Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Trotz der nächtlichen Stunde war in der Notaufnahme, vermutlich wegen des Regens, der die Sicht schlecht und die Straßen glitschig machte, einiges los. Als jemand mit lauter Stimme eine »Fuhre aus Earl's Court« ankündigte, was hieß, dass hier binnen Minuten die Hölle los sein würde, nahm Hillier Lynley beim Arm und führte ihn durch Korridore und über Treppen zu den Operationssälen hinauf.
Erst dort, im privaten Warteraum für Angehörige, der leer war, fragte Lynley: »Wo ist Frances? Ist sie nicht -«
»Randie hat uns angerufen«, unterbrach Hillier. »Gegen Viertel nach eins.«
»Miranda? Wieso denn das?«
»Frances hat sie in Cambridge angerufen. Malcolm war nicht zu Hause. Frances war zu Bett gegangen und wachte auf, als draußen der Hund bellte wie ein Verrückter. Er war vorn im Garten, mit der Leine am Halsband. Aber Malcolm war nicht bei ihm. Frances bekam Angst und rief Randie an. Die rief dann uns an. Als wir bei Frances ankamen, hatte das Krankenhaus sich schon bei ihr gemeldet und ihr mitgeteilt, dass Malcolm eingeliefert worden war. Frances glaubte, er hätte einen Herzinfarkt erlitten, während er mit dem Hund spazieren war. Sie weiß immer noch nicht, was wirklich passiert ist.« Hillier seufzte. »Es war unmöglich, sie aus dem Haus herauszulotsen. Bis zur Tür ist sie mitgekommen, wir hatten die Tür sogar schon offen. Laura hatte sie auf der einen Seite untergehakt, ich auf der anderen. Aber kaum spürte sie die Nachtluft, da war's aus. Sie wurde völlig hysterisch. Und der verdammte Hund gebärdete sich wie ein Wahnsinniger.«
Hillier wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab.
Zum ersten Mal zeigte Hillier, dieser knallharte Vorgesetzte, Gefühle.
»Wie schlimm ist es?«, fragte Lynley.
»Er hat einen Schädelbruch, und sie mussten den Kopf aufmachen, um ein Blutgerinnsel zu entfernen. Außerdem ist eine Schwellung aufgetreten, um die sie sich ebenfalls kümmern. Sie tun irgendetwas mit einem Monitor - ich weiß nicht mehr, was. Es hat mit Druck zu tun. Sie setzen einen Monitor ein, um den Druck zu überwachen. Kann sein, dass sie ihm das Ding ins Gehirn einführen. Ich weiß es nicht.« Er steckte sein Taschentuch wieder ein und räusperte sich rau. »Mein Gott«, sagte er und starrte ins Leere.
»Soll ich Ihnen einen Kaffee holen, Sir?«, fragte Lynley und war sich dabei der Situation in ihrer ganzen Unbehaglichkeit bewusst. Zwischen ihm und Hillier herrschte von jeher Krieg. Hillier hatte nie ein Hehl aus seiner Abneigung gegen Lynley gemacht, und Lynley hatte wiederum nicht mit seiner Verachtung für Hilliers penetrante Postenhascherei hinter dem Berg gehalten. Jetzt aber zeigte sich der Assistant Commissioner, vom schweren Unfall seines Schwagers und langjährigen Freundes erschüttert, in einem anderen Licht. Er war plötzlich verletzlich geworden, und Lynley wusste nicht recht, wie er mit diesen neuen Seiten des Mannes umgehen sollte.
»Sie sagten, sie müssten wahrscheinlich den größten Teil seiner Milz entfernen«, fuhr Hillier fort. »Die Leber hoffen sie, retten zu können, wenigstens zur Hälfte. Aber mit Gewissheit lässt sich auch das noch nicht sagen.«
»Ist er noch -«
»Onkel David!« Miranda Webberly, im ausgebeulten Jogginganzug, das krause Haar im Nacken mit einem Schal gebunden, kam in den Warteraum gerannt. Ihre Füße waren nackt, und ihr Gesicht war bleich. In der Hand hielt sie einen Autoschlüssel. Sie lief direkt auf Hillier zu.
»Hat dich jemand hergefahren?«, fragte er.
»Ich habe mir das Auto einer Freundin geliehen. Ich bin selbst gefahren.«
»Randie, ich habe dir doch gesagt -«
»Onkel David!« Und zu Lynley: »Haben Sie ihn gesehen, Inspector?« Und dann ein Schwall von Fragen an ihren Onkel. »Wie geht es ihm? Wo ist Mama? Sie ist nicht…? O Gott. Sie hat sich geweigert mitzukommen, richtig?« Mirandas Augen glänzten feucht, als sie voll Bitterkeit mit brüchiger Stimme hinzufügte:
»Ja, klar, war ja nicht anders zu erwarten.«
»Tante Laura ist bei ihr«, sagte Hillier. »Komm hier herüber, Randie. Setz dich. Wo sind deine Schuhe?«
Miranda sah erstaunt zu ihren Füßen hinunter. »Ach, du meine Güte, ich hab vergessen, welche anzuziehen, Onkel David. Sag doch, wie geht es ihm?«
Hillier berichtete ihr, was er auch Lynley berichtet hatte, ohne jedoch zu erwähnen, dass der Fahrer des Unfallfahrzeugs geflüchtet war. Als er davon sprach, dass man versuchen wollte, Webberlys Leber zu retten, erschien ein Arzt, sagte nur »Webberly?« und musterte die drei mit blutunterlaufenen Augen und einer Miene, die nichts Gutes verhieß.
