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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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Ich sammelte die Tierchen auf und warf sie in das Feuer. Dann kniete ich mich vor ihn und hielt taktvoll den Kopf gesenkt, während er sein Gesicht unter Kontrolle brachte.

»Komm, ich kümmere mich um die Bissstellen.« Blut lief ihm in kleinen Rinnsalen über die Beine; ich betupfte sie mit einem sauberen Tuch und wusch die Wunden dann mit Essig und Johanniskraut aus, um die Blutung zu stoppen.

Er gab einen tiefen, bebenden Seufzer der Erleichterung von sich, als ich seine Schienbeine abtrocknete. »Eigentlich habe ich keine Angst vor – vor Blut«, sagte er in einem tapferen Tonfall, der es deutlich machte, dass er genau davor Angst hatte. »Aber sie sind so scheußliche Kreaturen.«

»Eklige kleine Biester«, pflichtete ich ihm bei. Ich stand auf, nahm ein sauberes Tuch, tauchte es ins Wasser und wusch ihm ganz selbstverständlich das Gesicht. Ohne ihn zu fragen, ergriff ich dann meine Bürste und kämmte ihm die Knoten aus den Haaren.

Er machte ein völlig verblüfftes Gesicht, als ich so vertraut mit ihm umging, doch eine anfängliche Versteifung seiner Wirbelsäule war sein einziger Einwand, und als ich begann, ihm das Haar zu frisieren, seufzte er erneut leise und ließ seine Schultern ein wenig vornüberfallen.

Seine Haut strahlte eine angenehme, lebendige Wärme aus, und meine Finger, immer noch kühl vom Bach, erwärmten sich behaglich, als ich die weichen Strähnen seines seidigen Kastanienhaars glättete. Es war sehr dicht und leicht gewellt. Er hatte einen Wirbel auf dem Kopf, ein sanfter Strudel, der mir ein leichtes Schwindelgefühl verursachte; Jamie hatte den gleichen Wirbel an der gleichen Stelle.

»Ich habe mein Haarband verloren«, sagte er und blickte sich unbestimmt um, als könnte ein solches aus dem Brotkasten oder dem Tintenfass auftauchen.

»Das macht nichts; ich leihe dir eins.« Ich flocht sein Haar zu Ende und band es mit einem Stückchen gelbem Band zusammen. Dabei empfand ich einen seltsamen Beschützerinstinkt.

Ich hatte erst vor ein paar Jahren von seiner Existenz erfahren, und wenn ich in der Zwischenzeit überhaupt an ihn gedacht hatte, dann hatte ich höchstens leichte Neugier gespürt, vermischt mit Ablehnung. Doch jetzt hatte etwas – vielleicht seine Ähnlichkeit mit meinem eigenen Kind, seine Ähnlichkeit mit Jamie, oder die schlichte Tatsache, dass ich mich irgendwie um ihn gekümmert hatte – bei mir ein seltsames Gefühl beinahe besitzergreifender Besorgnis für ihn geweckt.

Ich hörte das Gemurmel der Stimmen vor der Tür; das Geräusch unvermittelten Gelächters, und meine Verärgerung über John Grey kehrte mit einem Schlag zurück. Wie konnte er es wagen, Jamie und William so in Gefahr zu bringen – und wozu? Warum war der verdammte Kerl hier, in der Wildnis, die für einen Mann wie ihn so unpassend war wie –

Die Tür ging auf, und Jamie steckte den Kopf herein.

»Alles in Ordnung hier?«, fragte er. Seine Augen ruhten auf dem Jungen, und sein Gesicht trug einen Ausdruck höflicher Besorgnis, doch ich sah seine Hand, die zusammengeballt auf dem Türrahmen ruhte, und die Linie der Anspannung, die sich von seinen Beinen bis zu seinen Schultern zog. Er war gespannt wie ein Flitzebogen; hätte ich ihn berührt, hätte er ein Geräusch wie eine Saite gemacht.

»Völlig in Ordnung«, sagte ich freundlich. »Meinst du, Lord John möchte eine Erfrischung zu sich nehmen?«

Ich setzte den Kessel mit Teewasser auf und holte – mit einem kleinen Seufzer – meinen letzten Brotlaib hervor, den ich eigentlich für die nächste Runde meiner Penizillinexperimente hatte benutzen wollen. Da ich das Gefühl hatte, dass es durch den vorliegenden Notfall gerechtfertigt war, holte ich auch die letzte Flasche Brandy heraus. Dann stellte ich den Marmeladentopf auf den Tisch und erklärte, dass sich die Butter zurzeit unglücklicherweise unter der Obhut des Schweins befand.

»Schwein?«, fragte William und machte ein verwirrtes Gesicht.

