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Autobiographische Schriften
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Es handelt sich hier um seine erste Arbeit, den Roman »Arme Leute«. Von nun an ist in seinen Briefen immer wieder von diesem Werke die Rede: wie die Arbeit vorwärts geht, wie er – das schreibt er am 24. März 1845 –, nachdem der Roman im November fertig geworden, ihn im Dezember wieder umgearbeitet, im Februar aber wieder vieles gestrichen und anderes hineingebracht habe... Doch schon am 4. Mai berichtet er, daß er ihn von neuem umgearbeitet habe – »er hat dadurch, bei Gott, sehr viel gewonnen«. Wir ersehen daraus, wieviel Mühe ihm dieses erste Werk gemacht hat und wie für ihn trotz seiner schwierigen wirtschaftlichen Lage der künstlerische Wert dieses seines entscheidenden Versuches doch das wichtigste war. Neben derartigen Mitteilungen wiederholen sich immer wieder Erörterungen der Frage, wie und wo und wann es am besten und am vorteilhaftesten wäre, das Erstlingswerk zu veröffentlichen, das ja zugleich sein finanzieller Rettungsanker sein soll. Und zwischen all diesen Sorgen stehen Sätze wie: »... soeben las ich... von den deutschen Dichtern, die an Hunger, Kälte oder in Irrenhäusern gestorben sind. Es sind im ganzen an die zwanzig und was für Namen sind darunter!« oder »Wenn mir der Roman nicht gelingt, werde ich mich vielleicht erhängen...«. In einem anderen Briefe: »Wenn ich den Roman nicht unterbringe, so gehe ich vielleicht in die Newa. Was soll ich denn tun? Ich habe mir schon alles überlegt. Ich werde den Tod meiner idée fixe nicht überleben.«

Über das weitere Schicksal seines Erstlingswerkes – wie er das Manuskript zum erstenmal aus der Hand gab, welchen Eindruck es auf die ersten Leser (den Freund Grigorowitsch und den Dichter NjekrassoffNikolai Alexejewitsch Njekrassoff (1821 – 1877), lyrischer Dichter, von 1846 – 66 Herausgeber der literarischen Monatsschrift »... Zeitgenosse«. Zwischen ihm und Dostojewski trat schon Ende 1846 eine Entfremdung ein – man sagte ihm gar zu großen Geschäftssinn nach. Die liberale Richtung des »Zeitgenossen« führte später (1863) zur Gegnerschaft der Monatsschrift »... Zeit«, die von den Brüdern Dostojewski herausgegeben wurde. E. K. R. machte, und wie er seinen ersten Erfolg und die begeisterte Anerkennung des großen Kritikers BjelinskiWissarion Grigorjewitsch Bjelinski (1810 – 1848), der bedeutendste und einflußreichste Kritiker, Westler extrem-liberaler Richtung. E. K. R. damals (Mai 1845) erlebte, erzählt Dostojewski selbst 32 Jahre später in den »Erinnerungen«, die er dem Dichter Njekrassoff widmet.Im vorliegenden Bande. E. K. R. Aber auch in dem Roman »Erniedrigte und Beleidigte« (geschrieben 1860) finden wir im I. Teil (Kap. V, VI, X) und im III. Teil (Kap. V) mehrere autobiographische Stellen. Doch sowohl hier wie dort hat Dostojewski, wo er von der begeisterten Aufnahme seines ersten Werkes spricht, den Leser nicht darauf hingewiesen, daß wenigstens Bjelinski längst nicht das in dem Roman gesehen hat, was der Autor selbst in ihm sah. Und im Grunde hat die ganze damalige Kritik, bei aller Begeisterung, die »Armen Leute« überhaupt nicht in der ganzen Tiefe ihrer Bedeutung gewertet. Aber Dostojewski hat das damals, wie es scheint, gar nicht bemerkt – oder nicht bemerken wollen –, vielleicht weil er noch zu sehr unter dem lebendigen Eindruck eines Lobes stand, das seinem Ehrgeiz schmeichelte. Sein Ehrgeiz aber meldete sich bereits stark. Natürlich brauchte Dostojewski nach einem so schmeichelhaften Urteil des berühmten Kritikers Bjelinski sich das Geschimpfe, mit dem viele andere über ihn herfielen, nicht weiter zu Herzen zu nehmen, vielmehr konnte er sogar stolz darauf sein. Und das war er denn auch tatsächlich in nicht zu geringem Maße, wie aus seinen weiteren Briefen an den Bruder hervorgeht.

