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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Aber der Dresdner Bank wurden keine Vorwürfe gemacht, erinnert sich der ehemalige Jurist von JUKOS, Dmitri Gololobow: »Die Schätzung der Bank war marktnah, da gibt es nichts zu bekritteln.« Warnigs Bemühungen wurden honoriert. Die Dresdner Bank übernahm eine Beraterfunktion bei der anstehenden Verschmelzung des erstarkten Rosneft mit Gazprom (die dann aber doch nicht zustande kam). Warnig hatte danach noch des Öfteren staatliche Interessen zu befriedigen. 2005 war er beteiligt an der Syndizierung eines Kredits über 7,5 Milliarden Dollar für die staatliche Rosneftegaz. Für das Geld kaufte die Firma bei ihren »Töchtern« 10,74 Prozent der Aktien von Gazprom. Ein weiteres Jahr später war die Dresdner Bank Mit­organisator des Börsengangs von Rosneft.

Es scheint, als sei Warnig ein überaus erfolgreicher Mann: Er ist einflussreicher Chef der Nord Stream, der schnell wachsenden Gazprom Schweiz, Mitglied der Direktorenräte dreier großer staatlicher Unternehmen mit überschaubaren Funktionen. Dieses idyllische Bild wurde zerstört, als die En+ Group unter der Kontrolle von Oleg Deripaska Warnig in den Direktorenrat von UC Rusal holte. Der deutsche Fachmann für versteckte, stille Transaktionen fand sich wieder in der Hölle eines Korporationskrieges der größten Aluminiumfirma der Welt.

Dennoch wäre es naiv, wie viele zu glauben, dass Putin es war, der Warnig Oleg Deripaska aufgezwungen hat. Es war eher anders herum. Viele Jahre hatte Deripaska als Hauptaktionär von Rusal politische Rückendeckung durch die Familie Boris Jelzins erhalten: Im Jahr 2001 heiratete der Geschäftsmann Polina, die Tochter von Jelzins Schwiegersohn Walentin Jumaschew, der grauen Eminenz im Kreml. Man nannte ihn daraufhin verdientermaßen »Chefschwiegersohn« und »doppelter Schwiegersohn«. Doch zum Ende des letzten Jahrzehnts wurde offenbar, dass die elitäre Ehe bröckelt. 2011 wurde die Frage nach einer Scheidung von Oleg und Polina hochaktuell. Umso mehr, als Jumaschews Tochter schon einen neuen Freund hatte – Dmitri Rasumow, Top-Manager der Firma ONEKSIM, die von Michail Prochorow kontrolliert wird, einem Minderheitenaktionär von UC Rusal und Deripaskas Gegner. In diesem Fall brauchte man Warnig als Schutzschild und als direkten Kommunikationskanal zu Putin.

Aber das ist alles nur Geschäftemacherei, wenn auch in großem Maßstab. Von einer Wiedergeburt sowjetischer Geheimdienste auf russischem Territorium kann auf keinen Fall die Rede sein. Damit erinnert der amtierende Präsident der Russischen Föderation mit seiner KGB-Geschichte eher an Harry Pendel aus John le Carrés bekanntem Roman Der Schneider von Panama als an James Bond, den Geheimdienst-Superman Ihrer Royal Highness.

Bekanntlich wird Harry Pendel, ein Schneider, der Anzüge für den Präsidenten der zentralamerikanischen Republik Panama näht, von der britischen Aufklärung angeworben, die ihm mit kompromittierendem Material konfrontiert: dem Beweis, dass der Schneider entgegen eigener Aussagen nie ein Atelier in der Londoner Savile Row betrieben habe – dem Gral der Schneiderkunst. Lange Zeit gibt sich Pendel als Spion aus, der scheinbar vertrauliche Informationen bezüglich des Präsidenten von Panama liefern kann, tatsächlich aber nur seine Kleidergröße kennt. Schließlich gelingt es Pendel, seinen Anwerber davon zu überzeugen, er kontrolliere ein Netz von Aufständischen, die den Verkaufsvertrag des Panamakanals an China zunichtemachen und durch die Organisation der Verschwörung viel Geld bekommen könnten. Nur durch ein Wunder schlägt die Situation nicht in einen Krieg um.

Zur Außenaufklärung hatte Putin immer ein vorsichtiges, argwöhnisches, zeitweise auch herablassendes Verhältnis. Vermutlich ging er sogar davon aus, der russische Auslandsnachrichtendienst (Nachfolger des PGU im KGB der UdSSR) habe Artjom Borowik die Papiere über seine Kindheit ausgehändigt. Denn eine der ersten großen Kaderentscheidungen Putins als Präsident war im Mai 2000 die Auswechslung des Direktors für Außenaufklärung Wjatscheslaw Trubnikow (eine Kreatur von Jewgeni Primakow) gegen Sergei Lebedew (ehemaliger sowjetischer Resident in der DDR). Und 2007 machte Putin den Ex-Ministerpräsidenten Michail Fradkow (genannt Winnie Pooh) zum Chef der Aufklärung – für die Veteranen im Ruhestand war das nur ein schlechter Witz.