»In der Vorratskammer«, sagte ich und wies mit einem Nicken auf die geschlossene Tür.

»Warum haltet Ihr –«, begann er, richtete sich dann abrupt auf und schloss den Mund, da ihn offensichtlich sein Stiefvater, der liebenswürdig über seinen Becher hinweglächelte, unter dem Tisch getreten hatte.

»Es ist sehr freundlich von Euch, uns aufzunehmen, Mrs. Fraser«, lenkte Lord John ab und warf seinem Stiefsohn einen warnenden Blick zu. »Ich muss mich für unsere unerwartete Ankunft entschuldigen; ich hoffe, wir machen Euch keine allzu großen Unannehmlichkeiten.«

»Überhaupt nicht«, sagte ich und fragte mich, wo genau wir sie für die Nacht unterbringen sollten. William konnte wohl mit Ian im Schuppen schlafen; es war auch nicht schlimmer, als im Freien zu übernachten, wie er es in den vergangenen Tagen getan hatte. Doch der Gedanke, ein Bett mit Jamie zu teilen, während Lord John eine Armlänge weiter auf dem Rollbett lag …

An diesem prekären Punkt erschien Ian, der seinem üblichen Instinkt für die Mahlzeiten folgte. Er wurde der Runde vorgestellt, und das Durcheinander der Erklärungen und gegenseitigen Verbeugungen auf engstem Raum war so groß, dass die Teekanne umfiel.

Ich benutzte dieses kleine Unglück als Vorwand und schickte Ian los, um William die Sehenswürdigkeiten von Wald und Bach zu zeigen, und gab ihnen ein kleines Paket mit Marmeladenbroten und eine Flasche Cidre mit. Von ihrer störenden Gegenwart befreit, füllte ich die Becher mit Brandy, setzte mich wieder hin und fixierte Lord John mit zusammengekniffenen Augen.

»Was macht Ihr hier?«, sagte ich ohne Umschweife.

Er riss seine hellblauen Augen weit auf, senkte dann seine ausgesprochen langen Wimpern und klimperte mich damit an.

»Ich bin nicht in der Absicht hergekommen, Euren Gatten zu verführen, das versichere ich Euch«, sagte er.

»John!« Jamies Faust schlug mit solcher Wucht auf den Tisch, dass die Teetassen klapperten. Seine Wangen waren dunkelrot angelaufen, und er verzog das Gesicht in verlegener Wut.

»Entschuldigung.« Im Gegensatz zu ihm war Grey blass geworden, obwohl er ansonsten nicht sichtbar angegriffen war. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass ihn dieses Zusammentreffen möglicherweise genauso nervös machte wie Jamie.

»Entschuldigung, Ma’am«, sagte er und nickte mir höflich zu. »Das war unverzeihlich. Ich würde Euch allerdings gern darauf hinweisen, dass Ihr mich seit unserem Zusammentreffen anseht, als hättet Ihr mich vor einem berüchtigten Badehaus in der Gosse gefunden.« Jetzt entflammte auch sein Gesicht in schwachem Rot.

»Tut mir leid«, hauchte ich. »Sagt nächstes Mal etwas eher Bescheid, dann bemühe ich mich um einen passenden Gesichtsausdruck.«

Er stand plötzlich auf und ging zum Fenster, wo er mit dem Rücken zum Zimmer stehen blieb, die Hände auf die Fensterbank gestützt. Es gab eine zunehmend peinliche Pause. Ich wollte Jamie nicht ansehen; stattdessen gab ich großes Interesse an einer Flasche mit Fenchelsamen vor, die auf dem Tisch stand.

»Meine Frau ist gestorben«, sagte er abrupt. »Auf dem Schiff von England nach Jamaica. Sie war unterwegs, um dort zu mir zu stoßen.«

»Es tut mir leid, das zu hören«, sagte Jamie leise. »Und der Junge ist bei ihr gewesen?«

»Ja.« Lord John drehte sich um und lehnte sich an die Fensterbank, so dass die Frühlingssonne seinen ordentlich frisierten Kopf umrahmte und ihn mit einem leuchtenden Strahlenkranz umgab. »Willie hat … Isobel sehr nahegestanden. Sie war die einzige Mutter, die er seit seiner Geburt hatte.«

Willies wirkliche Mutter, Geneva Dunsany, war bei seiner Geburt gestorben; sein angeblicher Vater, der Graf von Ellesmere, war am selben Tag durch einen Unfall ums Leben gekommen. So viel hatte Jamie mir bereits erzählt. Außerdem, dass Genevas Schwester Isobel sich um den verwaisten Jungen gekümmert hatte und dass Lord John Isobel geheiratet hatte, als Willie ungefähr sechs war – zu der Zeit, als Jamie aus dem Dienst der Dunsanys ausgeschieden war.

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