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Autobiographische Schriften
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Über seinen Verkehr in diesen Kreisen geben uns seine Briefe an den Bruder gar keinen Aufschluß. Der Briefwechsel weist hier eine große Lücke auf. Der letzte aus dieser Zeit noch vorhandene Brief Fjodor Michailowitschs an den Bruder nimmt Bezug auf Michail Michailowitschs Absicht, den Dienst zu quittieren. Er rät dem Bruder, nicht auf diejenigen zu hören, die ihm davon abraten, und sich nicht dadurch abschrecken zu lassen, daß ihm, Fjodor Michailowitsch, »... erste Pfannkuchen mißriet«... »Warte nur, Bruder, wir werden uns schon durchschlagen... es ist doch unmöglich, daß wir beide nicht auf den Weg kämen...«. Er erwähnt auch sein jüngstes Werk, das er soeben beende, sagt, daß er keine Zeit habe, den Roman »Arme Leute« in Buchform herauszugeben, obgleich er es durch eine Druckerei auf Kredit würde machen können. »... schade, daß du Schillers Dramen nicht zu Ende übersetzt hast.« Eine Randbemerkung lautet: »Erkennst du nun, was Zusammenschluß bedeutet? Wenn wir jeder für sich arbeiteten – würden wir fallen... Aber beide zusammen und für ein gemeinsames Ziel – das ist etwas ganz anderes.«

Inzwischen bereiteten sich im Leben Fjodor Michailowitschs mehr und mehr die Ereignisse vor, denen bestimmt war, in diesem Leben eine entscheidende Erschütterung hervorzurufen.

Die Katastrophe

In den »Hellen Nächten«Von Dostojewski im Jahre 1848 vollendet, also in der Zeit, als er die hier erwähnten Petersburger Kreise besuchte, deren einer der Petrachewskikreis war. E. K. R. finden wir die folgende Schilderung:

»... Es gibt hier in Petersburg recht merkwürdige Winkel... Es ist, als schiene in diese Winkel niemals dieselbe Sonne, die sonst für Petersburger Menschen leuchtet, sondern als komme dorthin das Licht einer anderen, einer neuen Sonne, die gleichsam nur für diese Winkel bestellt ist, und... als schiene sie auf alles mit einem ganz anderen, einem besonderen Lichte. In diesen Winkeln... wird gleichsam ein ganz anderes Leben gelebt, eines, das gar nicht jenem Leben gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es in einem tausend Meilen fernen unbekannten Staate geben könnte, nicht aber bei uns, in unserer so ernsten, so überernsten Zeit... In diesen Winkeln leben seltsame Menschen... Wesen, die man Träumer nennt.«

In unserer Presse ist die Ansicht vertreten worden, daß Dostojewski selbst ein solcher »Träumer« gewesen sei. Ich erlaube mir dagegen die Annahme, daß in den angeführten Zeilen eine Anspielung auf jene besondere Art von »Träumerei« enthalten ist, die Dostojewski schließlich nach »Sibirien« gebracht hat.

Aber schon hier verhält Dostojewski sich einigermaßen kritisch zu der rätselhaften Bevölkerung in den von ihm erwähnten Winkeln. Er sieht in ihrem Leben »eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend Idealem und zugleich trüb Prosaischem und Gewöhnlichem, um nicht zu sagen: bis zur Unglaublichkeit Gemeinem«.

»Eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit,« nennt Dostojewski später jene Jahre, die am Ende seines ersten Lebensabschnittes stehen, als auch er sich infolge von Einflüssen, denen er seit seinem ersten literarischen Hervortreten ausgesetzt war, an gewissen Zusammenkünften beteiligte... Diese Beeinflussung geht zunächst von der bezaubernden Persönlichkeit des »großen Kritikers« aus (Bjelinski), der Dostojewski das zu erklären suchte, was dieser, wie Bjelinski meinte, von sich aus nicht begriff. »... nahm damals mit Leidenschaft seine Lehre an,« erzählt Dostojewski später, und wohl deshalb nennt er jene Zeit »eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit«.Siehe »Menschen von damals« im vorliegenden Bande. Siehe ferner Dostojewskis Äußerungen und Ausbrüche der Empörung über Bjelinski in den »Literarischen Schriften«. Sehr scharf äußert sich Dostojewski über den antichristlich gesinnten Kritiker u. a. in einem leider spurlos verschwundenen Artikel »Meine Bekanntschaft mit Bjelinski«, dessen N. N. Strachoff sich erinnert, sowie in einem Briefe vom 18. Mai 1870 an Strachoff (siehe die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis), und gelegentlich in seinen Romanen, besonders in den »Dämonen«. Dostojewski brach den persönlichen Verkehr mit Bjelinski schon im letzten Jahre vor dem Tode des Kritikers (1848) ab. E. K. R. Nach dieser klaren Aussage sind die Zweifel, ob wirklich Bjelinski es war, der Dostojewski mit den sozialistischen Lehren bekannt gemacht hat, wohl nicht mehr berechtigt. Andererseits geht aus Bjelinskis im Jahre 1847 veröffentlichtem »Überblick über die russische Literatur« ebenso unzweifelhaft hervor, daß die Beeinflussung eine gegenseitige war: daß die Unterhaltungen mit Dostojewski ihn dazu gebracht haben, die von ihm so leidenschaftlich übernommenen antichristlichen Theorien einer Prüfung zu unterziehen und sich mit Begeisterung wenigstens über den sittlichen Einfluß des Christentums im sozialen Sinne zu äußern.

