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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Kapitel 3: Die KGB-Legende – James Bond oder der Schneider von Panama?

Nach der offiziellen Version, die gleichzeitig eine Legende ist (in der russischen Politik waren diese zwei Wörter schon immer Synonyme), wird behauptet, Putin habe seit seiner Kindheit vom KGB geträumt, und zwar nachdem er die Spionage-Kultserie Siebzehn Augenblicke des Frühlings gesehen und eine Vorstellung von den allmächtigen Geheimdiensten entwickelt habe.

Die zwölf Folgen der Serie wurden erstmals 1978 im sowjetischen Fernsehen ausgestrahlt. Der Protagonist ist ein Maulwurf, ein sowjetischer Spion, der sich als Standartenführer Stierlitz ausgibt, jedoch nach seinem sowjetischen Pass, den er tief in einem Moskauer Safe verbirgt, Maxim Maximowitsch Issajew heißt und den Rang eines Obersts trägt. Julian Semjonow, der Autor dieser Geschichte, war ein einflussreicher sowjetischer Journalist, der Gerüchten zufolge in enger Verbindung mit dem KGB der UdSSR stand.

In Wirklichkeit konnte Stierlitz-Issajew mit dem Komitee für Staatssicherheit gar nichts zu tun haben. Als Maulwurf, das heißt als nomineller Deutscher und Diener des Dritten Reichs, hätte er für die sowjetische Aufklärung arbeiten müssen. Dennoch hielt die Mehrheit der sowjetischen Fernsehzuschauer, die sich nicht allzu gut mit den Nuancen des Aufbaus und der Organisation der Geheimdienste auskannten, Stierlitz traditionell für einen KGB-Mann.

Die Schwarz-Weiß-Serie wurde unglaublich aufwendig gedreht – besonders was die nationalsozialistische Symbolik und die Uniformen betraf. Nach der Erstausstrahlung von Siebzehn Augenblicke des Frühlings fanden in den großen sowjetischen Städten Fanclubs der Hitler’schen Symbolik zusammen, die im Bann des Stylings à la ­Hugo Boss standen. Das altersschwache sowjetische Regime bekam davon jedoch nicht allzu viel mit. In dieser Periode der sowjetischen Geschichte litt das Regime an einer krankhaften Unterschätzung der Ästhetik und weigerte sich beharrlich, deren mögliche Überlegenheit über die Ethik in Betracht zu ziehen, ganz zu schweigen von den Vorteilen der Schönheit gegenüber einem System sowjetischer ideologischer Dogmen, die so trist waren wie das Novemberwetter.

Eine besondere Augenweide war der Protagonist selbst – Stierlitz in der Darstellung des legendären sowjetischen Schauspielers Wjatscheslaw Tichonow. Hunderttausende von Frauen in der gesamten Sowjetunion verliebten sich nach Siebzehn Augenblicke in Tichonow. Man überschüttete ihn mit romantischen Briefen. Nach offiziellen biografischen Angaben machte die Serie auf Putin den größten und unauslöschlichen Eindruck. Angeblich diente sich WWP sogar aus eigener Initiative bei den Sicherheitsorganen an. Dann kam er in die angesehene Erste Hauptabteilung des KGB der UdSSR (Außenabwehr) und wurde nach Dresden gesandt, als Direktor des sowjetischen Kulturhauses auf der Radeberger Straße.

Es gibt übrigens auch andere Versionen, die nicht weniger überzeugend wirken. Putin hat nie unmittelbar in der Aufklärung gedient – er war der sogenannten Fünften Hauptabteilung des KGB der UdSSR zugeordnet, die sich dem Kampf gegen Andersdenkende und der politischen Fahndung verschrieben hatte. Und Putins Hauptfunktion in Dresden war die Bespitzelung von sowjetischen Dienstreisenden und Studenten.

Ein schönes Märchen erzählt, dass Putin nach dem Fall der Berliner Mauer angeblich das Sowjetische Kulturhaus in Dresden vor Pogromen und Plünderungen bewahrt hat. Aber das ist wohl tatsächlich nur ein Märchen. Der KGB-Karriere des 37-jährigen Majors drohte Ende der 1980er-Jahre das Aus, als er sich mit einem DDR-Bürger namens Klaus Zuchold anfreundete. Sie tranken zusammen Bier, trieben Sport, plauderten über dies und jenes. Und dann stellte sich Ende 1989 heraus, dass Zuchold nicht nur für die Stasi arbeitete, sondern auch für den BND.

