Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
In geologischen, biologischen oder soziologischen Initialzuständen können Zufallsereignisse mitunter zu Änderungen führen, die Verbesserungen in Relation zum ökologischen System der Umwelt ergeben. Hat diese erst einmal einen näheren Organisationsgrad erreicht, dann haben Zufallseinflüsse stets destruktive Tendenz. So muß sich notwendigerweise in einem perfekten Sozialstaat jede durch Zufall induzierte Änderung in einer Beeinträchtigung der Funktionalität ausdrücken.
In einer vom Menschen kontrollierten Welt ist für den Zufall kein Platz. Es ist unsere Aufgabe, ihn auszuschalten. Unsere Welt muß total kontrolliert und umfassend gesteuert werden. Zufallseinflüsse im technischen Bereich führen zu Unfällen, Spontaneität im sozialen Bereich bringt Unruhe mit sich. Berufsgruppen, deren Tätigkeit auf der Produktion von Ideen und Phantasie beruht, sind destruktive Elemente im sozialen Gefüge; die Tätigkeit von Erfindern, Reformern, Künstlern und Schriftstellern wirkt sich negativ auf die Zufriedenheit der Bürger aus; diese Berufsstände werden deshalb aus den offiziellen Berufslisten gestrichen.
Der Einsatz von Zufallsgeneratoren im technischen Bereich ist nur mit Sondererlaubnis gestattet, vor allem für Simulations- und Forschungszwecke. Sobald die Übergangsphase überwunden ist, wird der destruktive Zufall völlig aus dem Wirkungsgefüge des Sozialstaats gestrichen. So wird durch eine totale Sperre zwischen Mikroweit und Makrowelt ein Zustand der perfekten Ordnung erreicht.
10.
Das Zusammentreffen mit Hardy hatte Ben weitaus stärker aufgewühlt, als er sich selbst eingestehen mochte. Es war auch anders gewesen als mit Barbara, der er völlig unvorbereitet gegenübergestanden war. Mit Hardy hatte er sich weitaus eingehender beschäftigt, er war ihm aber auch schon deshalb kein Unbekannter mehr gewesen, weil er ja in seinem Traum eine wichtige Rolle gespielt hatte. Aber war der Hardy aus seinem Traum jener Hardy, der jetzt irgendwo in einem Hospital lag, weil er seine Erinnerungen auslöschen wollte, bevor er mit Ben zusammentraf? Wenn Ben sich auch eines Geschehens bewußt war, in das er und seine drei angeblichen Kontaktpersonen verflochten schienen, so stand noch keineswegs fest, daß alles etwas mit wirklichem Geschehen zu tun hatte. Er hatte die handelnden Personen nur vage gesehen, es war, als seien es Schemen gewesen, Aktionszentren, die sich, vielleicht auf gut Glück, in irgendwelchen Personen verkörperten, die derzeit in seinem Denken eine große Rolle spielten.
Aber wie dem auch sei – Ben war sicher, daß sich ihm die Vergangenheit zum Teil enthüllt hatte, und er nahm sich vor, schon in dieser Nacht die nächste Ampulle anzuwenden. Noch bevor er sich aber für das Abendessen anstellte, machte ihn sein Zellennachbar darauf aufmerksam, daß ein Ruf angekommen wäre. Er betrat die nächste Videofonzelle und wählte die angegebene Nummer. Der Bildschirm erhellte sich, blieb aber leer. »Es ist schön, daß wir uns wiedergetroffen haben. Ich möchte dich sehen …« Ben erkannte die Stimme sofort, obwohl sie keinen Namen nannte: Barbara. »Hallo, bist du noch da? Hörst du mich?«
»Ja«, antwortete Ben.
»Hör zu: Wollen wir uns heute Abend treffen?« Sie wartete die Antwort nicht ab. »Ich erwarte dich also um neunzehn Uhr dreißig an der Endhaltestelle der U-Bahn – Stadtsektor West. Hast du verstanden: neunzehn Uhr dreißig!«
Der Bildschirm wurde dunkel, und Ben hatte das Gefühl, überrumpelt worden zu sein. Trotz aller Zweifel stand vom ersten Moment an fest, daß er der Einladung folgen würde. Trotz aller Bedenken, sich mit einem Mädchen zu treffen, überwog seine Neugier. Das war die Bestätigung: Barbara wußte etwas über seine Vergangenheit. Heute würde er es erfahren!
11.