In den vierziger Jahren hatten sich in Petersburg, unabhängig voneinander, gewisse Kreise gebildet. So war einer an der Universität entstanden, und zwar war er ursprünglich als Gegengewicht zu den damals an ihr bestehenden Korporationen gedacht, die ihr Vorbild in Dorpat hatten. Das überlieferte flotte Burschenleben mit den üblichen Mensuren erschien manchen unserer jungen Leute schließlich als gar zu abgeschmackt. Man wollte lieber Lesekreise einführen, plante die Gründung einer besonderen Studentenbibliothek u. a. m. Man besuchte die Vorlesungen Poroschins, deren Gegenstand man heute »Soziologie« nennen würde, und so kam es, daß die Studenten – allerdings nicht besonders viele – sich überhaupt für ökonomische Fragen zu interessieren begannen. Allmählich machten sie sich auf eigene Faust mit den Werken von L. v. SteinLorenz von Steins »... Sozialismus und Communismus des heutigen Frankreich« erschien 1848. O. M. und HaxthausenVon Haxthausens Studien über die inneren Zustände des Völkerlebens und die ländlichen Einrichtungen Rußlands, die zum ersten Male mit dem Mir bekannt machten, erschienen von 1847 bis 1852. E. K. R. einerseits, wie andererseits mit denen von Louis Blanc,Louis Blancs »Histoire de dix ans« erschien 1840 E. K. R. FourierFouriers Idee der Phalanstere war in den dreißiger Jahren propagiert worden, Fourier selbst bereits 1837 gestorben. E. K. R. und ProudhonProudhons »... ist Eigentum?« erschien 1840. E. K. R. bekannt. Alsbald bildeten sich solche Kreise auch außerhalb der Universität. Ihre Mitgliederschaft war nach Bestand und Zusammensetzung eine äußerst bunte. Wie es zuging, daß diese verschiedenen Kreise nach und nach einen politisch-oppositionellen Charakter annahmen, erklärt uns A. P. MiljukoffLiteraturkritiker und Kulturhistoriker. Verfasser von »Erinnerungen an Dostojewski« (siehe die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis). E. K. R. folgendermaßen:

»... Für unsere damalige gebildete Jugend war es eine schwere Zeit... In ganz Europa schien neues Leben zu keimen... Doch in Rußland herrschte in der gleichen Zeit die schwerste Reaktion; Wissenschaft und Presse konnten unter dem harten Drucke der Regierung kaum atmen und jede Äußerung des geistigen Lebens wurde unterdrückt. Aus dem Auslande wurden eine Menge freiheitlicher Schriften eingeschmuggelt.«

Eben diese verbotene Frucht wurde schließlich zur Hauptnahrung in jenen wissenschaftlich-literarischen Kreisen. Es war nun Petraschewski, der diese Kreise, über deren Vorhandensein er unterrichtet war, für seine Pläne zu benutzen gedachte. Der Titularrat Michail Butaschewitsch-Petraschewski hatte zunächst ein Lyzeum besucht, dann (1841) sein Studium an der Universität beendet, und war schließlich im Ministerium des Äußern angestellt worden, trug aber gleichwohl – was eine für jene Zeit erstaunliche Nachsicht seiner Vorgesetzten einer solchen »Schrulle« gegenüber bezeugt – einen Bart und einen Hut mit einer riesigen Krempe. Diesem Petraschewski nun erschien es wünschenswert, daß sich möglichst viele Kreise von der bezeichneten Art bildeten, damit sie dann von verschiedenen Seiten her ihre Propaganda machen konnten – wobei es nicht nur unnötig, sondern nicht einmal erwünscht war, daß diese einzelnen Kreise sich persönlich kannten oder auch nur um einander Bescheid wußten: es genügte vielmehr, daß er, Petraschewski, allein mit den einzelnen Kreisen in Fühlung stand und sie alle kontrollierte.Siehe die »Dämonen«, die in vieler Beziehung autobiographisch sind. Die Verpflichtung, die in dem Roman ein Jeder der politischen Verschwörer vor seiner Ausnahme in den »Kreis« einer »Fünf« eingehen muß, stimmt inhaltlich mit einem Entwurf für eine zu gründende Geheimgesellschaft überein, den der Petrachewze N. Speschnjoff verfaßt hatte. Nach der Aussage, die N. Speschnjoff später beim Verhör machte, war die Skizze von ihm im Auslande entworfen worden, als er, da er sich studienhalber mit den geschichtlichen Geheimbünden überhaupt befaßt habe, auf den Gedanken gekommen sei, einen ähnlichen Bund in Rußland zu gründen. Die »Geschichte der Geheimbünde«, die er begonnen habe, sei von ihm später vernichtet worden. Nur dieses einzelne Blatt habe sich, von ihm selbst ganz vergessen, unter seinen sonstigen Papieren erhalten. Es sei in Rußland niemandem gezeigt worden. O. M.

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