Unter Fradkow erreichte die Degradierung der russischen Außenaufklärung endgültig einen skandalösen Zustand: Es kam zum »Chapmangate« (benannt nach der lockeren Frauenperson und Spionin russischer Staatszugehörigkeit Anna Chapman), als einige Menschen, die in keinerlei Verbindung zur Außenaufklärung standen, von amerikanischen Geheimdiensten als russische Spione verhaftet wurden. Danach stellte sich heraus, dass man auf ihre Namen einfach nur große Summen abgeschrieben hatte, jedoch keiner von ihnen einer ernsthaften Spionagetätigkeit nachgegangen war. Die Mittel waren also einfach gestohlen worden. Ungeachtet dessen haben Moskau und Washington den Fall vertuscht, und Fradkow durfte absurderweise seinen Posten behalten.

Putin ist der Totengräber des echten sowjetischen KGB, er ist der schwarze Rächer, den die Geschichte auserkoren hat, den Geheimdienst mit all seinem totalitären Glanz zu Fall zu bringen. Wer das nicht versteht, kann weder Putins Vergangenheit noch seine Gegenwart oder Zukunft angemessen analysieren.

Kapitel 4: Auf der Suche nach einem Vater Teil 1 – Anatoli Sobtschak

Putin kehrte Anfang 1990 aus Dresden nach Leningrad zurück. Sein Arbeitsplatz war nun ein schmaler Tisch in einem kleinen Zimmer für drei Personen an der Leningrader Universität. Mit ihm im Raum saßen ebenfalls rangniedere und halb verabschiedete Offiziere des Geheimdiensts. Wie bereits dargelegt, war entgegen den offiziellen biografischen Darstellungen Putins unmittelbarer Vorgesetzter nicht der Rektor der Leningrader Universität, sondern der Prorektor für internationale Beziehungen Juri Moltschanow.

Unter Putins Präsidentschaft wurden Juri Moltschanow und sein Adoptivsohn Andrei zu einflussreichen Politikern und Geschäftsmännern. Einer der Zöglinge von Moltschanow senior, Sergei Mironow, leitete von 2000 bis 2010 den Föderationsrat (Senat), die Höchste Kammer des russischen Parlaments. Heute ist er Chef der Partei »Gerechtes Russland«, die im Parlament vertreten ist und als »sozialdemokratische Opposition Seiner Majestät« gilt.

Mit Putins Karriere war es praktisch vorbei. Der Mann zählte 37 Jahre und war Major. Unter sowjetischen Verhältnissen, bei denen ein faktischer Rausschmiss aus den Staatssicherheitsbehörden einem Wolfspass gleichkam, hatte er nichts mehr zu erwarten. Zu Hause saß seine zänkische, zutiefst vom Schicksal und den fehlenden Zukunftsaussichten ihres Mannes enttäuschte Ehefrau Ljudmila, die bis dahin praktisch keiner Arbeit nachgegangen war, weil sie sich fast ausschließlich um die Erziehung der in der DDR zur Welt gekommenen Töchter Maria und Jekaterina kümmerte, ohne eine eigene Karriere anzustreben.

Putins Gehalt war miserabel, deshalb war er gezwungen, sich als Fahrer etwas dazuzuverdienen, und zwar mit dem unangesagtesten sowjetischen Auto überhaupt – einem Saporoschez des ukrainischen Herstellers SAS. (Fahrzeuge dieser Marke stellte der sowjetische Staat Veteranen des Zweiten Weltkriegs und Angehörigen der Sowjetischen Armee kostenlos für sieben Jahre zur Verfügung. Mein Vater war Versehrter der sowjetischen Armee, und ich erinnere mich noch gut daran, was das für ein Transportmittel war.) Hätte er also über eine etwas lebhaftere Psyche verfügt, wäre das der richtige Moment gewesen, um sich zu erschießen. Doch da tauchte am Horizont Anatoli Sobtschak auf, der frisch gewählte Vorsitzende des Leningrader Sowjets – des gesetzgebenden Machtorgans in der nördlichen Hauptstadt. Nach der offiziellen Version richtete er an den Rektor Merkurjew der Leningrader Universität die Bitte, ihm einen Assistenten für sein Empfangszimmer mit Aufgaben im Personenschutz zu empfehlen.

Zu diesem Zeitpunkt konnte sich Sobtschak nur schwer in seine neue Rolle einer öffentlichen Führungspersönlichkeit einleben, die dazu berufen und verpflichtet war, in ständigem Kontakt mit den nach Gnade und Versprechungen darbenden Volksmassen zu stehen. Nach eigenem Bekenntnis fürchtete er sich, sein Vorzimmer zu betreten, wo ihn theoretisch ein Irrer mit einem Beil oder eine exaltierte Verehrerin mit einem Glas Schwefelsäure in der Hand erwarten konnten. Glaubt man dieser Version, dann war es Merkurjew, der Putin empfahl, woraufhin dieser die Frage mit seiner Tschekistenleitung abstimmte und beim KGB kündigte.

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