Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Es gibt jedoch auch eine alternative Legende. Demnach war WWP im Frühjahr 1990 aus eigenem Antrieb nach einer Massenveranstaltung in Leningrad auf Sobtschak zugegangen und hatte ihm seine Dienste als Fahrer angeboten, und zwar geradezu kostenlos (was nicht ganz zu unseren Vorstellungen über Putins materielle Schwierigkeiten in dieser Zeit passt).
Wie auch immer, im Sommer 1990 wurde Putin Mitarbeiter im Empfangsbüro des Vorsitzenden des Leningrader Stadtsowjets, und nun bekam er den Vater, den er sein Leben lang gesucht hatte. Nachdem er seine Vorzüge erkannt hatte, betrachtete Sobtschak seinen neuen Assistenten wie einen Sohn, er nutzte Putins beste Eigenschaften und ignorierte die schlechten. In nur vier Jahren machte WWP eine schwindelerregende Karriere: Der Referent mit Aufgaben im Personenschutz wurde bereits 1992 Vorsitzender des Komitees für Außenbeziehungen bei der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg, 1993 stellvertretender Bürgermeister und 1994 erster Stellvertreter des Bürgermeisters und praktisch Sobtschaks rechte Hand. Dabei war Sobtschak ein Demokrat, der alles, was mit dem KGB zu tun hatte, ablehnte und sogar die schreckliche Abkürzung aus drei Buchstaben fürchtete.
Dazu war es aus verschiedenen Gründen gekommen, die wir später in diesem Kapitel analysieren werden. Zunächst jedoch sollten wir den Ausgangspunkt nicht aus den Augen verlieren. Wurde Sobtschak Putins Vater, so trifft auch das Umgekehrte zu. Putin tat alles, um für Sobtschak ein guter Sohn zu sein, der absolut treu ergeben ist und sich vor allem um den Komfort seines Chefs und Vaters kümmerte – physisch und, was noch wichtiger war, auch psychisch. Sobtschak hielt in der linken Hand stets die nötigen Papiere, und irgendwo rechts im Plüschpolster auf den hinteren Sitzen des Dienstwagens steckte ein Flachmann mit seinem Lieblingswhisky.
Die »professionellen Demokraten«, mehrheitlich selbstverliebte und nicht allzu gescheite Leute, die offensichtlich unfähig waren, sich psychologisch den Partnern und Situationen anzupassen, konnten Sobtschak hier nicht von Nutzen sein. Also nahm Putin wie eine Flüssigkeit oder ein Gas nach und nach (und übrigens recht schnell) praktisch den gesamten ihm zugewiesenen Raum ein.
Auf dieselbe Weise und in derselben Zeit wurde Boris Jelzin von seinem Chefleibwächter Alexander Korschakow »in Gebrauch genommen«, nachdem er seinen »Leib« für viele andere Mitstreiter unerreichbar gemacht hatte. Vom Charakter ihrer Wechselbeziehung erinnert das Paar Korschakow–Jelzin überhaupt in vielem an die Allianz Putin–Sobtschak, insbesondere was die Anfangsphase ihrer Zusammenarbeit betrifft. Allerdings kam Putin danach noch ziemlich weit, während Korschakow sich mit seinem Chef überwarf und von der Bühne der Geschichte in den Orchestergraben hinabstürzte.
Nachdem die Rostwasserdusche sowjetischer Privilegien überstanden war, forderte die halbhungrige Zeit Anfang der 1990er-Jahre für eine neue Kaste von Herrschern ein Minimum an Komfort und Bequemlichkeit. Man wollte einen Biberpelz anstelle einer Kalbfellkappe und ein ordentliches Bankett mit einer Flasche Cognac pro Nase statt eines Herings für drei. Die Geliebte sollte nicht mehr in einem Schiguli herumkutschiert werden, sondern zumindest in einem gebrauchten, aber dicken Westauto. Deswegen waren nun Profis in Sachen Komfort und Bequemlichkeit gefragt, und zwar nicht einfach nur als Gehilfen, sondern als »Hausmeister« mit den Zusatzfunktionen eines Offiziers der Staatssicherheit.
Als Mitte der 1990er-Jahre der erste Hunger der neuen Landesväter der Russischen Föderation gestillt war, wurden die Massenmedien das Hauptproblem. Den etwas klügeren Kammerjunkern (Putin, Patarkazischwili) gelang es, sich kurzerhand umzustellen. Korschakow hingegen kam es nicht in den Sinn, im Juni 1996 aus eigenem Wunsch Pressesprecher der Familie Jelzin zu werden – sonst wäre ihm das Glück bis heute treu geblieben.
