Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Wunsch seines Freundes zu erfüllen. »Damit er sich nicht das Leben nimmt, wenn er erfährt, was wirklich geschehen ist.«
Tschirin selbst war längst dort gewesen. Im Herbst, nachdem er Leonard als einzigen Überlebenden des Experimentes gerettet hatte, war er zu seinem alten Stamm aufgebrochen. Er wollte nicht nur wissen, was mit seinem Vater geschehen war, er wollte versuchen, mit Hilfe seiner Verwandten Leonards Familie aus den Klauen des Zaren zu retten - eine Frau und ein Kind, von denen er noch nicht einmal eine Beschreibung hatte.
Als der erste Schnee das verwundete Land bedeckte, war Tschirin von Vanavara aus mit dem Rentierschlitten, begleitet von zwei Freunden, aufgebrochen, um ins Tal ohne Wiederkehr zu gelangen.
Der Anblick, der sich ihm dort bot, ließ ihm den Atem stocken. Die Baracken hatte man zerstört, und der große Antennenmast war demontiert worden. Die hölzerne Konstruktionshalle war gänzlich verschwunden, und das majestätische Kraftwerk hatte man bis auf die Grundmauern abgebrochen. Kein Rauch lag über dem Tal, und die Menschen, die hier gelebt hatten, schienen wie vom Erdboden verschluckt zu sein.
»Wage es nicht, noch einmal dorthin zu gehen«, hatte ihm seine Mutter geraten, die ihm auch den Tod des Vaters bestätigt hatte. »Die Dämonen ziehen immer noch über das Land und reißen die Seelen eines jeden mit, der unvorsichtig genug ist, es mit ihnen aufzunehmen. Kaum nachdem das Unglück geschehen war, haben die geheimen Schergen des Zaren damit begonnen, das Gefangenenlager niederzureißen. Man erzählt sich, dass alle erwachsenen Insassen vorher getötet und ihre Kinder verschleppt wurden. Glaub mir!«, flüsterte sie. »Wenn ihre Mörder erfahren sollten, dass wir auch nur das Geringste darüber wissen, werden sie auch uns töten und unsere Zelte dem Erdboden gleichmachen. Deshalb bitte ich dich, kehre zu deiner Familie zurück! Sag niemandem auch nur ein Sterbenswort. Vergiss, was du weißt! Hörst du?«
Das war einfacher gesagt als getan, und so brach Tschirin am Morgen des 9. Mai 1909 erneut auf, um von Vanavara aus eine Reise ins Land der Dämonen anzutreten.
Leonard war so schwach, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte, und so saß er eingehüllt in ein dichtes Fell auf dem Schlitten und schaute unentwegt in die milchige Sonne. Seine Miene blieb starr. Seit seiner Rettung konnte er nicht mehr lachen und nicht mehr weinen.
Als sie das Tal erreichten, in dem er und seine Familie im größten Unglück ein paar glückliche Wochen verbracht hatten, traf es ihn mit unvermuteter Wucht. Der Anblick des völlig zerstörten Lagers ließ alles aus ihm herausbrechen, was er seit Monaten zurückgehalten hatte. Bevor Tschirin ihn aufhalten konnte, rannte er auf seinen dürren Beinen, getragen von einer unheimlichen Kraft, durch das unbewachte Tor hinunter zur ehemaligen Kantine.
»Leonard!« In ohnmächtiger Angst rief Tschirin hinter ihm her, während er ihm atemlos folgte. Falls Truppen des Zaren postiert waren, die den Auftrag hatten, die zerstörten Anlagen zu bewachen, befanden sie sich in höchster Gefahr.
»Katja!« Leonard rannte und brüllte, stolperte im Schnee, rutschte ein Stück den Weg hinunter, bis er sich wieder aufrappelte und über den ehemaligen Appellhof lief.
Wie erstarrt blieb er stehen. Fassungslos stierte er über die Berge von Trümmern zu jenem Platz, auf dem einst das Versorgungsmagazin und damit ihre Wohnung gestanden hatte. Ein alter Mann in einem schmuddeligen Pelz kam ihm entgegen. In seinen gichtigen Fingern trug er eine Friedhofsschaufel. Tschirin, der Leonard dicht gefolgt war, hielt für einen Moment den Atem an, als weitere Arbeiter aus der einzig noch vorhandenen, windschiefen Baracke auftauchten.
