Autobiographische Schriften
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
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Der Anfang seiner literarischen Tätigkeit
Von dem Briefwechsel zwischen Fjodor Michailowitsch und seinem älteren Bruder sind leider gerade die Briefe aus den ersten Jahren seines freien Lebens außerhalb der Anstalt verloren gegangen. Noch diese Lücke wird zum Teil durch die um so wertvolleren Aufzeichnungen des Arztes Dr. A. E. Riesenkampf ausgefüllt.
Nachdem Dr. Riesenkampf im Juli 1842 mit dem älteren Dostojewski in Reval wieder zusammengewesen war, begann er im Herbst, nach seiner Rückkehr nach Petersburg, den jüngeren Bruder, über dessen wenig günstige wirtschaftliche Lage er von Michail Michailowitsch schon zur Genüge gehört hatte, häufiger zu besuchen. Er stellte fest, daß von der ganzen großen Wohnung, die F. M. Dostojewski gemietet hatte, tatsächlich nur das Arbeitszimmer geheizt wurde. Auf Vergnügungen hatte Fjodor Michailowitsch bereits vollkommen verzichtet, nachdem er 1841 und zu Anfang des Jahres 1842 nicht wenig für das zu der Zeit glänzende Alexandertheater ausgegeben hatte, zum Teil auch für das Ballett, das er damals aus irgend einem Grunde liebte, und für teure Konzerte solcher Berühmtheiten, wie Ole Bull und Franz Liszt u. a. Jetzt jedoch (im Herbst 1842) saß er tagaus tagein, nach dem Besuch der Offiziersklassen am Vormittage, eingeschlossen in seinem Arbeitszimmer und beschäftigte sich nur mit Literatur. Seine Gesichtsfarbe war fahl; ein trockener Husten quälte ihn beständig, besonders am Morgen; an seiner Stimme fiel die ständige starke Heiserkeit auf; zu diesen Krankheitszeichen gesellten sich dann noch geschwollene Halsdrüsen. Doch all dies wurde von Dostojewski hartnäckig verheimlicht oder abgeleugnet, und selbst dem Arzt und Freunde Riesenkampf gelang es nur mit Mühe, ihm wenigstens einige Mittel gegen den Husten aufzudrängen und ihn dazu zu bewegen, doch ein wenig mäßiger zu rauchen. Von seinen Freunden besuchte ihn damals des öfteren nur D. W. Grigorowitsch,Dmitri Wassiljewitsch Grigorowitsch (1822–99), Romanschriftsteller. Entdecker der russischen Bauern für die russische Literatur. Urteil Ssaltykoffs über seine beiden ersten (1847) Erzählungen »... Dorf« und »Anton Goremyka«: »Durch Grigorowitsch blieb der Gedanke, daß es den Bauern gibt und daß auch er ein Mensch ist, fest in der russischen Dichtung und russischen Gesellschaft verwurzelt«. Siehe im übrigen die deutsche Ausgabe der Briefe Dostojewskis und die ihnen beigegebenen Berichte der Zeitgenossen. E. K. R. der in vieler Beziehung sein größter Gegensatz war.
