Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Sie gingen nebeneinander her, eine Gelegenheit für Ben, sich zu sammeln – und das Mädchen zu mustern. Im Profil sah sie ganz nett aus, vielleicht ein wenig weich, aber das fand man bei vielen Frauen. Ihr Haar war kurz geschnitten, wie es heute allgemein vorgeschrieben war, und doch sah es ungewöhnlich aus, etwas struppig … so, als wäre es mit einer Schere geschnitten und nicht vom Frisierautomaten gestutzt. Vielleicht war es dieses Haar, vielleicht auch die aufgeworfene Nase oder die vorspringenden Lippen, die dem Mädchen einen Hauch von Wildheit verliehen – so sanft sie auch sonst aussehen mochte. Wenn er aber die anderen Personen ansah, die die Arbeitsplätze bevölkerten, so mußte er sich eingestehen, daß Barbaras Züge dagegen geradezu ebenmäßig waren. Hier gab es somatische Abweichungen, die ihm geradezu krankhaft erschienen: schief stehende Zähne, narbige Haut, Brauen, über der Nasenwurzel zusammengewachsen, sogar einige Leute mit Brillen waren dabei. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, daß sich alle diese Mädchen und Frauen nach ihm umdrehen könnten, sich langsam von ihren Plätzen erheben, ihm den Weg versperren, ihn in eine Ecke drängen und irgend etwas Unvorstellbares mit ihm machen könnten …
Sie betraten den Lagerraum, und Ben atmete auf.
»Sie können Ihre Fragen stellen«, forderte ihn die Moderatorin auf, als er einige Sekunden lang schwieg.
Ben deutete auf einige Hocker. »Setzen wir uns!«, schlug er vor.
Er hatte sich eine Menge Fragen zurechtgelegt, und er begann sie zu stellen. Kenndaten, Ausbildung, beruflicher Werdegang. Die Ergebnisse der letzten Zwischenprüfung, des letzten psychologischen Tests. Einige Fragen über das Grundgesetz, die letzten Sozialprogramme.
Er hatte sein Notizbuch herausgezogen und verglich die Antworten mit den Daten. Das meiste stimmte, und wo es keine Übereinstimmung gab, hatte das wenig Bedeutung, denn selbstverständlich war er besser informiert als sie – schließlich standen ihm das gesamte Kontrollsystem, alle gespeicherten Daten zur Verfügung.
In Wirklichkeit diente ihm die Befragung nur dazu, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, sich selbst zu fragen, ob sich nun in seiner eigenen Erinnerung etwas rührte, ob er irgendein Anzeichen des Wiedererkennens bemerken würde …
Er hatte dieses Mädchen nie gesehen. Bisher hatte er sich heimlich davor gefürchtet, daß dieser Kontakt irgendeinen Abgrund in ihm öffnen könnte, daß ihn vielleicht Dinge aus der Vergangenheit überkommen würden, die so gräßlich waren, daß er sie verdrängt hatte. Aber so war es nicht. So vollkommen und ausschließlich kann man nichts verdrängen: Barbara war ihm unbekannt.
Und wie verhielt sie sich?
Diese Frage war schwer zu beantworten, denn er wußte nicht, wie sich Frauen zu verhalten pflegen, und schon gar nicht solche der unteren Kategorien. Sahen solche Mädchen Männer immer so an wie sie ihn? War dieser Blick offen oder war er herausfordernd? War er unterwürfig oder lag darin der Versuch, ein geheimes Einverständnis zu erzielen?
Obwohl das nicht zu seinen Aufgaben gehörte, begann er mit einem psychologischen Assoziationstest. Das Mädchen verstand sicher nichts davon, und auch die Moderatorin konnte nicht wissen, daß er damit seine Kompetenzen überschritt.
»Hast du schon einmal das Gefühl gehabt zu schweben?«
»Welche Empfindungen hast du, wenn du eine beschmutzte Fahne siehst?«
»Könntest du der Moderatorin Haßgefühle entgegenbringen?«
»Wärst du fähig, dich einem Befehl zu widersetzen?«
Ben machte eifrig Notizen, doch auch das diente nur dem Schein. Es war Tarnung – für das, was er eigentlich fragen wollte: »Gibt es Dinge, die du einem Rechercheur nicht sagen würdest?«
»Was für Gedanken hattest du, als ich vor dir stand?«
»Erinnert dich diese Situation an etwas, das du schon erlebt hast?«
»Hast du das Gefühl, mich schon einmal gesehen zu haben?«
Das Mädchen antwortete ohne Zögern, leise, aber durchaus verständlich. Und sie ließ auch bei den Antworten auf die letzten Fragen keinerlei Unsicherheit erkennen. Und doch waren Bens Zweifel nicht beschwichtigt. Diese grüngrauen Augen blickten ihn unverwandt an, und obwohl das unter diesen Umständen selbstverständlich war, fragte sich Ben, ob nicht ganz andere Worte dahinterstecken könnten, beispielsweise: Ja, ich erinnere mich … weißt du noch, damals … du kannst mich doch nicht vergessen haben?