Zuchold gab dem westdeutschen Geheimdienst die Namen von fünfzehn Mitarbeitern der Geheimdienste der UdSSR preis, die er von niemand anderem als Putin erfahren hatte. Unseren Helden rettete nur der nahende Zerfall der UdSSR. Er wurde aus Dresden abkommandiert und bekam eine offenkundig erniedrigende Tätigkeit zugewiesen – als Assistent des Prorektors Juri Moltschanow an der Leningrader Universität. Und wäre die Sowjetunion nicht zusammengebrochen und hätte es nicht Anatoli Sobtschak gegeben, wäre Putin bis heute nicht mehr als ein kleiner Bediensteter.

Dennoch ist Putins wichtigster DDR-Freund, über den es gesondert zu sprechen gilt, ein anderer: Matthias Warnig. Der 57-Jährige ist heute eine der einflussreichsten Personen nicht nur auf dem russischen Energiesektor, sondern auch in der russischen Politik im weitesten Sinne. Warnig, den nach der geläufigsten Version 1990 ausgerechnet Klaus Zuchold mit Wladimir Putin bekannt gemacht hat, ist heute Mitglied des Direktorenrats des Energieunternehmens Nord Stream. Nord Stream setzt eines der Lieblingsprojekte von Putin im Energiebereich um – die Gasleitung Nordstrom, die auf dem Grund der Ostsee verläuft. Damit kann Russland als Gasexporteur endlich seine Abhängigkeit von den Transitländern Ukraine und Belarus abschütteln, die ständig versuchen, Putin ihre zusätzlichen Bedingungen zu diktieren. Darüber hinaus ist Warnig nicht-leitendes Mitglied der Bank Rossija, nicht-leitendes Mitglied des Direktorenrats der VTB Bank, der Firma Rosneft und UC RUSAL von Oleg Deripaska(Nr. 14 auf der Forbes-Liste)sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Transneft.

Wie die Zeitschrift Forbes schreibt, hat Matthias Warnig bei der Hauptverwaltung Aufklärung der DDR gedient, die den Ruf hatte, eine der besten der Welt zu sein. Nachdem er für das Wachregiment Feliks Dzierżyński rekrutiert worden war – in die Eliteeinheit des Ministeriums für Staatssicherheit –, hatten die Anwerber der Stasi Interesse an dem stämmigen jungen Mann aus einer gebildeten Familie gezeigt. Nach seinem Wehrdienst immatrikulierte er sich an der Hochschule für Ökonomie (daher sein Spitzname Ökonom). In seiner freigegebenen Stasi-Akte, die Journalisten des Wall Street Journal einsehen durften, steht geschrieben, er habe in einem fünfjährigen Kurs gelernt, wie man in das westliche Bankensystem eindringt.

Danach wurde er ein ausgezeichneter Anwerber, der »methodisch keine Ideologie, sondern seine Freundschaften« nutzte, um andere zur Mitarbeit zu bewegen, erklärte sein ehemaliger Vorgesetzter. Und tatsächlich, unter dem Deckmantel einer Handelsvertretung in Düsseldorf stellte Warnig schnell die nötigen Kontakte her, unter anderem zur Dresdner Bank, und machte wertvolle Dokumente zugänglich.

Warnigs Anwalt stritt ab, dass sein Mandant die Absicht gehabt habe, in die Dresdner Bank einzudringen. Doch Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde konnten einen Teil der bei der Liquidierung des Ministeriums für Staatssicherheit gelöschten Festplatten mit seinen Berichten wiederherstellen.

Als Deutschland wiedervereinigt wurde, bekam Warnig einen Posten bei der Dresdner Bank. 1990 stellte ihn der damalige Vorstand Bernhard Walter ein, der damals für die Aktivitäten der Bank in Osteuropa zuständig war. Auf Nachfrage von Forbes verweigerte Walter eine Antwort, und im Interview mit dem Manager Magazin 2005 behauptete er, von der Geheimdienstvergangenheit des »Referenten aus dem Wirtschaftsministerium der DDR« nichts gewusst zu haben; Warnig habe sich ihm erst einige Jahre später offenbart. Als 1995 das Verfassungsgericht die ehemaligen Agenten aus der Verantwortung für ihre Spionage entließ, hatte sich die Frage endgültig erledigt.

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