Als er aus der überfüllten Untergrundbahn stieg, nieselte es, und er band rasch seine Atemmaske vor. Er ließ den Hauptstrom der Fahrgäste an sich vorüberziehen und sah sich dann auf dem verlassenen Bahnsteig um. Eine Minute lang glaubte er, unverrichteter Dinge wieder in den Wohnblock zurückkehren zu müssen, da löste sich eine Gestalt aus dem Schatten. Es war Barbara. Sie nahm ihn an der Hand und zog ihn mit sich fort. Sie hielten sich im Schatten. Obwohl in diesem Viertel vielleicht Übertretungen dieser Art nicht gar so selten waren, wollte er doch um keinen Preis mit einem Mädchen gesehen werden. Diesem Wunsch kam der Nebel entgegen, aber auch die Atemmasken und Regenumhänge aus Kunststoff verbargen die Personen, die darin steckten, in einer einheitlichen Anonymität.
Barbara führte ihn in ein Gebäude. Sie warteten einige Sekunden, bis niemand mehr in der Nähe war, dann betraten sie den Lift. Ben beobachtete, daß Barbara eine seltsame Zahlenkombination eintippte – sie berührte manche Tasten mehrmals, als gäbe es über die zwölf Stockwerke hinaus weitere Etagen, die man mit dem Aufzug erreichen konnte. Um so erstaunter war er dann, daß dieser absurde Gedanke der Wahrheit entsprach. An der kurz aufleuchtenden Zahl am Flüssig-Kristall-Schirm erschienen die Nummern weiterer Etagen: 13. 14. 15 … vielleicht Maschinenräume, Zwischenböden für Reparaturen, verbotenes Terrain? Die Ziffernfolge ging weiter, der Lift hielt erst bei 76. Er mußte sich in einem der turmartigen Gebäude befinden, die sich an einigen Stellen der Stadt in unbekannte Höhen erhoben; die oberen Teile der Bauwerke konnte man nicht sehen, da sie stets im Nebel verborgen blieben.
Sie traten auf einen Korridor hinaus, und Bens Erstaunen ging in Ungläubigkeit über: Hier gab es eine Halle mit Wänden aus Spiegelglas und Marmor, der Boden mit dicken Teppichen belegt, an der Decke ein Raster von Lampen hinter geschliffenem Glas. Wieder zog Barbara ihn weiter. »Wir dürfen uns hier nicht zu lange aufhalten!«
Sie kamen an eine Tür, und Barbara steckte ein Stück Silberfolie in den Schlitz für die Kennkarte. Sie lauschte … zog die Folie schnell zurück und drückte auf eine Taste.
»Was tust du?«
»Die Wohnung steht heute leer. Eine Freundin von mir ist hier Stubenmädchen. Sie hat mir den Tip gegeben. Es hat mich zehn Punkte gekostet.«
»Aber wo sind wir?«
Sie hatten die Wohnung betreten – sie war ebenso großzügig angelegt wie die Halle – die Decke hoch über den Köpfen, riesige Räume, in denen man von einer Wand zur anderen zwanzig Schritte brauchte.
»Wußtest du das nicht? Das ist die Wohnung eines Angehörigen der B-Kategorie.«
Sie traten an eine Fensterwand; die Aussicht war überwältigend. Sie befanden sich hoch über dem Wolkenmeer, in einer Luft, die durch Schwebestoffe kaum getrübt war. Über ihnen wölbte sich ein schwarzblauer Himmel, im Westen lagen einige Wolken wie über dem Horizont dahingebreitet, von unten rosarot beleuchtet. Tief unter ihnen wogte es: das graue Meer des Smogs.
»Hier läßt es sich leben, nicht wahr?« Barbara war ganz nahe an Ben herangetreten, und dieser wich unwillkürlich zurück. »Was ist mit dir los? Freust du dich nicht, daß wir wieder beisammen sind?«
»Hör zu, Barbara, ich weiß nicht, ob ich der bin, den du erwartet hast. Es scheint einen Zusammenhang zwischen uns zu geben, aber ich kenne ihn nicht. Meine Erinnerungen … ich habe alles vergessen.«
»Vergessen? Wer möchte das nicht: vergessen? Aber komm, wir wollen die Zeit nützen!«
Sie trat an einen Wandschrank, klappte ihn auf – eine Batterie von Flaschen in allen Farben und Größen tauchte auf, wie von Geisterhand präsentiert. Barbara nahm zwei Gläser heraus und füllte sie. Eines davon reichte sie Ben. »Trink! Hör auf zu grübeln!«