Die Moderatorin räusperte sich, und er merkte, daß er einige Zeit unbewegt in sein Notizbuch gestarrt hatte, ohne die hingekritzelten Zahlen und Worte zu erkennen. Er stand auf. »Das wär’s.«
Sie standen einen Moment lang unschlüssig nebeneinander, und dann reichte Ben Barbara die Hand und erkannte im selben Augenblick, daß dieses Benehmen unpassend und unüblich war. Aber er konnte seine spontane Geste nicht ungeschehen machen, und so lag die Hand des Mädchens einen langen Atemzug lang in seiner, und er spürte einen leisen Druck, warm und sanft, der wieder alle Zweifel in ihm aufriß, die schon halb beseitigt worden waren …
Er drehte sich abrupt um und ging weg, unbekümmert darum, ob ihm die Moderatorin folgte oder nicht.
Erst als er in der Schwebebahn saß, fand er eine Erklärung dafür, wieso ihm Barbara – eine Fremde – doch irgendwie bekannt und vertraut vorkommen konnte: Sie wies verblüffende Ähnlichkeit mit Blondy, seiner Schlafpuppe, auf.
7.
Es war nicht angeraten, die Exkursionen in das Viertel der unteren Klassen kurz aufeinander folgen zu lassen – selbst ein Rechercheur hätte damit Aufsehen erregen können. Aus diesem Grund arbeitete Ben weiter an den Statistiken, obwohl die Resultate keine brauchbaren Hinweise erbrachten.
Während der Sekunden, die der Computer brauchte, um komplizierte Relationsanalysen durchzuführen, grübelte er darüber nach, auf welche Weise er die Erinnerungen aktivieren könnte, die doch zweifellos in irgendeinem Winkel seines Gehirns schlummerten. Der offizielle Weg war ihm versagt, auch mit den üblichen Medikamenten und Drogen ließ sich die Schranke seines Gedächtnisses nicht durchbrechen, aber es gab noch einen anderen Weg, der allerdings wieder aus den gebahnten Bereichen seiner Sicherheit herausführte.
Die Rationierung der psychogenen Mittel verleitete immer wieder Personen dazu, sie sich auf unerlaubte Weise zu verschaffen. Insbesondere für jene Personen, die in den biochemischen und pharmazeutischen Fabriken arbeiteten, bedeutete ihr berufliches Wissen eine große Versuchung. Für diesen Personenkreis war es nicht schwer, die Verbote zu umgehen. Das einfachste Mittel war es noch, die übelkeitserregende Beimengung der genehmigten Präparate zu extrahieren und dadurch den Weg zu höheren Konzentrationen zu öffnen, die zu verschiedenartigen Rauschzuständen führten. Manche Biochemiker und Pharmazeuten hatten aber auch Zugang zu den Syntheseanlagen, die man trotz aller Sicherheitsvorkehrungen auch gelegentlich ein paar Minuten lang für nicht ganz saubere, private Zwecke mißbrauchen konnte. Wer klug war, nutzte all diese Möglichkeiten nur, um sich selbst ein paar Stunden der Schwerelosigkeit, der Gelöstheit, der inneren Einsicht, der Harmonie mit sich und seiner Welt zu verschaffen. Und doch fanden sich auch immer wieder Leute, die kleine Mengen ihrer Erzeugnisse gegen Punkte verkauften.
Am Abend, nach dem Nachtmahl, suchte Ben Rex Oman auf, der stets informiert war, wenn es um Dinge ging, von denen man lieber nicht offen sprach.
Als Ben das Gespräch auf Drogen brachte, zeigte er plötzlich eine merkliche Zurückhaltung. »Wozu brauchst du das Zeug? Du willst mir doch nicht erzählen, daß du plötzlich Lust hast, dich zu besäuseln! Wenn ich dir helfen soll, dann mußt du mir schon sagen, um was es geht!«