«
Jonathan nickte. »Und diesmal haben wir eine echte Chance – denn wir werden auch alle Nachrichtenmedien und Verkehrsmittel lahmlegen, deren sich die Polizei bedient.«
Ein Knacken im Lautsprecher, und dann eine Stimme: »Herr Ben Erman ans Videofon. Herr Erman wird am Videofon verlangt!«
Jonathan wandte sich an Ben: »Wer weiß davon, daß du hier bist?«
Ben zuckte die Schultern. »Ich habe es niemandem gesagt!«
»Na, geh schon!« forderte ihn François auf. »Aber sei vorsichtig!«
Ben stand auf und verließ den Raum. Die Videofonzelle war draußen, am anderen Ende des Korridors. Als er sie betrat, bemerkte er, daß der Bildschirm eingeschaltet war; darüber hinweg lief sich stetig wiederholend der Schriftzug »Bitte warten!«
Die anderen waren ein wenig unruhig geworden. Ihre Unterhaltung stockte – sie warteten auf Ben.
Und dann horchten jene, die etwas weiter vorn und damit näher am offenen Eingang zum Treppenhaus saßen, irritiert auf, und nun hörten es auch die andern: polternde Schritte schwerer Lederstiefel. Es dauerte keine drei Sekunden, und sie waren von einem doppelten Ring uniformierter Männer umgeben. Einer sah wie der andere aus – in der einen Hand den Schlagstock, in der anderen die Hochvoltpeitsche.
Schließlich trat ein unscheinbarer, kleiner Mann in Zivil durch die Reihen, und alle erschraken: der Chef des Geheimdienstes, den man gelegentlich in Zeitschriften und Fernsehsendungen sah. Und doch war es ein Gesicht, das man kaum vergaß, wenn man kein ganz sauberes Gewissen hatte …
»Ich glaube, das genügt«, sagte er. Er trat von einem zum andern, blieb vor jedem stehn, musterte ihn. »Ihr wollt also dort zuschlagen, wo es am wehesten tut. Ich glaube, ihr werdet noch drauf kommen, wie kindisch eure Ideen waren. Abführen!«
Nach einer Minute war der Raum leer.
8.
Der nächste Vormittag verlief für Ben wie im Traum. Ihm war, als wäre er noch nicht richtig erwacht, als befände er sich in einer imaginären Zeit, in einem imaginären Raum, der das Reich der Träume von der Realität trennt.
Das Klingelsignal hatte ihn um sechs Uhr früh aus einer Welt gerissen, die nun plötzlich wieder Existenz gewonnen hatte. Zwar kam sie ihm nicht wirklich vor, aber sie war aus irgendwelchen Bereichen hergeholt worden, und sie ließ sich nicht mehr tilgen. War es Wahrheit oder Traum? War es ein Stück Vergangenheit oder war es ein Abriß aus irgendwelchen Parallelwelten, über die sie im Physikunterricht gehört hatten? Der Unterschied zwischen Nichtexistenz, Möglichkeit und Realwelt war verwischt, und es war eine Frage, ob sich jemals wieder feste Grenzen ziehen lassen würden.
Doch Ben hatte mit Erleichterung festgestellt, daß der Eingriff nicht mit üblen Neben- oder Nachwirkungen verbunden gewesen war. Offenbar hatte er die Nacht ruhig verbracht, ohne den anderen ein Zeichen dafür zu geben, daß er nicht wie sie in normalen Schlaf versunken war, sondern einen Ausflug ins Unfaßbare gemacht hatte. Und wenn er nun auch traumverloren und mechanisch seinen Routinen und Pflichten nachging, sich wusch und kämmte, aß und trank, die gymnastischen Übungen machte und in den Sprechchor einfiel, so gab es da noch eine andere Seite seines Bewußtseins, der es erst allmählich gelang, mit der Flut des Neuen fertig zu werden, das in kürzester Zeit auf ihn eingestürmt war.
Gegen Mittag hatte er sich aber schon merklich gefangen, und um vierzehn Uhr saß er äußerlich ruhig an seinem Datensichtgerät und aktivierte die Verbindung mit der Arbeitseinheit. Es dauerte ungewöhnlich lang, bis die üblichen Schriftzüge erschienen. Ungewöhnlich – das waren nur Bruchteile von Sekunden, aber im Hinblick auf die Schnelligkeit der Adressierungs- und Rückrufprozesse war es lange. Nun erst warf er einen Blick auf die Kontrollzeit … er hatte den Wert von gestern nicht notiert, aber er war sicher daß mindestens zehn Minuten fehlten. Irgend jemand war an seinem Arbeitsplatz gewesen, und er hatte sich den Inhalt der von Ben angelegten Dateien aufrufen lassen. Zu welchem Zweck? Und wer war es? War jetzt der Punkt gekommen, vor dem er sich gefürchtet hatte: der Moment seiner Entlarvung? War sein Spiel entschleiert worden, war man ihm auf die Schliche gekommen?
Außer einigen kleinen Regelwidrigkeiten, die nur er als Fachmann merkte, deutete nichts darauf hin. Es konnte ein Vorgesetzter gewesen sein, ein Kontrolleur, ein Kollege … genausogut konnte die Ursache freilich bei einem Angehörigen des Reinigungstrupps liegen, der unvorsichtig mit seinem Antistatikgerät hantiert hatte, oder an einem Reparaturtrupp, der über Nacht die Anlagen prüfte. Aber, so gern er diese Möglichkeiten auch gelten lassen wollte, so wußte Ben doch genau, daß ohne Kenntnis des Codes kein Zugang zu Datenmaterial bestand.
Was aber auch immer die Ursache sein mochte – im Moment konnte er ihr nicht auf den Grund kommen, und so spielte er sich noch einmal die Daten von Hardy Weman, Kennzahl 14-5566850-19 W, ein. Und er sah sich auch die Reihe von dessen Fotoaufnahmen an, die Jahr für Jahr erneuert wurden. Dieses Gesicht war nicht sympathisch; es schien jung zu sein, doch wenn man es näher betrachtete, so zeigte es einen Ausdruck von Resignation, wie man ihn nur bei den Alten findet, die kurz vor ihrer Z-Einstufung stehen – der Nihilation. Die Haare waren schwarz, das Kinn ein wenig herabgezogen – es war ein Zug von Verachtung, der sich hier Jahr für Jahr stärker eingraviert hatte.
Ben blickte auf die Uhr: Es war noch früh – vierzehn Uhr zwanzig –, und so entschloß er sich spontan, Hardy heute schon aufzusuchen. Er war sich nicht mehr sicher darüber, wie lange er seinen Ermittlungen noch ungestört nachgehen konnte.