»Jung, gewandt, eine schöne Erscheinung,« so schildert ihn Dr. Riesenkampf, »elegant, hübsch und geistreich, der Sohn eines reichen Husarenobersten, dessen Frau eine französische Aristokratin war, Freund des Leutnants Todleben, der schon damals die Anlagen zu seinen späteren Leistungen verriet, Freund berühmter Künstler, Liebling und Verehrer des schönen Geschlechts, der sich nur in den besten Kreisen der Petersburger Gesellschaft bewegte – dieser Grigorowitsch also hatte sich aus Leidenschaft zur Literatur dem menschenscheuen Dostojewski angeschlossen, der wie ein Einsiedler lebte.« Nach Dr. Riesenkampf hat Grigorowitsch damals ein französisches Drama, das in China spielte, übersetzt, Dostojewski aber hat sich, nachdem er die Fortsetzung seiner »Maria Stuart« aufgegeben, mit Eifer an seinen »Boris Godunoff« gemacht, der freilich gleichfalls nie beendet worden ist. Außerdem beschäftigten ihn schon damals verschiedene Novellen und Erzählungen, Pläne, die sich in seiner fruchtbaren Phantasie nur so drängten und einander ablösten. Diese Fruchtbarkeit der Phantasie wurde bei Dostojewski durch unausgesetzte Lektüre natürlich noch mehr angeregt und aufs äußerste gesteigert. (Dr. Riesenkampf hat übrigens nie etwas davon gehört, daß Dostojewski angeblich schon in der Ingenieurschule an seinen »Armen Leuten« gearbeitet habe.) Von russischen Schriftstellern las Dostojewski damals mit besonderer Vorliebe Gogol, aus dessen »Toten Seelen« er gern ganze Seiten auswendig vortrug. Von französischen Schriftstellern las er, außer Balzac, George Sand und Victor Hugo, die er schon früher besonders gern gelesen hatte, nach Dr. Riesenkampf: Lamartine, Frédéric Soulié (dessen »Mémoires du diable« er besonders liebte), ferner Emile Souvestre und hin und wieder sogar Paul de Kock. So ist es wohl zu verstehen, daß Dostojewski, bei seiner stetig wachsenden Neigung zur Literatur, den Besuch der Offiziersklassen als Last empfinden mußte. Er hätte sich von dieser Fessel wohl schon viel früher befreit, wenn sein Vormund nicht gedroht hätte, ihm in dem Falle die Rente nicht mehr auszuzahlen – Dostojewski aber befand sich fortwährend in Geldnot.
Zur Zeit der großen Fasten im Jahre 1842 war, wie Dr. Riesenkampf noch zu berichten weiß, wieder ein Geldzufluß bei Dostojewski bemerkbar, und er gönnte sich Erholung von der Arbeit durch den Besuch von Konzerten (Liszt, Rubini u.+a.). Nach Ostern traf ihn Dr. Riesenkampf in einer Aufführung von Puschkins »Ruslan und Ludmila«. Doch schon im Mai versagte er sich wieder alle Vergnügungen, um sich nun zur letzten Prüfung – vom 20. Mai bis zum 20. Juni – vorzubereiten. In derselben Zeit hatte auch Dr. Riesenkampf sein Schlußexamen zu bestehen, erkrankte aber, infolge von Überanstrengung, und mußte noch am 30. Juni das Bett hüten. An diesem Tage erscheint nun plötzlich Dostojewski bei ihm, in einer Weise verändert, daß er kaum wiederzuerkennen ist. Heiter, gesund aussehend, zufrieden mit dem Schicksal, – so teilt er ihm mit, daß er das Examen bestanden hat und aus dem Institut mit dem Range eines Leutnants entlassen worden ist (als Feldingenieur), ferner daß er vom Vormund eine Summe erhalten habe, die es ihm möglich gemacht, alle seine Schulden zu bezahlen, und schließlich, daß er einen Urlaub auf 28 Tage in der Tasche trage, den er bei seinem Bruder in Reval verbringen werde, wohin er am nächsten Tage reisen wolle. Dann zog er den Freund mit Gewalt aus dem Bett, setzte ihn in eine Droschke und fuhr mit ihm ins Restaurant Lerch am Newski-Prospekt. Dort verlangte er ein Zimmer mit einem Klavier, bestellte ein großartiges Mittagessen mit Weinen und zwang den Kranken zum Mitessen und Mittrinken. Wie unmöglich das diesem zu Anfang auch erschien: das Beispiel Dostojewskis wirkte so ansteckend, daß er schließlich mit Vergnügen aß, sich dann an den Flügel setzte und – gesund war.