In einem Brief ohne Datum, doch ersichtlich aus dieser Zeit, schreibt er – offenbar nach der Rückkehr von einem Sommeraufenthalt beim Bruder –: »... traurig war mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr... Wenn mein Leben in diesem Augenblick aufgehört hätte, so wäre ich, scheint mir, mit Freuden gestorben.« Sein Roman, der als Manuskript so viel Aufsehen erregt hatte, ist noch nicht gedruckt, doch schon schreibt er an seinem »Doppelgänger«, denn seine finanziellen Verhältnisse sind noch äußerst traurig. »... schade,« schreibt er, »... man arbeiten muß, um leben zu können. Meine Arbeit duldet keinen Zwang.« Auch am 16. November 1845 ist sein Roman noch immer nicht erschienen, aber seine Stimmung ist nun nicht mehr düster, denn auch ungedruckt hat der Roman seinen Ruhm schon so verbreitet, daß er, wie er schreibt, »ganz berauscht« ist. »... Man bringt mir überall unglaubliche Achtung und kolossales Interesse entgegen. Ich habe eine Menge höchst anständiger Menschen kennen gelernt. Fürst Odojewski bittet mich um die Ehre meines Besuches und Graf Ssollogub rauft sich vor Verzweiflung die Haare aus: Panajeff hat ihm erklärt, es gäbe ein neues Talent, das sie alle in den Staub träte. Als Krajewsti (ein Verleger) neulich hörte, daß ich kein Geld habe, bat er mich ganz ergebenst, von ihm ein Darlehen von 500 Rubel anzunehmen... Ich habe eine Menge neuer Ideen; aber wenn ich auch nur etwas irgend jemandem, z. B. Turgenjeff, anvertraue, wird es schon morgen an allen Ecken und Enden von Petersburg heißen, daß Dostojewski jetzt dies und das schreibt... Ich glaube, daß ich bald viel Geld haben werde... gestern war ich zum ersten Male bei P. und habe mich, wie mir scheint, in seine Frau verliebt...«

Kurz, aus seinen Briefen, besonders aus seiner maßlosen Überschätzung seiner weiteren Arbeiten, an denen er nun schreibt (den »Doppelgänger« erklärt er schon für sein »Chef d'œuvre«) oder die er in einer Nacht geschrieben hat (»Roman in 9 Briefen«), ist zu ersehen, daß das große Lob dem jungen Schriftsteller entschieden zu Kopf gestiegen war. Das hat er schließlich wohl auch selbst empfunden, denn derselbe Brief schließt mit einer Nachschrift, die durch ihre Offenherzigkeit anzieht:

»... habe diesen Brief durchgelesen und festgestellt, daß ich erstens ungrammatisch schreibe und zweitens ein Prahlhans bin.«

In einer weiteren Randbemerkung dieses Briefes spielt, wie man annehmen darf, die Phantasie gleichfalls eine größere Rolle. Es steht da:

»Alle die Mienchen, Clärchen, Mariannen u. dgl. sind so schön geworden wie nur denkbar, kosten aber fürchterliches Geld. Turgenjeff und Bjelinski haben mich neulich wegen meines unordentlichen Lebens ausgescholten...«

Hier dürfte zur Richtigstellung eine Bemerkung Dr. Riesenkampfs am Platze sein, der ja, wie wir wissen, mehrfach über Dostojewskis Unordentlichkeit berichtet hat, über sein Unvermögen, einen Haushalt zu führen und mit dem Gelde sparsamer umzugehen. An einer anderen Stelle seiner Aufzeichnungen sagt nun Dr. Riesenkampf: »Junge Leute pflegen in ihren zwanziger Jahren gewöhnlich hinter weiblichen Idealen her zu sein und an hübschen Frauenzimmerchen zu hängen. Merkwürdigerweise war aber bei Fjodor Michailowitsch nichts Ähnliches zu bemerken. Zu weiblicher Gesellschaft schien er sich immer gleichgültig zu verhalten und fast hatte er sogar eine gewisse Abneigung gegen sie.« Übrigens fügt er gleich einen Vorbehalt hinzu und sagt: »Aber vielleicht hat er auch in der Beziehung manches verheimlicht; wenigstens wunderte es mich, daß er sich so sehr für die Gedichte des verliebten P. Ssuschkoff einsetzte, die bekanntlich an die Schauspielerin Assenkowa gerichtet waren, und daß er besonders die eine Romanze liebte: ›Vergib mir, wunderbares Wesen‹, die er fortwährend vor sich hinsummte.«

Am 1. Februar 1846 schreibt Dostojewski selbst: »... den Goljädkin habe ich genau 600 Rubel bekommen. Ich habe auch sonst noch eine Menge Geld verdient, so daß ich nach unserer letzten Begegnung mehr als 3000 Rubel verlebt habe. Ich lebe eben sehr unordentlich, das ist die Sache! Meine Wohnung habe ich aufgegeben und lebe jetzt in zwei sehr schön möblierten Zimmern. Ich lebe sehr gut.« (In demselben Hause ist Dostojewski später gestorben, doch als er dorthin ein paar Jahre vor seinem Tode umzog, hat er sich merkwürdigerweise nicht erinnert, daß er schon früher einmal in diesem Hause gewohnt hat.) »... bin so liederlich, daß ich gar nicht mehr ordentlich leben kann,« schreibt er, – d.h. natürlich in dem Sinne liederlich, wie Dr. Riesenkampf ihn schildert, denn nur von einer solchen Liederlichkeit kann man so offen und so ruhig sprechen...

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