»Was habt ihr hier zu suchen?«, blaffte der Alte und beäugte sie misstrauisch. Der Mann war Leonard unbekannt, und auch die anderen hatte er nie zuvor gesehen.
»Wo sind die Baracken und die Menschen, die in ihnen gewohnt haben?«
»Warum willst du das wissen?« Der Alte kratzte sich den grauen Bart und sah ihn prüfend an.
»Ich suche eine Frau und ein Kind. Sie haben vor nicht allzu langer Zeit hier gelebt. Dort drüben.« Leonard hob seinen Arm und zeigte auf einen leeren verschneiten Platz, an dem sich nur noch das steinerne Fundament des ehemaligen Versorgungsmagazins abzeichnete.
»Sie sind fort«, sagte der Mann mit leiser, vorsichtiger Stimme.
»Fort? Wo hat man sie hingebracht?« Leonard krächzte mehr, als er sprach. Für einen kurzen Moment keimte Hoffnung in ihm auf. »Hat man sie freigelassen?«
Tschirin war hinter ihn getreten und legte ihm eine Hand auf die Schulter, um ihn zum Umkehren zu bewegen. Doch Leonard ignorierte ihn.
»Es kommt darauf an, was du unter Freiheit verstehst, mein Junge.« Der Alte sah ihn mitleidig an, und Leonard verfolgte den Blick des Alten mit ungläubigem Entsetzen, als er zu einem Erdhügel wanderte, der mindestens fünfzig Meter lang und schneebedeckt war.
Lautlos fiel er auf die Knie und faltete die Hände wie zum Gebet. »Und die Kinder? Wo sind die Kinder?« Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern, und seine Augen brannten sich in das versteinerte Gesicht des Alten.
»Soweit ich weiß, hat man einige von ihnen nach Tomsk gebracht«, erklärte der Alte leise. »Und nun hör auf, mich zu fragen! Ich habe ohnehin schon weit mehr gesagt, als ich dürfte.«
Leonard war zusammengesunken und schluchzte nur noch. Die Trauer war so überwältigend, dass er glaubte, auf der Stelle sterben zu müssen.
»Seht zu, dass ihr verschwindet«, raunte der Alte verärgert. »Ihr habt hier nichts verloren.«
»Da täuschst du dich, Alterchen«, gab Tschirin düster zurück. »Wir haben unsere Seelen verloren, genau hier und in diesem Augenblick.«
36.
Juni 2008, Moskau - Jacuzzi
Den ganzen vergangenen Tag über hatte Oberst Pokrovskij versucht, die beiden Alten aus Vanavara über ihren Vater und ihren Enkel zu befragen. Doch herausgekommen war dabei nichts. Vera Leonardowna und ihr Bruder hatten immer wieder die gleichen stoischen Antworten gegeben. Dass sie nichts weiter über den Vater wüssten, als dass er ein rechtschaffener Mann gewesen sei, und der Enkel sei tot, gefallen im
Glanze der Russischen Föderation, für Präsident und Vaterland. Schließlich habe er posthum die Heldenmedaille erhalten - und überhaupt, man frage sich, warum zwei alte Leute, die im 2. Weltkrieg im Widerstand gegen die Deutschen gekämpft hatten, überhaupt eine derartige Prozedur über sich ergehen lassen mussten.
»Woher soll eine alte Frau wie ich wissen, wer die Männer im Wald auf dem Gewissen hat?«, zeterte Vera Leonardowna. »Denken Sie, ich habe es getan?« Demonstrativ stand sie auf und drehte sich erstaunlich flink einmal im Kreis. »Schauen sie mich an! Ich bin achtzig Jahre alt. Mein Bruder ist noch älter. Wie sollten wir bei völliger Dunkelheit vier kampferprobte Soldaten töten? Was wären das für Kämpfer, wenn sie sich von einer Babuschka oder einem Dedka erschießen lassen wie die Hasen?« Sie räusperte sich mit entrüsteter Miene, bevor sie sich in ihren Sessel fallen ließ. »Und was das Tagebuch betrifft: Ich habe es niemals zuvor gesehen. Ich wusste ja noch nicht einmal, wer es unter dem Bett vergraben hat. Wie sollte ich wissen, auf welche Weise es Sergej Bashtiri abhanden gekommen sein könnte? Oder, Taichin, was sagst du dazu?«