Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Er war eindeutig – und alarmierenderweise – ansteckend. Ich hatte ihm ein bequemes Bett in unserem neugebauten und zurzeit noch leeren Maisspeicher gemacht und seine Begleiter gezwungen, sich im Bach zu waschen, eine Prozedur, die sie offensichtlich unsinnig fanden, der sie sich jedoch mir zuliebe fügten, bevor sie aufbrachen und ihren Kameraden in meiner Obhut zurückließen.
Der Indianer lag auf der Seite, unter seiner Decke zusammengerollt. Er drehte sich nicht um, um mich anzusehen, obwohl er meine Schritte auf dem Weg gehört haben musste. Ich konnte ihn jedenfalls hören; kein Bedarf für mein improvisiertes Stethoskop – das Rasseln in seiner Lunge war aus sechs Schritten Entfernung deutlich zu hören.
»Comment ça va?«, fragte ich und kniete mich neben ihn. Er antwortete nicht; doch es war sowieso überflüssig. Ich brauchte nur das rasselnde Keuchen zu hören, um eine Lungenentzündung zu diagnostizieren, und sein Aussehen bestätigte dies nur – seine Augen waren eingesunken und glanzlos, die Gesichtsmuskeln eingefallen, bis auf die Knochen von heftig flammendem Fieber verzehrt.
Ich versuchte, ihn zum Essen zu bewegen – er brauchte unbedingt Nahrung –, doch er machte sich nicht einmal die Mühe, sein Gesicht abzuwenden. Die Wasserflasche neben ihm war leer; ich hatte ihm mehr mitgebracht, gab es ihm aber nicht sofort, weil ich hoffte, er würde vielleicht aus Durst die Infusion trinken.
Er nahm ein paar Schlucke, hörte dann aber auf zu schlucken und ließ sich die grünlich schwarze Flüssigkeit nur noch aus den Mundwinkeln laufen. Ich versuchte, ihm auf Französisch zuzureden, doch es nützte nichts; er zeigte mir nicht einmal, dass er meine Anwesenheit wahrnahm, sondern starrte nur über meine Schulter hinweg in den Morgenhimmel.
Sein abgemagerter Körper fiel vor Verzweiflung zusammen; es war deutlich, dass er sich im Stich gelassen fühlte, zum Sterben in den Händen von Fremden zurückgelassen. Ich verspürte eine nagende Angst, dass er recht haben könnte – er würde mit Sicherheit sterben, wenn er nichts zu sich nahm.
Immerhin nahm er Wasser. Er trank durstig, leerte die Flasche, und ich ging zum Bach, um sie noch einmal zu füllen. Als ich zurückkehrte, holte ich das Amulett aus meinem Korb und hielt es ihm vor das Gesicht. Ich glaubte, Überraschung hinter seinen halb geschlossenen Lidern aufflackern zu sehen – nichts, was so stark war, dass ich es Hoffnung nennen würde, doch er nahm immerhin zum ersten Mal bewusst von mir Notiz.
Einer Eingebung folgend, sank ich langsam auf meine Knie. Ich hatte keine Ahnung, welche Zeremonie in einem solchen Fall zur Anwendung kam, doch ich war schon lange genug Ärztin, um zu wissen, dass die Kraft der Suggestion zwar kein Antibiotikum ersetzen konnte, dass sie aber mit Sicherheit besser war als gar nichts.
Ich hielt das Amulett aus Rabenfedern hoch, wandte mein Gesicht zum Himmel und intonierte feierlich den sonorsten Text, der mir einfiel – zufällig war es ein von Dr. Rawlings in Latein verfasstes Rezept zur Behandlung von Syphilis.
Ich goss mir etwas Lavendelöl in die Hand, tauchte die Feder hinein und salbte ihm Hals und Schläfen, während ich mit tiefer, geheimnisvoller Stimme »Rolling Home« sang. Vielleicht half es ja gegen die Kopfschmerzen. Seine Augen folgten den Bewegungen der Feder; ich kam mir vor wie eine Klapperschlange, die zur Spirale gewunden ein Eichhörnchen beschwört und darauf wartet, dass es ihr in den Schlund rennt.
Ich hob seine Hand auf, legte ihm das ölbetropfte Amulett auf die Handfläche und schloss seine Finger darum. Dann nahm ich das mit Menthol versetzte Bärenfett und malte ihm mystische Muster auf die Brust, wobei ich darauf achtete, es mit den Daumenballen fest einzureiben. Der Geruch reinigte mir die Stirnhöhlen; ich konnte nur hoffen, dass er die zähe Verschleimung meines Patienten löste.
Ich beendete mein Ritual, indem ich die Flasche mit der Infusion feierlich mit den Worten »In nomine Patri, et Filii, et Spiritu Sancti, Amen« segnete und sie dem Patienten an die Lippen hielt. Mit leicht hypnotisiertem Gesichtsausdruck öffnete er den Mund und trank gehorsam den Rest.