Kapitel 5: Krimineller Vergil – Putin und die Gangsterwelt von Petersburg
Diejenigen, die nach der derzeitigen russischen Klassifizierung dem »demokratischen« Lager zuzurechnen sind, vertreten üblicherweise die Auffassung, Wladimir Putin habe seinem politischen Vater Anatoli Sobtschak geholfen, einen Kontakt zu den Organen des KGB herzustellen, die im Juli 1991 angeblich die nördliche Hauptstadt kontrollierten. Das trifft wohl kaum zu, und zwar aus mindestens zwei Gründen.
Wie seltsam es für Uneingeweihte auch klingen mag: Der KGB der UdSSR hatte bei aller seiner äußeren Stärke in der späten Sowjetunion keine politische Macht. Bereits Josef Stalin hatte die Leiter der Geheimdienste wissen lassen, dass sie, selbst wenn ihnen ein breites Arsenal administrativer und technischer Möglichkeiten zur Verfügung gestellt wurde, politisch gänzlich von ihm abhängig waren – dem Lenker des Landes und Führer der Kommunistischen Partei. Ebenso war es unter Leonid Breschnew. Der KGB der UdSSR verfügte im August 1991 über eine ausgedehnte Machtstruktur, die durch die Verfassung und die Gesetze durchaus legitimiert war, tat aber nichts dafür, um die Katastrophe und den Zerfall des sowjetischen Machtapparats abzuwenden.
Als junger Mann habe ich es mit eigenen Augen gesehen: Am 22. August 1991 holte eine Menschenmenge die gigantische Statue des Gründers der »blutigen Staatssicherheit«, Feliks Dzierżyński, vom Sockel, und Tausende bewaffneter Tschekisten schauten schweigend durch die düsteren Scheiben des berüchtigten Gebäudes an der Lubjanka zu. Sie hatten keinen Befehl erhalten und konnten uns, den unbewaffneten Moskauern, die trunken waren von der unerwarteten Befreiung vom sowjetischen Totalitarismus, nichts entgegensetzen.
Im August 2001, als in Russland einigermaßen ausgiebig das zehnjährige Jubiläum des Putsches des Staatlichen Komitees für außergewöhnliche Zwischenfälle, also faktisch der Zusammenbruch der Sowjetunion gefeiert wurde, fragte ein Korrespondent der Nesawissimaja gaseta den letzten Vorsitzenden des KGB der UdSSR, Wladimir Krjutschkow: Und warum hat die allmächtige Lubjanka ihren Staat nicht gerettet? Er erhielt die Antwort, eine Entscheidung dieser Größenordnung hätte der Oberste Sowjet der UdSSR zu treffen gehabt, und der habe es nicht mehr geschafft, sich zu versammeln.
Später haben die Veteranen des KGB natürlich mündlich und schriftlich in unzähligen stolzgetränkten Interviews und verschrobenen Publikationen dargelegt, es sei ja ihr »Amt« gewesen, das sowohl Jelzin als auch Putin an die Macht gebracht habe, dass die KGB-Männer die Geschichte hundertzwanzig Jahre im Voraus und acht Kilometer in die Tiefe sehen können und so weiter.
Tatsächlich war der KGB 1991 ein gigantischer, vollgefressener, schwerfälliger und zum Mäusefangen unfähiger Kater, der sich seine stumpfen Krallen bereits am ausgeblichenen sowjetischen Teppich abgewetzt hatte und sich nicht entscheiden konnte, ob er sich jetzt auch noch über den Plüschsessel hermachen oder damit noch ein wenig warten sollte. Währenddessen wurde der Plüschsessel aus dem imperialen Wohnzimmer fortgetragen – für immer, wie es scheint. Es ist also völlig unglaubwürdig, dass der hilflose KGB in der Hauruck-Atmosphäre Petersburgs 1991 auf irgendetwas einen wesentlichen Einfluss ausüben konnte oder gar die Geschicke der Stadt entschied. Sobtschak war das damals genauso klar wie uns heute.
Wie aus dem bisher Gesagten hervorgeht, war Putin zur Zeit der hier beschriebenen Ereignisse innerhalb des KGB ein deprimierter Außenseiter. Er war ein Pechvogel, der aus Dresden mit einem großen Schandfleck auf seiner Reputation abkommandiert worden war. Konnte ein solcher Mann etwa dem Bürgermeister von Petersburg – in jener Zeit informell einer der einflussreichsten Politiker Russlands – irgendwelche unsichtbaren Türen zu den Geheimdiensten öffnen, hinter denen die einbalsamierten Geheimnisse der Macht schlummerten? Nein, alles war viel einfacher und gleichzeitig komplizierter.