Am folgenden Tage begleitete er ihn zum Dampfschiff, und drei Wochen später fuhr er selbst nach Reval, wo er ihn, in der Familie seines Bruders seine Freiheit genießend, antraf. Inzwischen war Dostojewski auch mit der Revalenser Gesellschaft in Berührung gekommen und die hatte, wie Dr. Riesenkampf berichtet, »... ihrem überlieferten Kastengeist, ihrer Scheinheiligkeit, ihrem Nepotismus und Pietismus, der noch durch die fanatischen Predigten des damaligen Modepastors, des Herrnhuters Hunn, geschürt wurde, sowie durch ihre Unduldsamkeit besonders dem russischen Militär gegenüber« auf Dostojewski einen überaus schlechten Eindruck gemacht. Dieser Eindruck ist ihm für sein ganzes späteres Leben geblieben. Damals fühlte er sich hierdurch um so mehr enttäuscht, als er mit der Erwartung hingekommen war, in dieser so gepflegten Gesellschaft gesunde Anzeichen von Kultur zu finden. »... mit Mühe konnte ich ihm klar machen,« erzählt Dr. Riesenkampf, »... all dies ein rein örtliches Kolorit war und eben nur die Revalenser kennzeichnete... Doch bei seiner Neigung zur Verallgemeinerung blieb in ihm seitdem ein gewisses Vorurteil gegen alles Deutsche.«
Michail Michailowitsch hatte inzwischen mit Hilfe seiner Frau den Bruder mit Wäsche und Kleidern, die in Reval so billig waren, vollkommen ausgestattet. Doch da er wußte, daß sein Bruder niemals auch nur ahnte, was und wieviel er eigentlich besaß, bat er den Freund Riesenkampf, in Petersburg doch mit Fjodor Michailowitsch zusammen zu wohnen und dann nach Möglichkeit mit seinem Beispiel deutscher Ordnungsliebe auf den Bruder einzuwirken. Das versuchte Riesenkampf denn auch, nachdem er im September 1843 nach Petersburg zurückgekehrt war. Dostojewski saß, als Riesenkampf ihn dort aufsuchte, ohne eine Kopeke zu Hause und lebte nur von Milch und Brot, die er auf Borg aus dem nächsten kleinen Laden bekam. »Fjodor Michailowitsch,« bemerkt Dr. Riesenkampf, »gehörte zu jenen Menschen, mit denen zu leben für alle angenehm ist, die aber selbst beständig in Not sind. Er wurde jämmerlich bestohlen, doch bei seiner Vertrauensseligkeit und Güte wollte er sich das nicht eingestehen oder gar die Dienstboten und deren Krippenreiter, die seine Arglosigkeit mißbrauchten, des Diebstahls überführen«. So kam es, daß selbst das Zusammenleben mit dem Doktor für Dostojewski dauernd Veranlassung zu neuen Ausgaben wurde, denn er war bereit, jeden Armen, der um ärztlichen Rat zum Doktor kam, wie einen teuren Gast zu empfangen. »Da ich mich daran mache, das Leben der armen Menschen zu schildern,« pflegte er dann, gleichsam zu seiner Rechtfertigung, zu sagen, »so freue ich mich der Gelegenheit, das Proletariat der Großstadt näher kennen zu lernen«. Doch die riesigen Rechnungen, die am Ende des Monats selbst ein einzelner Bäcker schickte, standen, wie sich bei einer Untersuchung herausstellte, weniger mit der erwähnten Gastfreundschaft Fjodor Michailowitschs in Zusammenhang, als mit seinem Bedienten Ssemjon, der innige Beziehungen zur Wäscherin unterhielt und nicht nur diese, sondern auch deren ganze Familie und sogar ihren Freundeskreis auf Rechnung seines Herrn versorgte. Auf ähnliche Weise erklärte sich bald auch die schnelle Abnahme des Wäschebestandes, der übrigens alle drei Monate von Dostojewski ergänzt wurde, nämlich jedesmal, wenn er das Geld aus Moskau erhielt. Und sein Ssemjon war nicht der einzige, der sein Vertrauen so mißbrauchte. Dasselbe taten auch der Schneider, der Schuster, der Barbier usw.; und ebenso mußte man ihn zu der ernüchternden Erkenntnis bringen, daß durchaus nicht alle von ihm bewirteten Patienten Dr. Riesenkampfs eine solche Teilnahme verdienten.