Ich zog ihm die Decke über die Schultern, stellte das mitgebrachte Essen neben ihn und ließ ihn allein. Ich hatte neue Hoffnung geschöpft und kam mir gleichzeitig vor wie eine Hochstaplerin.
Ich ging langsam am Bach entlang und hielt wie immer nach brauchbaren Dingen Ausschau. Es war zu früh im Jahr für die meisten Heilkräuter; eine Pflanze diente umso besser als Arznei, je älter und widerstandsfähiger sie war; mehrere im Kampf gegen Insekten verbrachte Jahreszeiten garantierten eine höhere Konzentration der aktiven Wirkstoffe in ihren Wurzeln und Stengeln.
Außerdem waren es bei den meisten Pflanzen die Blüten, Früchte oder Samen, die eine nützliche Substanz freigaben. Ich hatte zwar an einigen Stellen Schöllkraut und Lobelien im Schlamm am Wegrand erspäht, doch sie hatten schon lange ihre Samen verstreut. Ich merkte mir die Fundstellen sorgfältig für später und setzte meine Jagd fort.
Es gab Brunnenkresse im Überfluss; sie trieb an vielen Stellen zwischen den Felsen am Rand des Baches, und eine ausgedehnte Matte der würzigen, dunkelgrünen Blätter lag verführerisch genau vor mir. Und was für ein schönes Schilfdickicht, dessen Kolben sich da aneinanderrieben! Ich war barfuß hergekommen, weil ich wusste, dass ich über kurz oder lang sowieso im Wasser waten würde; ich raffte meine Röcke hoch und begab mich vorsichtig in den Bach, ein Messer in der Hand und den Korb über dem Arm, den Atem vor Eiseskälte angehalten.
Meine Füße verloren innerhalb von Sekunden jedes Gefühl – doch ich störte mich nicht daran. Ich vergaß die Schlange im Abort, das Schwein in der Vorratskammer und den Indianer im Maisspeicher völlig, so nahmen mich das Wasser, das an meinen Beinen vorbeirauschte, die feuchte, kalte Berührung der Pflanzenstengel und der Duft der aromatischen Blätter gefangen.
Libellen hingen über den von der Sonne beschienenen Untiefen, und Elritzen schossen auf der Jagd nach unsichtbaren Mücken an mir vorbei. Irgendwo weiter flussaufwärts rief ein Eisvogel mit lautem, trockenem Rasseln, doch er war hinter größeren Beutetieren her. Die Elritzen stoben bei meinem Eindringen auseinander, schwärmten dann aber wieder zurück, grau und silbern, grün und golden, schwarz mit weißer Zeichnung, so unwirklich wie die Schatten des Laubes vom vergangenen Jahr. Brown’sche Molekularbewegungen, dachte ich, während ich zusah, wie kleine Lehmwolken aufstiegen, um meine Knöchel wirbelten und die Fische einnebelten.
Alles in ständiger Bewegung, bis hin zum kleinsten Molekül – und inmitten der Bewegung der paradoxe Eindruck des Stillstandes, das Chaos im Kleinen wich der Illusion einer größeren, allgemeinen Ordnung.
Ich bewegte mich ebenfalls, nahm teil am leuchtenden Tanz des Baches, spürte, wie sich Licht und Schatten auf meinen Schultern abwechselten, während meine Zehen auf den schlüpfrigen, kaum sichtbaren Felsen Halt suchten. Meine Hände und Füße waren taub vom Wasser; ich fühlte mich, als bestünde ein Teil von mir aus Holz und wäre dennoch zutiefst lebendig, wie die Silberbirke, die über mir aufleuchtete, oder die Weiden, deren feuchte Blätter in den Teich hingen.
Vielleicht entstanden so die Legenden von grünen Männern und die Mythen von verwandelten Nymphen, dachte ich; nicht, wenn ein Baum lebendig wurde, und auch nicht, wenn sich eine Frau in Holz verwandelte – sondern wenn ein warmer Menschenkörper in die kälteren Sinneswahrnehmungen der Pflanzen eintauchte und sich so weit abkühlte, dass sich sein Bewusstsein verlangsamte.
Ich spürte mein Herz langsam schlagen, und das Blut pochte halb schmerzhaft in meinen Fingern. Aufsteigende Säfte. Ich bewegte mich mit den Rhythmen von Wasser und Wind, ohne Hast oder bewusste Gedanken, Teil der langsamen und perfekten Ordnung des Universums.
Ich hatte die Sache mit dem Chaos im Kleinen ganz vergessen.
Gerade, als ich die Flussbiegung mit den Weiden erreichte, erscholl jenseits der Bäume ein lautes Kreischen. Ich hatte schon ähnliche Laute von einer Vielzahl von Tieren gehört, von Leoparden bis hin zu jagenden Adlern, doch ich erkannte eine menschliche Stimme, wenn ich sie hörte.