Hillier stellte erst sich selbst vor, dann Miranda und Lynley, legte seiner Nichte den Arm um die Schultern und sagte: »Wie sieht es aus?«
Der Chirurg erklärte, Webberly befinde sich jetzt auf der Wachstation und werde von dort direkt auf die Intensivstation gebracht; man habe ihn in ein künstliches Koma versetzt, um dem Gehirn Ruhe zu gönnen; die Schwellung werde man mit Steroiden behandeln; um ihn bewusstlos zu halten, werde man ihm Barbiturate verabreichen und außerdem die Muskeln lahm legen, um ihn ruhig zu stellen, bis das Gehirn sich erholt hatte.
Randie griff das letzte Wort sofort begierig auf. »Dann wird er also wieder gesund? Dann wird mein Vater wieder gesund?«
Das könnten sie noch nicht sagen, antwortete der Chirurg. Webberlys Zustand sei kritisch. Bei Gehirnödemen sei das immer so eine Sache. Man müsse die Schwellung beobachten und verhindern, dass das Gehirn auf den Stamm zu drücken begann.
»Und sonst?«, fragte Hillier. »Was ist mit seiner Milz und der Leber?«
»Wir haben gerettet, was zu retten war. Wir haben noch mehrere Frakturen festgestellt, aber die sind belanglos im Vergleich zu den übrigen Verletzungen.«
»Darf ich ihn sehen?«, fragte Randie.
»Sie sind -?«
»Die Tochter. Er ist mein Vater. Darf ich zu ihm?«
»Keine anderen Angehörigen?«, wandte sich der Arzt an Hillier.
»Seine Frau ist krank«, antwortete Hillier.
»Oh«, sagte der Arzt, »das ist bitter.« Er nickte Randie zu. »Wir geben Ihnen Bescheid, wenn er aus der Wachstation heraus ist. Aber das wird noch einige Stunden dauern. Sie sollten sich inzwischen etwas Ruhe gönnen.«
Nachdem er gegangen war, sagte Randie voll ängstlicher Sorge zu ihrem Onkel und Lynley: »Er muss nicht sterben. Das heißt doch, dass er nicht sterben muss, nicht wahr?«
»Im Moment ist er am Leben, und das ist erst mal das Wichtigste«, erwiderte Hillier. Die Befürchtungen, die er Lynleys Vermuten nach hatte, sprach er nicht aus: Webberly würde vielleicht nicht sterben, aber möglicherweise nie wieder gesund werden und für den Rest seines Lebens behindert bleiben.
Unwillkürlich musste Lynley an eine ähnliche Situation aus früherer Zeit denken. Auch da hatte ein Mensch eine schwere Kopfverletzung erlitten, auch da hatte erhöhter Druck die Funktionen des Gehirns bedroht. Sein Freund Simon St. James war etwa in jenem Zustand aus dem Koma erwacht, in dem er sich noch heute befand. Die Jahre, die seit seiner Genesung vergangen waren, hatten ihm nicht wiedergegeben, was Lynleys Leichtsinn ihm geraubt hatte.
Hillier drückte Randie auf ein Kunststoffsofa nieder, wo noch eine, von einem anderen angstvoll wartenden Angehörigen zurückgelassene, Wolldecke lag. »Ich hole dir erst einmal eine Tasse Tee«, sagte er und bedeutete Lynley, mit ihm zu kommen. Draußen im Korridor blieb er stehen. »Sie sind bis auf weiteres stellvertretender Superintendent. Stellen Sie ein Team zusammen und kämmen Sie die Stadt nach diesem Schweinehund durch, der ihn niedergefahren hat.«
»Ich bearbeite gerade einen Fall, der -«
»Hören Sie schlecht?«, unterbrach Hillier. »Geben Sie Ihren Fall weiter. Ich möchte, dass Sie sich um diese Sache hier kümmern. Setzen Sie alle Mittel ein, die nötig sind. Berichten Sie mir jeden Morgen. Ist das klar? Die Männer von der Streife, die noch unten sind, können Ihnen sagen, was wir bisher haben - leider so gut wie nichts. Ein Autofahrer, der in der entgegengesetzten Richtung unterwegs war, hat den Wagen flüchten sehen, konnte aber nicht mehr über ihn sagen, als dass es ein großer Wagen war, wie eine Limousine oder ein Taxi. Er meint, das Verdeck könnte grau gewesen sein, aber das kann man außer Acht lassen. Es wird durch die Reflexion der Straßenbeleuchtung heller gewirkt haben. Und wann haben Sie das letzte Mal einen zweifarbigen Wagen gesehen?«